Das Verständnis von Kultur als homogene Einheit ist bereits im 18. Jahrhundert aufgekommen, doch es ist bis heute Teil unserer Vorstellung von Kultur und beliebt im öffentlichen Diskurs. Der Ursprung des Verständnisses von Kultur als Einheit findet sich bei Samuel von Pufendorf, der Kultur erstmals als Generalbegriff verwendet und bei dem sie sich nicht mehr nur auf spezifische Tätigkeitsfelder bezieht.
Herder erkennt also, dass es verschiedene Kulturen gibt, die sich unterschiedlich entwickeln. Er kritisiert den Kolonialismus und das gewaltsame Eingreifen in die Entwicklung einer Kultur, da seiner Auffassung nach jede Kultur das Recht auf ihre eigene, freie Entwicklung hat. Dementsprechend könnte man Herder als Vordenker des Kulturrelativismus sehen. Für ihn ist die Vielfalt der Kulturen keineswegs negativ, weshalb er sich gegen eine Angleichung dieser ausspricht (Berlin 2009: 31). In dieser Hinsicht sind seine Ansätze äußerst progressiv, allerdings übersieht der Kulturbegriff nach Herder auch einige kulturelle Aspekte, auf die ich im Folgenden eingehen möchte. Die Fragestellung, die ich zu beantworten versuche, ist, welche zentralen Merkmale des klassischen Kulturbegriffes problematisch für die Vorstellung von Kultur sind.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das Wesen der Kultur
3. Die „drei Momente“
3.1 Die „ethnische Fundierung“
3.2 Die „soziale Homogenisierung“
3.3 Die „interkulturelle Abgrenzung“
4. Das Eigene und das Fremde
5. Fazit
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht kritisch das klassische Verständnis von Kultur als homogene Einheit. Im Zentrum steht dabei die Frage, welche zentralen Merkmale dieses überkommenen Kulturbegriffs problematisch für eine zeitgemäße Vorstellung von Kultur sind und inwiefern sie zur Ausgrenzung des „Anderen“ beitragen.
- Kritische Analyse des klassischen Kulturbegriffs nach Herder
- Die Problematik der „drei Momente“: Ethnische Fundierung, soziale Homogenisierung und interkulturelle Abgrenzung
- Konstruktion des „Eigenen“ durch die Abgrenzung zum „Fremden“
- Kritik an statischen, essentialistischen und holistischen Kulturvorstellungen
- Bedeutung der Dynamik und Prozesshaftigkeit von Kultur gegenüber dem „Kugelmodell“
Auszug aus dem Buch
3.1 Die „ethnische Fundierung“
Die „ethnische Fundierung“ meint, dass der Mittelpunkt der Kultur, beziehungsweise das Zentrum des Volkes, die gemeinsame Ethnie ist. Diese prägt, neben der Sprache und der Religion, das Wesen der Kultur. Im Verständnis der Kultur als homogenen Einheit wird ihr Inhalt als „ethnisch homogen“ bestimmt, jede Kultur ist also die Kultur genau eines Volkes mit einer gemeinsamen Herkunft (Kohl 2013: 23-24).
Diese Vorstellung der ‚Reinheit‘ eines Volkes bezeichnet Welsch als „hochgradig imaginär und fiktiv“ (1994: Kap. I.2.b.bb). Er kritisiert, dass in diesem Kulturverständnis, trotz jeglicher historischer Gegenbeweise, behauptet wird, es gebe einen ethnisch homogenen Kern (ebd.: Kap. I.2.b.bb).
Diese vermeintlich natürliche homogene Ethnie eines Volkes wird oft von rassistischen Bewegungen aufgenommen und zur Legitimation ihrer Ansichten benutzt. Doch das Konzept der Ethnie, welches auch immer stärker als Ersatz für den Begriff der „Rasse“ verwendet wird, ist ausschließlich konstruktivistisch und somit ein rein fiktives Gebilde (Kohl 2013: 24).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in das Verständnis von Kultur als homogene Einheit und Formulierung der Forschungsfrage hinsichtlich der problematischen Merkmale des klassischen Kulturbegriffs.
2. Das Wesen der Kultur: Auseinandersetzung mit dem Herder’schen Volksgeist-Konzept und Kritik an der damit verbundenen statischen Auffassung von Kultur als unveränderbarem Wesenskern.
3. Die „drei Momente“: Analyse der drei zentralen Pfeiler des klassischen Kulturbegriffs – ethnische Fundierung, soziale Homogenisierung und interkulturelle Abgrenzung – sowie ihrer problematischen Auswirkungen.
3.1 Die „ethnische Fundierung“: Untersuchung der fiktiven Vorstellung eines ethnisch homogenen Kerns und dessen Instrumentalisierung.
3.2 Die „soziale Homogenisierung“: Erörterung, wie das Streben nach kultureller Einheit gesellschaftliche Diversität unterdrückt und Subkulturen ausblendet.
3.3 Die „interkulturelle Abgrenzung“: Kritik am „Kugelmodell“ von Kulturen, das als statisches Abgrenzungsinstrument den realen Austausch zwischen Menschen ignoriert.
4. Das Eigene und das Fremde: Untersuchung der künstlichen Konstruktion von Fremdheit als Mittel zur Definition des „Eigenen“ und der damit verbundenen extremistischen Abgrenzungsmechanismen.
5. Fazit: Zusammenfassung der Kritik an einem statischen, essentialistischen Kulturbegriff und Plädoyer für ein dynamisches Kulturverständnis, das den andauernden Prozess des kulturellen Wandels anerkennt.
Schlüsselwörter
Kultur, Homogenität, Herder, Volksgeist, ethnische Fundierung, soziale Homogenisierung, interkulturelle Abgrenzung, Kugelmodell, Identität, das Eigene, das Fremde, Konstruktivismus, Kulturwandel, Essentialismus, Transkulturalität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit setzt sich kritisch mit dem klassischen Verständnis von Kultur als abgeschlossener, homogener Einheit auseinander und hinterfragt dessen heutige Relevanz.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind das Herder’sche Kulturverständnis, die Konstruktion von Identität, der Umgang mit dem „Fremden“ und die Kritik an statischen Kugelmodellen in der Kulturtheorie.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, warum die klassischen Merkmale des Kulturbegriffs – insbesondere Homogenität und Abgrenzung – problematisch sind und wie sie zur ideologischen Ausgrenzung genutzt werden können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine theoretische Analyse und Literaturarbeit, in der bestehende kulturwissenschaftliche Theorien von Autoren wie Welsch, Schiffauer und Herder vergleichend betrachtet werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der drei „Momente“ (ethnische Fundierung, soziale Homogenisierung, interkulturelle Abgrenzung) sowie eine Analyse der Dichotomie von Eigenem und Fremdem.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Kultur, Homogenität, das Kugelmodell, Identität, Konstruktivismus und das Eigene bzw. das Fremde.
Wie unterscheidet sich das „Kugelmodell“ von der gelebten Realität?
Während das Kugelmodell Kulturen als statische, in sich geschlossene Inseln ohne Austauschmöglichkeit definiert, zeigt die Realität, dass Kulturen dynamisch verflochten sind und durch ständigen Austausch Grenzen verschwimmen.
Warum wird der Begriff des „Volksgeistes“ in der Arbeit als problematisch eingestuft?
Der Volksgeist-Begriff suggeriert einen unveränderbaren Wesenskern, der menschliches Handeln und den natürlichen gesellschaftlichen Wandel außer Acht lässt und Kultur als starres Gesetz darstellt.
Welchen Bezug stellt die Arbeit zu aktuellen politischen Diskursen her?
Die Arbeit weist darauf hin, dass die Abgrenzung des Eigenen vom Fremden oft als Instrument für extremistische Denkweisen genutzt wird, um eine klare, exklusive Identität zu fordern.
Inwiefern spielt der „Rückblick“ bei der Wahrnehmung von Kultur eine Rolle?
Die Arbeit verdeutlicht mittels Schiffauer, dass wir Kultur oft nur im synthetischen Rückblick als starre Struktur wahrnehmen, dabei jedoch den eigentlichen, lebendigen „Akt des Setzens“ übersehen.
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- Anonym (Author), 2021, Kultur als homogene Einheit. Eine kritische Auseinandersetzung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1169276