Kaiserin Elisabeth von Österreich. Zur Erschaffung eines Mythos in Historiographie und Film


Bachelorarbeit, 2019

36 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kaiserin Elisabeth von Österreich- eine biographische Notiz
2.1. Elisabeth und die Ungarn
2.2. Gesundheit und Reisen
2.3. Der Tod und seine Nachwirkungen

3. Der Mythos als geschichtswissenschaftliche Perspektive und analytisches Instrument

4. Das „Medium Film“ und sein Einfluss auf den „Sisi-Mythos“
4.1. Erste Darstellungen Elisabeths in Filmen
4.2. Ernst Marischkas „Sissi-Trilogie“
4.3. Schwarzenbergs „Sisi“ (2009)
4.4. Heutige Wahrnehmung durch den visuellen Einfluss

5. Elisabeth als Gegenstand geschichtswissenschaftlicher Biographien
5.1. Egon Caesar Corti „Elisabeth. Eine Seltsame Frau“
5.1.1. Darstellung und Wahrnehmung
5.2. Brigitte Hamann: Elisabeth. Kaiserin wider Willen. (1981)
5.2.1. Aufarbeitung des romantischen Mythos

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Eine Vielzahl von Herrschern aus vergangenen Tagen verdanken es ihrem politischen wie auch kriegerischen Handeln, dass ihre Namen noch heute in den Geschichtsbüchern zu finden sind. Auffällig ist, dass die Gruppe der „Erinnerungswürdigen“ primär durch das männliche und nicht durch das weibliche Geschlecht vertreten wird. Nur wenigen Frauen ist es gelungen, sich aus dem Schatten der Männer zu lösen und ihre eigene Geschichte zu schreiben.

Eine der bekanntesten Vertreterin dieser Gruppe ist aus heutiger Sicht Kaiserin Elisabeth von Österreich, besser bekannt unter dem Namen „Sisi“. Jedoch wurde die Frau an der Seite Kaiser Franz Joseph I. von Österreich-Ungarn nicht durch ihr politisches Engagement populär. Anders als beispielsweise Queen Victoria, die ihrem Land 63 Jahre als treue Königin verbunden war, entzog sich Elisabeth kurz nach der Hochzeit und der Krönung der Öffentlichkeit und ihren Pflichten. Folgt man historischen Arbeiten, die sich dem Leben Elisabeths widmen, so gebrauchte sie jeden erdenklichen Vorwand, um dem Wiener Hof und dem Hofzeremoniell zu entkommen. Zu Lebzeiten sei sie stets darauf bedacht gewesen, ihre privaten Interessen allen höfischen Verpflichtungen vorzuziehen. Diese Form von Eigensinn gepaart mit ihrer ständigen gesundheitsbedingten Abwesenheit sei beim traditionsbewussten österreichischen Volk auf wenig Gegenliebe gestoßen. Ungeachtet dessen hegte Elisabeth offenbar nicht die Absicht wie etwa Eugenie, Frau von Napoleon III., das hübsch anzusehende Zierwerk des Kaisers zu sein.1 Daher sollen die Menschen Wiens auch nur wenig erschüttert gewesen sein, als der Tod der Kaiserin bekannt wurde.2

Doch das anfängliche Desinteresse um den Verlust Elisabeths, entwickelte sich schon kurze Zeit nach ihrer Ermordung durch das Attentat in einen regelrechten Medienrummel. Münzen, Karten und andere Memorialien zierten nun das Bild einer Frau, die nie Kaiserin werden wollte. Elisabeths Ansehen durchlebte einen Wandel von dem zurückgezogenen Menschen hin zu einer Ikone, zu einem Mythos, der noch heute fortbesteht.3

In der vorliegenden Arbeit soll der Frage nachgegangen werden, inwieweit die Geschichtswissenschaft einerseits und populäre Medien, vor allem der Film, andererseits zur Erschaffung eines „Sisi-Mythos“ beigetragen haben. Dabei geht es sowohl um die verschiedenen Darstellungsweisen der unterschiedlichen Medien als auch die dadurch bedingten Persönlichkeiten, die Elisabeth im Verlauf des 20. Jahrhunderts zugeschrieben wurden. Dank diverser Publikationen der vergangenen zwölf Jahrzehnte ist ein Mythos entstanden, der eine kritische Auseinandersetzung verlangt. Zur Klärung dieser Problemfrage soll zunächst ein Überblick über Elisabeths biographischen Werdegang gegeben werden, gefolgt von der Bedeutung des Terminus “Mythos“. Ferner wird exemplarisch, anhand unterschiedlicher Medien, deren Einfluss auf die Entstehung des „Sisi-Mythos“, genauer untersucht.

Ein entscheidender Schwerpunkt liegt hierbei auf den Kinoproduktionen aus den Jahren 1955-1957 und 2009 sowie den beiden Biographien von Conte Corti und Brigitte Hamann. Unter Zuhilfenahme dieser Quellen soll die These belegt werden, dass unsere Vorstellungen bezüglich Elisabeth von Österreich-Ungarn einem medialen Einfluss unterliegen und nur geringfügig dem realen Bild entsprechen.

2. Kaiserin Elisabeth von Österreich- eine biographische Notiz

Nach wie vor ranken sich um den Namen „Sisi“ viele Kontroversen. Historiker, wie Rudolf Reiser, sind sich bis heute unschlüssig darüber, ob Elisabeths Kosename „Sisi“ wirklich der Realität entspricht oder doch „Lisi“ die wahre Abkürzung ist.4 Doch auch wenn das Rätsel um ihren Spitzname weiterhin Fragen aufwirft, sicher belegbar ist, dass sie am 24. Dezember 1837 in München unter dem Namen Elisabeth Amalie Eugenie, Herzogin in Bayern, geboren wurde. Ihren Titel verdankte sie zum einen ihrem Vater, Herzog Max in Bayern, und ihrer Mutter, Prinzessin Ludovika, die eine Tochter des bayrischen Königs Maximilian war. Ebenso wie ihre sieben Geschwister war Elisabeth damit eine Prinzessin aus der herzoglichen Nebenlinie des Hauses Wittelsbach.5 Dieser Zweig der Familie hatte keinerlei Verpflichtungen am bayrischen Königshof, was sich maßgeblich in der Erziehung der Kinder widerspiegelte. Die damalige Erziehung adliger Kinder unterlag primär den elterlichen Bestrebungen und den zur Verfügung stehenden finanziellen Mitteln. In den ersten Lebensjahren wurde ein Kind dieses Standes in die Obhut einer Amme oder eines Kindermädchens gegeben.6 Die spätere Erziehung, bei der besonderer Wert auf adliges und traditionsbewusstes Benehmen gelegt wurde, übergaben die Eltern dann den sogenannten „Hofmeistern“, welche oftmals Theologen oder Akademiker waren.7 Untypisch für eine Familie ihres Standes war, dass die Auswahl der Lehrer und die Erziehung in Ludovikas

Verantwortung lag.8

Im Münchner „Herzog Max Palais“, welches die herzogliche Familie bewohnte, wurden Elisabeth und ihre Geschwister von Hauslehrern unterrichtet.9 Die Sommermonate hingegen führten die Familie hinaus an den Starnberger See in das Schloss Possenhofen. Trotz ihrer diversen Freiheiten und dem ländlichen Leben auf Possenhofen erhielten die Kinder eine ordentliche, wenn auch nicht standesübliche Erziehung. Einzig auf die Ausbildung Helenes, der ältesten Tochter, schaute die Mutter mit Nachdruck. Der Grund dieser Sorgfalt lag in Ludovikas Ziel, Helene in eine namenhafte Adelsfamilie zu verheiraten. Elisabeth hingegen widmete sich dem Wandern, Reiten und dem Klettern auf Berge. Sie fand kein Interesse am Erlernen der zeremoniellen Umgangsformen, was sich schon bald als Problem erwies.10

Im Sommer 1853 fuhr Ludovika mit ihren Töchtern Elisabeth und Helene nach Ischl mit dem Ziel die Verlobung zwischen Kaiser Franz Joseph I. und Néné zu realisieren. Doch anders als von Ludovika und ihrer Schwester Erzherzogin Sophie geplant, entschied sich Franz nicht für Helene, sondern für Elisabeth. Über die Beweggründe, warum sich der damals mächtigste Mann für seine erst 15 Jahre alte Cousine entschied, kann nur spekuliert werden.11 Das bisherige zwanglose Leben, welches Elisabeth in Possenhofen verbrachte, fand mit der Verlobung ein jähes Ende. Im Laufe der kommenden Monate erhielt sie intensiven Unterricht in Geschichte, Sprachen, Tanzen und dem Hofzeremoniell, um aus der einfachen Prinzessin eine Kaiserin zu machen.12 Denn sowohl die Familie als auch der Wiener Hof erwarteten eine präsentable Kaiserin. Letzterer sah in ihr allerding weniger die Kaiserin als Person, sondern das damit verbundene Prestigeobjekt, welches das Ansehen des Hofes wieder aufpolieren sollte.13 Auch das Volk setzte große Erwartungen in die neue Frau am Hof. Sie erhofften sich einen positiven Einfluss auf den Kaiser, um politische und soziale Veränderungen hervorzubringen.14

Am 20. April 1854 verließ Elisabeth ihre bisherige Heimat Bayern in eine neue, unbekannte Zukunft. Nur vier Tage nach ihrer Ankunft in Wien wurde aus der ländlichen und schüchternen Prinzessin die „Kaiserin Elisabeth von Österreich“.

Mit dem Ende der Hochzeitsfeierlichkeiten kehrte für Elisabeth der Alltag am Wiener Hof ein. Das Hofzeremoniell schrieb genau vor, wer sich im engeren Umfeld der Kaiserin aufhalten und wen sie empfangen durfte.15 Gegenüber dem ihr schon vor der Hochzeit zugeteilten Hofstaat, für den ebenfalls eine strikte Reglung galt, empfand sie eine starke Abneigung. Ein Grund für die Antipathie war mit großer Wahrscheinlichkeit, dass die endgültige Wahl der Hofdamen allein in der Hand ihrer Schwiegermutter Sophie lag, welche sie über jegliche Aktivitäten der Kaiserin unterrichteten.16

Schon wenige Wochen nach der Hochzeit erwartete Elisabeth ihr erstes Kind. Sophie übernahm, indem sie frühzeitig bestimmte, wo genau das Kinderzimmer liegen sollte, auch hier die Initiative.17 Am 5. März 1855 kam Elisabeths erste Tochter mit Namen Sophie auf die Welt, gefolgt von Gisella, die im Juli 1856 geboren wurde. Beide aufeinander folgenden Schwangerschaften und die Enttäuschung, nicht den ersehnten männlichen Thronerben bekommen zu haben, führten bei Elisabeth zu Depressionen, von denen sie sich nur langsam erholte.18 Jedoch gelangte Elisabeth zu der Erkenntnis, welche Möglichkeiten ihre neue Stellung mit sich brachte. Die erste Gelegenheit, ihren Einfluss geltend zu machen, eröffnete sich ihr während der Reise nach Kärnten und in die Steiermark. Weit ab vom Hof und der missverstandenen Tante nutzte sie die ungewohnte Zweisamkeit mit Franz Joseph und klagte ihrem Mann ihren entstandenen Unmut über die Situation mit den Kindern. Elisabeth wünschte die Kinder wieder in ihrer und nicht in der Nähe der Großmutter zu wissen. Als Konsequenz dieser Bitte entstand ein beachtlicher Streit zwischen allen Beteiligten, denn die „Kaisermutter“ weigerte sich beharrlich, die Kinderzimmer zu verlegen. Doch wie die Briefe Franz Josephs an seine Mutter belegen, stellte sich der Kaiser unterstützend auf die Seite Elisabeths.19

Der Einfluss auf Franz Joseph und ihre neue, kompromisslose Art waren entscheidend dafür, dass Elisabeth 1857 ihre Kinder gegen den Willen Sophies nach Ungarn mitnahm. Doch dieser Triumph entwickelte sich in Budapest zu einer Tragödie. Zunächst erkrankte die jüngste Tochter Gisella, gefolgt von Sophie. Während sich Gisella wieder erholte, starb die älteste Tochter des Kaiserpaares am 29. Mai 1857 in Budapest. Trauer und Selbstvorwürfe führten dazu, dass sich die Kaiserin erneut von allem zurückzog.20

Als Resultat dieser Ereignisse überließ sie nun die Erziehung von Gisella und dem am 21. August 1858 geborenen Thronfolger Rudolf ganz der Schwiegermutter. Erst mit dem vierten und letzten Kind, Marie Valerie, übernahm sie die Rolle der Mutter.21 Ein entscheidender Aspekt ist hier auch der von ihr gewählte Geburtsort Budapest. Das ungarische Land und sein Adel imponierten Elisabeth schon bei ihrer ersten Reise 1857, denn es verkörperte alles, was im Gegensatz zum Wiener Hof stand.22

2.1. Elisabeth und die Ungarn

Die Abneigung am österreichischen Hof gegen die Ungarn hat ihren Ursprung im Jahr 1848. Die enormen Ausschreitungen der Revolution forderten, dass sich die kaiserliche Familie ins Exil nach Böhmen zurückziehen musste. Der bis zu ihrem Tod anhaltenden Dankbarkeit Sophies war es zu verdanken, dass der böhmische Adel am Wiener Hof dominierend vertreten war.23

Ob Elisabeth einzig als Gegenreaktion zur Schwiegermutter ein gesteigertes Interesse an Ungarn entwickelte, ist bis heute unklar. Doch ihr Engagement bezüglich dieses Landes nahm eine Form an, die bis dahin völlig untypisch für sie war. Die Kaiserin, die am Hof bekannt war, Probleme mit dem Erlernen neuer Sprachen zu haben, studierte nun akribisch die ungarische Sprache. Ihre schnellen Fortschritte verdankte sie zum Einen ihrem Ehrgeiz, zum Anderen ihrer neuen ungarischen Vorleserin Ida Ferenczy, die ein gutes Verhältnis zu den Liberalen Ungarns, speziell zu Gyula Andrássy, hegte.24 Dieser kämpfte 1848/49, während der Revolution, gegen die österreichischen Truppen und flüchtete vor der Hinrichtung ins Exil. Resultierend aus der engen Beziehung Idas zu Andrássy und der

Kaiserin, waren jeweils beide über den anderen gut unterrichtet.25

Zu einem Treffen zwischen Elisabeth und dem ungarischen Politiker kam es im Jahr 1866, wo sie sich über die Situation in Ungarn berieten. Ihr Ziel war es nun, schnellstmöglich den von Ungarn gewünschten Ausgleich mit Österreich herbeizuführen.26 Das erste Zeichen für dieses Vorhaben konnte sie während des Krieges gegen die Preußen 1866 setzen. Das schnelle Vorrücken der Truppen nach Wien führte den Wiener Hof und seine Habseligkeiten letztlich nach Ungarn, um dort Schutz zu suchen. Auch Elisabeth reiste nach Budapest und holte wenig später, zum Missfallen Sophies, ihre beiden Kinder nach.27 Dieser Schachzug brachte ihr die Herzen der Ungarn und das Unverständnis Wiens entgegen. Jedoch konnte sie mit diesem kleinen Schritt nicht die immer größer werdende revolutionäre Stimmung im Land stoppen. Elisabeth sah sich zu drastischeren Maßnahmen gezwungen, die nun auch die Involvierung des Kaisers beinhaltete. Sie drängte Franz Joseph, sich mit Andrássy und dem Politiker Deák zu treffen, um die ungarische Frage zu klären.28 Dieser hingegen musste sich jedoch mit der bedrohlichen Lage in Ungarn als auch dem verlorenen „Deutschen Krieg“ auseinandersetzen. Dieser Krieg ging als Resultat einer Auseinandersetzung zwischen Preußen und Österreich um die Verwaltung Schleswigs und Holsteins und dem Dualismus zwischen diesen Mächten hervor.29 Die entscheidende Schlacht zwischen dem Deutschen Bund zugehörigen Österreich und Preußen fiel letztlich bei Königsgräz, was die Auflösung des Deutschen Bundes zur Folge hatte.30

Elisabeths Einsatz für einen ungarischen Ausgleich blieb auch den Ungarn nicht verborgen. Andrássy und die Bevölkerung sahen in der Kaiserin eine Chance auf politische Veränderung und setzten auf ihren Einfluss beim Kaiser.31

Mit allen Mitteln versuchte Elisabeth nun, ihr Ziel durchzusetzen. So blieb sie der Wiener Hofgesellschaft immer öfter fern und reiste stattdessen nach Ungarn. Ihre Hartnäckigkeit führte letztlich im Februar 1887 zum angestrebten Ausgleich zwischen Österreich und Ungarn und am 8. Juni zur Krönung zum König und zur Königin.

2.2. Gesundheit und Reisen

Während ihres Einsatzes für die ungarische Sache schien es so, als wäre ihr Kampfgeist zurückgekehrt und ihre körperlichen Leiden größtenteils verschwunden. Bereits kurz nach der Hochzeit und dem Einzug in die Wiener Hofburg litt Elisabeth unter starken, immer wiederkehrenden Hustenanfällen, welche als Reaktion auf ihre negative Umgebung gesehen werden konnten. Auf Grund ihres ernsten Zustandes wurde ihr 1860 eine Kur auf Madeira verordnet.32 Es war der Anfang für eine Vielzahl an Kuren und Reisen, die Elisabeth bis zu ihrem Tod immer wieder aus Wien führte.

In den insgesamt fast zwei Jahren auf Korfu und in Venedig, fernab des Wiener Hofprotokolls, entwickelte Elisabeth eine Durchsetzungskraft, von welcher sie nun Gebrauch machte. Ihre Beharrlichkeit stoppte die militärische Erziehung ihres Sohnes Rudolf und verhalf ihm zu liberalen Erziehern.33 Die bisher traditionell militärische Ausbildung wurde nun in die entgegengesetzte Richtung geleitet. Dem zukünftige Kaiser von Österreich wurde durch den liberalen Einfluss seiner Lehrer eine aufgeschlossene und moderne Art des Denkens vermittelt, die auch schon Elisabeths Erziehung nachhaltig prägte. Dieses neuzeitliche Denken führte letztlich sogar dazu, dass sowohl Mutter als auch Sohn einem Fortbestand der Monarchie kritisch gegenüberstanden.34

Elisabeths neues Selbstvertrauen resultierte auch aus der Erkenntnis um ihr schönes Äußeres und die damit verbundene Wirkung auf andere Menschen. Doch mit der Feststellung um ihre Wirkung auf andere Menschen war sie sich auch der Vergänglichkeit dieser Schönheit bewusst und versuchte diese, mit allen Mitteln zu erhalten.35

Zweifelsohne waren ihre langen Haare eines ihrer bekanntesten Schönheitsmerkmale, welchem sie ebenso viel Beachtung schenkte, wie der Erhaltung ihrer Wespentaille.36 Hungerkuren und Sport in ihrem eigenen Turnzimmer innerhalb der Wiener Hofburg gehörten für sie zum alltäglichen Leben. Elisabeths Ambitionen, sich körperlich fit zu halten, nahmen ein enormes Ausmaß an. Zu Lebzeiten galt die Kaiserin von Österreich- Ungarn als die beste Reiterin Europas, was sie auf stundenlangen Ausritten und gefährlichen Jagden in England und Irland unter Beweis stellte.37 Als sie das Kapitel Reiten im Jahr 1882 beendete, kompensierte sie ihren Drang nach Bewegung mit Fechten und später mit endlosen Spaziergängen.38

Die Hofgesellschaft hingegen erhoffte sich nun eine verstärkte Präsenz ihrer Kaiserin am Hof. Doch auch Franz Josephs Geschenk, die „Hermesvilla“ im Lainzer Tiergarten, hielt die Kaiserin nicht in Österreich.39 Elisabeth fand in Griechenland eine neue Leidenschaft, wohin es sie 1885 das erste Mal führte. Griechische Lehrer wie Constantin Christomanos vermittelten ihr die Sprache, Geschichte und die Kultur des Landes. Neben dem Lernen und zum Leidwesen der Hofdamen, unternahm Elisabeth auch hier viele stundenlange Märschen durch das Land.40

Über all die Jahre bereiste Elisabeth eine Vielzahl von Ländern und Städten. So sah sie allein 1889 Korfu, Sizilien, Palermo, Malta, Tunis und Karthago.41

2.3. Der Tod und seine Nachwirkungen

Elisabeth war durchaus bewusst, dass sie Franz Joseph in Wien im Stich ließ. Die Lösung für dieses Problem fand sie in einer Schauspielerin vom Wiener Schlosstheater namens Katharina Schratt. Schon die erste Begegnung zwischen dem Kaiser und der Schauspielerin brachte ein freundschaftliches, über Jahre inniger werdendes Verhältnis, hervor. In Elisabeths Augen war Katharina Schratt eine ideale Ablenkung, um noch mehr Zeit abseits des Hofes verbringen zu können.42

Die zweite Frau an der Seite des Kaisers erwies sich nicht nur als Ablenkung, sondern auch als Stütze für ihn. Deutlich wurde dies nach dem Selbstmord des Kronprinzen Rudolfs am 30. Januar 1888 in Mayerling. Der Tod des Sohnes führte bei Elisabeth zu einem mentalen Zusammenbruch, sodass sie den Sinn des Lebens hinterfragte und sich den Überlegungen ihrer eigenen Sterblichkeit hingab.43

Der Drang, aus Wien zu fliehen, schien nun noch größer geworden zu sein. Ihre erneute Abwesenheit vom Hof und der Verweigerung ihrer gesellschaftlichen Pflichten, entfachte eine neue Welle der Kritik am Hof.44 Elisabeth setzte ihre Reisen durch Europa indes unbeirrt fort, was sie letztlich im Sommer 1898 in die Schweiz führte. Unter dem Namen „Gräfin von Hohenembs“ kamen sie und ihre Hofdame in einem Genfer Hotel unter.45 Die Presse erfuhr jedoch von dem prominenten Gast und veröffentlichte einen Artikel mit jenen Informationen, die ihr späterer Mörder benötigte, um seinen Plan umsetzen zu können. Dem besagten Mörder Luigi Lucheni ging es primär nicht um die Ermordung der Kaiserin von Österreich. Er verfolgte das Ziel, einen hochangesehenen Aristokraten umzubringen. Der selbst ernannte Anarchist war darauf bedacht, mit einem solchen Mord, Aufsehen zu erregen und als Märtyrer in die Geschichte einzugehen. Sein eigentliches Opfer, der Prinz von Orleáns, war nicht wie geplant in Genf angekommen, was Elisabeth zum Ziel seines Plans werden ließ.46 Am 10. September 1898, auf dem Weg zur Fähre Genève, mit der Elisabeth und ihre Hofdame nach Caux übersetzen wollten, passierte das Unglück.47 Lucheni stach der Kaiserin mit einer selbstgebastelten Feile in die Brust, die das Herz traf. Obwohl Elisabeth noch einmal aufstand und das Schiff betrat, brach sie wenig später zusammen. Trotz der schnellen Rückkehr zum Hotel, konnten die Ärzte dort nur noch ihren Tod feststellen.48

Mit dem Tod endete zwar das irdische Leben der Kaiserin von Österreich-Ungarn, jedoch war dies erst der Anfang für den Mythos um ihre Person.

[...]


1 Aretz, Gertrude: Die elegante Frau: Eine Sittenschilderung vom Rokoko bis zur Gegenwart. Bremen 2014, S.350ff.

2 Unterreiner, Katrin: Sisi. Mythos und Wahrheit. Wien 2013, S. 106.

3 Unterreiner 2013, S. 18f.

4 Reiser, Rudolf: Kaiserin Elisabeth. Das andere Bild von Sissi. München 2009, S. 4.

5 Bechmann, Evelyne: Die Frauen der Wittelsbacher: Ein Frauenbild vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Rothenburg 2014, S. 64ff.

6 Schlumbohm. Jürgen: Kinderstube. Wie Kinder zu Bauern, Bürgern, Aristokraten wurden. 1700-1850. München 1983, S. 166ff.

7 Sikora, Michael: Der Adel in der Frühen Neuzeit. Darmstadt 2009, S. 106ff.

8 Amtmann, Karin: Elisabeth von Österreich: die politischen Geschäfte der Kaiserin. Regensburg 1998, S. 22.

9 Bestenreiner, Erika: Sisi und ihre Geschwister. München 2002, S. 17f.

10 Corti, E.: Elisabeth. Die seltsame Frau. Wien 1994, S.27f.

11 Serges, Heinz Hermann: Sissi. Wahrheit und Legende. Neckarsulm 1998, S. 62.

12 Hamann 2012, S. 42f.

13 Hamann 2012, S. 57.

14 Exner, Lisbeth: Elisabeth von Österreich. Hamburg 2004, S. 32.

15 Corti 1994, S. 49f.

16 Hamann 2012, S. 62f.

17 Exner 2004, S. 38.

18 Hamann 2012, S.100f.

19 Dr. Schnürer, Franz: Briefe Kaiser Franz Josephs I. an seine Mutter (1838-1872). München 1930, S. 255ff.

20 Unterreiner 2013, S. 51.

21 Serges 1998, S. 421.

22 Hamann 2012, S. 73.

23 Hamann 2012, S. 267.

24 Amtmann 1998, S. 113ff.

25 Amtmann 1998, S. 118f.

26 Exner, Hamburg 2004, S. 64.

27 Hamann 2012, S. 227ff.

28 Amtmann 1998, S. 126ff.

29 Müller, Klaus: 1866: Bismarcks deutscher Bruderkrieg: Königgrätz und die Schlachten auf deutschem Boden. Graz 2007, S. 13ff.

30 Müller 2007, S. 10f.

31 Hamann 2012, S. 229ff.

32 Serges 1998, S. 210f.

33 Amtmann 1998, S. 73ff.

34 Blend, Jean-Paul: Kronprinz Rudolf. Köln 2006, S. 21ff.

35 Hamann 2012, S. 181ff.

36 Unterreiner, Katrin: Die Habsburger. Mythos und Wahrheit. Wien 2011, S. 132ff.

37 Unterreiner, Katrin: Sisi. Mythos und Wahrheit. Wien 2013, S. 62ff.

38 Hamann 2012, S. 362ff.

39 Hamann 2012, S. 426.

40 Hamann 2012, S. 467.

41 Corti 1992, S. 390.

42 Hamann 2012, S. 485f.

43 Hamann 2012, S. 550ff.

44 Hamann 2012, S. 565ff.

45 Exner, Hamburg 2004, S.129f.

46 Corti 1992, S. 443ff.

47 Lindinger Michaela, S. 220ff.

48 Unterreiner 2013, S. 105.

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Kaiserin Elisabeth von Österreich. Zur Erschaffung eines Mythos in Historiographie und Film
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Philosophische Fakultät und Institut für Geschichtswissenschaften)
Note
1,7
Autor
Jahr
2019
Seiten
36
Katalognummer
V1169228
ISBN (Buch)
9783346582218
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sissi, Sisi, Kaiserin Elisabeth, Mythos, Romy Schneider, Film, Kaiserin Sissi, Kaiserin Sisi, Elisabeth, Franz Joseph, Ernst Marischka, Brigitte Hamann, Egon Corti, Mythos Sissi, Filmographie
Arbeit zitieren
Sarah Boost (Autor:in), 2019, Kaiserin Elisabeth von Österreich. Zur Erschaffung eines Mythos in Historiographie und Film, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1169228

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