Die vorliegende Bachelorthesis geht der folgenden Forschungsfragestellung nach: „In welcher Weise korrespondiert die stationäre Jugendhilfe mit den Bedarfen und Bedürfnissen von Patchworkfamilien?“. Die Arbeit ist auf der Grundlage wissenschaftlicher Literatur aufgebaut und in einen theoretischen wie auch praxisorientierten Teil gegliedert. Der erste Teil thematisiert Familie als zentralen Ort des Aufwachsens von jungen Menschen sowie die besondere Familienkonstellation der Patchworkfamilie. Familie wird in dieser Arbeit mit ihren relevanten Merkmalen und ihrer Entwicklung von der Familie als Hausgemeinschaft, über die traditionelle Kleinfamilie, hin zu pluralen Lebensformen in der heutigen Gesellschaft näher beleuchtet.
Im Anschluss daran wird die Patchworkfamilie, anhand von Definitionen, Formen und Fakten zur Entstehung, gesetzlichen Grundlagen und den im Entwicklungsprozess einer Patchworkfamilie anstehenden Bewältigungsaufgaben, beschrieben. Der Inhalt des vierten Kapitels fokussiert sich, anhand der oben erwähnten Studie des Kommunalverbands für Jugend und Soziales, auf die Repräsentanz junger Menschen aus Patchworkfamilien in der stationären Jugendhilfe. Anschließend werden die Aufgaben der Kinder- und Jugendhilfe sowie die stationären Hilfen zur Erziehung erläutert und leiten zu der Thematik „Kinder aus Patchworkfamilien in der Heimerziehung“ über.
Anhand des Modells „Das Familienhaus“ von Engel und Klotmann und des systemischen Ansatzes in der Sozialen Arbeit, werden die spezifischen Bedürfnisse und Bedarfe von Familienmitgliedern aus Patchworkfamilien besonders dargestellt um sie den Antworten der stationären Jugendhilfe in Form von Angeboten sowie spezifischen Methoden gegenüberzustellen. Die anschließende Diskussion setzt sich kritisch mit den dargestellten Konzepten und Angeboten der stationären Jugendhilfe auseinander, bevor das Fazit anhand der Antwort auf die Forschungsfrage einen kurzen Überblick über die Ergebnisse der Diskussion darstellt und die Bachelorthesis mit einem Ausblick
beendet wird.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Aufwachsen von jungen Menschen in Familien
2.1 Definitionen und Funktionen von Familie
2.2 Familie als Ort der Sozialisation
2.3 Familien im Wandel
2.4 Gestaltung des Familienlebens heute
3. Phänomen Patchworkfamilie
3.1 Definition und Entstehung
3.2 Patchworkfamilie in verschiedenen Formen
3.3 Rechtliche Rahmenbedingungen
3.4 Zahlen, Umfragen und Statistiken
3.5 Entwicklungsprozess einer Patchworkfamilie
3.5.1 Phase 1 – Auflösung des alten Familiensystems
3.5.2 Phase 2 – Zusammenführung der neuen Familie
3.5.3 Phase 3 – Herausforderungen für die Beteiligten
3.5.4 Phase 4 – Die Stabilisierungsphase
3.5.5 Phase 5 – Eine „richtige“ Familie
3.6 Bewältigungsaufgaben im Entwicklungsprozess
3.6.1 Trennung der leiblichen Eltern
3.6.2 Loyalitätskonflikt der Kinder
3.6.3 Komplexe Beziehungsgestaltungen
3.6.4 Tabuisierung des Status „Patchworkfamilie“
3.6.5 Differente Gefühle von Zugehörigkeit
3.7 Verunsicherungen im Entwicklungsprozess
4. Zur Repräsentanz der Patchworkfamilien in der stationären Jugendhilfe
5. Das Handlungsfeld der Kinder- und Jugendhilfe
5.1 Rechtliche Grundlagen – Zielsetzung – Aufgaben
5.2 Die Hilfen zur Erziehung
5.3 Heimerziehung – Stationäre Hilfen zur Erziehung
6. Kinder aus Patchworkfamilien in der stationären Jugendhilfe
6.1 Systemischer Ansatz in der Zusammenarbeit
6.2 Spezielle Bedürfnisse
6.3 Spezifische Bedarfe und Entwicklungsaufgaben
6.3.1 Erwachsenen-Ebene
6.3.2 Kinder-Ebene
6.4 Antworten der stationären Jugendhilfe auf die Bedarfe von Patchworkfamilien
7. Reflexion und Diskussion
8. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Bachelorthesis untersucht, in welcher Weise die stationäre Jugendhilfe mit den komplexen Bedarfen und Bedürfnissen von Kindern und Familien in Patchwork-Konstellationen korrespondiert. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie die stationäre Jugendhilfe durch professionelle Unterstützung zur Stabilisierung dieser Familienformen beitragen kann.
- Gesellschaftlicher Wandel und Pluralisierung von Familienformen
- Entwicklungsprozesse und Bewältigungsaufgaben in Patchworkfamilien
- Systemische Perspektiven in der stationären Jugendhilfe
- Analyse der Überrepräsentanz von Kindern aus Patchworkfamilien in der stationären Jugendhilfe
- Entwicklung und Diskussion bedarfsgerechter Unterstützungskonzepte
Auszug aus dem Buch
3.6.2 Loyalitätskonflikt der Kinder
Der Konflikt der Kinder, sich zwischen ihren Eltern entscheiden zu müssen, wird häufig mit der elterlichen Trennung, aber auch mit dem Aufbau einer Folgefamilie in Verbindung gebracht. Oftmals ist dies ein großer Einflussfaktor in der Beziehungsgestaltung zum externen Elternteil. Es beschreibt Zwiespältigkeit von Kindern, welche in eine Position versetzt werden, in der sie sich für ein Elternteil entscheiden müssen. (vgl. AHLERS 2018, S. 39) Wenngleich die Situation für die Eltern eine Belastung darstellt, ist diese dennoch geklärt. Anders ist es bei den Kindern. Neue Strukturen und Beziehungen sind für sie häufig nicht direkt erfassbar. Es besteht eine Ungewissheit darüber, wie sich die Kinder den Patchwork-Elternteilen und den dazugehörigen Kindern gegenüber verhalten sollen. Weiterhin ist die emotionale Lage zwischen den Beteiligten nicht geklärt. Die Kinder leben oft hauptsächlich bei einem Elternteil, obwohl beide meist gleich geliebt werden. Sie haben keinen Einfluss darauf, wer als Patchwork-Elternteil in das Leben tritt und müssen sich gezwungenermaßen auf dieses Elternteil und mögliche Geschwistern einstellen. Eine derart komplexe Konstellation ist die Basis für verschiedene Loyalitätskonflikte.
Die gegenseitige Abneigung der leiblichen Eltern spüren Kinder. So können Kinder das Gefühl entwickeln, sich zwischen den Eltern explizit für eine Seite entscheiden zu müssen. (vgl. VAN LAWICK/VISSER 2017, S. 106f.; KRÄHENBÜHL 2011, S. 106f.) Dies wird nicht selten dadurch verstärkt, dass getrenntlebende Eltern ihre Kinder als Überbringer*in von Informationen nutzen, um einer eigenen Kommunikation auszuweichen. Häufig erwarten beide Elternteile Verständnis für das eigene Verhalten und bringen Kinder damit in eine prekäre Lage. Während diese in der Regel nicht darüber entscheiden möchten, welcher Elternteil Recht oder Unrecht hat, erwarten Eltern im Zuge dessen häufig eine klare Meinung der Kinder. Diese Instrumentalisierung der Kinder kann eine Zerrissenheit als Folge haben, welche zu Schuldgefühlen der Kinder führen kann. Dieser Konflikt wird von allen Kindern unterschiedlich angegangen. So wenden sich manche der Kinder von einem Elternteil ab, andere versuchen in dieser Position, Streit zu schlichten. Das Problem bleibt in allen Hinsichten bestehen und es ist weiterhin ungelöst, wie die Beziehungsgestaltung mit allen Beteiligten stattfinden soll. (vgl. KRÄHENBÜHL 2011, S. 107)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung thematisiert den Wandel von der klassischen Kernfamilie hin zu komplexen Patchwork-Systemen und formuliert die Forschungsfrage bezüglich der stationären Jugendhilfe.
2. Aufwachsen von jungen Menschen in Familien: Dieses Kapitel beschreibt den gesellschaftlichen Wandel und die Bedeutung der Familie als zentrale Sozialisationsinstanz im Leben junger Menschen.
3. Phänomen Patchworkfamilie: Es erfolgt eine definitorische und theoretische Annäherung an das Patchwork-Phänomen, inklusive der rechtlichen Rahmenbedingungen und der Phasen des Entwicklungsprozesses.
4. Zur Repräsentanz der Patchworkfamilien in der stationären Jugendhilfe: Auf Basis von KVJS-Daten wird die signifikante Überrepräsentanz von Kindern aus Patchworkfamilien in der stationären Jugendhilfe analysiert.
5. Das Handlungsfeld der Kinder- und Jugendhilfe: Das Kapitel bietet einen Überblick über die gesetzlichen Grundlagen, Aufgaben und die verschiedenen Hilfesettings der Kinder- und Jugendhilfe.
6. Kinder aus Patchworkfamilien in der stationären Jugendhilfe: Hier werden systemische Ansätze sowie spezifische Bedürfnisse und Bedarfe von Patchworkfamilien in der Heimerziehung detailliert dargestellt.
7. Reflexion und Diskussion: Es findet eine kritische Auseinandersetzung mit der Diskrepanz zwischen den Lebenswirklichkeiten von Patchworkfamilien und den bestehenden Angeboten der Jugendhilfe statt.
8. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und betont die Notwendigkeit eines Paradigmenwechsels in der Jugendhilfe zugunsten einer systemischen Arbeit mit hochkomplexen Familiensystemen.
Schlüsselwörter
Patchworkfamilie, stationäre Jugendhilfe, Heimerziehung, Erziehungshilfen, Familiensystem, Sozialisation, Loyalitätskonflikt, Systemischer Ansatz, Bedarfsgemeinschaft, Kindeswohl, Familienhaus, Bewältigungsaufgaben, Lebensform, Elternarbeit, Biografiearbeit
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Bachelorthesis untersucht die Lebenssituation von Kindern in Patchworkfamilien und deren Kontakt mit der stationären Jugendhilfe, insbesondere im Hinblick auf die Passung der bestehenden Angebote zu den speziellen familiären Bedürfnissen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Arbeit fokussiert sich auf den gesellschaftlichen Wandel, die Komplexität von Patchwork-Systemen, die Bedeutung von Loyalitätskonflikten sowie die Rolle der Jugendhilfe als Unterstützerin in Krisensituationen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet: „In welcher Weise korrespondiert die stationäre Jugendhilfe mit den Bedarfen und Bedürfnissen von Patchworkfamilien?“.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Literaturrecherche und der systemtheoretischen Analyse von Familienstrukturen sowie der Auswertung bestehender Statistiken des Kommunalverbands für Jugend und Soziales.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Grundlagen zu Familienformen und deren Wandel, eine detaillierte Analyse der Patchwork-Problematik und deren Bewältigung sowie die Diskussion von Hilfsangeboten innerhalb der Heimerziehung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Patchworkfamilie, stationäre Jugendhilfe, Systemischer Ansatz, Loyalitätskonflikt, Entwicklungsaufgaben, Kindeswohl und Familienhausmodell.
Welche Rolle spielen Loyalitätskonflikte bei Kindern aus Patchworkfamilien?
Loyalitätskonflikte entstehen, wenn Kinder sich zwischen ihren biologischen Eltern oder neuen Partnern hin- und hergerissen fühlen. Die Arbeit zeigt auf, wie diese die psychische Belastung der Kinder verstärken können.
Warum sind Kinder aus Patchworkfamilien in der stationären Jugendhilfe überrepräsentiert?
Die Arbeit legt dar, dass hochkomplexe Familiensysteme oft höhere Anforderungen an die Anpassungsfähigkeit stellen, was bei fehlenden internen Bewältigungsstrategien zu einer häufigeren Inanspruchnahme öffentlicher Hilfen führen kann.
Inwiefern ist das „Familienhausmodell“ relevant für die Analyse?
Das Familienhausmodell dient als Metapher, um die komplexen Beziehungs- und Rollenebenen innerhalb einer Patchworkfamilie sichtbar zu machen und bedarfsgerechte Unterstützung an den verschiedenen "Etagen" der familiären Kommunikation anzusetzen.
- Arbeit zitieren
- Jella Spellenberg (Autor:in), 2019, Stationäre Jugendhilfe und Patchworkfamilien. Korrespondenz mit den Bedürfnissen hochkomplexer Familiensysteme, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1168635