Um- und Aufbau gesellschaftlicher Institutionen - Das Bildungssystem in der DDR


Hausarbeit, 2008

15 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Chronologische Entwicklung
II.1 Die antifaschistisch-demokratische Schulreform (1945 bis 1949/50)
II.2 Der Aufbau der sozialistischen Schule in der DDR (1949/50 – 1962/63)
II.3 Die Entwicklung des einheitlichen sozialistischen Bildungssystems (1962/63 – bis 1970/71)

III. Zusammenspiel zwischen Wirtschaft und Schule
Die wissenschaftlich technische Revolution und ihr Einfluss auf die Konzeption des polytechnischen Unterrichts

IV. Zusammenfassung

V. Literatur

I. Einleitung

Diese Arbeit entstand im Rahmen des Seminars „Geschichte der Repräsentationen und Institutionen in der DDR“. Die Bedeutung der Bildungspolitik ist eine der wichtigsten Visitenkarten eines Landes. Darüber hinaus lassen die Erziehungsziele und die Wege, diese Ziele zu erreichen, ein tieferes Verständnis für die innere Situation eines Staates zu. So beeinflussen die gewählten Konzepte der Bildungspolitik die ideologischen Weltanschauungen, politischen Meinungen oder moralischen Überzeugungen ganzer Generationen. Da ich selbst ein Kind der DDR bin und bis zur achten Klasse in der Polytechnischen Oberschule „Julius Fucik“ in Halberstadt gelernt habe, liegt es in meinem persönlichen Interesse, die Ideologie, Zielsetzung und Geschichte dieses Schulsystems zu verstehen und darzustellen. Des Weiteren scheint es mir als zukünftigem Lehrer unabdingbar, sich mit der Bildungs- und Schulpolitik der DDR auseinanderzusetzen, um ein besseres Verständnis für die eigenen Schüler, welche ja Kinder der Schüler von damals sind, zu bekommen. In dieser Arbeit soll daher die Entwicklung des Schulsystems der DDR nachgeforscht werden. Der Schwerpunkt liegt hierbei auf dem hohen Stellenwert des Berufsvorbereitenden, polytechnischen Unterrichts in den Allgemeinbildenden Schulen der DDR. Dieser stand nicht am Anfang der Entstehung des Schulsystems in der DDR, hatte aber nach seiner Einführung entscheidenden Einfluss auf die Herausbildung und weitere Entwicklung des Schulsystems. Dies herauszustellen und zu beweisen sowie den ideologischen und praktischen Kontext des polytechnischen Unterrichts näher zu beleuchten, ist das zentrale Anliegen dieser Arbeit. Im ersten Teil meiner Arbeit zeichne ich die Entwicklung des Schulsystems und damit einhergehend die des polytechnischen Unterrichts, im Zeitraum von 1945 bis 1970, nach. Im Rahmen des Seminars erfuhr ich zum ersten Mal von der wissenschaftlich-technischen Revolution. Diese und die damit verbundene Verflechtung von Schule, Polytechnik und (Plan)wirtschaft soll im zweiten Teil der Arbeit näher beschrieben werden. Im letzten Abschnitt werden die gewonnen Erkenntnisse zusammengefasst.

Die beschriebene Schulepoche fällt in die Zeit des kalten Krieges und damit in eine Phase von Propaganda, Aggression, Agitation und Ideologisierung. Um der Arbeit einen höchst möglichen Grad an Objektivität zu verleihen, habe ich Quellen aus beiden Teilen des ehemals geteilten Deutschlands verwendet. Hauptwerke bilden allerdings die nach der Wiedervereinigung entstandenen Arbeiten von Fuchs/Petermann, Geißler sowie des anerkannten Erziehungswissenschaftlers Prof. Dr. Oskar Anweiler, welcher auch Ehrendoktor der Universität Leipzig ist.

Der Begriff der Polytechnik unterlag und unterliegt je nach Sichtweise verschiedenen Definitionen und Interpretationen. Das zentrale Anliegen der Polytechnik auf dem diese Arbeit basiert, ist die angestrebte Verbindung von Schule und Arbeitswelt.

II. Chronologische Entwicklung

Hauptaugenmerk im Rahmen der geschichtlichen Entwicklung lege ich auf den Zeitraum von 1945 bis 1970. In diesen Jahren wurden die bildungspolitischen Grundsteine im Schulsystem hinsichtlich seiner Struktur, Ideologie und Zielsetzung gelegt. Da mit dem „Gesetz über das einheitliche Schulsystem“ von 1965 die bildungspolitische Strukturentwicklung der DDR auf dem Sektor der Allgemeinbildenden Schulen nahezu abgeschlossen war, mit Ausnahme der Einrichtung Allgemeinbildender polytechnischer Hilfsschulen und Spezialschulen, geht diese Schilderung nicht über das Jahr 1970 hinaus. Dabei konzentriere ich mich insbesondere auf die Rolle und Einflussnahme des polytechnischen Unterrichts. Aufgrund des begrenzten Umfangs der Arbeit, ist es mir nicht möglich, detailliert auf Probleme und Hindernisse bei der Einführung des polytechnischen Unterrichts einzugehen. Für die weitere Entwicklung bedeutende Sachverhalte werden selbstverständlich angesprochen.

Hinsichtlich der Periodisierung der Schulgeschichte folge ich den DDR Autoren Uhlig und Günther, die die Entwicklung des allgemeinen Schulwesens in drei Hauptperioden gliedern:

Phase 1 Die antifaschistisch-demokratische Schulreform (1945 bis 1949/50)

Phase 2 Der Aufbau der sozialistischen Schule in der DDR (1949/50 bis 1962/63)

Phase 3 Die Entwicklung des einheitlichen sozialistischen Bildungssystems ( 1962/63 – bis 1970/71)[1]

Diese Einteilung fand in der Literatur der ehemaligen BRD Akzeptanz, beispielsweise bei Bode[2], und wird ebenfalls in der aktuellen Literatur, zum Beispiel bei Fuchs/Petermann[3] und Annweiler[4], genutzt.

II.1 Die antifaschistisch-demokratische Schulreform (1945 bis 1949/50)

Aufgrund des „Gesetzes zur Demokratisierung der deutschen Schule“ von 1946, wurde in den Ländern der sowjetisch besetzten Zone damit begonnen eine Einheitsschule aufzubauen. Ihre strukturbestimmenden Ziele waren die Ausschaltung aller faschistischen Inhalte aus dem Unterricht, Wissenschaftlichkeit, Weltlichkeit und gleiches Recht aller Kinder auf Bildung. Das Gesetz zielte auf ein einheitliches, integriertes Schulwesen, das dem Grundsatz der Trennung von Staat und Kirche folgte und vom Staat finanziert war. Zentraler Streitpunkt war, ob die Schule mehr auf Wissensvermittlung (als Lernschule) oder auf Denkvermittlung (als Arbeitsschule) aufgebaut werden sollte[5]. Die schulpolitisch bedeutenden Arbeiten von R. Alt und Hohendorf wiesen, wenn auch mit unterschiedlichen Begründungen, die Wiedereinführung der Arbeitsschule zurück und der IV. Pädagogische Kongress von 1949 beendete die Arbeitsschulforderung[6]. Wenn man auch in dieser Phase nicht an die Weimarer Schulpolitik angeknüpfte und den Forderungen der Arbeiterbewegungen nach einer Integration von beruflicher Bildung und Allgemeinbildung sowie einer Verbindung von Lernen und Arbeiten und damit nach einer polytechnischen Bildung nicht nachging, so wurden doch in anderen Bereichen der DDR, Vorraussetzungen für die spätere Verwirklichung der polytechnischen Bildung und Erziehung geschaffen.

Es wurden Produktionsbereiche verstaatlicht, die Schulverwaltung, die Lehrplansausarbeitung sowie die Schulbuchherstellung zentralisiert und einheitliche Schulstrukturen geschaffen. Diese Maßnahmen dienten der späteren stattlich verordneten Zusammenarbeit von Schule und Betrieb sowie der Einheitlichkeit, Planbarkeit und Durchsetzbarkeit von Bildungsinhalten[7]. Insgesamt kann man für diesen Zeitabschnitt festhalten, dass die Einführung der Polytechnik nicht am Anfang der Schulentwicklung in der DDR stand.

II.2 Der Aufbau der sozialistischen Schule in der DDR (1949/50 – 1962/63)

Mit dem weltpolitischen Aufstieg der Sowjetunion, sahen die führenden Politiker der DDR im sowjetischen Gesellschafts-, Erziehungs- und Schulmodell eine Erfolgsgarantie für den eigenen Staat[8]. So wurde der Marxismus- Leninismus als Grundlagendisziplin der Pädagogik verstanden und von der SED, welche nach der Gründung der DDR 1949 zunehmend an Macht gewann, eingefordert[9]. Die Übersetzungen russischer Pädagogiklehrbücher von Jessipow/Gontscharow und Ogorodnikow/Schimbirjew bildeten dabei die Grundlagenliteratur für Bildung und Erziehung. In diesen Büchern wird die polytechnische Bildung und Erziehung jedoch nicht als eine Verbindung von Schule und Betrieb, von Unterricht und produktiver Arbeit beschrieben, sondern als technischer Unterricht aufgefasst[10]. So wurden zwar technische und naturwissenschaftliche Arbeitsgemeinschaften eingerichtet, jedoch erschienen die Ziele der Polytechnik im Rahmen des Fächerkanons der Schule realisierbar. Dies hatte zur Folge, dass die Verbindung von Unterricht und produktiver Arbeit als allgemeines Strukturprinzip des Bildungswesens der DDR noch nicht verwirklicht wurde. Vorangetrieben wurde die Sowjetisierung der DDR Pädagogik zusätzlich durch die Übernahme des Ministeriums für Volksbildung durch Else Zaisser, welche das sowjetischen Erziehungs- und Bildungsmodell gründlich kannte und von dessen Vorbildhaftigkeit überzeugt war. Mit dem „Beschluss der 2. Parteikonferenz der SED“ 1952, den Aufbau des Sozialismus zu beginnen und dem Beschluss des Politbüros des Zentralkomitees (ZK) der SED „Zur Erhöhung des wissenschaftlichen Niveaus des Unterrichts…“, setzte eine pädagogische Diskussion über die Verbindung des Unterrichts mit dem gesellschaftlichen Leben sowie über Inhalte und Methoden des polytechnischen Unterrichts ein.[11] Allerdings brachte diese Diskussion und dafür exemplarisch die „Erste zentrale Konferenz zu Fragen der Polytechnik in der DDR“ 1953 sowie der „IV. Pädagogische Kongress“ 1956 zunächst keine klaren Ergebnisse oder Möglichkeiten zur Umsetzung bzw. Einführung des polytechnischen Unterrichts. Die in dieser Zeit erscheinenden Arbeiten von Reischock, Karras und Krapp bildeten die ersten theoretischen Grundlagen in Fragen polytechnischer Bildung und Erziehung in der DDR Pädagogik. Die Einführung des Werkunterrichts 1956 sowie die praktischen Initiativen von Lehrern, Schulen und FDJ Gruppen, Schule und Arbeit zu verbinden, führten zu einer weiteren Aufwertung der polytechnischen Bildung und einer erhöhten Anerkennung der Notwendigkeit der Polytechnik. Durch einen Beschluss des IV. Parteitages der SED im Juli 1958 wurde der polytechnische Unterricht ab dem Schuljahr 1958/59 verbindlich für alle Allgemeinbildenden Schulen eingeführt. Das Ziel das mit dieser Einführung verfolgt wurde, war die Anpassung der Schule an die Entwicklung der Gesellschaft. Dieser Prozess und hier in erster Linie die Verwirklichung des polytechnischen Unterrichts, wurde als Übergang von der demokratischen zur sozialistischen Schule proklamiert. Wichtigster Bestandteil dieser Polytechnikreform war dabei der wöchentliche Unterrichtstag in der Produktion für die Klassen 7 bis 12[12]. Damit war die Verbindung der Schule mit der sozialistischen Produktion geschafft. Die Repräsentation nach außen erfolgte durch die Umbenennung der Allgemeinbildenden Schule in Allgemeinbildende polytechnische Schulen. Welchen ideologischen Stellenwert die Polytechnik im Schulsystem einnahm, unterstreicht das Referat des führenden Kulturpolitikers Kurt Hager, über „Die weitere Entwicklung der polytechnischen sozialistischen Schule in der DDR“, welches er auf der 4. Tagung des ZK der SED 1959 hält. Schon die Überschrift des fünften Abschnitts seines Vortrages „Polytechnische Bildung – Grundprinzip der sozialistischen Erziehung“ ,deutet auf den Stellenwert der polytechnischen Bildung hin . Im Text heißt es „Die polytechnische Bildung ist das Grundprinzip der sozialistischen Erziehung, denn sie stellt (…), die Verbindung der Schule mit der Produktion, her und vereinigt die Schule unmittelbar mit dem Kampf um den Aufbau und den Sieg des Sozialismus.“[13]. Und weiter, „Die Schule wird durch die Verbindung des Unterrichts mit der Produktion, mit Hilfe der polytechnischen Bildung zu einem entscheidendem Instrument für den Sieg des Sozialismus.“[14]. Damit hebt er die Polytechnik in eine entscheidende Position, die den Ausgang des ökonomischen Wettstreits zwischen Sozialismus und Imperialismus wesentlich mit entscheidet. Dass die auf derselben Tagung beschlossenen Schulthesen einen sowohl innenpolitisch als auch außenpolitisch hohen politisch-ideologischen Hintergrund haben, unterstreichen Notizen aus einer Beratung im „ZK der SED zu den Schulthesen“ vom 23.2.1959. Dort wird die pädagogische Wissenschaft dazu aufgefordert, „…die Bedeutung der polytechnischen Bildung und Erziehung für die allseitige Entwicklung des Menschen…“[15] prinzipieller darzulegen, um mit Unterstützung der Presse „…Orientierung zu geben und die Diskussion auf Schwerpunkte zu lenken.“[16]. Des Weiteren wurden das mangelhafte Herausstellen der Überlegenheit der sozialistischen Schule, insbesondere der Polytechnik, und die unzureichende Polemisierung gegen die NATO-Schulpolitik in Westdeutschland kritisiert[17].

[...]


[1] Vgl. Günther, Karl-Heinz/ Uhlig, Gottfried: Geschichte der DDR in der Deutschen Demokratischen Republik 1945 – 1971, Berlin 1974, S. 4.

[2] Vgl. Bode, Dirk: Polytechnischer Unterricht in der DDR, Frankfurt/Main, New York, 1978 S.61.

[3] Vgl. Fuchs, Hans-Jürgen/ Petermann, Eberhard: Bildungspolitik in der DDR 1966 – 1990, Berlin, 1990, S. 18.

[4] Vgl. Annweiler, Oskar/ Fuchs, Hans-Jürgen/ Dorner, Martin/ Petermann, Eberhard: Bildungspolitik in Deutschland 1945 -1990, Opladen 1992, S. 14 ff.

[5] Vgl. Barck, Simon: Bildung und Kultur in der DDR, in: Bundeszentrale für politische Bildung, Information zur politischen Bildung, Neudruck 2003, Deutschland in den fünfziger Jahren, München 1997, S.49.

[6] Vgl. Bode, Dirk: Polytechnischer Unterricht in der DDR, Frankfurt/Main, New York, 1978, S. 64 ff.

[7] Vgl. Fuchs, Werner: Schule und Produktion im polytechnischen Unterricht der DDR, Marburg, 1977, S. 4 ff.

[8] Vgl. Geißler, Gert/ Blaske, Falk/ Scholze, Thomas: Streng vertraulich! Die Volksbildung der DDR in Dokumenten, Berlin 1996, S.28

[9] Vgl. Günther/ Uhlig 1974, S.84 ff.

[10] Vgl. Bode, 1978, S.69.

[11] Vgl. Geißler, Gert: Geschichte des Schulwesens in der Sowjetischen Besatzungszone und in der Deutschen Demokratischen Republik, Frankfurt am Main, 2000, S.45.

[12] Vgl. Fuchs, 1977, S.9 ff.

[13] Zitat: Hager, Kurt: Die weitere Entwicklung der polytechnischen sozialistischen Schule in der DDR, Über die sozialistische Entwicklung des Schulwesens in der DDR, Berlin 1959, S. 25.

[14] Zitat: Ebd., S.33.

[15] Zitat: Geißler/Blask/Scholze, 1996, S.138.

[16] Zitat: Ebd. S.137.

[17] Vgl. Ebd., S.137.

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Details

Titel
Um- und Aufbau gesellschaftlicher Institutionen - Das Bildungssystem in der DDR
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Kulturwissenschaft)
Veranstaltung
Geschichte der Repräsentationen und Institutionen in der DDR
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
15
Katalognummer
V116849
ISBN (eBook)
9783640189380
ISBN (Buch)
9783640189601
Dateigröße
452 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Aufbau, Institutionen, Bildungssystem, Geschichte, Repräsentationen, Institutionen
Arbeit zitieren
Marco Kienlein (Autor), 2008, Um- und Aufbau gesellschaftlicher Institutionen - Das Bildungssystem in der DDR, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/116849

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