Der Gender Pay Gap in Startups und der Gesamtwirtschaft


Hausarbeit, 2016

28 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Theoretischer Rahmen ..
2.1 Elisabeth Beck-Gernsheims Betrachtung der Frauenerwerbstätigkeit
2.2 Aktuelle empirische Befunde zu Lohnunter-schieden

3 Lohndiskriminierung nach Geschlecht in Startups
3.1 Empirische Befunde zur Entlohnung von Frauen und Männern in Startups
3.2 Mögliche Ursachen für die Lohndiskriminierung

4 Bewertung der Ergebnisse

1 Einleitung

Diese Arbeit soll untersuchen, ob sich ob sich der Lohnunterschied von Frauen und Männern in Startups von dem in der Gesamtwirtschaft unterscheidet, und wenn ja, wie.1

Auch wenn die Ungleichheit der Geschlechter und Benachteiligung von Frauen normativ nicht mehr zeitgemäß ist, gibt es in vielen Unternehmen weiterhin eine Segregation zwischen den Geschlechtern (Heintz 2010: 216), mit dem Ergebnis, dass die statushöheren und besser bezahlten Positionen meist von Männern besetzt werden. Auch wenn Frauen und Männer die gleiche Tätigkeit ausüben, werden Männer oft besser entlohnt. Die momentane soziopolitische Regulierung in Deutschland begünstigt zudem die Versorgerehe (Achatz 2010: 96). Die Mentalität der unter 35-jährigen ist aber eine andere: Frauen wollen sich ebenso beruflich verwirklichen wie Männer. Für Frauen gerade der Generation Y sind Berufstätigkeit und finanzielle Unabhängigkeit eine Selbst-verständlichkeit. Zudem ist es im Zeitalter der befristeten Verträge meist ökonomisch notwendig, dass beide Partner arbeiten.

Bezugnehmend auf die Arbeit von Elisabeth Beck-Gernsheim soll nachfolgend zunächst dargestellt werden, welchen Blick die deutschsprachige Soziologie auf den Themenkomplex Frauen und Berufstätigkeit wirft. Anschließend sollen aktuelle empirische Daten zur Entlohnung von Frauen und Männern allgemein sowie speziell in Startups betrachtet werden. Aus einem ersten Überblick über die Daten geht hervor, dass die Lohndiskriminierung in Startups mindestens ebenso stark ist wie in etablierten Unternehmen. Kurz soll in dieser Arbeit auch über mögliche Ursachen für diese Situation gesprochen werden.

2 Theoretischer Rahmen

Die Lohnungleichheit von Männern und Frauen wird seit Jahren von verschiedenen sozialwissenschaftlichen Disziplinen sowie von den Wirtschaftswissenschaften und der Rechtswissenschaft erforscht. Lohn bzw. Gehalt bilden die Grundlage des Arbeitsentgelts, zu dem darüber hinaus auch variable Bestandteile wie leistungsbasierte Prämien, Dienstwagen sowie Sozialleistungen (Ziegler et al. 2010: 277).

Der Begriff Gender Pay Gap steht in der englischsprachigen Literatur für die Entgeltunterschiede zwischen Frauen und Männern. Von der EU und dem Statistischen Bundesamt wird der Gender Pay Gap definiert als „die Differenz des durchschnittlichen Bruttostundenverdienstes (ohne Sonderzahlungen) der Männer und Frauen im Verhältnis zum Bruttostundenverdienst der Männer“ (Statistisches Bundesamt 2016). Variable Entgeltbestandteile spielen in dieser Definition keine Rolle.

Wegweisend in der theoretischen Bearbeitung der Thematik von Frauenerwerbstätigkeit in der deutschsprachigen Soziologie ist Elisabeth Beck-Gernsheim. Bereits in den 1970er Jahren, als die Gleichberechtigung von Frauen und Männern noch nicht im Grundgesetz verankert war, beschäftigte sich Beck-Gernsheim mit den Veränderungen im Leben der Frauen. Ausgehend von einer historischen und empirischen Betrachtung der Erwerbstätigkeit von Frauen entwickelte Beck-Gernsheim eine theoretische Perspektive.

2.1 Elisabeth Beck-Gernsheims Betrachtung der Frauenerwerbstätigkeit

Beck-Gernsheim strebte mit ihrer 1976 publizierten Arbeit an, allgegenwärtige „Formen der geschlechtsspezifischen Differenzierung von Arbeitskraft und Beruf auf ihre gesellschaftlichen Bedingungen und Konsequenzen zu untersuchen und nach ihrer Bedeutung für die arbeitenden Frauen zu fragen“ (Beck-Gernsheim 1981: 2). Bei der Betrachtung bestehender empirischer Untersuchungen zum Thema Frauenerwerbstätigkeit fielen Beck-Gernsheim mehrere Punkte auf: Unter anderem standen Frauen in der beruflichen Hierarchie trotz gleicher Ausbildung niedriger als Männer, es konzentrierte sich ihre Berufstätigkeit auf wenige Berufe, und sie wurden erheblich schlechter entlohnt als Männer, auch wenn sie mit dem gleichen Ausbildungsniveau in der gleichen Position arbeiteten (Beck-Gernsheim 1981: 2–3). Im Jahr 1973 war die durchschnittliche Entlohnung von Industriearbeiterinnen um 30% niedriger als die von Arbeitern, und von weiblichen Angestellten 38% niedriger als die von männlichen Angestellten (Beck-Gernsheim 1981: 13). Beck-Gernsheim kritisiert, dass die vorhandenen Erklärungsansätze für die Strukturen im Arbeitsmarkt zu kurz greifen, und entwickelt auf Basis dieser Kritik ihre eigene Theorie (Beck-Gernsheim 1981: 3ff.).

Bestehende Erklärungsansätze führten die schlechtere Bezahlung von Frauen meist auf ihre geringere Qualifikation zurück. In der Tat waren Anfang der 1970er Jahre Frauen oft schlechter ausgebildet waren als Männer – nur ein knappes Drittel der berufstätigen Hochschulabsolventen war weiblich. Beck-Gernsheim bemerkt aber bereits damals, dass dies nicht der einzige Grund für die Benachteiligung von Frauen sei (Beck-Gernsheim 1981: 14f.; vgl. a. Ziegler et al. 2010: 286). Vielmehr führt Beck-Gernsheim die Unterschiede in der Berufstätigkeit von Männern und Frauen auf die Sozialisation in Geschlechtsrollen zurück, die auf der Dichotomie von produktiver Berufs- und reproduktiver Hausarbeit basieren. Beide Formen der Arbeit sieht sie als „zwei sich wechselseitig ergänzende gesellschaftlich notwendige Formen von Arbeit“ an, und diese komplementäre Arbeitsteilung als Grundlage unserer Gesellschaft (Beck-Gernsheim 1981: 8, 36). Somit führte Beck-Gernsheim die bis dahin androzentrische Arbeitssoziologie mit der Lebenswirklichkeit von Frauen zusammen, und erweiterte den verengten Arbeitsbegriff, der unter „Arbeit“ ausschließlich Erwerbsarbeit verstand (vgl. Frey et al. 2010: 10; vgl. a. Jurczyk 2010: 65; vgl. a. Gottschall 2000: 157).

Die bis dahin von der Arbeitssoziologie vernachlässigte Hausarbeit zeichnet sich durch eine große Vielfalt inhaltlicher Aufgaben in einem überschaubaren Sozialkontext aus (Beck-Gernsheim 1981: 8). Das bedeutet, dass die Arbeitenden die Ergebnisse ihrer Arbeit unmittelbar wahrnehmen, und da sie nicht nach quantitativen Kriterien zu beurteilen ist, besteht die Belohnung für geleistete Arbeit nicht in Entgelt, sondern ausschließlich in der Befriedigung der eigenen unmittelbaren Bedürfnisse bzw. der Bedürfnisse der unmittelbaren Umgebung. Für die Hausarbeit sind Personenbezogenheit, Geduld, persönliches Engagement, Mitgefühl und Hilfsbereitschaft notwendige Kompetenzen. (Beck-Gernsheim 1981: 35ff.; Beck-Gernsheim 1980: 25; vgl. a. Beck-Gernsheim 2010: 29)

Berufliche Arbeit wird von Beck-Gernsheim so definiert, dass sie im Gegensatz zu privater Hausarbeit oder ehrenamtlicher Arbeit „auf Einzelaufgaben spezialisiert“ (Beck-Gernsheim 1981: 8) und nach einem Tauschprinzip organisiert ist: für die Zurverfügungstellung ihrer Arbeitskraft und ihrer Kenntnisse erhalten die Arbeitenden eine materielle Gegenleistung. Entstanden ist die heutige Form der beruflichen Arbeit erst mit der Industrialisierung und der damit einhergehenden tiefgreifenden Veränderung der Wirtschaftsordnung hin zu einer starken gesellschaftlichen Arbeitsteilung mit Warenproduktion und Tauschbeziehungen. Durch die starke Arbeitsteilung ist mit einem Beruf ist eine Spezialisierung der Person auf ein Kompetenzgebiet verbunden. Mit bestimmten Kompetenzen aber sind wiederum auch „bestimmte soziale Chancen und Bedingungen verbunden, und diese Kompetenzen, Chancen und Bedingungen sind keineswegs für alle Berufe gleich bzw. gleichwertig“ (Beck-Gernsheim 1981: 26ff.).

Beck-Gernsheim sieht die Berufsarbeit in einer „doppelten Zweckstruktur“ verankert. Einerseits muss sie die Bedürfnisse des Arbeitgebers bzw. der Gesellschaft befriedigen, andererseits auch die Eigeninteressen der Berufstätigen, also deren Lebensunterhalt und soziale Existenz sichern (Beck-Gernsheim 1981: 26f.). Doppelte Zweckstruktur bedeutet also auch, dass sich der beruflich Arbeitende nicht ausschließlich am gesellschaftlichen Nutzen orientieren kann, sondern immer seine eigene Existenzsicherung im Blick behalten muss. Daher muss er sich mindestens genauso stark am Tauschwert der Arbeit orientieren wie am Inhalt der Arbeit, und „seine Genugtuung in abgeleiteten, mittelbaren und abstrakten Erfolgskriterien und Werden finden können“ (Beck-Gernsheim 1981: 34). Die Ausrichtung am Tauschwert einerseits, sowie der Befriedigung der Bedürfnisse des Arbeitgebers andererseits bedeutet, dass die Arbeitenden desto stärker Gefahr laufen, von den Konsequenzen ihrer Tätigkeit entkoppelt zu werden, je größer die Arbeitsorganisation und je abstrakter bzw. spezialisierter die Natur der Arbeit sind (Beck-Gernsheim 1981: 29ff.). Wenn Arbeitende keinen direkten Bezug ihrer Tätigkeit zu deren Ergebnissen mehr erfahren, orientieren sie sich zunehmend an äußeren Maßstäben, also meist quantitativen Kriterien. Auch die Entlohnung wird dann an diesen Kriterien orientiert. Das führt oft dazu, dass der Einsatz eines Arbeitenden nicht vom objektiven gesellschaftlichen Nutzen seiner Arbeit abhängig gemacht wird, sondern davon, welchen subjektiven Gewinn sie daraus ziehen können (Beck-Gernsheim 1981: 32ff).

Beck-Gernsheim betont, dass berufliche Arbeit nie die einzige Form von Arbeit in einer Gesellschaft sein kann, sondern dass reproduktionsbezogene Hausarbeit „Voraussetzung und Bedingung der beruflich organisierten Arbeit“ ist. Dies auch deshalb, weil die Anforderungen an Qualität und Quantität beruflicher Arbeit die Zeit und Kraft der Erwerbstätigen voll in Anspruch nehmen, und es deshalb schwer ist, zusätzlich noch die private Alltagsarbeit zu leisten (Beck-Gernsheim 1981: 35, 68; s.a. Beck-Gernsheim 1980: 56; Achatz 2010: 117).

Die Geschlechtsrollen spiegeln die Dichotomie zwischen beruflicher und privater Arbeit wider. Beck-Gernsheims zentrale These ist: „Die Zuweisung von Beruf/Hausarbeit ist die soziale Grundlage der Geschlechtsrollen, wie wir sie heute kennen.“ (Beck-Gernsheim 1980: 24; vgl. a. Achatz 2010: 95f).

Historisch gesehen ist vielen Kulturen gemeinsam, dass Männer die Arbeiten erledigen, die (kurzzeitig) viel physische Kraft erfordern oder gefährlich sind, während Frauen oft die täglichen und wiederkehrenden Arbeiten mit Bezug auf die unmittelbare Gemeinschaft übernahmen. Aus dieser Aufgabenteilung hat sich die heutige gesellschaftliche Arbeitsteilung entwickelt, in der Männer stärker beruflich, und Frauen stärker reproduktionsbezogen arbeiten. Beck-Gernsheim argumentiert, dass diese über Jahrhunderte stabile Zuschreibung von Aufgaben führte dazu geführt habe, dass „diese Arbeitsteilung schließlich bis tief in die Persönlichkeit von Mann und Frau hineinreicht und in ihr verankert ist“ (Beck-Gernsheim 1981: 45; Heintz 2010: 215).2

Mit der jeweiligen Geschlechtsrolle sind bestimmte Eigenschaften, Interessen und Charakterzüge verbunden, die von Männern bzw. Frauen erwartet werden, und bestimmte Aufgaben oder Tätigkeiten, die typischerweise nur von einem oder nur von dem anderen Geschlecht ausgeführt werden. Da in verschiedenen Kulturen und zu verschiedenen historischen Epochen die Geschlechterrollen unterschiedlich sind, ist klar, dass diese Eigenschaften nicht, wie noch bis Mitte des 20. Jh. argumentiert wurde, biologisch begründet sein können (Beck-Gernsheim 1980: 21f.; Heintz 2010: 214). Geschlechtsrollenidentitäten entstehen also durch Sozialisation, indem rollenkonformes Verhalten honoriert, und nicht rollenkonformes Verhalten bestraft wird. Über Jahre der Sozialisation von klein auf wird die Rolle oft verinnerlicht (Beck-Gernsheim 1980: 13f., 16f.). Geschlechterrollen bedeutet aber nicht nur, dass Mädchen und Jungen auf unterschiedliche Rollen hin sozialisiert werden3, sondern auch, dass dadurch die bestehende Arbeitsteilung und die Bedingungen, unter denen sie entsteht, weiter fortgeschrieben werden (Beck-Gernsheim 1981: 43ff.).

In der westdeutschen Kleinfamilie der 1970er Jahre herrschte aufgrund dieser Geschlechterrollen eine klare geschlechtsspezifische Arbeitsteilung mit komplementären Zuständigkeiten: die Frau übernahm die private Alltagsarbeit, damit der Mann sich komplett der Berufsarbeit widmen konnte4. Beck-Gernsheim nennt dieses Phänomen den „Eineinhalb-Personen-Beruf“. Dies stand im Einklang mit dem westdeutschen Familienrecht, das bis 1977 den Mann als Ernährer darstellte, während die Frau das „Herz der Familie“ sein sollte (Beck-Gernsheim 1980: 64; Jurczyk 2010: 63f.; vgl. a. Gottschall 2000: 146f). Erst nach 1977 durften Frauen auch ohne Erlaubnis ihres Mannes berufstätig sein.

[...]


1 Da ich selbst für einige Jahre in Startups gearbeitet habe, habe ich auch ein persönliches Interesse an dieser Thematik.

2 Was heute unter der „traditionellen Frauenrolle“ verstanden wird, entstand erst im 19. Jahrhundert. (Beck-Gernsheim 1980: 15)

3 Mädchen wurden im Sozialisationsprozess angehalten, eher ihre zwischenmenschlichen Fähigkeiten zu entwickeln und zu betonen, während Jungen eher dazu erzogen wurden, im Beruf zu arbeiten und quantitativ messbare Erfolge zu bringen. „Diese unterschiedlichen Erziehungsmuster [stehen] nicht völlig zufällig und beliebig im gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang, sondern sind »funktional« insofern, als sie die unterschiedlichen Anforderungen des beruflichen und familiären Arbeitsbereichs widerspiegeln und antizipatorisch vorwegnehmen.“ (Beck-Gernsheim 1981: 61) (Beck-Gernsheim 1981: 60)

4 „Charakteristisch ist die gesellschaftlich-historische Verkoppelung von Berufsarbeit und familialer Alltagsarbeit, die stillschweigende Rückbindung des Berufs an familiale Hintergrundarbeit.“ (Hervorhebung im Original) (Beck-Gernsheim 1980: 69)

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Der Gender Pay Gap in Startups und der Gesamtwirtschaft
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Fakultät für Kultur- und Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
Modul 5c: Die Individualisierung der Geschlechter
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
28
Katalognummer
V1168865
ISBN (Buch)
9783346578068
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gender, Geschlecht, Frauen, Erwerbsarbeit, Gender Pay Gap, Entlohnung, Bezahlung, Lohn, Startup, Start-Up, Hierarchie, Führung, Lohndiskriminierung, Beck-Gernsheim, Gehalt, Gleichberechtigung
Arbeit zitieren
Maria Deutsch (Autor:in), 2016, Der Gender Pay Gap in Startups und der Gesamtwirtschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1168865

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