In der Zeit um Christi Geburt war für Irland, in seiner Entlegenheit die neue Nachbarschaft der Römer auf der britischen Insel, die bis dahin keinen angeseheneren Feind in Europa gehabt hatten als die Kelten, eine kritische Situation. Trotzdem war auch unter diesen Verhältnissen Güter- und Informationsaustausch möglich. Dadurch wurden die irischen Kelten mit den neuen geistigen Bewegungen jenseits ihrer Insel konfrontiert. Was von den Esse-nern, einer jüdischen Gemeinschaft mit ordensähnlichem Charakter und den Gnostikern aus dem Osten nach Westen drang, war ein Weltenmythos aus Apokalypse und einer vorderasiatischen Erlösungslehre, die zur Befreiung des Menschen aus seinem materiellen Gefängnis, mehr von der Erkenntnis, als vom Glauben ausging. Alles, was die Spätantike an religiöser Philosophie entließ, deutete über die Zeitenwende hinaus auf einen revolutionären Umbruch hin, der sich auf den britischen Inseln der Römer als seinem Medium bediente. Für die Iren muss sich damals schon ein entscheidender Anstoß zur Hinwendung zum Christen-tum vollzogen haben (Meyer-Sickendieck 1996, 40-43).
Irland hatte sich während der römischen Okkupationszeit in Europa und Britannien, gemäß seiner nordwestlichen Randlage außerhalb des römischen Reiches unauffällig verhalten. Irland hat an der mit intellektueller Hemmungslosigkeit geführten Auseinandersetzung um die neue Religionslehre in den nachchristlichen Jahrhunderten nicht teilgenommen, sondern ihr von der Britannica Romania her ohne großes Aufhebens auf eigene Weise Zugang verschafft. Anders als auf dem Festland, wo sich wie in einer riesigen Arena ein anspruchsvolles Publikum zur Gala lateinischer Rhetorik traf, vernahm man hier in Irland kaum etwas von den Dissonanzen des dogmatischen Dialogs, sondern eher etwas vom anschwellenden Akkord christlichen Bekennertums. Bis die Informationen nach Irland kamen, waren alle pseudo-wissenschaftlichen Spitzfindigkeiten ausgeschieden. Übrig blieben die Grundzüge des Glaubens und seine ethische Substanz. Wenn auch erst die von Eusebius von Cäsarea (260 bis 339), Vater der Kirchengeschichte, geschriebene Chronik der Christenverfolgung der Nachwelt hinreichend über diese unruhige Epoche unterrichtete, haben sich mit Sicherheit auch schon zu seiner Zeit besonders drastische Einzelheiten selbständig gemacht und das Ohr der ungetauften Welt erreicht. Hiefür waren die raumgreifenden Bewegungen der ersten germanischen Völkerwanderung nicht ohne Bedeutung.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Zielsetzung und Fragestellung
3. Theorie und Methodik
4. Christianisierung Irlands
4.1. Ein Überblick
4.2. Der heilige Patrick und seine Mission in Irland
4.3. Die getrennte dogmatische Entwicklung des Christentums in Irland
5. Die keltische Religion in Irland
5.1. Aussersprachliche Befunde in Form von Kultbildern
5.2. Lebor Gabála Érenn
5.3. Die Bedeutung der Druiden in der keltisch-irischen Religion
5.3.1. Druiden, Barden und Filidh in der irischen Gesellschaft
5.3.2. Die Beeinflussung des Druidentums durch die Christianisierung – im Speziellen durch den heiligen Patrick
5.4. Die religiöse Überhöhung des Königtums in der keltisch-irischen Religion
5.5. Der Kannibalismus in Irland
5.6. Die Kopfjagd und der Schädelkult in der irisch-keltischen Religion
5.7. Das Fasten – als magische Kraft in der irisch-keltischen Religion und im irischen Christentum
5.8. Die Jenseitsvorstellungen in der irisch-keltischen Religion
5.8.1. Die Beeinflussung der Jenseitsvorstellungen durch das Christentum
5.9. Die Götter der irischen -keltisch Religion
5.9.1. Brigit
5.9.2. Lug
5.9.3. Nuadu
5.9.4. Lug und Nuadu, in der irischen und walisischen Literatur - ein Vergleich
5.10. Die irisch-keltischen Feste und ihre Beeinflussung durch das Christentum
5.10.1.Samain – das Fest des 1. November
5.10.2.Imbolc – das Fest des 1. Februar
5.10.3.Beltaine – das Fest des 1. Mai –das Sommer- und Lichtfest
5.10.4.Lugnasad – das Fest des Königs
5.10.5 Beeinflussung der "Hohen irisch-keltischen Feste" durch die Christianisierung
6.0. Zusammenfassung
7.0. Schlussfolgerungen und Diskussion
8.0. Nachwort
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Ziel dieser Arbeit ist die Untersuchung der vorchristlichen Religion der Kelten in Irland unter Berücksichtigung der Beeinflussung durch das Christentum, wobei insbesondere die Organisationsstruktur, Priesterschaft, Fest- und Opfertätigkeiten sowie die Götterwelt betrachtet werden.
- Analyse der irisch-keltischen Religion vor und während der Christianisierung
- Untersuchung des Druidentums und dessen Rolle in der Gesellschaft
- Vergleichende Analyse der irischen Götterwelt und ihrer mythischen Überlieferungen
- Untersuchung der keltischen Feiertage und deren christliche Überlagerung
Auszug aus dem Buch
5.6. Die Kopfjagd und der Schädelkult in der irisch-keltischen Religion
Die sogenannte "Schädelmystik", die im keltischen Verbreitungsgebiet häufig anzutreffen ist, war auch in Irland ein Thema.
Zum allgemeinen Verständnis möchte ich hier folgendes Zitat von Diodoros Siculus anfügen. "Die Köpfe ihrer vornehmsten Feinde balsamieren sie ein und verwahren sie in einer Kiste, und wenn sie diese dann den Fremden zeigen, so rühmen sie sich, wie einer ihrer Vorfahren oder ihr Vater oder auch sie selbst diesen Kopf um vieles Geld nicht hergegeben hätten. Ja einige von ihnen sollen sich sogar gerühmt haben, dass sie für einen solchen Kopf ein gleiches Gewicht in Gold nicht angenommen hätten" (Cunliffe 2000, 82).
Der Kult des abgeschlagenen Kopfes ist ein oft wiederkehrendes Thema in der irischen Literatur. Der irische Held CúChulainn konnte sich am Ende seiner Heldentaten einer gewaltigen Sammlung rühmen. Seine Ankunft in Emain Macha wird folgendermaßen beschrieben: "Ein einzelner Wagenlenker naht…..und schrecklich kommt er daher. Er hat die blutigen Köpfe seiner Feinde im Wagen“ (siehe Cunliffe 2000, 84). Bei anderer Gelegenheit lässt CúChulainn die abgeschlagenen Köpfe seiner Feinde an Ort und Stelle in der Furt zurück. Auf einem gegebelten Pfahl waren vier Köpfe aufgespießt, deren Blut in den strömenden Fluß tropfte.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung beleuchtet die historische Situation Irlands zur Zeit der Christianisierung und den Einfluss der neuen Religion auf die keltische Kultur.
2. Zielsetzung und Fragestellung: Das Kapitel definiert den Untersuchungsrahmen zur vorchristlichen irisch-keltischen Religion und deren Transformation durch das Christentum.
3. Theorie und Methodik: Es werden die relevanten Quellengruppen wie archäologische Funde, indigene Texte und antike Berichte für die religionsgeschichtliche Forschung erörtert.
4. Christianisierung Irlands: Dieser Abschnitt bietet einen Überblick über den irischen Missionsweg, insbesondere durch den heiligen Patrick, und die daraus resultierenden dogmatischen Entwicklungen.
5. Die keltische Religion in Irland: Dieses Hauptkapitel untersucht die Kultbilder, die Druiden, das sakrale Königtum, Kannibalismus, Schädelkult, Fastenpraktiken, Jenseitsvorstellungen, Götterpantheon sowie die keltischen Feste.
6.0. Zusammenfassung: Hier werden die zentralen Erkenntnisse über die Quellenlage und die religionsgeschichtlichen Aspekte der Arbeit zusammenfassend dargestellt.
7.0. Schlussfolgerungen und Diskussion: Das Kapitel reflektiert methodische Herausforderungen bei der Rekonstruktion vorchristlicher Mythen und die Rolle der monastischen Überlieferung.
8.0. Nachwort: Danksagung an Familie und Betreuer.
Schlüsselwörter
Irland, Kelten, Christentum, Religion, Patrick, Druiden, Mythologie, Jenseits, Königtum, Feste, Samain, Lugnasad, Schädelkult, Sage, Überlieferung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die vorchristliche irisch-keltische Religion und deren Transformation sowie Beeinflussung durch die Christianisierung im frühen Mittelalter.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Schwerpunkten gehören das Druidentum, das sakrale Königtum, Jenseitsvorstellungen, die Verehrung irischer Götter sowie die Bedeutung der traditionellen irischen Feste.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die vorchristliche Religionspraxis trotz der meist christlich geprägten Überlieferung zu vergegenwärtigen und den Transformationsprozess hin zum christlichen Irland nachzuzeichnen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich primär auf die Auswertung von literarischen Quellen (Sagen, Hagiografien, Annalen) sowie ergänzend auf archäologische und epigrafische Befunde.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Analyse von Riten, Mythen und gesellschaftlichen Strukturen, wie sie in den verschiedenen Zyklen der irischen Literatur und den Berichten über Heilige erscheinen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Irland, keltische Religion, Christianisierung, heiliger Patrick, Druidentum und die irischen Hauptfeste.
Wie unterscheidet sich die Rolle von Druiden und Königen?
Während der Druide als Priester, Wissensbewahrer und Vermittler zur Geisterwelt fungiert, vertritt der König die weltliche Macht und trägt die Verantwortung für Fruchtbarkeit und Wohlstand des Landes.
Was bedeutet das "Fasten gegen Gott"?
Es handelt sich um eine spezielle religiöse Praxis, bei der Heilige oder Personen durch Hungerstreik versuchen, göttliche Zugeständnisse zu erzwingen oder ihr Schicksal zu beeinflussen.
- Arbeit zitieren
- DI. Mag. Dr. Robert Fischer (Autor:in), 2007, Die keltische Religion in Irland und ihre Beeinflussung durch die Christianisierung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/116915