Tragische Daseinssicht und Gesellschaftstheorie. Konstruktion der Knechtschaft in der Moderne bei Alexis de Tocqueville und Max Weber


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003
41 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Alexis de Tocqueville, Max Weber und ich
1.2 Aufbau und Thesen

2 Hauptteil
2.1 Der Begriff des Tragischen
2.2 Das Tragische und Alexis de Tocqueville
2.2.1 Alexis de Tocqueville als Objekt tragischen Empfindens
2.2.2 Alexis de Tocqueville als Subjekt tragischen Handelns
2.3 Das Tragische und Max Weber
2.3.1 Max Weber als Objekt tragischen Empfindens
2.3.2 Max Weber als Subjekt tragischen Handelns
2.4 Zusammenfassung

3. Der Weg in die Knechtschaft
3.1 Tocquevilles Weg zu politischer Knechtschaft
3.2 Webers Weg zur gesellschaftlichen Knechtschaft
3.3 Unterschiede und Gemeinsamkeiten

4. Der Weg aus der Knechtschaft

5. Tragisches Empfinden und Gesellschaftstheorie Schluss

6. Beurteilung

Literatur:

1 Einleitung

1.1 Alexis de Tocqueville, Max Weber und ich

Meine erste theoretische Arbeit innerhalb des Studiums der Sozialwissenschaften verfasste ich vor knapp vier Jahren im Sommersemester 1999, innerhalb eines von Grit Straßenberger angebotenen Tocquevilleseminars, zu folgendem Thema: „Alexis de Tocqueville – verantwortungs- oder gesinnungsethisch handelnder Staatsmann?“. Im freien Schluss der Arbeit, mit der Überschrift „Weber und Tocqueville“, gehe ich auf Analogien der beiden Menschen und Theoretiker ein:

„Tocqueville hat einen beträchtlichen Teil seines Lebens mit aktiver Politik verbracht. Max Weber hingegen wurde nie richtig als Politiker aktiv: "...er war ein Mann der Wissenschaft, er war weder Politiker noch Staatsmann, doch zuweilen politischer Journalist."[1] Karl Jaspers geht weiter und schreibt über Weber: "Aber obgleich er nicht zum Handeln kam, lebte er in steter Bereitschaft. Sein Denken war die Wirklichkeit eines in jeder Phase politischen Menschen, war ein dem geschichtlichen Augenblick dienender Wirkungswille."[2] Wolfgang Mommsen vertritt die These, dass von der Tagespolitik starke Ausstrahlungen auf Max Webers wissenschaftliches Werk ausgegangen sind, ohne deswegen schon den wissenschaftlichen Charakter zu beeinträchtigen.[3] Weber stand danach "zeitlebens auf der Schwelle zwischen Politik und Wissenschaft...er wollte der Politik Wege weisen, nicht aber sich in die taktischen Winkelzüge des tagespolitischen Kampfes verstricken lassen, obschon diese nach seiner eigenen Einsicht nun einmal auch zum Geschäft des Politikers gehören."

Beide, Weber und Tocqueville, stellten ihre privaten Leidenschaften in den Hintergrund zurück, um einer in ihren Augen größeren Sache zu dienen. Und beide haben grundlegende gesellschaftliche Entwicklungen erkannt und beschrieben. Da ist einerseits die Entwicklung zur Gleichheit verbunden mit den Prophezeiungen des Massenzeitalters und andererseits die Rationalisierung der Lebenswelten. Beiden, Weber und Tocqueville, schwebte ein ähnlicher Freiheitsbegriff vor, eine Freiheit, die man nicht vermisst, solange man sie nicht kennen gelernt hat.[4] Beide, Weber und Tocqueville, empfanden sich als Repräsentanten einer untergehenden Klasse. Bei Weber ist es das Großbürgertum, das, anstatt sich auf seine eigenen Werte zu konzentrieren, entweder den Adel kopiert oder in kleinbürgerlichen Leidenschaften ertrinkt. Bei Tocqueville ist es der Adel. Beide, Weber und Tocqueville, unterliegen im Kampf um die Tugenden der eigenen Klasse. Jaspers schreibt über Weber, was auch für die nachpolitischen Jahre Tocquevilles gilt: "Es war um ihn eine Atmosphäre des Scheiterns in einem tieferen Sinn. ... Seine politische Einsicht war die der Kassandra, die niemanden überzeugen, daher nichts ändern und nur selber leiden kann."[5] Beide, Weber und Tocqueville arbeiteten mit Idealtypen, einerseits um für sich selbst die Realität zu verstehen, andererseits, um diese den Menschen verständlich zu machen. Und beide opferten sich letztendlich für ihre Sache auf, auch aus dem eigennützigen Grund, um mit ihrem Privatleben besser klar zu kommen.

Manchmal habe ich den Eindruck, dass die Geschichte und ihr ideeller Hintergrund am stärksten von Persönlichkeiten beeinflusst wird und wurde, die einen mehr oder weniger großen psychischen Defekt haben. Doch jeder finde den Dämon, der seines Lebens Fäden hält.“ (Sommer 1999: 26f.)

Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen Weber und Tocqueville werde ich auch in der hier vorliegenden Arbeit nachgehen. Habe ich aber in meiner vorherigen Arbeit Tocqueville durch die Weberische Dichotomie von verantwortungs- und gesinnungsethischem Handeln analysiert und anschließend im Schluss über Gemeinsamkeiten frei „raisonniert“, werde ich hier versuchen, eine tragische Daseinssicht bei Alexis de Tocqueville und Max Weber zu etablieren und diese mit der jeweiligen gesellschaftlichen Vision der beiden Theoretiker, sowie deren Zustandekommen und die jeweiligen Abhilfen daraus, zu verbinden.

1.2 Aufbau und These

Dem hier skizzierten Vorhaben folgt auch der Aufbau der Arbeit. Zuerst werde ich einen Begriff des Tragischen etablieren, um dann darauf aufbauend Tocqueville und Weber sowohl als Gesellschaftstheoretiker mit tragischer Daseinssicht, als auch als tragisch handelnde Personen vorzustellen. In diesem ersten Punkt soll Spuren von Tragik sowohl im Werk als auch im Leben von Alexis de Tocqueville und Max Weber nachgegangen werden, ohne sogleich explizite oder endgültige Verbindungen zwischen einer tragischen Daseinssicht der beiden Autoren und ihrem Werk herstellen zu wollen. Es handelt sich um eine generelle Eruierung tragischer Sachverhalte in Leben und Werk.

Um am Ende der Arbeit Aussagen über eine Verbindung zwischen tragischer Daseinssicht und Werk der beiden Theoretiker herstellen zu können, werde ich die aufgezeigten Wege der beiden Theoretiker in und aus der politischen Knechtschaft skizzieren.

Abschließend sollen dann die Gesellschaftstheorien der beiden Theoretiker als Resultat persönlichen tragischen Empfindens etabliert werden. Die These der Arbeit lautet also: Die Gesellschaftstheorien von Alexis de Tocqueville und Max Weber können als Resultat einer Sensibilisierung für tragisches gesellschaftliches Geschehen auf Grund von persönlichem tragischen Empfinden gesehen werden.

2.1 Der Begriff des Tragischen

Am Ausgangspunkt dieser Arbeit möchte ich zeigen, dass sowohl Tocqueville als auch Weber das Fortschreiten der Geschichte und deren vermeintlichen Fortschritt als ambivalenten Prozess von Vorteilen und Gefahren in einer sich epochal verändernden Gesellschaft betrachten. Beide sehen die Scherbenhaufen von zerstörten Staaten vor sich, beide sind gezwungen sich als resignierte Realisten melancholisch in die neue Gesellschaftsordnung einzufügen; jedoch nicht ohne den Ehrgeiz, eine neue und aus ihrer jeweiligen Perspektive bessere Gesellschaft zu bauen. Beide wollen in ihren Schriften und Taten zeigen, dass sich die Gefahren für die Freiheit beschränken lassen oder sogar ins Gute wenden. Bei beiden Theoretikern taucht sowohl werksimmanent eine tragische Daseinssicht wie auch individuell-persönlich ein Moment tragischen Handelns auf.

Um ‚das Tragische’ bei Alexis de Tocqueville und Max Weber fassen zu können, bedarf es einiger theoretischer Begriffsbestimmungen und der Unterscheidung von Ebenen des Tragischen. Ich habe mich für einen offenen Tragikbegriff entschieden, da es nicht sinnvoll erscheint, sich auf einen Begriff von Tragik einer bestimmten Epoche festzulegen , um menschliches Empfinden oder Handeln einer anderen Epoche zu messen. Offen ist der von mir verwendete Tragikbegriff in dem Sinne, dass er innerhalb eines sich veränderten gesellschaftlichen Kontextes die Auffassung von Tragik in ihrer Veränderung nur kommentiert.[6] Offen ist der Tragikbegriff auch insofern, als dass Tragik nur in einer gedanklichen Figur definiert wird und damit relativ breit angelegt ist. Spezialisierungen erfolgen erst a posteriori.[7]

Peter Szondi bezeichnet als die Essenz des Tragischen eine dialektische Struktur, die er mit der Figur zu beschreiben versucht, nach der „der Held auf eben dem Weg ins Verderbern gerät, auf dem er sich zu retten glaubte“ (Ricklefs 1996: 1879). „Nur der Untergang ist tragisch, der aus der Einheit der Gegensätze, aus dem Umschlag des einen in sein Gegenteil, aus der Selbstentzweiung erfolgt. Aber tragisch ist auch nur der Untergang von etwas, nach dessen Entfernen die Wunde sich nicht schließt“. Das Tragische sei ein „Modus (...) drohender oder vollzogener Vernichtung, und zwar die dialektische“ (Szondi, zit. nach: ebd.: 1879f.).

Szondi umfasst mit diesem abstrakten Tragikbegriff sowohl die Aristotelische Tragikauffassung als auch die des bürgerlichen Trauerspiels. Nach der „Poetik“ des Aristoteles vollzieht sich an einem Protagonisten durch den Mythos eine Wandlung zum Unglück, und zwar durch die „hybride Verkennung einer Situation, die zu einem verhängnisvollen Versagen führt“ (Literatur-Brockhaus 1995: 110). Auch im bürgerlichen Trauerspiel kommt es zur Vernichtung des Individuums, worin der Tragische Konflikt seine Lösung findet. Auch wenn das Tragische hier im Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft, Freiheit und Notwendigkeit, Ich und Welt, Mensch und Gott seinen Ausdruck findet, wohingegen es in der griechischen Tragödie aus dem Gegensatz von Mythos und Held (Aischylos), dem Willen der Götter und dem Helden (Sophokles) oder dem innerweltlichen Spiel der Zufalls unter Menschen (Euripides) resultiert, kann doch die von Szondi bezeichnete tragische Figur - eine dialektische Struktur, an der der Held, indem er das Falsche tut, gerade weil er sich im Richtigen wähnt, scheitert - als genuin tragisch bezeichnet werden.

Der Held ist sich, im Gegensatz zum Zuschauer, seiner drohenden Vernichtung auf Grund einer Differenz des Wissens, bedingt aus seiner Perspektivität des unmittelbar Beteiligten bis zur tragischen Lösung des Konflikts nicht bewusst. Er verkennt die wahre Bedeutung der Situation. Hier möchte ich zwischen der Perspektivität der Subjekte tragischen Geschehens, des Helden oder Protagonisten also einerseits, und den Objekten tragischen Empfindens, dem Zuschauer der Tragödie andererseits, unterscheiden, um im Folgenden auf die Rollen von Tocqueville und Weber in Bezug auf das Tragische ihres Seins und Schaffens eingehen zu können. Die Trennung zwischen tragischem Geschehen und tragischem Empfinden ist bis zu einem gewissen Grad künstlich, denn es handelt sich um einen rekursiven Prozess. Jedoch kann eine politische oder soziologische Theorie in Korrespondenz mit ihrem Urheber als Produkt tragischen Empfindens, das zum Handeln nötigt - im Sinne der ‚Speech-Act-Theory’ - beschrieben werden. D.h. der politische Theoretiker wird zum Handelnden, indem er schreibt. Er folgt einem Handlungsimpetus, gerade weil er Zuschauer gesellschaftlich tragischen Geschehens ist. Dies gilt besonders für Webers politische Schriften ab 1917, ist aber auch schon in seiner Freiburger Antrittsrede in dem Sinne erkennbar, dass er deutsch-nationalistisches Großmachtstreben als die unabhängige Variable, auf die sein Denken ausgerichtet ist, etabliert. In Bezug auf seine Publikationen seit der Ausrufung der Republik 1918 ist zu erkennen, dass es sich um den Wunsch desjenigen handelt, der nicht unmittelbar politisch handeln kann[8], der aber dennoch Einfluss nehmen möchte und deswegen mittelbar zu handeln sucht, indem er publiziert.[9]

Ebenso verhält es sich, in abgeschwächter Form und bezogen auf größere historische Zeiträume in Bezug auf den letzten Teil von Tocquevilles zweiten Band von „Über die Demokratie in Amerika“[10], wo er die Methode der strukturellen Analyse gegen eine prozessuale Beschreibung des in Europa möglicherweise aufziehenden Verwaltungsdespotismus in düsteren, abschreckenden und durchaus demagogischen Bildern zeichnet. Gerade im letzten Teil der „Demokratie“, dort wo Tocqueville die Möglichkeit einer gleichen Freiheit für die aristokratisch-feudal geprägten Staaten Europas abwägt - im Gegensatz zu der nicht-aristokratisch konditionierten Vergangenheit der amerikanischen Demokratie, die es durch ausgefeilte institutionelle Arrangements in Kombination mit religiös geprägten soziokulturellen Voraussetzungen verstand, die gleiche Freiheit zu wahren – wird Tocqueville zum Verfechter einer tragisch-realistischen Weltsicht.

2.2.1 Alexis de Tocqueville als Objekt tragischen Empfindens

Nach Hayden White gründet Tocquevilles „Idee von der Geschichte (...) in einem Dualismus, dessen Glieder dialektisch miteinander verbunden sind, für die es aber nicht die Möglichkeit einer bestimmbaren letzten Synthese gibt“ (White 1991: 300). Tocquevilles Beweisführung sei „nicht substantiell (d.h. sie ist undogmatisch), und die Verheißungen, die sie dem Menschen bietet, sind distanziert und ungewiss (...)“ (ebd.). Dieses dialektisch-manichäistische Geschichtsbild, nach dem der Mensch zwei gegensätzlichen Kräften ausgeliefert ist und die Erlösung aus der Finsternis zum Licht anstrebt, lässt Tocqueville, „der Aussicht auf einen schnellen Sieg beraubt, (...) all sein Talent und alle Kraft, die ihm seine Überzeugung verleiht, an die Arbeit am Guten, wie er es sieht“ (ebd.) verwenden. Seine Argumentationsfigur für die Bewahrung der gleichen Freiheit ist die der doppelten Negation. Er will Gegenargumente zur Schaffung der individuellen Freiheit entkräften. Solange sein Blick dabei auf Amerika und dessen demokratischer Gesellschaft ruht, sieht er die individuelle Freiheit, durch Anarchie einerseits und die Tyrannei der Mehrheit andererseits, gefährdet. Sobald er aber seinen Blick auf Europa, unter dem Eindruck einer ‚unaufhaltsamen Umwälzung, nämlich der ‚allmählichen und fortschreitenden Entwicklung zur Gleichheit’ wendet, ergreift ihn ein ‚religiöses Erschaudern’ beim visionären Anblick eines zentralisierten Verwaltungsdespotismus. Die Regierenden im Europa seiner Zeit haben nämlich den schnell fortschreitenden Demokratisierungsprozess noch nicht erkannt und verlieren dadurch die Möglichkeit zu dessen Gestaltung, natürlich besonders auf die Sicherung der gleichen Freiheit bezogen. „Statt ihr (der Demokratie) das Regieren beizubringen, dachten sie nur daran, wie sie aus der Regierung verdrängt werden könne“ (DA I, 16).

Wo sich nach Tocqueville in der aristokratischen Gesellschaft unter der Bedingung einer unveränderlichen Naturordnung wechselseitiges Wohlwollen zwischen dem Volk und dem Adel etablierten, dort hatte sich durch „Gewohnheit und Sitte (...) Schranken gegen die Tyrannei errichtet und im Reich der Gewalt selbst eine Art von Recht gegründet“ (ebd.: 17). Und dort gab es für die Angehörigen der Aristokratie das individuelle Privileg der Freiheit, „nämlich unabhängig vom Wohlwollen Anderer nach Belieben handeln zu können“ (Schwind 1997: 35). Unter dem geschichtsphilosophischen Topos des unausweichlichen Voranschreitens der Gleichheit jedoch ist die individuelle Freiheit bedroht, und der tragische gesellschaftliche Prozess setzt dort an, wo Regierende in dem falschen Glauben, ihre Freiheit zu verteidigen, gerade diese verlieren. Das „furchterregende Schauspiel; die Bewegung, von der sie mitgerissen werden, ist schon zu stark, als dass sie aufzuhalten wäre“ (DA I, 15). Dies aber ist seinen europäischen Zeitgenossen noch nicht zu Bewusstsein gekommen, und daraus ergibt sich das Verhängnis. Es gibt aber, zeitlich begrenzt, Hoffnung, denn: Die Entwicklung zur Gleichheit „erfolgt aber noch nicht so rasch, dass man die Hoffnung auf ihre Lenkung aufgeben müsste; sie halten ihr Geschick in ihren Händen; bald jedoch wird es ihnen entwunden sein“ (DA I, 15).

„Die Demokratie belehren, wenn möglich ihren Glauben beleben, ihre Sitten läutern, ihre Bewegungen ordnen, nach und nach ihre Unerfahrenheit durch praktisches Wissen, die blinden Regungen durch die Kenntnis ihrer wahren Vorteile ersetzen; ihre Regierungsweise den Umständen der Zeit und des Ortes anpassen; sie je nach Verhältnissen und Menschen ändern: das ist die erste Pflicht, die heute den Lenkern der Gesellschaft auferlegt ist. Eine völlig neue Welt bedarf einer neuen politischen Wissenschaft“ (ebd. 15).

Diesem tiefen Glauben an die Gestaltbarkeit der gesellschaftlichen Verhältnisse, wenn sie denn nur erkannt und benannt werden, steht unmittelbar (auch im Text) eine melancholische Skepsis, gegründet auf ein rückwärtsgewandtes, distanzloses und kurzsichtiges Geschichtsbild gegenüber:

„Aber daran denken wir nicht; von einem rasch fließenden Strome dahingetrieben, bleibt unser Blick hartnäckig an ein paar Trümmerresten haften, die man am Ufer noch sieht, während die Strömung uns mitreißt und uns rücklings den Abgründen zuträgt“ (ebd.: 15).

Es besteht ein Dualismus zwischen der Gestaltbarkeit der Gesellschaft und dem Ausgeliefertsein an eine sich nicht selbst erkennende Gegenwart. Das was in Amerika geglückt war, die Verbindung des nützlichen ‚Alten’ mit dem guten ‚Neuen’, davon nämlich ist das Frankreich Tocquevilles weit entfernt. Er sieht sich in seiner Heimat mit einer „verkehrten Welt“ (Schwind 1997: 22) konfrontiert:

„Wo also stehen wir: Die religiösen Menschen bekämpfen die Freiheit, und die Freunde der Freiheit greifen die Religion an; edle und großmütige Geister rühmen die Sklaverei, und niedrige und knechtische Seelen preisen die Unabhängigkeit; ehrenhafte und gebildete Bürger sind Feinde allen Fortschritts, während Menschen ohne Vaterlandsliebe und ohne gute Sitten sich als Apostel der Kultur und der Aufklärung gebärden“ (DA I, 23f.).

Gleichzeitig kann er nicht glauben, dass

„der Schöpfer (...) den Menschen dazu geschaffen (habe), endlos inmitten der uns umgebenden geistigen Not herumzuirren. (...) Gott bereitet den europäischen Völkern eine stetigere und ruhigere Zukunft; seine Absichten kenne ich nicht, aber wenn ich sie auch nicht durchschauen kann, höre ich doch nicht auf, an sie zu glauben, und ich zweifle lieber an meiner Einsicht als an seiner Gerechtigkeit“ (DA I, 24).

Hayden White begreift die Geschichtsschreibung Tocquevilles als die „schöpferische Aufhebung von festgeschriebenen Benennungen zugunsten moralischer Zweideutigkeit“ (White 1991: 299). Wie Mill betrachtet Tocqueville geschichtliche Ereignisse nicht mehr als Resultat eines göttlichen Wesens, eines Urhebers des Guten wie des Bösen. An die Stelle eines allmächtigen Schöpfers, nach dem Natur und Leben als Ausdruck moralischen Charakters angesehen werden kann, tritt eine Form des Glaubens an „das Ergebnis eines Kampfes zwischen der erfinderischen Güte und der widerspenstigen Materie (...)“ (Mill zit. nach: White 1991: 299 f.) Tocqueville versteht sich als vermittelnder Geschichtsschreiber gerade in einer Welt, in der die göttlich-moralische Deutung verloren ging. Durch die Verdichtung historischer Ereignisse zu allgemeinen Prinzipien will er deren säkularisierte Bedeutung für die Zukunft nutzbar machen. Anlass dazu gibt ihm der Konflikt zwischen der Begrenztheit menschlichen Bewusstseins und gesellschaftlichen äußeren Erfordernissen der Gegenwart. Tocqueville tritt als Schlichter in Bezug auf die Entfaltung der individuellen Freiheit unter der Bedingung der gesellschaftlichen Einebnung auf, er ist ‚Sprech- und Schreibhandelnder’ Geschichtsschreiber, Soziologe und Politologe in vermittelnder Position.

[...]


[1] Dahrendorf, Ralf in: Weber, Max, 1992: 87

[2] Jaspers, Karl, 1932: 11

[3] Mommsen, Wolfgang J., 1989: Politik und politische Theorie bei Max Weber, in: Johannes Weiß(Hg): Max Weber heute: Erträge und Probleme der Forschung, Fft/M, 520

[4] vgl. die Freiburger Antrittsrede Max Webers.

[5] Dahrendorf, Ralf in: Weber Max, a.a.O., 95

[7] Das Manko dieser Methode ist die Aufgabe einer „scharfen“ Analysemethode, die es, am besten dichotomisch, erlaubt, analytisch die Welt in Nullen und Einsen zu zerschneiden. Der Vorteil liegt im (begrenzten) Bekenntnis zu Historizität.

[8] Seine Kandidatur um einen Listenplatz der DDP im Kreis Frankfurt bei der Wahl zur Nationalversammlung scheiterte u.a. aus Ressentiments gegenüber der parteipolitischen Praxis. Mangelnde Parteiarbeit und taktisches Lavieren in der Sozialisierungsfrage sind die primären Gründe. Erfahrene Parteipolitiker wie der Frankfurter Oberbürgermeister Hermann Luppe werden anstelle Webers auf der Liste platziert. Webers Kandidatur auf Platz eins der Liste galt zwei Wochen zuvor noch als sicher. Versuche Seitens der DDP, Weber alternativ auf die badische oder posener Landesliste zu setzen, waren erfolglos. Diesen Bemühungen tritt Weber in einem Leserbrief in der Frankfurter Zeitung entgegen und beendet die Diskussion um seine Kandidatur. Er distanziert sich darin vom Berufspolitikertum. Zu den Bestrebungen einer Alternativaufstellung in einem anderen als dem Frankfurter Wahlkreis bemerkt er: "(...) dass ich mir die Nominierung in Frankfurt nur ihres streng demokratischen Verlaufs wegen gefallen ließ und es natürlich verschmähe, irgendwelchen ‚Parteihonoratioren’ - deren Macht, wie sich beiläufig bemerkt zeigt, durch das vermeintlich so demokratische Verhältniswahlrecht, welches zum Feilschen führt, nur gesteigert wird - irgendwelche Konzessionen zu machen" (MWG:, 152ff.).

[9] "Der Reichspräsident" entsteht vor dem Hintergrund der Auseinandersetzungen über die Frage des Staatsoberhaupts. Am 11.2.1919 wurde Ebert von der Nationalversammlung (sprich nicht plebiszitär, d.h. nicht nach Webers Vorstellungen direkt vom Volk) zum ersten Reichspräsidenten gewählt. Um auf die Verfassungsberatungen Einfluss zu nehmen hat Weber seine eigene Auffassung über die Stellung des Reichspräsidenten öffentlich dargelegt. Der Zeitpunkt des Erscheinens fiel mit dem Beginn der ersten Lesung des Verfassungsentwurfs in der Nationalversammlung zusammen. Am 28./29.3.1919 erscheint sein Artikel "Unitarismus, Partikularismus und Föderalismus". Hintergrund sind die Beratungen des Verfassungsausschuss der Nationalversammlung. Grundlage der Beratungen war der II. amtliche Verfassungsentwurf, der am 21.2.1919 in die Nationalversammlung eingebracht und am 4.3.1919 an den Verfassungsausschuss überwiesen wurde. Es war der Entwurf nach den Beratungen mit den Ländern im Staatenausschuss. Die ursprünglich unitaristische Tendenz der Verfassungsvorlage von Preuß war einer föderalistischen Lösung gewichen. Im Dezember hatte Weber selbst eine zu unitaristische Orientierung des Verfassungsentwurfs noch aus strategischen Bedenken der Durchsetzbarkeit gegenüber den Ländern abgelehnt. Vor dem Hintergrund der aktuellen Beratungen schienen auch ihm die Interessen der Länder zu weitreichende Berücksichtigung gefunden zu haben und er bezog zugunsten der Stärkung der Machtbefugnisse des Reichs gegenüber den Einzelstaaten Stellung. Es gibt einen direkten Bezug auf die Auseinandersetzung im Verfassungsausschuss vom 12.3.1919.

[10] Im Folgenden werden auch die Abkürzungen „Demokratie“ oder „Demokratie in Amerika“ für den Gesamttitel des Tocquevilleschen Werkes „Über die Demokratie in Amerika“ zitiert.

Ende der Leseprobe aus 41 Seiten

Details

Titel
Tragische Daseinssicht und Gesellschaftstheorie. Konstruktion der Knechtschaft in der Moderne bei Alexis de Tocqueville und Max Weber
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
Seminar: Alexis de Tocqueville und John Stuart Mill
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
41
Katalognummer
V11691
ISBN (eBook)
9783638177764
ISBN (Buch)
9783668296091
Dateigröße
686 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Max Weber, Alexis de Tocqueville, Tragik, Peter Szondi, griechische Tragödie, Freiheit, Gleichheit, Kapitalismus, Bürokratie
Arbeit zitieren
Dominik Sommer (Autor), 2003, Tragische Daseinssicht und Gesellschaftstheorie. Konstruktion der Knechtschaft in der Moderne bei Alexis de Tocqueville und Max Weber, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/11691

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