Wortbildungen können zum einen danach analysiert werden, nach welchen Regularitäten bereits lexikalisierte Wortbildungsprodukte gebildet wurden. Zum anderen besteht aber auch die Möglichkeit, Wortneubildungen als nicht lexikalisierte Einheiten im Text zu untersuchen. Dies hat den Vorteil, textspezifische Wortbildungsverfahren, die sonst durch den Prozeß der Lexikalisierung bereits verblaßt sind, anhand der semantischen Strukturen im Vor- oder Nachtext verdeutlichen zu können und auf ihre kommunikativen Funktionen zu hinterfragen. Dies ist nach MATUSSEK (1994, 13) in Abgrenzung zur strukturellen Beschreibung (bzw. als Ergänzung zu dieser) von Wortbildung zu betrachten. Die Wortbildungsanalyse bereits lexikalisierter Lexeme in Texten ist aus dieser (funktionalen) Perspektive demnach lediglich als ein Phänomen der "Wort-Wahl" und nicht der "Wort-Bildung" (HOHENHAUS 1996, 259) beschreibbar.
Wortneubildungen (im Text) sind allerdings im Gegensatz zu der eher ko- und kontextfreien Betrachtung lexikalisierter WBK nur im Zusammenhang zur sonstigen Diskursorganisation angemessen zu beschreiben, da sie in deren Strukturen eingebettet sind:
"Wortneubildungen sind (…) Produkte eines Sprechers oder Schreibers, der sich damit an die Adresse eines Hörers oder Lesers richtet. Der Sprecher macht sich dabei dem Hörer nur dann verständlich, wenn er sich im Akt der individuellen Wortneubildung an die Bauelemente und Baugesetze hält, die in der Sprachgemeinschaft kollektiv verwendet werden" (MATUSSEK 1994, 9).
Und "damit der Bildungsprozeß nachvollzogen werden kann, [müssen] diese Wortneubildungen im Zusammenhang mit ihrem Entstehungskontext behandelt [werden], da der Verlauf des Textprozesses belegbaren Aufschluß über den Bildungsprozeß eines neuen komplexen Lexems geben kann" (Matussek 1994, 32).
Neben der besonderen Berücksichtigung des diskurs-strukturellen Zusammenhangs, ist aus semantisch-konzeptueller Perspektive eine Einschränkung der Wortbildungsanalyse auf den ersten Ableitungsschritt vom Basislexem zur erweiterten Bildung notwendig (vgl. RICKHEIT 1993, 46). Dies hat seine Ursache in der Interferenz lexikalischer und struktureller (morphologischer) Wortbildungsprozesse. [...]
Inhaltsverzeichnis
1 Einführung: Struktureller vs. Funktionaler Zugriff
2 Das Material
3 Allgemeine Tendenzen der WNB im Kontext von Computermedien
4 Spezifizierende Klassifikation zur Herstellung 'eindeutiger' Referenz
4.1 Anaphorische Pronominalisierung
4.2 Kataphorische Pronominalisierung
4.3 Visuelle Pronominalisierung
4.4 Zusammenfassung
5 Benennung mittels Analogie, Metapher und 'Platzhalter'
5.1 Funktions-analoge Übertragungen
5.2 Metaphern
5.3 'Platzhalter' und Wortfindungsprozesse
6 Zusammenfassung mittels 'Dummy-compounds'
7 Zusammenfassung
8 Transkriptsiglen
9 Literatur
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die funktionalen Aspekte von Wortneubildungen (WNB) in Transkripten von Gesprächen über Computermedien, um zu klären, welche Rolle diese Bildungen im Aneignungsprozess und bei der Bewältigung von Kommunikationssituationen spielen.
- Analyse funktionaler Wortbildungsstrategien im Computerkontext
- Untersuchung der Referenzherstellung durch anaphorische, kataphorische und visuelle Pronominalisierung
- Rolle von Analogien und Metaphern bei der Wissensvermittlung
- Einsatz von 'Platzhaltern' zur Überbrückung von Wortfindungsproblemen
- Bedeutung der funktionalen Einbettung von Wortneubildungen in den Diskurs
Auszug aus dem Buch
1 Einführung: Struktureller vs. Funktionaler Zugriff
Wortbildungen können zum einen danach analysiert werden, nach welchen Regularitäten bereits lexikalisierte Wortbildungsprodukte gebildet wurden. Zum anderen besteht aber auch die Möglichkeit, Wortneubildungen als nicht lexikalisierte Einheiten im Text zu untersuchen. Dies hat den Vorteil, text-spezifische Wortbildungsverfahren, die sonst durch den Prozeß der Lexikalisierung bereits verblaßt sind, anhand der semantischen Strukturen im Vor- oder Nachtext verdeutlichen zu können und auf ihre kommunikativen Funktionen zu hinterfragen. Dies ist nach MATUSSEK (1994, 13) in Abgrenzung zur strukturellen Beschreibung (bzw. als Ergänzung zu dieser) von Wortbildung zu betrachten. Die Wortbildungsanalyse bereits lexikalisierter Lexeme in Texten ist aus dieser (funktionalen) Perspektive demnach lediglich als ein Phänomen der "Wort-Wahl" und nicht der "Wort-Bildung" (HOHENHAUS 1996, 259) beschreibbar.
Wortneubildungen (im Text) sind allerdings im Gegensatz zu der eher ko- und kontextfreien Betrachtung lexikalisierter WBK nur im Zusammenhang zur sonstigen Diskursorganisation angemessen zu beschreiben, da sie in deren Strukturen eingebettet sind:
"Wortneubildungen sind (...) Produkte eines Sprechers oder Schreibers, der sich an die Adresse eines Hörers oder Lesers richtet. Der Sprecher macht sich dabei Hörer nur dann verständlich, wenn er sich im Akt der individuellen Wortneubildung an die Bauelemente und Baugesetze hält, die in der Sprachgemeinschaft kollektiv verwendet werden" (MATUSSEK 1994, 9).
Und "damit der Bildungsprozeß nachvollzogen werden kann, [müssen] diese Wortneubildungen im Zusammenhang mit ihrem Entstehungskontext behandelt [werden], da der Verlauf des Testprozesses belegbaren Aufschluß über den Bildungsprozeß eines neuen komplexen Lexems geben kann" (MATUSSEK 1994, 32).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einführung: Struktureller vs. Funktionaler Zugriff: Erläutert den methodischen Ansatz, Wortneubildungen funktional im Diskurskontext anstatt nur strukturell-morphologisch zu betrachten.
2 Das Material: Beschreibt die Datenbasis bestehend aus 35 Transkripten von Gesprächen über den Umgang mit Computermedien.
3 Allgemeine Tendenzen der WNB im Kontext von Computermedien: Analysiert die Beobachtung, dass trotz Erwartungen nur eine geringe Anzahl tatsächlicher Neubildungen auftritt.
4 Spezifizierende Klassifikation zur Herstellung 'eindeutiger' Referenz: Untersucht Strategien der Referenzherstellung durch verschiedene Pronominalisierungstypen.
5 Benennung mittels Analogie, Metapher und 'Platzhalter': Behandelt Strategien zur Vermittlung komplexer Sachverhalte durch Übertragung bekannter Modelle auf den virtuellen Raum.
6 Zusammenfassung mittels 'Dummy-compounds': Diskutiert die Verwendung von Bildungen wie -ding als text-deiktische Verweisform.
7 Zusammenfassung: Reflektiert die Ergebnisse und betont die Verbindung von morphologischen und funktionalen Analyseansätzen.
8 Transkriptsiglen: Listet die verwendeten Kurzzeichen für die Transkripte der Gesprächspartner auf.
9 Literatur: Bietet ein Verzeichnis der herangezogenen wissenschaftlichen Quellen.
Schlüsselwörter
Wortneubildungen, Computermedien, Pronominalisierung, Referenzherstellung, Sprachaneignung, Metaphern, Funktions-analoge Übertragungen, Platzhalter, Wortfindungsprozesse, Dummy-compounds, Diskursorganisation, Morphologie, Lexikalisierung, Kommunikationssituation, Wortbildungsanalyse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Sprecher in Gesprächen über Computermedien neue Wörter (Wortneubildungen) bilden, um Sachverhalte verständlich zu machen oder Referenzen im Gesprächsverlauf herzustellen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Fokus stehen die funktionale Einbettung von Wortneubildungen, die Referenzherstellung, der Einsatz von Analogien und Metaphern sowie Strategien zur Wortfindung in technisierten Kommunikationsumgebungen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es zu klären, welche spezifischen Funktionen Wortneubildungen im Aneignungsprozeß von Computermedien erfüllen und wie sie zur Gestaltung der Diskursorganisation beitragen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine funktionale Wortbildungsanalyse angewandt, die über rein strukturelle morphologische Ansätze hinausgeht und die Einbettung der Bildungen in den situativen Entstehungskontext berücksichtigt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert Klassifikationen zur Referenzherstellung (anaphorisch, kataphorisch, visuell) sowie Bildungsmechanismen wie Analogie, Metaphorisierung und die Verwendung von Platzhaltern.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Wortneubildungen, Referenzherstellung, Computermedien, funktionale Einbettung, Pronominalisierung, Metaphorik und diskursive Strategien.
Welche Rolle spielt die visuelle Pronominalisierung in der Arbeit?
Die Arbeit zeigt, dass Wortneubildungen wie "suchfenster" dazu dienen, auf visuelle Elemente des Computerbildschirms zu referieren, wenn diese nicht explizit benannt oder im vorherigen Text eingeführt wurden.
Warum werden Platzhalter wie "-ding" in der Analyse betrachtet?
Platzhalter dienen als Strategie zur Überbrückung von Wortfindungsproblemen, wenn der Sprecher unsicher hinsichtlich der exakten Klassifikation eines Objektes oder einer Funktion ist.
- Quote paper
- Jana Kullick (Author), 1998, Funktionale Wortbildungsanalyse - Ad-Hoc-Wortbildung in Texten zur Aneignung von Computermedien, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/11701