Die soziale Ungleichheit und soziale Scham bilden die Grundlage der Arbeit, welche diese beiden entscheidenden Kategorien vor dem Hintergrund sozialer Aufstiegsmobilität und der Reproduktion sozialer Ungleichheit beleuchtet.
Die Soziologie sozialer Ungleichheit nimmt eine bedeutende Stellung innerhalb der soziologischen Gesellschaftstheorie ein. Didier Eribon hat in seinem umfangreichen sozio-biographischen Werk "Rückkehr nach Reims" seinen eigenen Lebensweg dargestellt, um mit Nachdruck auf die nach wie vor existierenden, ungleichen Vorzeichen hinzuweisen, welche maßgeblich auf entsprechenden Habitus und dem damit verbundenen Missverhältnis hinsichtlich der Chancengleichheit beruhen.
Neben dem Element der Chancengleichheit spielt auch die soziale Scham als Reproduktionsfaktor sozialer Ungleichheit eine zentrale Rolle. In anderen Werken ist Eribon bereits auf die Scham eingegangen, welche er aufgrund seiner Homosexualität im Arbeitermilieu erleiden musste. In "Rückkehr nach Reims" hingegen stellt Eribon explizit die Schwierigkeiten des sozialen Aufstiegs auf Basis der Herkunftsscham dar.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Rekonstruktion der Argumentation
2.1 Absichten des Autors
2.2 Zentrale Terminologie und Kernthese
2.3 Abgrenzung zur RCT und zum meritokratischen Prinzip
3. Emotionen und Scham im Kontext sozialer Ungleichheit
3.1 Implikationen von Scham für das soziologische Interesse
3.2 Reproduktion sozialer Ungleichheit durch Scham
4. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht anhand von Didier Eribons soziobiographischem Werk „Rückkehr nach Reims“, inwiefern soziale Scham als Mechanismus zur Reproduktion von Ungleichheit und sozialen Hierarchien fungiert. Dabei wird analysiert, wie Schamgefühle den sozialen Aufstieg beeinflussen und zur Stabilisierung gesellschaftlicher Ordnung beitragen.
- Soziologische Analyse von Eribons „Rückkehr nach Reims“
- Wechselspiel zwischen ungleichheitssoziologischen und emotionssoziologischen Perspektiven
- Bedeutung des Habitus-Konzepts und verschiedener Kapitalformen
- Die Rolle von Scham bei der Stabilisierung sozialer Hierarchien
- Kritik an meritokratischen Erklärungsmodellen für sozialen Aufstieg
Auszug aus dem Buch
3.1 Implikationen von Scham für das soziologische Interesse
Warum man sich im Zuge der Untersuchung sozialer Ungleichheiten mit Emotionen als möglichem Faktor auseinandersetzen sollte, hat Eribon durch „Rückkehr nach Reims“ bereits unter Beweis gestellt, ist das Buch doch gespickt von Emotionen und Erfahrungen seiner selbst, welche Entscheidungen und Reflexionsprozesse maßgeblich beeinflussten. So spielen verschiedene Emotionen im Verlaufe des Buches immer wieder bedeutende Rollen hinsichtlich Eribons Herkunftsmilieu, wobei er vor starkem Vokabular meist nicht zurückschreckt. So empfindet Eribon primär Ablehnung und Scham gegenüber den Verhaltensweisen seines Herkunftsmilieus (vgl. Eribon 2016: 24f.). Er empfand seinem Vater gegenüber überwiegend „Abscheu und Hass“ (Eribon 2016: 13). Diese beiden Beispiele dienen nur der Veranschaulichung der Bedeutung von Gefühlen und Emotionen in „Rückkehr nach Reims“ und werden im weiteren Verlaufe der Argumentation noch einmal herangezogen werden. An dieser Stelle wird auf die Funktion von Emotionen auf der Makroebene sozialer Ungleichheiten eingegangen. Die Emotionssoziologie kann hier einen bedeutenden Beitrag zum tieferen Verständnis von Sozialstrukturen leisten, weshalb diesbezüglich einige Aspekte einfließen. So konstatiert Helena Flam, dass Emotionen eine tragende Rolle für die Aufrechterhaltung sozialer Strukturen spielen (vgl. Flam 2002: 149). Dabei bezieht sich Flam auf eine Untersuchung mehrerer namhafter Emotionssoziologen wie Neckel und Honneth, welche besagt, dass soziale Strukturen tatsächlich der Auslöser von Emotionen sein können (vgl. Flam 2002: 150). Wir erleben also an dieser Stelle eine Verschmelzung von Theorien sozialer Ungleichheit und der Soziologie der Emotionen, welche beide offensichtlich einander bedingen. Jack Barbalet theoretisiert diesbezüglich im Rückgriff auf Adam Smith, dass es gegensätzliche Emotionen gibt, welche die soziale Ordnung und die soziale Hierarchie aufrechterhalten und spielt dabei insbesondere auf die Gegensätze von Scham und Stolz an (vgl. Barbalet 1999: 108). Auch hier werden Emotionen zum Stabilisator der sozialen Hierarchie.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in das Werk „Rückkehr nach Reims“ von Didier Eribon ein und definiert das Ziel der Arbeit, die Verbindung von ungleichheitssoziologischen und emotionssoziologischen Perspektiven zu beleuchten.
2. Rekonstruktion der Argumentation: Dieses Kapitel rekonstruiert die zentralen Argumentationsstränge Eribons, erläutert grundlegende Begriffe wie Habitus und Kapitalformen und grenzt Eribons Thesen von der Rational-Choice-Theorie sowie dem meritokratischen Prinzip ab.
3. Emotionen und Scham im Kontext sozialer Ungleichheit: Hier wird das Reproduktionspotenzial von Scham als soziales Gefühl untersucht und aufgezeigt, wie Scham sowohl individuell als auch auf Makroebene zur Stabilisierung sozialer Hierarchien beiträgt.
4. Fazit und Ausblick: Das Fazit fasst zusammen, dass Scham kein Hindernis ist, das mit dem Aufstieg verschwindet, sondern sich transformiert und die bestehende soziale Ordnung durch Anpassung an hegemoniale Wertemuster erneut reproduziert.
Schlüsselwörter
Soziale Ungleichheit, Rückkehr nach Reims, Didier Eribon, soziale Scham, Habitus, Klassengesellschaft, soziale Mobilität, emotionssoziologie, kulturelles Kapital, soziale Hierarchie, Reproduktion, Aufstiegsmobilität, Fremdscham, Herkunftsscham, symbolisches Kapital
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Didier Eribons Werk „Rückkehr nach Reims“ unter dem Aspekt, wie soziale Scham und Emotionen zur Reproduktion von sozialer Ungleichheit beitragen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die ungleichheitssoziologische Analyse, das Konzept des Habitus nach Bourdieu, die Rolle von Emotionen in sozialen Strukturen und die Kritik am meritokratischen Aufstiegsglauben.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage untersucht, ob eine Herkunftsscham, wie sie von Eribon dargestellt wird, die Reproduktion von Ungleichheit und sozialen Hierarchien begünstigt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die Methode der soziologischen Textanalyse, indem sie die Argumentation Eribons mit emotionssoziologischen Theorien (z.B. von Helena Flam und Sighard Neckel) und ungleichheitssoziologischen Konzepten in Bezug setzt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil rekonstruiert Eribons Argumentation, setzt sich kritisch mit theoretischen Erklärungsmodellen für Ungleichheit auseinander und erörtert die soziale Funktion von Scham bei Aufsteigern.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den Schlüsselwörtern gehören soziale Ungleichheit, Habitus, Scham, soziale Mobilität und Klassengesellschaft.
Warum spielt die Homosexualität Eribons in der Argumentation eine Rolle?
Die mangelnde Akzeptanz seiner Homosexualität im Herkunftsmilieu diente als Katalysator für Eribons Wunsch nach sozialem Aufstieg, um der dortigen Beschämung zu entfliehen.
Inwiefern beeinflusst das Bildungs- und meritokratische System die Ungleichheit?
Eribon kritisiert das Bildungssystem als „Höllenmaschine“, die Kinder aus unteren Schichten abwertet und Chancenungleichheit durch ungleiche Verteilung von kulturellem Kapital zementiert, anstatt tatsächliche Leistung zu belohnen.
- Arbeit zitieren
- Alexander Berghaus (Autor:in), 2021, Soziale Scham in "Rückkehr nach Reims" von Didier Eribon, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1168427