Das Thema dieser Arbeit, die Frage nach dem Ende des Konzentrationslagers und der geschichtspolitischen Instrumentalisierung der Ereignisse am 11. April 1945 in der DDR, greift ein Unterkapitel des Gesamtkomplexes „Buchenwald“ auf, das durch alle Abschnitte der komplizierten Geschichte hindurch relevant war. Die Vielschichtigkeit dieser Thematik erfordert dabei ein differenziertes Vorgehen. Aus diesem Grund soll im Kapitel zuerst eine Behandlung der Geschichte Buchenwalds, ausführlich vor allem die Ereignisse am 11. April 1945, den Anfang machen. Zahlreiche zeitnahe Quellen wurden dafür herangezogen. Im Kapitel wird dann die Darstellung der vermeintlichen Selbstbefreiung Buchenwalds in der DDR thematisiert und anhand von Werken aus verschiedenen kulturwissenschaftlichen Kategorien (geschichtswissenschaftliche Publizistik, der Roman „Nackt unter Wölfen“ von Bruno Apitz und dessen Verfilmung durch Frank Beyer) behandelt. Im Kapitel folgen die Zusammenfassung der Ergebnisse und ein Ausblick auf die Auseinandersetzungen um die (Selbst-)Befreiung Buchenwalds nach der Wende.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Vorbemerkungen zur Geschichte Buchenwalds
2.1. Allgemeines
2.2. Lagerorganisation
2.3. Das historische Ende des KZ am 11. April 1945
3. Der Mythos der Selbstbefreiung
3.1. Die Nachkriegszeit
3.2. Der Mythos in „Nackt unter Wölfen“
3.3. „Stärker als die Wölfe“ von 1976
3.4. Das Buchenwaldheft 10/1979
4. Fazit
6. Literatur
7. Medien
8. Anhang
8.1. Karte des KZ und der Gedenkstätte Buchenwald
8.2. Standbilder aus „Nackt unter Wölfen“
8.3. Eine Russische Zeichnung zur Befreiung des Lagers
8.4. Offensiv- und Defensivpläne aus „Stärker als die Wölfe“
8.5. Schwur von Buchenwald
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Entstehung und Entwicklung des Mythos von der „Selbstbefreiung“ des Konzentrationslagers Buchenwald am 11. April 1945 und analysiert, wie dieses Narrativ geschichtspolitisch zur Legitimierung der DDR instrumentalisierte wurde.
- Historische Analyse des tatsächlichen Endes des Konzentrationslagers Buchenwald.
- Die Instrumentalisierung des Widerstands als Gründungsmythos der DDR.
- Einfluss von Literatur und Film (insb. „Nackt unter Wölfen“) auf das kollektive Gedächtnis.
- Die Rolle der DDR-Geschichtspolitik im Kontext des Kalten Krieges.
- Wandlung der Erinnerungskulturen nach der Wende 1989/90.
Auszug aus dem Buch
2.3.4. SCHLUSSFOLGERUNGEN
Die gerade skizzierten Ereignisse sind in gewisser Weise eindeutig zweideutig. Es gibt offenbar keinen Zweifel daran, dass es zu einer bewaffneten Aktion der Häftlinge am 11. April 1945 in Buchenwald gekommen ist. Genauso unzweifelhaft ist, dass es scheinbar keinen Widerstand auf Seiten der Nazis gab - es waren schlicht keine, oder zumindest keine nennenswerte Zahl an Wachen mehr da, als die Aktion der Häftlinge losbrach. Ebenfalls gesichert ist die Tatsache, dass die ersten Amerikaner erst am Abend das Lager erreichten, als die inzwischen bewaffneten Häftlinge und das ILK die Kontrolle übernommen und den Schutzring um das Lager aufgestellt hatten.
Was bedeuten diese Erkenntnisse für die Fragestellung dieser Arbeit?
Die Häftlinge Buchenwalds haben sich im rein technischen Sinne tatsächlich selbst befreit: Bis zu dem Zeitpunkt, als sie gegen 15 Uhr das Haupttor öffneten und Löcher in den Zaun des Lagers schnitten, waren sie formal Gefangene des Konzentrationslagers. Es ist aber offensichtlich, dass eine solch technisch-formalistische Betrachtung die tatsächliche Kausalität verschleiert - es war den Häftlingen nur möglich, ohne nennenswerten Widerstand die Initiative zu ergreifen, weil die SS-Wachmannschaften zuvor das Lager verlassen hatten. Sie taten dies, weil Sie die Flucht vor den sich nähernden US-amerikanischen Truppen ergriffen. In dieser Kausalkette treten also eindeutig die alliierten Truppen als Auslöser auf, der zur Befreiung des Lagers geführt hat.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die vielschichtige Geschichte Buchenwalds ein und umreißt die Forschungsfrage nach der geschichtspolitischen Instrumentalisierung des 11. April 1945.
2. Vorbemerkungen zur Geschichte Buchenwalds: Dieses Kapitel liefert einen historischen Überblick über das Lager, die Organisation durch die Häftlingsselbstverwaltung und analysiert quellenkritisch den tatsächlichen Ablauf der Ereignisse im April 1945.
3. Der Mythos der Selbstbefreiung: Hier wird detailliert die Entstehung des Selbstbefreiungsmythos nachgezeichnet, wobei die Einflussnahme durch SED-Propaganda sowie kulturelle Medien wie „Nackt unter Wölfen“ analysiert werden.
4. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und ordnet die Instrumentalisierung des Lagers als Gründungssymbol der DDR in den systemischen Kontext des Kalten Krieges ein.
Schlüsselwörter
Buchenwald, Selbstbefreiung, DDR, Geschichtspolitik, Antifaschismus, Konzentrationslager, Nackt unter Wölfen, Lagerkomitee, Kalter Krieg, Erinnerungskultur, Widerstand, SED, Instrumentalisierung, 11. April 1945, Stärker als die Wölfe.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit analysiert kritisch, wie das Ereignis des 11. April 1945 in Buchenwald in der DDR-Geschichtsschreibung vom historischen Befreiungsvorgang zu einem „Selbstbefreiungsmythos“ umgedeutet wurde.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Themen sind die Lagergeschichte Buchenwalds, die Rolle des Internationalen Lagerkomitees (ILK), die Entstehung eines antifaschistischen Gründungsmythos sowie die mediale Verbreitung dieses Mythos durch Film und Literatur.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, den Kontrast zwischen den tatsächlichen historischen Ereignissen (Flucht der SS, Ankunft der US-Armee) und der späteren propagandistischen Überhöhung in der DDR aufzuzeigen und die Motive für diese Umdeutung zu erforschen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit stützt sich auf eine quellengestützte historische Analyse, wobei zeitnahe Berichte von Häftlingen und offiziellen Stellen mit späteren Veröffentlichungen verglichen werden, um den Prozess der Legendenbildung nachzuzeichnen.
Was wird schwerpunktmäßig im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil liegt der Fokus auf der Chronologie der letzten Tage des Lagers im April 1945 sowie auf der detaillierten Untersuchung, wie der Mythos in verschiedenen Phasen und Publikationen – von der Nachkriegszeit bis in die 1970er Jahre – etabliert wurde.
Welche Schlagworte charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte sind Buchenwald, Selbstbefreiung, Instrumentalisierung, Antifaschismus und DDR-Erinnerungskultur.
Wie bewertet der Autor die Rolle des „Internationalen Lagerkomitees“ (ILK)?
Der Autor erkennt an, dass das ILK eine wichtige Rolle bei der Koordination der Häftlinge und der Verzögerung der Evakuierung spielte, kritisiert aber die spätere Mystifizierung dieser Rolle durch die DDR-Führung.
Warum wurde die „Selbstbefreiung“ zum Gründungsmythos der DDR?
Die SED nutzte den Widerstand der Kommunisten im Lager, um ihre eigene politische Legitimationsgrundlage zu stärken und sich als konsequente Kraft gegen den Nationalsozialismus und später als Gegenpol zum Westen im Kalten Krieg zu positionieren.
Welchen Einfluss hatten der Roman und der Film „Nackt unter Wölfen“?
Sie trugen maßgeblich dazu bei, das Bild der „Selbstbefreiung“ in der breiten Bevölkerung zu verankern und durch eine dramaturgische Inszenierung als historische Wahrheit in der kollektiven Erinnerung der DDR zu festigen.
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- Martin Meingast (Author), 2008, Der Mythos von der Selbstbefreiung Buchenwalds, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/116864