Historisch-kritische Exegese zu Lk 19,1-10 (Zachäus)


Hausarbeit, 2021

24 Seiten, Note: 1,7

Anonym


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. LITERARISCHE ANALYSE DES TEXTES

2. FORM- UND GATTUNGSKRITIK

3. TRADITIONSKRITIK

4. DER HISTORISCHE KONTEXT (HISTORISCHER ORT)

5. AUSLEGUNG

6. LITERATURVERZEICHNIS

1. Literarische Analyse des Textes

Die Bibelstelle Lk 19,1-10 mit dem Titel Zachäus, lässt sich in fünf Segmente einteilen. In Lk 19,1 wird durch einen Einleitungssatz das Eintreffen Jesu und sein anschließender Gang durch die Stadt Jericho verkündet. Allerdings bleibt Jesus Name bis dahin unerwähnt.

Die Haupthandlung beginnt in Lk 19,2-4 mit der Vorstellung von dem männlichen, reichen Oberzöllner Zachäus und dessen Verlangen danach Jesus zu sehen (Lk 19,2). Zachäus Kleinwüchsigkeit steht diesem Verlangen im Weg, da ihm die Menschenmenge am Straßenrand die Sicht auf Jesus versperrt (Lk 19,3). Zachäus Wunsch Jesus zu sehen ist so stark, dass er dafür auf einen Maulbeerbaum klettert, um ihn beim Vorbeigehen zu erspähen (Lk 19,4).

In Segment drei (Lk 19,5-6) kommt es zu einer inhaltlichen Wendung durch den Dialog mit Jesu. Die Aufmerksamkeit geht von Zachäus auf den neuen Hauptakteur Jesus über. Jesus sieht Zachäus im Baum sitzen und wendet sich an ihn, indem er sich selbst zu Zachäus ins Haus einlädt (Lk 19,5), woraufhin dieser ihn freudig empfängt (Lk 19,6).

Das letzte Segment der Haupthandlung Lk 19,7-8 bringt ein neues Problem zum Vorschein, da die Menschenmenge („alle“), murrt und nicht einverstanden ist mit dem Unterkommen Jesu bei Zachäus, dem Zöllner, welchen sie für einen Sündern halten (Lk 19,7).

Lk 19,8 findet im Haus des Zachäus statt, dieser Wechsel der Räumlichkeit wird hier nicht extra vermerkt. Zachäus ist es, der sich selbst gegen die Menschenmengen behauptet und seine Maßnahmen zur Wiedergutmachung an den Herrn formuliert. Er verspricht die Hälfte seines Vermögens den Armen zu geben und das zu viel Erpresste, denjenigen vierfach zurückzugeben.

Die Bibelstelle endet mit dem letzten Segment (Lk 19,9-10), in welchen Jesus zu/über Zachäus spricht und verkündet, dass Zachäus Haus heute Rettung widerfahren ist, weil auch er ein Nachkomme Abrahams ist (Lk 19,9). Der letzte Satz Jesu begründet sein Verhalten gegenüber der Kritik der Menge, dass er gekommen ist, um zu suchen und zu retten, was verloren ging (Lk 19,10).

Der Bibeltext von Zachäus (Lk 19,1-10) ist der vorletzte Text im lukanischen Reisebericht (9,51-19,27), welcher verschiedene Geschichten vom Weg von Galiläa nach Jerusalem beinhaltet und welche der Gemeinde als Leitfaden für die Realisierung ihrer Lebensphase dienen sollen.1 Zudem ist die Zachäus-Geschichte lukanisches Sondergut, daher findet man diese Bibelstelle nur im Lukasevangelium. Darüber hinaus ist die letzte Etappe von Jesu somit die Stadt Jericho, bevor er sein Zielort Jerusalem erreicht. Bevor er Jericho erreicht kündigt Jesus zudem zum dritten Mal an, dass sich in Jerusalem die Passion erfüllen wird (Lk 18,31-34). Die Heilung eines Blinden (Lk 18, 35-43) in Jericho steht unmittelbar vor Zachäus (Lk 19,1-10) im Lukasevangelium geschrieben und weist ähnlichen formalen und inhaltlichen Aspekten im Vergleich zur Zachäus-Geschichte auf. Dennoch wird mit dem Beginn von Lk 19,1 ein neues inhaltliches Geschehen angesetzt. Damit kann man Lk 19,1-10 auch als ein „Pendant zur Heilung des Blinden am Eingang derselben Stadt“2 bezeichnet werden.

Das Gleichnis vom anvertrauten Geld (Lk 19,11-28) steht im Anschluss an die Zachäus- Geschichte, welches die typische Thematik Geld/Reichtum/Umkehrung der Werte im Lk erneut aufgreift und den Übergang zum Einzug in Jerusalem darstellt. Schon allein aufgrund der unterschiedlichen Textgattung der beiden Texte (Lk 19,1-10; Lk 19,11-28) gibt es formal eine konkrete Abgrenzung zur Zachäus-Geschichte. Dennoch besteht der Zusammenhang darin, dass das „Motiv der Gegenwart des Heils“ im Übergang zum Gleichnis von den Minen (Lk 19,11) aus Lk 19,9 direkt in Lk 19,11 wieder aufgenommen wird.3 Ebenfalls dient die Zachäus-Geschichte als eine Art Vorbereitung/ Bezugsmöglichkeit für die Botschaft des darauffolgenden Gleichnisses den Minen (Lk 19,11-28), in der vom richtigen Handeln die Rede ist.

2. Form- und Gattungskritik

„In ihrer endgültigen, redaktionellen Gestalt zeigt die Episode des Zachäus keine reine Form.“4 Die Zachäus-Geschichte weist somit unterschiedliche Gattungsmerkmale auf.

Laut Stefan Schreiber kann diese Bibelstelle als eine Wundererzählung aufgefasst werden.5 Lk 19,1-2 bildet die Einleitung der Wundererzählung, in der die beiden Protagonisten Jesus und Zachäus in Jericho auftreten und Zachäus vorgestellt wird. Die Exposition beziehungsweise die Notlage des Zachäus liegt darin, dass er sich danach sehnt, Jesus zu sehen, aber dieser Wunsch bliebt ihm durch seine Kleinwüchsigkeit verwehrt (Lk 19,3-4). Die Wunderhandlung findet in Vers 5-6 statt. Zentrum ist die Begegnung Jesu mit dem Zöllner und Sünder Zachäus. Vers 7-10 bilden den Schluss der Wundererzählung, denn an dieser Stelle gibt es eine negative Reaktion der Antagonisten bezüglich der Interaktion von Jesu mit dem Zöllner. Auf diese Reaktion antwortet Jesu mit einem Doppelspruch und auch Zachäus reagiert auf die Reaktion der Antagonisten mit einer Wiedergutmachung für sein Verhalten. Dieses ist ein Zeichen dafür, dass das Wunder durch die Begegnung vollbracht wurde.

Darüber hinaus ist es möglich, die Zachäus-Geschichte auch als ein Normenwunder zu klassifizieren.6 Der Grund dafür ist, dass das Wunder Jesu in der Zachäus-Geschichte auch soziale Normen durchbricht in Bezug auf Jesu Vollmacht, Sünden zu vergeben und seiner Zuwendung zu den Zöllnern.

Dennoch liegt es näher, die Bibelstelle Lk 19,1-10 eher als ein Streitgespräch zu verstehen, da sich die Wunderhandlung insgesamt nur auf die Begegnung von Zachäus und Jesus bezieht und sich auch nicht klar als Wunder herauskristallisiert, wie beispielsweise im vorangegangen Heilungswunder (Lk 18,35-43). Dennoch bleibt das Normenwunder Teil des Streitgespräches, denn die typischen Merkmale eines Streitgespräches lassen sich hier nach Friedrich Johannsen7 erkennen. In Lk 19,5 zeigt Jesus ein Verhalten, dass einen Anlass zum Streit gibt, indem er sich selbst beim reichen Oberzöllner Zachäus ins Haus einlädt. Die Antagonisten (Menschenmenge) murren aufgrund des Verhalten Jesu, bei einem Sünder einzukehren und machen somit ihre ablehnende Haltung gegenüber diesem Verhalten deutlich. Ergänzend zu vermerken ist, dass diese Menge nicht konkret aus den üblichen Kritikern Jesu besteht (Schriftgelehrte/Pharisäer), sondern sich die Antagonisten aus der Gesamtheit der Zuschauermenge ergeben.8 Erst am Ende der Geschichte in Lk 19,9-10 kommt Jesu nochmal zu Wort, was untypisch ist für ein Streitgespräch, da der charakteristische Dialog zwischen Protagonist und Antagonisten durch den Einschub von Zachäus Worten unterbrochen wird.9 Jesus legitimiert in den letzten Versen erst sein Verhalten gegenüber der kritischen Menge und dem Zöllner Zachäus, als allgemeingültigen Abschluss. Durch die Wahl der 3.Person bei der Antwort Jesu, ist somit festzustellen, dass er nicht Zachäus antwortet, sondern seine Antwort an „alle“ gerichtet hat und dieses somit noch als Teil des Streitgespräches definiert werden kann.

Dieser bedeutende Schluss deckt erst die Gattungszuschreibung auf, welche der Verfasser Lukas dieser Bibelstelle zuweist, denn er fasst Lk 19,1-10 als eine Heilsgeschichte auf.10 In Lk 19,9-10 erklärt Jesus, warum er bei Zachäus eingekehrt ist. Denn Zachäus Haus ist heute Heil und Rettung widerfahren, weil auch Zachäus ist ein wahrer Nachkomme Abrahams ist und somit zum auserwählten Volk Gottes gehört. Diese beiden Merkmale, die Verkündung der Rettung von Zachäus und die Begründung für diese Heilsereignis in Lk 19,9-10 machen diese Bibelstelle für Lukas zu einer Heilsgeschichte. Damit erschließt Lukas somit den ursprünglichen Sinn dieser Geschichte.11 Nicht zu vernachlässigen ist die sprachliche Gestaltung der Heilsgeschichte. Die Verwendung des Begriffs „heute“ und „man muss“, welchen Jesus seit Lk 4,21 nicht mehr verwendet hat, bekommt in diesem Zusammenhang eine heilsgeschichtliche Rolle zugeschrieben, welche sich aber erst nach der Deutung in Lk 19,9b offenbaren wird.12 Das Wort „bleiben“ in Lk 19,5 bekommt ebenso eine theologische Bedeutung zugeschrieben, denn Jesus, der Sohn Gottes stoppt seine Reise um bei Zachäus zu „bleiben“.13 Das bestätigt, dass die Selbsteinladung Jesu bei Zachäus ein Teil seines Sendungsauftrags ist.14 Dieser Sendungsauftrag umfasst den Grund warum Jesus bei Zachäus gelandet ist, denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist (Lk 19,10). Das ausgewählte Vokabular des Verlustes/Heils in V9-10 unterstützt die Vorstellung der Heilsgeschichte, dass Zachäus verloren war und von Jesu gerettet wurde, als dieser sein Haus betrat.15

3. Traditionskritik

In Lk 19,3-5 begegnet uns das Motiv des Sehens und der Suche. Damit wird impliziert, dass Zachäus Jesus sehen wollte und dabei nach ihm gesucht hat.16 Das Wort „suchen“ hat eine enorme Bedeutung bei Lukas, wie man beispielsweise in Lk 11,9 sehen kann, denn dort teilt Jesus mit, „suchet, so werdet ihr finden“, sowie „wer bittet, der empfängt und wer da sucht, der findet“ (Lk 11, 9-10). Somit wird hier deutlich, dass jeder der bereit ist zu suchen, das Gesuchte finden wird. Gleichermaßen ist die Bibelstelle Lk 9,9, in der Herodes sich danach sehnt Jesus zu sehen, ein Beispiel für das Motiv „Sehen“ in der Verknüpfung mit der Zachäus-Geschichte. Denn genau wie Herodes in Lk 9,9 hat Zachäus Jesus noch nie zuvor gesehen und trotzdem wünschen sie sich/suchen danach ihn zu sehen und ihm zu begegnen. Dieses „Sehen“, welches Lukas in diesen Bibelstellen erwähnt, erfasst er als „eine Metapher der Erkenntnis, der Liebe oder des Glaubens“17. Dieser Blickwechsel von Jesu und Zachäus, das Sehen und Gesehen werden in Lk 19,4­5, ist Voraussetzung für den geplanten Verlauf der Geschichte. Denn würde Zachäus Jesus nicht mit dem größten Willen suchen, wäre er nicht auf den Baum geklettert und Jesus hätte keine Möglichkeit gehabt Zachäus zu sehen. Der Fokus liegt also eigentlich darin, dass das Timing des Sehens und gesehen werden genau abgestimmt ist, sonst würde die Zachäus-Geschichte nicht den geplanten Verlauf nehmen. „Sehen ist hier der Anfang eines Beziehungsgeschehens.“18 Verknüpft wird das Sehen Gottes mit der Hingabe zu den Schwachen und den Notleidenden.19 In diesem Sinne ist Zachäus der Verlorene. Bezug zu diesem Verlorenen nimmt Lukas in Anlehnung an Ez 34,16 indem Gott sagt, dass er das Verlorene suchen will und das Verirrte zurückbringen. Somit ist Zachäus der Zöllner, einer dieser Verlorenen, welchen Gott sieht und auf den rechten Pfad bringen/retten will. Verstärkt wird diese Aussage durch die Bildebene der Zachäus- Geschichte, dass Jesus als Hirte ein verlorenes Schaf aus dem Haus Israel sucht und dieses Schaf ist Zachäus.20 Ähnlichkeiten weist die Salbung durch die Sünderin (Lk 7,36-50) auf, da sich Jesus dort ebenfalls einer „Verlorenen“ zuwendet und ihre Sünden vergibt.21

Nach dem Sehen und Suchen werden wir laut dem Handlungsverlauf zum nächsten theologischen Motiv dieser Geschichte geführt, nämlich zur Begegnung. Die darauffolgende aktive Begegnung zwischen Jesu und Zachäus, ist eine Begegnung die verändert. Nachdem Jesus ihn im Baum gesehen hat, spricht er zu ihm und lädt sich selber in das Haus von Zachäus ein (Lk 19, 5). Zachäus kann es kaum glauben und empfängt ihn freudig (Lk 19,6). Diese Begegnung mit Jesu allein hat ihn schon verändert, denn Jesus wendet sich ihm persönlich zu. Dadurch fühlt sich Zachäus verbunden mit Jesu und seiner Gemeinschaft. Diese neue Verbindung/Beziehung verwandelt sich in große Freude bei Zachäus, denn damit gehört er zu einer neuen Gemeinschaft. Warum sich Zachäus sich so freut beruht auf dem Punkt, dass Zachäus ein Oberzöllner ist und zuvor gesündigt hat, indem er mit Gewalt den Menschen in Jericho mehr abgepresst hat, als eigentlich vorgeschrieben ist. Demnach hat sich Zachäus auch nicht an den Rat von Johannes dem Täufer (Lk 3,12-13), nicht mehr einzufordern als vorgeschrieben ist, gehalten. Deshalb ist Zachäus glücklich und verändert sich, weil Jesus sich ihm zugewandt hat und ihn aufgenommen hat, ohne zu berücksichtigen was er zuvor für schlimme Dinge getan hat. Folglich schließen sich dem Motiv der Begegnung in diesem Sinne, dass der Sünde und der Vergebung an.

In Lk 19, 7 wird Zachäus aufgrund seiner beruflichen Stellung und den dadurch angerichteten Schaden bei den Bewohnern Jerichos, von diesen als Sündern verachtet. Die Sünde wird verstanden als ein bewusstes, autonomes Verhalten einer Person, welches nicht dem Willen Gottes entspricht und dadurch die persönliche Beziehung zu Gott negativ beeinträchtigt.22 Dieses trifft auf Zachäus zu, denn er hat wissentlich und selbstständig als Oberzöllner gegen den Willen Gottes gehandelt. Zachäus hat den Menschen nämlich mehr abgepresst, als erlaubt war, um sich selbst daran zu bereichern. Zachäus hört von dem Kommen Jesu und sehnt sich danach ihn zu sehen (Lk 19,3). Vielleicht ist Zachäus sich seiner Lage bewusst und ist nun auf der Suche nach Vergebung für seine Taten, denn wie wir wissen „wer sucht, der wird finden“ (vgl. Lk 11,9-10). In dem Gleichnis in Lk 18,9-14 ist sich der dortige Zöllner seiner Sündhaftigkeit im Klaren, wie eventuell Zachäus auch. Denn „Sühne für die Sünde kann nur Gott gewähren.“23 Die atl. Anthropologie besagt zudem, dass der Sünder aufgrund der Sünde sich selbst zuwider agiert. Dieses wird hervorgerufen, da dieser Sünder in einem Nicht-Leben der Gottesferne existieren muss. Ähnlich wie bei Adam und Eva, als diese gesündigt haben und somit das Paradies verlassen mussten und ebenso ein Nicht-Leben in Gottesferne führen mussten (Gen 4,14).24 Zachäus befindet sich in einer ähnlichen Situation, denn er hat vielen Menschen unnötiges Leid angetan und sie ihrer Existenz beraubt, kann ihm diese Tat vergeben werde?25 Beantworten kann dieses unter anderem auch Lk 5,27-32, die Berufung des Levi. Die Ähnlichkeit beruht darauf, dass Levi in der Geschichte ebenso ein Zöllner ist wie Zachäus es ist (Lk 5,27). Gleichermaßen „sah“ Jeus Levi und gab diesem den Handlungsbefehl „Folge mir nach“. Der gleiche Aufbau dieser Szene finden wir bei Zachäus (Lk 19,1-10), denn erst „sieht“ Jesus den Zöllner Zachäus und gibt ihm dann den Befehl „Zachäus steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren“ (Lk 19,5). Wie hier auch nochmal deutlich wird ist das „sehen“ mehr als nur ein betrachten des äußeren Merkmale, es ist mehr ein Sehen, welches der Verlorene/Sünder wahrnimmt und diesem Aufmerksamkeit schenkt. Der Befehl bezieht sich in beiden Geschichten direkt auf die Personen Zachäus (Lk 19,5) und Levi (Lk 5,27). Diese Befehle machen den beiden deutlich, was sie gesucht haben, nämlich eine Gemeinschaft, der sie angehören könne ohne verstoßen zu werden. Beide folgen unverzüglich Jesu Befehl und geben durch diese einschneidende „Begegnung“ ihr altes Leben ganz/teilweise auf und nutzen die Chance, die Jesu ihnen gibt.

In beide Geschichten tauchen Antagonisten auf, die nicht zufrieden sind mit Jesu Verhalten und dennoch wird die Sünde der beiden Zöllner durch Jesus vergeben.

Das theologische Motiv der Vergebung ist notwendig um den Sendungsauftrag Jesu in diesem Zusammenhang zu verstehen. Denn Jesus ist nicht gekommen um Gerechte zu rufen, sondern Sünder zur Buße (Lk 5,32). Bei Zachäus sagt Jesus, dass er gekommen sei um zu suchen und zu retten, was verloren ging (Lk 19,10).

Aus diesem Grund nehmen Zachäus und Levi die Zuwendung von Jesu an und erlangen daraufhin Rettung und Heil, welches zwei weitere Motive sind die eine Rolle spielen. Die spezielle Zuwendung Jesu zu Sündern und Zöllnern wird auch in Lk 7,34 und Lk 15,1 nochmal thematisiert, denn er speist mit ihnen und nahm diese Sünder an. Rettung durch Jesus und das durch ihn geschenkte Heil kommt somit über Zachäus Haus (Lk 19,9). Jesus rettet den Verlorenen aus seinen lebenszerstörenden Verhältnissen.26 Diese Auffassung von Rettung ist ebenso in das Exodusmotiv integriert.27 Gott hat das Geschrei seines Volkes gehört und ihr Elend „gesehen“ und möchte nun die Verlorenen retten, indem er Mose beauftragt das Volk Israel aus Ägypten hinauszuführen (Ex 3,7-8). In Ex 14,13 bestätigt Mose die Rettung/das Heil erneut, welches dem Volk Israel zu Teil werden soll, bevor Mose und Gott die Verfolger im Schilfmeer ertränken. Aufgrund Zachäus Veränderung durch die Begegnung mit Jesu, seinem Versprechen sich an den Rat von Johannes den Täufer zu halten (Lk 3,12-13) und keinem mehr durch seine Beschäftigung Leid anzutun, wird ihm das erhoffte eschatologische Heil zuteil.28

Dieses Heil erfährt er, weil Zachäus ein Abrahamskind ist, welches ein weiteres, nennenswertes theologisches Motiv in dieser Bibelstelle darstellt. Jesus hebt hervor, dass Zachäus zum Volk Israel gehört und somit jetzt Teil dieser Gemeinschaft ist.29 Durch den Bund mit Abraham (Gen 15, Gen 17) betrifft die Integration Zachäus in die neue Gemeinschaft auch seine Beziehung zum Gott Israels.30 Eine auffällige und ähnliche Begründung des erfahrenen Heils finden wir in Lk 13,16, hier wurde eine verkrümmte Frau am Sabbat geheilt und von Jesu, eine Tochter Abrahams genannt.31

Das letzte auffällige Motiv bei Lukas, welches häufig in seinen Geschichten anzutreffen ist, ist Reichtum und Armut. Zachäus wird als ein „reicher“ Oberzöllner beschrieben in Lk 19,2. Doch sein Reichtum entstand aus den Abgaben der Menschen, die er ihnen zusätzlich abpresste um Gewinne für sich zu erzielen.32 Diese gewältige und unverhältnismäßige Vorgehen und Handeln gegen den Rat von Johannes den Täufer (Lk 3,12-13) machte Zachäus für die Menschen zum Sünder. Als er nun Jesu begegnete und sich dadurch veränderte, versprach er die Hälfte seines Besitzes den Armen zu geben und alles, was von ihm mit Gewalt von den Menschen erpresst wurde, vierfach zurückzugeben (Lk 19,8). Zachäus gesteht seine Schuld gegenüber den Menschen ein und versucht seine Taten wiedergutzumachen. Ein gleichkommendes Verhalten zeigt Jakob in Gen 28,20-22 als er in die Gemeinschaft um Gott eintreten würde, wenn diese ihm unter bestimmten Voraussetzungen Frieden gewährt, dann würde er von allem was Gott ihm gibt den Zehnten abgeben. Im Verlauf des Lukasevangeliums forderte Jesus bereits von anderen Reichen die Abgabe ihres gesamten Vermögens, wie in Lk 18,18-27. Eine eher gering ausfallende Wiedergutmachung wie bei Zachäus ähnelt der bei Barnabas in Apg 4,36-37, sowie der Gastfreundschaft einer ihr Haus behaltende Lydia (Apg 16,15).33 Zudem ergibt sich die widersprüchliche Annahme, dass Jesu zwar ein Freund der Zöllner war, hingegen aber nicht von den Reichen.

In Lk 19,10 ist das Motiv des Menschensohns verarbeitet, dort bezeichnet sich Jesus selbst als Menschensohn. Als Orientierungsrahmen dient hier Daniel 7,13f., in welchem Daniel vier gewaltige Tiere in einem Traum sieht, welche aus dem Meer kommen um über die Welt mit Gewalt und Macht zu herrschen.34 Das göttliche Gericht beendet ihre Herrschaft und diese Tiere stehen für die Imperien, welche die Welt (Israel) mit Gewalt unterdrücken. Die Vision aber endet mit dem Erscheinen eines Menschen, dem Macht/Ehre/Ruhm zu Teil wird.35 Kontrastierend steht dieser Mensch zu den Reichen dieser Welt und ist somit Repräsentant der zukünftigen Welt Gottes.36 Innerhalb neutestamentlicher Texte wird diese Vision auf Jesus, den Sohn Gottes übertragen, welcher nicht das vernichtende Gericht bringen wird, denn Jesus zeichnet sich durch den Widerspruch zu den unmenschlichen Umständen in der Welt aus.37

[...]


1 Vgl. Schreiber, Stefan: Begleiter durch das Neue Testament, Ostfildern 32018, S.111

2 Vgl. Bovon, François: Das Evangelium nach Lukas, EKK III/3, Zürich/Neukirchen-Vluyn 2001, S. 266

3 Vgl. Löning, Karl: Das Geschichtswerk des Lukas, Band 2, Stuttgart 1997, S. 194

4 Bovon: Das Evangelium nach Lukas, S. 269

5 Vgl. Schreiber: Begleiter durch das Neue Testament, S. 76-77

6 Vgl. Schreiber: Begleiter durch das Neue Testament, S. 78

7 Johannsen, Friedrich: Der Sabbat ist um des Menschen willen da. Jesus und das zeitgenössische Judentum - Frühjudentum, in Becker, Ulrich/Jochum-Bortfeld, Carsten/Johannsen, Friedrich/Noormann, Harry: Neutestamentliches Arbeitsbuch für Religionspädagogen, Stuttgart 42014, S.27

8 Vgl. Wolter, Michael: Das Lukasevangelium, Tübingen 2008, S. 613

9 Vgl. A.a.O.

10 Vgl. Bovon: Das Evangelium nach Lukas, S. 269

11 Vgl. A.a.O.

12 Vgl. Wolter: Das Lukasevangelium, S. 612

13 Vgl. Bovon: Das Evangelium nach Lukas, S. 274

14 Vgl. Wolter: Das Lukasevangelium, S.612

15 Vgl. Bovon: Das Evangelium nach Lukas, S. 275

16 Vgl. Bovon: Das Evangelium nach Lukas, S. 273

17 Vgl. Bovon: Das Evangelium nach Lukas, S. 273

18 Jochum-Bortfeld, Carsten: Jesus sehen, in: Exegetischen Skizzen. Deutscher Evangelischer Kirchentag Berlin - Wittenberg (2017), S. 79

19 Vgl. A.a.O

20 Vgl. Bovon: Das Evangelium nach Lukas, S.269

21 Vgl. Rusam, Dietrich: Das Lukasevangelium, in: Ebner, Martin/Schreiber, Stefan (Hg.): Einleitung in das Neue Testament, Band 6, Stuttgart 22013, S. 190

22 Vgl. Kampling, Rainer: Sünde (S.), in: HGANT (2006), S.381

23 A.a.O.

24 A.a.O., S. 382

25 Vgl. Jochum-Bortfeld: Jesus sehen S. 80

26 Vgl. Jochum-Bortfeld: Jesus sehen, S. 83

27 A.a.O

28 Vgl. Löning: Das Geschichtswerk des Lukas, S. 194

29 Vgl. Jochum-Bortfeld: Jesus sehen, S. 84

30 Vgl. A.a.O.

31 Vgl. Wolter: Das Lukasevangelium, S. 615

32 Vgl. A.a.O., S. 77

33 Vgl. Bovon: Das Evangelium nach Lukas, S. 276

34 Vgl. Jochum-Bortfeld: Jesus sehen, S. 85

35 Vgl. A.a.O.

36 Vgl. A.a.O.

37 Vgl. A.a.O., S. 86

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Historisch-kritische Exegese zu Lk 19,1-10 (Zachäus)
Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung)
Note
1,7
Jahr
2021
Seiten
24
Katalognummer
V1168350
ISBN (Buch)
9783346578471
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zachäusgeschichte, Lk19, Exegese
Arbeit zitieren
Anonym, 2021, Historisch-kritische Exegese zu Lk 19,1-10 (Zachäus), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1168350

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Historisch-kritische Exegese zu Lk 19,1-10 (Zachäus)



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden