Entsorgungsinfrastruktur: Notwendigkeit, Entstehung und Ausdifferenzierung am Beispiel der Abfallentsorgung in deutschen Großstädten zwischen 1890 und 1920


Hausarbeit, 2005
17 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2.Definitorische Grundlagen
2.1 Der Begriff ,Infrastruktur’
2.2 Die Begriffe ,Müll’ und ,Abfall’
2.3 Der Begriff ,Entsorgungsinfrastruktur’

3. Notwendigkeit der Ausdifferenzierung einer Entsorgungsinfrastruktur
3.1 Landflucht und Bevölkerungsanstieg in deutschen Großstädten im Zuge der Industrialisierung
3.2 Medizinische Erkenntnisse und die Auswirkungen auf die allgemeine Bevölkerungsentwicklung in der Gesellschaft
3.3 Neue Erkenntnisse und Entwicklungen zeigen neue Probleme und Herausforderungen auf

4. Der Auf- und Ausbau einer Entsorgungsinfrastruktur und die Folgen für die Gesellschaft
4.1 Anforderungen an die Entsorgungsinfrastruktur und deren Umsetzung am Beispiel der Hausmüllentsorgung in deutschen Großstädten
4.2 Tatsache oder Wunschvorstellung – Realisierung der neuen Entsorgungsmöglichkeiten

5. Resümee und Ausblick

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im ausgehenden 19. Jahrhundert war es in erster Linie durch technische, wirtschaftliche und politische Entwicklungen der vorherigen Jahrzehnte – insbesondere durch die Einflüsse der Industrialisierung und Urbanisierung – zu gesellschaftlichen Umwälzungen von erheblicher Tragweite gekommen.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Thema der Entsorgung aus dem Blickwinkel der Entwicklung und Ausdifferenzierung einer Entsorgungsinfrastruktur in Deutschland zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Eine Eingrenzung erfolgt hierbei durch die spezielle Betrachtung der Abfallentsorgung in deutschen Großstädten zwischen 1890 und 1920. Die Bereiche Müllverbrennung, Entsorgung menschlicher Abflüsse und die Weiter- bzw. Wiederverwertung von Abfällen werden nicht beleuchtet.

Ein Schwerpunkt dieser Arbeit ist die Frage nach den ausschlaggebenden Motiven, die die jeweils Verantwortlichen dazu veranlaßten, die Etablierung neuer Entsorgungsmaßstäbe voranzutreiben.

War es die reine Daseinsfürsorge im Sinne selbstloser Nächstenliebe, oder gab es eventuell andere, viel pragmatischere Gründe, die einen entscheidenden Einfluß auf die damaligen Entwicklungen hatten? Welcher Notwendigkeit entsprang die Schaffung einer zeitgemäßen Entsorgungsinfrastruktur tatsächlich? Diese zentralen Fragen sollen im dritten Kapitel geklärt werden.

Im vierten Kapitel wird anhand eines konkreten Beispiels darauf eingegangen, wie die Ausdifferenzierung der Entsorgungsinfrastruktur zwischen 1890 und 1920 stattfand und inwiefern die in Kapitel drei gewonnenen Erkenntnisse auf diese Entwicklung maßgeblichen Einfluß hatten.

Zum Schluß dieser Arbeit wird im fünften Kapitel eine Zusammenfassung der Ergebnisse präsentiert, die durch einen kurzen Ausblick auf die Folgezeit abgeschlossen wird.

Zum Einstieg sollten jedoch einige definitorische Belange geklärt werden. Der Begriff ,Infrastruktur’ ist uns allgegenwärtig. Jeder von uns gebraucht diesen Terminus im Alltag. Doch ist es sehr schwierig, bei genauer Nachfrage nach der Bedeutung dieses Wortes eine prägnante sowie befriedigende Antwort zu finden. Ähnlich verhält es sich mit den Begriffen ,Müll’ und ,Abfall’. Auch hier fällt es dem einzelnen schwer, das jeweilige Wort und den dazugehörigen Themenbereich klar zu umreißen, bzw. deutlich zu definieren. Im Folgenden soll auf dieses Problem näher eingegangen werden.

2. Definitorische Grundlagen

2.1 Der Begriff ,Infrastruktur’

In der Literatur findet sich eine Vielzahl unterschiedlicher Definitionen für den Begriff,Infrastruktur’. Verfolgt man die historische Entwicklung des Begriffes zurück, wird diese Definition erstmals für das Jahr 1875 nachgewiesen. Der Terminus ,Infrastruktur’ stammt aus dem Eisenbahnervokabular, und kommt zunächst auf französischem Gebiet auf. Er dient zur Beschreibung ortsfester Anlagen, die der Mobilität dienen. In der Folgezeit findet dieser Begriff auch Verwendung in der militärischen Logistik und im ökonomischen Bereich. ,Infrastruktur’ wird generell als wirkungsvolles Integrationsmedium zur Erschließung und Ordnung des öffentlichen Raumes angesehen.1

Aus ökonomischer Perspektive wird ,Infrastruktur’ als die Grundausstattung einer Volkswirtschaft mit denjenigen Einrichtungen beschrieben, die ein existenzieller Bestandteil im Hinblick auf ihre Leistungsstärke und Effizienz sind. Als klassische Beispiele werden hierbei Verkehrsnetze sowie Ver- und Entsorgungseinrichtungen genannt. Der Auf- und Ausbau des Humankapitals sowie Einrichtungen der Rechts-, Wirtschafts- und Sozialordnung gehören gleichermaßen dazu. Die Einrichtungen erweisen sich i.d.R. als investitionsintensiv und haben eine lange Nutzungsdauer mit hoher Kapitalbindung. Auch erstreckt sich ihre Inanspruchnahme in den meisten Fällen über einen beträchtlichen Personenkreis. Dadurch kommt ihnen der Charakter von Kollektivgütern zu. Die Benutzung kann unentgeltlich erfolgen, oder auch mit der Erhebung von Nutzungsgebühren zu ihrer Aufrechterhaltung einhergehen. Träger solcher Einrichtungen ist zum Großteil die öffentliche Hand und weniger die Privatwirtschaft.2

2.2 Die Begriffe ,Müll’ und ,Abfall’

Die Definition der Begriffe ,Müll’ und ,Abfall’ erweist sich ebenfalls als schwierig. Auch hier gibt es verschiedene Definitionsansätze.

Ein Ansatz aus dem Ende des 19. Jahrhunderts versteht unter dem Begriff ,Müll’ die Ansammlung von festen Küchenabfällen, zusammengekehrtem Hausstaub, zerbrochenem Geschirr, Papierresten sowie Überresten zur Befeuerung der hauseigenen Heizungen.3

Eine andere Definition zu Beginn des 20. Jahrhunderts versteht unter dem Terminus,Müll’ diejenigen Abgänge der menschlichen Lebensführung, die nicht flüssig sind.4 In beiden Fällen wird das Wort ,Hauskehricht’ synonym verwandt.

Ein dritter Ansatz aus der Gegenwart definiert ,Müll’ als etwas, was nicht mehr zu gebrauchen ist und deshalb weggeworfen wird.5

Eine gegenwärtige juristische Bestimmung des Wortes ,Abfall’ liefert das Abfallgesetz von 1972. ,Abfall’ ist hierin definiert als eine Bezeichnung für bewegliche Sachen, von denen sich ihr Besitzer entledigen möchte, oder entledigen muß, weil diese für ihn unbrauchbar geworden sind, bzw. für seine Umwelt eine Gefährdung darstellen. Die Entsorgung erfolgt durch die öffentliche Hand.6

Eine Definition des Begriffes ,Abfall’ liegt nur in der jüngeren Vergangenheit vor. Festzuhalten ist, daß Definitionen – dies zeigt das Beispiel des Begriffes ,Müll’ – prinzipiell einem zeitlichen Wandel unterliegen und inhaltlich variieren können.

2.3 Der Begriff ,Entsorgungsinfrastruktur’

Zur besseren Verständlichkeit der folgenden Kapitel möchte ich den Terminus,Entsorgungsinfrastruktur’ definieren und eingrenzen.

Unter ,Entsorgungsinfrastruktur’ verstehen wir das Vorhandensein von Einrichtungen zur Abfuhr menschlicher Hinterlassenschaften, die zuvor zu Müll, Abfall o.ä. bestimmt worden sind.

Die zentrale Aufgabe der ,Entsorgungsinfrastruktur’ liegt in der räumlichen Verlagerung des Mülls, resp. Abfalls. Diese Verlagerung unterliegt dem Anspruch, daß die menschlichen Hinterlassenschaften aus der körperlichen und geistigen Wahrnehmung des Menschen entfernt sowie seinem Handlungsradius entzogen werden.

3. Notwendigkeit der Ausdifferenzierung einer Entsorgungsinfrastruktur

Im Hinblick auf die historisch-gesellschaftlichen Rahmenbedingungen des Themas müssen in diesem Kapitel Entwicklungen betrachtet werden, die schon vor der für diese Arbeit gesetzten Zeiteingrenzung (1890 bis 1920) anzusiedeln sind.

3.1 Landflucht und Bevölkerungsanstieg in deutschen Großstädten im Zuge der Industrialisierung

Wenn man der Frage der Notwenigkeit der Schaffung und Ausdifferenzierung einer Entsorgungsinfrastruktur nachgeht, so fällt schnell auf, daß eine Entwicklung des 19. Jahrhunderts zentrale Beachtung finden muß: Die Industrialisierung.

Auf deutschem Gebiet führte sie seit etwa 1830 dazu, daß eine Vielzahl von Menschen, die aus ländlichen Regionen stammten, in Hoffnung auf bessere Beschäftigungsmöglichkeiten und Lebensbedingungen in die Städte zogen. Infolge dieser Entwicklung setzte eine verstärkte Urbanisierung ein, welche die Einwohnerzahlen in den Stadtgebieten innerhalb kurzer Zeit stark ansteigen ließ. Kleinere Städte wuchsen binnen weniger Jahrzehnte weit über ihre vorherigen Grenzen hinaus zu Großstädten heran.7

Durch die Industrialisierung hervorgerufen, vollzog sich der Wandel von einer Agrargesellschaft hin zu einer Industriegesellschaft. Dieser Entwicklung lagen drei ineinandergreifende Faktoren zugrunde:

Der erste Faktor betrifft die Entwicklung neuer Produktionsverfahren und die Herstellung neuer Maschinen. Besonders die Dampfmaschine sowie neue Spinn- und Webmaschinen und innovative Verfahren in der Eisen- und Stahlherstellung führten zu Veränderungen. Manufakturbetriebe wandelten sich in Industriebetriebe.8

Der zweite Faktor besteht in der Verfügbarkeit von freiem Kapital aus dem Kolonial- und Sklavenhandel, der kostenintensive Investitionen in die Wirtschaft realisierbar machte.

Der dritte Faktor, der die Entwicklung hin zur Industriegesellschaft vorantrieb, ist die bessere Verfügbarkeit von Arbeitskräften aufgrund der zunehmenden Verstädterung. Es bildete sich, wie oben bereits kurz umrissen, eine Vielzahl von Ballungsräumen heraus. Beispiele für immer dichter werdende Siedlungsräume in dieser Zeit sind das Ruhrgebiet, Leipzig oder Berlin.9

Jedoch ist festzuhalten, daß nicht die Industrialisierung allein zu einem Anstieg der Bevölkerungsdichte in den Städten führte. Ebenso müssen als Ursache dafür neue Errungenschaften und Entdeckungen in der Medizin in Betracht gezogen werden, die nachhaltige Auswirkungen auf die allgemeine Bevölkerungsentwicklung in der Gesellschaft hatten. Mit diesen beiden Aspekten – der Medizin und der Bevölkerungsentwicklung – möchte ich mich im nächsten Abschnitt befassen.

3.2 Medizinische Erkenntnisse und die Auswirkungen auf die allgemeine Bevölkerungsentwicklung in der Gesellschaft

Medizinische Erkenntnisse im 19. Jahrhundert hatten eine große Tragweite in bezug auf die allgemeine Bevölkerungsentwicklung, aber umgekehrt auch die Bevölkerungsentwicklung auf die medizinischen Erkenntnisse: Man kann hier von einer wechselseitigen Beziehung sprechen. Technische Fortschritte und zukunftsweisende Entwicklungen in der Industrie schafften auf der einen Seite bessere Möglichkeiten für die medizinische Forschung. Die zunehmende Urbanisierung stellte die Menschen aber auf der anderen Seite vor medizinische Herausforderungen, die es aus Gründen der allgemeinen Daseinsfürsorge und Existenzsicherung zu bewältigen galt.

Ein wesentliches Problem, vor das sich die Medizin gestellt sah, und das mit der Verdichtung der Siedlungsräume einher ging, war, daß auch der Umfang menschlicher Hinterlassenschaften anstieg, die aber weiterhin auf konventionellem Wege, d.h. systemlos, entsorgt wurden.

Zu den besagten Herausforderungen zählte z.B. nicht nur die Bewältigung der Cholera- Epidemien in der Mitte des 19. Jahrhunderts, die innerhalb kurzer Zeit nicht nur über dünn besiedelte Landstriche hereinbrachen, sondern auch die immer dichter besiedelten Städte heimsuchten. So sah sich Köln in den Jahren 1849, 1866 und 1867 mit einer solchen Epidemie konfrontiert.

Die Medizin kannte bis dahin noch nicht die Ursachen der auftretenden Krankheiten und Seuchen, zu denen beispielsweise auch Typhus und Tuberkulose zählten.

[...]


1 Laak, Dirk van: Infra-Strukturgeschichte, Geschichte und Gesellschaft 27, 2001, S.370.

2 Gabler Wirtschaftslexikon, 15. Auflg., Wiesbaden 2000, S.1530 f.

3 Blasius, R., u. a., Die Städtereinigung, in: Weyl, Theodor (Hg.), Handbuch der Hygiene, 2. Bd., Jena 1897, S. 25.

4 Doebert, A.: Sanitätspolizeiliche Gesichtspunkte für die Beseitigung der Haus- und Küchenabfälle (des sog. Mülls), Vierteljahrsschrift für gerichtliche Medizin und Sanitärwesen, 3. Folge, 33, 1907, S. 347.

5 1961-2001. 40 Jahre BDE. Von der Stadthygiene zur Kreislaufwirtschaft. Eine Zeitreise mit der Entsorgungswirtschaft, Köln 2001, S.14.

6 Ebd., S.15.

7 Vgl. 1961-2001. 40 Jahre BDE, S. 21.

8 Ebd., S. 32 f.

9 Vgl. 1961-2001. 40 Jahre BDE, S. 33.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Entsorgungsinfrastruktur: Notwendigkeit, Entstehung und Ausdifferenzierung am Beispiel der Abfallentsorgung in deutschen Großstädten zwischen 1890 und 1920
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte)
Veranstaltung
Entsorgung. Eine Objektgeschichte des 20. Jahrhunderts
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
17
Katalognummer
V116884
ISBN (eBook)
9783640191710
ISBN (Buch)
9783640191895
Dateigröße
404 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Entsorgungsinfrastruktur, Notwendigkeit, Entstehung, Ausdifferenzierung, Beispiel, Abfallentsorgung, Großstädten, Entsorgung, Eine, Objektgeschichte, Jahrhunderts
Arbeit zitieren
Martin Zickert (Autor), 2005, Entsorgungsinfrastruktur: Notwendigkeit, Entstehung und Ausdifferenzierung am Beispiel der Abfallentsorgung in deutschen Großstädten zwischen 1890 und 1920 , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/116884

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