Das Frontier-Mythos in Science-Fiction-Filmen. Western und Weltraumeroberung in "The Martian" und "Interstellar"


Seminararbeit, 2021

20 Seiten, Note: 1

Michelle Künzler (Autor:in)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Was ist der Frontier-Mythos?

3 Die Astronaut*in als US-amerikanische Frontier-Held*in

4 Der Weltraum als Frontier-Raum

5 Fazit und Ausblick

6 Bibliographie

7 Filmographie

1 Einleitung

Was haben ein Western-Film und ein Science-Fiction-Film gemein? Auf den ersten Blick scheinbar nichts. Beide operieren mit komplett unterschiedlichen Topoi: Der Western mit Cow-boys, Pferden und dem Wilden Westen, Science-Fiction hingegen mit Astronaut*innen, Raum-schiffen und dem Weltraum. Und doch bestehen mehr Gemeinsamkeiten, als der Schein trügt. Sowohl der Western-Film als auch der Science-Fiction-Film erzählen unter anderem eine Geschichte über territoriale Expansion und Exploration von unbesiedeltem, fremdem Terrain. In beiden Genres wird der Mensch der grössenmässig überlegenen Natur gegenübergestellt. Ikonographisch wie auch erzählerisch evozieren US-amerikanische Science-Fiction-Filme wie The Martian (Ridley Scott, US 2015) und Interstellar (Christopher Nolan, US 2014) das ursprünglich dem Western intrinsische Frontier-Narrativ. Ziel dieser Arbeit ist es daher, zu untersuchen, in welchem Ausmass der Frontier-Mythos auch in Science-Fiction implementiert wird. Wie wird in The Martian und Interstellar die an den Western-Mythos angelehnte Weltraumeroberung narrativ als auch ästhetisch dargestellt und welches Verhältnis zwischen Mensch und Kosmos wird dadurch etabliert?

Die Vorgehensweise dieser Arbeit besteht einerseits aus der Filmanalyse von The Martian und Interstellar, andererseits aus Literaturrecherche. In Picturing the Cosmos: Hubble Space Telescope Images and the Astronomical Sublime (2012) zieht Elizabeth A. Kessler eine Parallele zwischen Bildern des Kosmos und Bildern des Wilden Westens, wogegen Andrea van Wyck in „Close Encounters of the Sublime Kind: A Study of the Science Fiction Sublime in Contemporary Film“ (2018) diverse Arten des Erhabenen beleuchtet. Christopher Nolan: a Critical Study of the Films (2018) von Darren Mooney diskutiert wiederum die Evozierung des Frontier-Mythos in Interstellar, während Mars in the Movies: A History (2016) von Thomas Kent Miller die Darstellung vom Mars in The Martian verhandelt.

Gegliedert ist diese Arbeit in drei Kapitel. Im ersten Kapitel wird für das generelle Verständnis der Frontier-Begriff historisch als auch terminologisch kurz erläutert. Als Nächstes werden die zuvor erwähnten Filme bezüglich zwei mit dem Frontier-Mythos verknüpfte Themen analysiert, wobei immer zuerst The Martian und dann Interstellar besprochen wird. So beschäftigt sich das zweite Kapitel mit der Portätierung der Astronaut*innen, spezifisch mit den Protagonisten von The Martian und Interstellar, und erörtert, inwiefern beide Figuren dem Konstrukt des amerikanischen Frontier-Helden entsprechen. Im letzten Kapitel wird die erzählerische und visuelle Inszenierung des Weltraums als final frontier – die Fortsetzung der Western-Frontier – in den genannten Filmbeispielen verhandelt.

2 Was ist der Frontier-Mythos?

Zur Inszenierung der Weltraumeroberung bedient sich der US-amerikanische Science-Fiction-Film oftmals des Frontier-Mythos, der – prägend für die Identitätsbildung der USA und daher stark positiv konnotiert – Ende des 20. Jahrhunderts zum nationalen Mythos popularisiert wurde und heute noch fest in der US-amerikanischen Kultur verankert ist.1 Als populärer Einfluss im US- Kino ist das Frontier-Narrativ am stärksten im Western-Genre angesiedelt (vgl. Mayer 2019: 1).2 Historisch bezieht sich der Mythos auf die von der Ostküste Nordamerikas ausgehende, westwärts gerichtete Grenzerweiterung der europäischen Siedler*innen, die im Zuge der Pionierzeit im 19. Jahrhundert den amerikanischen Westen kolonisierten (vgl. Stiegler 2016: 8).

Die Frontier ist laut Collins English Dictionary (o.J.: o.S.) auf mehrfache Weise zu definieren:

1. The region of a country bordering on another or a line, barrier, etc, marking such a boundary. […]
2. The edge of the settled area of a country. […]
3. The limit of knowledge in a particular field. […]

Einerseits verkörpert die Frontier also eine geographische Grenzlinie zwischen zwei Regionen, andererseits trennt sie metaphorisch zwischen Zivilisation und Wildnis und zwischen Wissen und Nichtwissen. In allen drei Definitionen schwingt die Idee des Fortschritts mit, der „als Voran-schreiten der Frontier […] immer diese drei Dimensionen [hat; M.K.]: Raum, sprich Geopolitik, Geschichte und Technologie“ (Stiegler 2016: 8; Hervorhebung im Original).

Nach Richard Slotkin fusst der Frontier-Mythos auf „the conception of America as a wide-open land of unlimited opportunity for the strong, ambitious, self-reliant individual to thrust his way to the top“ (Slotkin 1998: 5; zit. in Yoo 2015: 1). Den Kern von Slotkins Definition bildet somit der American Dream, der als Glaube an die unerschöpflichen Möglichkeiten und an Eigenverantwortung auf Optimismus und Individualismus beruht (vgl. Yoo 2015: 38). Die Ideologie der Manifest Destiny – die Überzeugung, dass das amerikanische Volk zur Verbreitung ihrer kulturellen Werte von Gott auserwählt worden wäre – sowie der Gedanke des Nationalismus und Patriotismus durchdringen ebenfalls den Mythos. All diese Ideale kehren im US-amerikanischen Science-Fiction-Film als „modernistische Fortsetzung“ (Stiegler 2016: 8) des Western-Films in ähnlicher oder modifizierter Form zurück und werden in den folgenden Kapiteln anhand von The Martian und Interstellar dargelegt.

3 Die Astronaut*in als US-amerikanische Frontier-Held*in

Präsent ist der Frontier-Mythos in The Martian und Interstellar unter anderem in der Darstellung der Astronaut*innen. Besonders die Protagonisten Mark Watney (The Martian) und Cooper (Interstellar) verkörpern den Archetypus eines US-amerikanischen Frontier-Helden, den Jihun Yoo (2015: 4) wie folgt beschreibt:

The frontier figure […] transforms the wilderness into a civilization, finds innovative ways to solve problems, and establishes order in the midst of chaos. This figure, as a devout believer and practitioner of the American Dream, in order to accomplish this errand into the wilderness, needed to possess a self-made personality and rugged individuality.

Die Frontierfigur praktiziert zudem die Rolle(n) einer Pionier*in, Landwirt*in, Terraformer*in, Erfinder*in und/oder Erforscher*in (vgl. Yoo 2015: 14, 18).

In The Martian treffen die meisten Eigenschaften und Rollen der Frontierfigur auf Watney zu. So zeigt dieser über die Mehrheit seines Marsaufenthalts hinweg, nachdem er von seiner Crew aufgrund seines fälschlich angenommenen Todes infolge eines heftigen Sandsturms auf Mars zurückgelassen wurde, kaum irgendwelche negativen Gefühlsausbrüche – zumindest nicht lange und nur subtil. Das Maximum an Emotionen sehen wir erst kurz vor seiner Rettung, wo er schliesslich von seinen Gefühlen übermannt wird. Damit strahlt Watney den im American Dream immanenten Optimismus aus (vgl. Cinema Therapy 2020: 2:12–4:20). Dies, obwohl er sich der aussichtslosen Lage von Anfang an bewusst ist, wie er zu Filmbeginn feststellt: „If the oxygenator breaks down, I’ll suffocate. If the water reclaimer breaks down, I’ll die of thirst. If the Hab breaches, I’ll just kind of implode. If none of those things happen, I’ll eventually run out of food and starve to death.“ Und falls er die NASA nicht kontaktieren kann, spielt das alles ohnehin keine Rolle. Watneys relativ stabile Psyche idealisiert nicht nur seine Männlichkeit (vgl. Bonner 2019: 192), sondern zeichnet ihn auch als eine Art „superhuman“ (Jonathan Decker 2020: 2:22) und „all-American hero“ aus (vgl. Cinema Therapy 2020: 2:47).

Mit der überhöhten Maskulinität Watneys und der optimistischen Porträtierung seines Überlebenskampfs auf Mars intendiert The Martian primär inspirierend zu sein, was von der hoffnungsvollen Musik, die unter anderem aus peppigem Disco-Sound der 1970er und 1980er besteht, untermalt wird Wiederaufgegriffen wird der Optimismus auch in der Schlussszene, in der Watney, der wieder zurück auf der Erde bei der NASA als Überlebenstrainer für Astronaut*innen arbeitet, seinen Schüler*innen erklärt, dass sie in einer ähnlichen Situation überleben können, wenn sie diese akzeptieren und alle Probleme schrittweise lösen (vgl. Cinema Therapy 2020: 2:12–4:20). Diese Idee von Überleben wider Erwarten ist tief in der Historie und Identität der USA verwurzelt:

To get an idea of how American this story is – even if only unintentionally – consider that it centers on the journey of Mark Watney (Matt Damon), who survives all alone in a hostile frontier against all odds. The theme has been part of the American national ideal all throughout our history. (Pahman 2015: o.S.)

Zurückzuführen ist der Optimismus des Films auf Watneys Prepper3 -Mentalität, die Stanley et al. (2018: 199) bei ihm identifizieren: „It would seem that he is destined for an untimely death, but Watney has the resilience and spirit of a prepper.“ Nach Stanley et al. weist Watney alle drei Eigenschaften eines Preppers auf: (1) wiedererlangte Überlebensfähigkeit, (2) Einfallsreichtum und (3) Gemeinschaftssinn. Um zu überleben, ergreift Watney alle nötigen Massnahmen: Er rationiert seine Vorräte und eignet sich eine für die individualistische Frontierfigur typische autarke Lebensweise an, womit er seine Überlebenskompetenz zurückgewinnt. Dies gelingt ihm, indem er erdenähnliche und damit lebensfreundliche Bedingungen auf Mars reproduziert, durch die er nebst seiner limitierten Lebensmittelration zusätzlich Nahrung und Wasser produzieren kann. Um Mars „zu einer zweiten Erde zu machen, ihn zu ,terraformen4 ‘“ (von Peschke 2016: 208), macht Watney daher mithilfe von selbsthergestelltem Dünger den Marsboden fruchtbar, worin er dann seine vorrätigen Kartoffelstecklinge anpflanzt (vgl. Stanley et al. 2018: 199; vgl. Yoo 2015: 4).

Auf innovative Weise löst er zudem – für eine Frontierfigur ebenso charakteristisch (vgl. Yoo 2015: 4) – durch Umnutzung von Gegenständen Probleme wie Nahrungs- und Wasserknappheit. So funktioniert er die Küche des Hab (NASAs Oberflächenhabitat auf Mars und zugleich Watneys Unterkunft) mithilfe von Plastikfolie und Klebeband zu einem Gewächshaus für seine Kartoffeln um. Genauso produziert er mithilfe seiner Fäkalien Dünger und mithilfe von Raketentreibstoff Wasser, die beide für das Wachstum der Kartoffeln nötig sind (vgl. Stanley et al. 2018: 200 f.).

Nicht zuletzt hat Watney das Bedürfnis nach einer Community. Obwohl er die NASA für seine Rettung braucht, sehnt er sich vor allem nach dem Kontakt zu seiner Crew, mit der er die Marsmission zu Filmbeginn angetreten ist. Der Film akzentuiert damit den gemeinschaftlichen Zusammenhalt (vgl. Stanley et al. 2018: 200–204), der sich zu einer nationalen und gar internatio-nalen Solidarität ausweitet, zumal Watneys Rettung nicht nur die USA, sondern die ganze Welt bewegt (vgl. Abb. 1). Die Idee von Nationalismus und vereinten Nationen entspringt wiederum dem Frontier-Narrativ (vgl. Tao 1997: 28 f.).

Mit der Kartoffelfarm als Replika des terrestrischen Ökosystems wird Watney auch zum Terraformer, als solcher er eine Frontier-Männlichkeit besitzt, die sich unter anderem über Kontrolle in Form von Naturzähmung definiert (vgl. Cortiel & Oehme 2019: 10). Indem er durch das Terraformen den roten Planeten zivilisiert, leistet er dabei Pionierarbeit, wie Sims (2015: o.S.) konstatiert: „[E]xplorers of Mars are usually painted […] as pioneers trying to tame a world that has so much in common with our own, but that violently pushes back.

[...]


1 Das Science-Fiction-Genre wies ursprünglich eine eigene Semantik auf, bis es zuerst die Syntax des Horror-Films und später das Frontier-Narrativ des Western-Films adoptierte (vgl. Altman 1995: 35). Der vom Western-Film in den Science-Fiction-Film transportierte Frontier-Mythos ist ein US-amerikanisches Phänomen, da es auf die US-Geschichte zurückgeht (vgl. Teo 1994: 27 f.).

2 Der Western-Film perpetuierte bis Ende der 1960er das positive, zukunfts- und fortschrittorientierte Frontier-Narrativ. Ab den 1970ern setzte aber eine Gegenbewegung von Anti-Western-Filmen mit einem negativen, rückläufig dargestelltem Frontier-Narrativ ein (vgl. Mayer 2019: 1).

3 Prepper sind Menschen, die zur Krisen- und Katastrophenbewältigung individuelle Vorkehrungen treffen (vgl. Stanley et al. 2018: 195 f.).

4 Verknüpft ist das Konzept des Planetenformens mit der Idee des Anthropozän – ein Zeitalter, in dem nicht mehr primär Naturkräfte, sondern der Mensch als aktives Subjekt auf den passiven Planeten einwirkt. Nach Derek Woods bestimmt aber nicht allein der Mensch die Geoprozesse des Planeten, auch nicht-menschliche Systeme zählen zu den Einflussfaktoren (vgl. Woods 2014: 133–140).

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Das Frontier-Mythos in Science-Fiction-Filmen. Western und Weltraumeroberung in "The Martian" und "Interstellar"
Hochschule
Universität Zürich
Note
1
Autor
Jahr
2021
Seiten
20
Katalognummer
V1168819
ISBN (Buch)
9783346580320
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Science Fiction Film, Christopher Nolan, Science-Fiction-Film, Ridley Scott, Kosmos, Frontier, Frontiermythos, Mars, Terraformen, Weltraum, Weltall, Filmanalyse, Amerikanische Frontier, Wilder Westen, Astronaut, Western, Das Erhabene, Sublime, Frontier-Narrativ
Arbeit zitieren
Michelle Künzler (Autor:in), 2021, Das Frontier-Mythos in Science-Fiction-Filmen. Western und Weltraumeroberung in "The Martian" und "Interstellar", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1168819

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