Die Masuren in der Republik Polen 1920 - 1939: Das Soldauer Gebiet


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008
21 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Erste Weltkrieg und seine Folgen
2.1. Die Kriegsereignisse
2.2. Der Versailler Friedensvertrag in Bezug auf Masuren

3.Allgemeiner Zustand in Masuren und Polen bis
3.1. Die innenpolitische Situation
3.2. Die Situation in den masurischen Abstimmmungsgebieten

4. Die Masuren im Soldauer Gebiet
4.1. Letzte Versuche zur Abwendung der Versailler Entscheidung
4.2. Maßnahmen für die polnische Assimilation der Masuren
4.3. Der Kampf zwischen der evangelischen und der katholischen Kirche im Prozess der nationalen Selbstbestimmung der Masuren
4.4. Politisch-administrative Maßnahmen zur Unterdrückung des deutschen Charakters der Masuren
4.5. Die deutschen Bestrebungen für die Rückgewinnung des Soldauer Gebietes

5. Die Masuren von 1933 bis zum Anfang des Zweiten Weltkriegs
5.1. Die Maßnahmen der nationalsozialistischen deutschen Regierung
5.2. Die Auswirkungen der NS-Politik in dem Soldauer Gebiet

6. Fazit

Literaturangabe:

Weitere Literatur:

1. Einleitung

Die Region, die bis heute als Masuren bekannt ist, wurde im 14. Jahrhundert besiedelt. Ein erheblicher Teil der Siedler bestand aus Mazowier und daher kommt auch der Name „Mazur“. Die Einsiedlung neuer Gebiete im polnischen Reich war ein Bruch in der bisher zentralisierten polnischen Monarchie. Zu dieser Zeit wurden die neuen Siedler mit vielen Privilegien angenommen, was aber gleichzeitig zu immer steigender sozialer Differenzierung führte. Besonders die Einwanderer aus dem Westen brachten mit sich noch kulturelle und religiose Unterschiede zu den Polen.[1] Genauso war der Fall auch im Einsiedlungsgebiet der Masuren. Nach der kirchlichen Trennung und der Anerkennung des Protestantismus im Jahr 1525 bildeten die Einwohner dieses Gebiets eine geschlossene evangelische und meistens durch die westliche Kultur geprägte Gesellschaft. Die masurische Sprache stammt anfänglich aus der masowisch-polnischen Sprache. Die zukünftige Entwicklung der Sprache ist aber bis heute ein Streitthema aus linguistischer Sicht. In seinem Buch „Polish-speaking Germans Language and National Identity among the Masurians since 1871“ betrachtet der Autor Richard Blanke die masurische Sprache immerhin als einen polnischen Dialekt. Andere Autoren, wie z. B Reinhold Weber in seinem Buch „Masuren – Geschichte, Land und Leute“ sind doch der Meinung, dass aufgrund der vielen deutschen Elemente, die zeitgemäß hinzugefügt wurden, zählt sie nicht mehr zu den polnischen Dialekten, sondern kann als eine eigene Sprache slawischer Herrkunft bezeichnet werden. Bis zur Teilung Polens im Jahr 1772 war Masuren ein Teil Masowiens, danach Preußens.

Das Soldauer Gebiet wurde nach Angaben von Reinhold Weber um das Jahr 1360 besiedelt[2]. Nach der Meinung der masurischen Publizistin Emilia Sukertowa-Biedrawina hat die Besiedlung der Region noch um das Jahr 1299 stattgefunden.[3] Auf jeden Fall war die Region nie vorher polnisches Territorium. Als preußisches Gebiet freute es sich über eine religiöse Tolleranz, worauf auch die Böhmische Brüdergemeinden in Soldau, Gilgenburg, Hohenstein und Neidenburg, die kurzfristig seit 1548 existierten, deuteten.

Im 18. Jahrhundert als Folge der Spannungen zwischen Katholiken und Evangelisten wurde die Soldauer Kirche repariert, sodass sie als ein starkes evangelisches Zeichen Masurens dienen konnte und die andere, von polnischen Grundbesitzern gegründeten katholischen Kirchen im selben Amt, sowie das ganze Polen gegenüberstehen sollte.

Die Verbreitung der deutschen Sprache in der Region im 18. Jahrhundert stand unter einer, von der Soldauer Kirchenarchiven herausgehenden klaren Trennung: Die Gutsbesitzer und die Bürgerschaft Soldaus besuchten die deutschen Gottesdienste, die armen Leute, das Gesinde und die Bauern dagegen – die polnische.[4]

Im 19. Jahrhundert bekam die Region einen vor allem deutschen Charakter. Die bürgerliche Klasse entwickelte sich nach deutschen Vorbildern, die Stadt Soldau verfügte über ein Missionshilfsverein, Handwerkerverein, Kirchenchor, Radfahrerverein, Tennisklub und Vaterländischen Frauenverein u.s.w. Vor dem Ersten Weltkrieg war der Soldauer Kriegerverein der größte der Stadt.

Daher ist das Ziel dieser Arbeit die weitere Geschichte Masurens und insbesondere des Gebiets Soldau bis zum Zweiten Weltkrieg zu zeigen.

2. Der Erste Weltkrieg und seine Folgen

2.1. Die Kriegsereignisse

Während des Ersten Weltkriegs wurden die deutschen Assimilierungsprozesse in Masuren noch mehr beschleunigt, indem die masurische Bevölkerung von Deutschland die ganze Zeit eine starke Hilfe und Schutz bekam.[5] Für die verwüsteten Ostpreußischen Territorien wurden spezielle Organisationen, wie „Ostpreußenhilfe. Verband Deutscher Kriegshilfsvereine für zerstörte ostpreußische Städte und Ortschaften“ eingerichtet, die zahlreiche Spendensammlungen gebracht hatte. Die aus mittel- und westdeutschen Städten bestehenden sogenannten Kriegspatenschaften übernahmen die Verantwortung zum Wiederaufbau mancher masurischen Städte. Alle diese Aktionen sollten die Solidarität Deutschlands mit den ostpreußischen Territorien zeigen und die Verbundenheit zwischen den beiden möglichst viel stärken. Aus masurischer Sicht deutete der schnelle Wiederaufbau der Städten darauf, dass im Unterschied zu Polen das Deutsche Reich das Vermögen für solche Aktionen hatte.

Zugleich wurde die deutsche Sprache innerhalb Masuren weiter verbreitet. Das geschah dadurch, dass Masuren und Deutsche während der Kriegshandlungen in gemeinsamen Schutzgraben lagen, viele deutsche Kämpfer in den masurischen Häusern Unterkunft fanden, Leute aus dem Land wurden in deutschsprachige Regionen evaquiert. Nach der Befreiung Masurens wurden dort arme deutsche Kinder zur Erholung geschickt.

Die Maßnahmen brachten aber auch schwere Nachteile mit sich, indem die Einquartierungen der deutschen Soldaten die sowieso arme Region weiter belasteten. Die wirtschaftliche Krise nahm täglich zu, wiel das Getreide für die gesamte Bevölkeurng, Soldaten und Vieh nicht ausriechend war. Die Not stieg so sehr, dass es im Winter 1916-17 sogar zu Durchsuchungen nach Getreide und Waffengewalt kam.

Trotz der Krise und der Not wurde das deutsche Ziel zur masurischen Assimilierung erreicht. Wie Andreas Kossert das Resultat wunderbar beschrieben hat: „Die letzten Reste des vornationalen preußischen Bewusstseins fielen nun dem gesamtdeutschen Patriotismus zum Opfer“.[6]

2.2. Der Versailler Friedensvertrag in Bezug auf Masuren

Am Ende des Krieges mussten die umstrittenen Territorien neu aufgeteilt werden und eine der wichtigsten Aufgaben des Versailler Komitees war die Aufteilung der Masurischen Gebiete, die zu einem großen Streitpunkt während der Parisier Friedenskonferenz geworden sind. Aufgrund des deutschen Selbstbewusstseins der masurischen Bevölkerung und ihrer langzeitigen Zugehörigkeit zu dem deutschen Reich wurde die offizielle deutsche Position 1918 in Paris, dass man kaum über eine polnische Nationalbewegung in Masuren sprechen kann, je weniger für eine polnische Frage bezüglich dieser Region.[7] Als Beweise dafür wurden die Wahlresultate dort, wo es leicht zu merken ist, dass die polnischen Kandidaten außer Acht gelassen wurden. Dieser Position zum Trotz beanspruchte Polen ihre gesamten Territorien, die nach der Teilung von 1772 von ihm genommen wurden, und zusätzlich Oberschlesien und Masuren. Vor der finalen Entscheidung wurde die masurische Frage zu einem Streitthema aller Teilnehmer nn der Konferenz. England war das einzige Land, dass aufgrund der nichtbestimmten Nationalität der Bevölkerung eine Abstimmung vorgeschlagen hat. Frankreich dagegen war der Meinung, dass Polen die Gebiete aufgrund der sprachlichen Ähnlichkeit direkt bekommen sollte. Letzten Endes wurden Ostpreußen und Oberschlesien zu Abstimmungsgebieten erklärt .

Die endgültige Entscheidung für die polnische Grenzfrage in Versaill war auch ein Ergebnis der Interpretation der „Vierzehn Punkte“ vom amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson, nach der Polen Zugang zum Meer bekommen sollte.[8] Deswegen wurde das Soldauer Gebiet im Unterschied zu den anderen masurischen Gebieten ohne Abstimmung abgetrennt. Obwohl Polen am Anfang als wichtigsten Grund vorgeben wollte, dass in diesem Gebiet meistens Bevölkerung polnischen Bewusstseins lebte, war der eigentliche Hintergrund ihrer Ansprüche die wichtige Bahnlinie Danzig-Marienburg-Mlawa-Warschau, die durch die Stadt Soldau fuhr und Polens Meinung nach unter seiner Regierung fallen musste.[9] Die restliche Soldauer Region war zwar von keinem Interesse für Polen aber die Stadt selbst war ein wichtiger strategischer Punkt in den Verhandlungen, weil die bereits erwähnte Bahnlinie zwar nicht die einzige nach Danzig fahrende war, war aber die einzige die über die ostpreußischen Abstimmungsgebiete fuhr. Das polnische Verhandlungskomitee war sich im Klaren, sowohl dass die Soldauer Bevölkerung tatsächlich nicht propolnisch orientiert war, als auch dass, wegen der geringen Agitationsfähigkeit die Abstimmungsregionen in deutsche Hände fallen würden, deswegen war der Erhalt Soldaus von besonderer Bedeutung unbeachtet der Zugehörigkeit der Masuren. Für die Entscheidung der Versailler Kommission war auch die Tatsache, dass die einzigen jedoch spekulativen Angaben für die polnische Zugehörigkeit der Bevölkerung von den polnischen Gesandten kamen und die deutsche Meinung gar keine Rolle gespielt hatte von großer Wichtigkeit. Aus diesem Grund wurde die Entscheidung zur Abtrennung des Gebiets leicht getfoffen und dieser wichtigen Region wurde praktisch eine geringe Bedeutung beigemessen. Sie sicherte Polen aber sowohl den Meereszugang , als auch die Verbindung zu den Abstimmungsgebieten. Am 17. Januar 1920 trat sie in polnischen Händen.

3.Allgemeiner Zustand in Masuren und Polen bis 1933

3.1. Die innenpolitische Situation

Noch vor und während des Ersten Weltkriegs zeichneten sich in Polen zwei unterschiedliche politische Strömungen ab. Einerseits stand die national-katholische Nationaldemokratie („Endecija“) die im Grunde eine komplette bürgerliche und religiose Polnisierung der gesamten Bevölkerung auf polnischem Territorium erzielte, darunter standen auch die Masuren . Noch vor dem Ersten Weltkrieg waren ihre Vertreter tief überzeugt, dass jeder Masur ethnisch gesehen ein Pole ist und es ist nur eine Frage der Zeit, bis er das feststellt, und der leichteste Weg der Überzeugung die polnische Regierung in Masuren sei.[10] Ihnen war der Gewinn der preußischen Territorien auf Grund der ethnischen Zugehörigkeit der Masuren am wichtigsten. Nach dem Krieg setzten sie ihre nationalistischen Bestrebungen fort, wobei die schnelle kulturelle und religiose Assimilation der deutschgesinnten Masuren als Hauptziel stand. Ihre Maßnahmen waren aber eher totalitär, indem die regionale alltägliche und kulturelle Besonderheiten aller Minderheiten komplett außer Acht gelassen wurden, der Schwerpunkt in der religiösen Zugehörigkeit der Bevölkerung lag und der Druck zur Katholisierung bildete noch eine tiefere Grenze zwischen polnisch und masurisch-deutsch. Ihr Motto lautete, dass „Nur ein Katholik kann ein guter Pole sein“[11].

Auf der anderen Seite stand die sozialdemokratische Partei („Sanacija“) mit Josef Pilsudski. Pilsudski selber legte 1918 größten Wert auf den Gewinn der östlichen Gebiete und war der Meinung, dass der schnellste Weg zur polnischen Unabhängigkeit der Kampf gegen Russland war. Im Unterschied zu der „Endecija“ schätzte er aber objektiv die kulturelle und politische Verbundenheit der Bevölkerung in den preußischen Territorien mit Deutschland und sah den potenziellen Verbleib der Abstimmungsregionen bei Deutschland vor. Seiner Meinung nach war die ethnische Abstammung der Masuren kein ausreichender Grund, um die Gebiete wieder zu bekommen.

Während des Versailler Vertrags erreichte Pilsudski doch auch die Teilnahme von Roman Dmowski, des damaligen Vorsitzenden der Nationaldemokraten mit der Hoffnung, dass sie beide, mit deren unterschiedlichen Ansichten mehr Raum für die Wiederherstellung des polnischen Staates gewinnen konnten.[12]

[...]


[1] Jaworski, Rudolf; Lübke, Christian; Müller, Michael G: Eine kleine Geschichte Polens (Frankfurt am Mein, 2000) – s. 119

[2] Weber, Reinhold: Masuren. Geschichte – Land und Leute (Leer, 1983)

[3] Gause, Fritz: Geschichte des Amtes und der Stadt Soldau (Marburg/Lahn, 1959) – s. 1

[4] Kossert, Andreas: Masuren. Ostpreußens vergessener Süden (Berlin, 2001) - s.112

[5] Blanke, Richard: Polish-speaking Germans? National Identity among the Masurians since 1871 (Köln, 2001) - s.115

[6] Kossert, Andreas: Preußen, Deutsche oder Polen? Die Masuren im Spannungsfeld des ethnischen Nationalismus 1870 – 1956 (Wiesbaden, 2001) - s. 241

[7] Blanke, Richard: Polish-speaking Germans? National Identity among the Masurians since 1871 (Köln, 2001) -s.120

[8] Krzoska, Markus; Tokarski, Peter (Hg.): Die Geschichte Polens und Deutschlands im 19. und 20. Jahrhundert (Osnabrück, 1998) - s.104

[9] Gause, Fritz: Geschichte des Amtes und der Stadt Soldau (Marburg/Lahn, 1959) - s.343

[10] Blanke, Richard: Polish-speaking Germans? National Identity among the Masurians since 1871 (Köln, 2001) - s. 66

[11] Kossert, Andreas: Masuren. Ostpreußens vergessener Süden (Berlin, 2001) - s. 287

[12] Ebenda - s. 283

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Die Masuren in der Republik Polen 1920 - 1939: Das Soldauer Gebiet
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
1,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
21
Katalognummer
V117045
ISBN (eBook)
9783640192076
ISBN (Buch)
9783640192168
Dateigröße
482 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Masuren, Republik, Polen, Soldauer, Gebiet
Arbeit zitieren
Evelina Kirilova (Autor), 2008, Die Masuren in der Republik Polen 1920 - 1939: Das Soldauer Gebiet, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/117045

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Masuren in der Republik Polen 1920 - 1939: Das Soldauer Gebiet


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden