Diese Masterarbeit geht der Fragestellung nach: Wie stehen die Lehrpersonen zu dem Anspruch des Wortzeugnisses: Empfinden sie das Verfassen des Wortzeugnisses als belastend beziehungsweise in welchem Bereich sehen sie die meisten Probleme? Ergänzend zu dieser Fragestellung wird außerdem untersucht, welche Informationen die Lehrer für das Verfassen des Wortzeugnisses nutzen und wie diese organisatorisch festgehalten werden. Folglich kann ein Bild davon entwickelt werden, wie die Grundschullehrkräfte das Wortzeugnis im Schulalltag wahrnehmen.
Bevor in einer praktischen Lehrerbefragung die Einstellung der Lehrpersonen zum Anspruch des Wortzeugnisses genauer untersucht werden kann, muss zunächst der Anspruch des Wortzeugnisses auf Basis der theoretischen Forschungsliteratur analysiert werden. Als erstes wird der Frage nachgegangen, wie das Wortzeugnis entstanden ist (Kapitel 1), welche inhaltlichen Standards diesem in Lehrplan und Schulgesetz zugrunde gelegt werden (Kapitel 2) und wie diese in der pädagogischen Debatte eingeschätzt werden (Kapitel 3). Daraufhin wird die Perspektive der inhaltlichen Anforderungen an ein Wortzeugnis erweitert, indem auf Ansprüche im Bereich der Diagnostik eingegangen wird (Kapitel 4).
Außerdem wird berücksichtigt, dass im persönlichen Austausch mit den Adressaten des Wortzeugnisses ebenfalls Erwartungen an das Wortzeugnis und demzufolge auch an die Lehrkraft gerichtet werden (Kapitel 5). Letztere deuten möglicherweise bereits Probleme in der praktischen Umsetzung des Wortzeugnisses im Berufsalltag der Lehrpersonen an, die unter Einbezug des Forschungsstandes im nachfolgenden Kapitel konkretisiert werden (Kapitel 6). Wie die Einstellung der Lehrkräfte zum Anspruch des Wortzeugnisses im Rahmen der eigenen Untersuchung ist, kann daran anknüpfend detaillierter erforscht werden (Kapitel 7). Die eigene Untersuchung basiert auf der quantitativen Methode des Fragebogens, die die emotionale Reaktion der Lehrpersonen auf die eingangs vorgestellten Anforderungen einfangen soll.
Inhaltsverzeichnis
1 Die Entwicklung des Wortzeugnisses
2 Aktuelle Situation – formale und inhaltliche Grundlagen des Wortzeugnisses
3 Diskussion
3.1 Pro-Argumente des Wortzeugnisses
3.2 Contra-Argumente des Wortzeugnisses
4 Die Diagnostik als Grundlage des Wortzeugnisses
4.1 Psychologische Diagnostik: Das Wortzeugnis und Urteilsfehler
4.2 Pädagogische Diagnostik in Bezug auf das Wortzeugnis
4.2.1 Bezugsnormorientierung und Informationssammlung
4.2.2 Beobachtungsdokumentation
5 Das Wortzeugnis und die Erwartungen der Adressaten
5.1 Ansprüche der Schülerinnen und Schüler an ein Wortzeugnis
5.2 Ansprüche der Eltern an ein Wortzeugnis
6 Forschungsstand: Das Wortzeugnis aus der Perspektive der Lehrkräfte
7 Die eigene Untersuchung
7.1 Zwischenfazit und Folgerungen für die eigene Untersuchung
7.2 Fragestellungen der eigenen Untersuchung
8 Methodisches Vorgehen der eigenen Untersuchung
8.1 Der inhaltliche Aufbau des Fragebogens
8.2 Die Konstruktion des Fragebogens
8.3 Methodik der Fragebogenauswertung
9 Informationen zur Erhebung
9.1 Stichprobengröße und Rücklaufquote
9.2 Die Berufssituation der befragten Lehrer
10 Auswertung der Ergebnisse
10.1 Einstellung zum Wortzeugnis und zur Belastung
10.3 Einstellung zum Anspruch des Wortzeugnisses
10.3.1 Inhaltlicher Anspruch
10.3.2 Anspruch der Adressaten
10.3.3 Diagnostischer Anspruch
10.3.4 Der Problembereich der größten Zustimmung
10.3.5 Auswertung der Extrema
10.4 Umgang mit dem diagnostischen Anspruch des Wortzeugnisses
10.4.1 Mittel der Informationsgewinnung
10.4.2 Mittel der Informationsdokumentation
10.4.3 Sonstige Hilfsmittel für die Informationsdokumentation
11 Interpretation der Ergebnisse
12 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Masterarbeit untersucht die Einstellungen von Grundschullehrkräften zum Anspruch von Wortzeugnissen. Ziel ist es, die Belastung der Lehrpersonen beim Verfassen dieser Zeugnisse zu eruieren, die bevorzugten diagnostischen Methoden zu identifizieren und aufzuzeigen, in welchen Bereichen (inhaltlich, adressatenbezogen oder diagnostisch) die Lehrkräfte die größten Herausforderungen wahrnehmen.
- Historische Entwicklung und aktuelle Situation des Wortzeugnisses in der Primarstufe
- Pro- und Contra-Argumente im fachwissenschaftlichen Diskurs
- Psychologische und pädagogische Diagnosekompetenz von Lehrkräften
- Erwartungshaltungen von Eltern sowie Schülerinnen und Schülern an das Wortzeugnis
- Empirische Untersuchung mittels Fragebogen zur Erhebung der Einstellung und Praxis von Lehrkräften
Auszug aus dem Buch
4.1 Psychologische Diagnostik: Das Wortzeugnis und Urteilsfehler
Das Ziel von psychologischer Diagnostik ist es, interindividuelle Differenzen oder intraindividuelle Charakteristika und Veränderungen von Personen oder einer Personengruppe zu erfassen, um zukünftiges Verhalten zu prognostizieren (Vgl. Beauducel/Leue 2014: 21). Im Diagnoseprozess, der dem Wortzeugnis vorangeht, hat die Lehrperson die Verantwortung, die zu diagnostizierenden Individuen, also die Schülerinnen und Schülern, vor einer übertriebenen oder verfälschten Fremdzuschreibung von Merkmalen zu schützen (ebd.: 15). Aus den in der psychologischen Diagnostik quantitativ erforschten Urteilsfehlern sind die Interferenzen im Urteil wichtige Verzerrungseffekte, da sie bei der Entwicklung eines merkmalsorientierten Wortzeugnisses entscheidend sind.
Interferenzen sind Voreingenommenheiten im Urteil, die sich beispielsweise in Form von premature closure oder confirmation bias (ebd.: 61), logischen Fehlern oder auch Halo-Effekten widerspiegeln (vgl. Sacher 1996: 39 f.). In der psychologischen Diagnostik versteht man unter premature closure voreilige Schlüsse. Das heißt, dass Diagnosen gestellt werden, ohne dass genügend Informationen gesammelt werden, die die Entscheidung im diagnostischen Prozess bestätigen. Für die Entwicklung eines Wortzeugnisses bedeute dies, dass beispielsweise ein Kind als rechenschwach beschrieben würde, ohne ausreichende Informationen über die mathematische Kompetenz in allen Aufgabentypen bzw. Bereichen der Mathematik gesammelt zu haben.
Bei dem Bestätigungsfehler confirmation bias wird das diagnostische Vorgehen bereits durch eine zu Beginn festgelegte Hypothese geleitet, deren Bestätigung unbewusst angestrebt wird. Dies kann sich in einem logischen Fehler äußern, in dem man ein bekanntes Leistungsmerkmal eines Kindes schlussfolgernd auf ein anderes überträgt. Im Wortzeugnis besteht aufgrund des logischen Fehlers die Gefahr, dass die Merkmalsausprägung eines Kindes sehr einseitig bzw. beschönigend dargestellt wird. Zum Beispiel wird von einer exzellenten Leistung in Mathematik auf eine sehr gute Leistung in Deutsch oder von einer mäßigen Kooperationsbereitschaft auf eine schlechte Lernmotivation geschlossen. Außerdem besteht die Tendenz, dass der wahrgenommene Gesamteindruck eines Schülers zu einer Beeinflussung des Urteils führt (Halo-Effekt). Unter Einfluss des Halo-Effektes könnte die Beliebtheit eines Kindes in der Klasse beispielsweise das Gesamtbild und somit die soziale und kognitive Leistungsbeschreibung im Wortzeugnis insgesamt negativ oder positiv verzerren.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Die Entwicklung des Wortzeugnisses: Das Kapitel beschreibt den historischen Ursprung von Wortzeugnissen seit dem 16. Jahrhundert bis hin zur Einführung als Berichtszeugnis in NRW im Jahr 1977.
2 Aktuelle Situation – formale und inhaltliche Grundlagen des Wortzeugnisses: Hier werden die rechtlichen Rahmenbedingungen in NRW analysiert, die jedoch kaum konkrete Vorgaben zur inhaltlichen oder formalen Struktur bieten.
3 Diskussion: Dieses Kapitel stellt die entwicklungspsychologischen und pädagogischen Pro- und Contra-Argumente zum Wortzeugnis gegenüber.
4 Die Diagnostik als Grundlage des Wortzeugnisses: Die Bedeutung diagnostischer Kompetenz und die Vermeidung von Urteilsfehlern (wie Halo-Effekten) werden in diesem Abschnitt theoretisch fundiert.
5 Das Wortzeugnis und die Erwartungen der Adressaten: Die Autorin untersucht die teils widersprüchlichen Erwartungen von Schülern (Wunsch nach Ermutigung) und Eltern (Wunsch nach Transparenz und Vergleichbarkeit).
6 Forschungsstand: Das Wortzeugnis aus der Perspektive der Lehrkräfte: Dieser Teil fasst vorangegangene Studien zusammen, die zeigen, dass Lehrkräfte vor allem die Formulierung und den Zeitaufwand als problematisch empfinden.
7 Die eigene Untersuchung: Es wird die Zielsetzung der eigenen Studie dargelegt sowie die abgeleiteten Hypothesen und die Fragestellungen definiert.
8 Methodisches Vorgehen der eigenen Untersuchung: Das Kapitel erläutert den Aufbau, die Konstruktion und die statistische Auswertungsmethode (arithmetisches Mittel) des verwendeten Fragebogens.
9 Informationen zur Erhebung: Detaillierte Angaben zur Stichprobe (81 relevante Fragebögen) sowie zur Berufssituation der befragten Lehrpersonen.
10 Auswertung der Ergebnisse: Die Ergebnisse werden deskriptiv ausgewertet, wobei der Schwerpunkt auf der Belastung der Lehrer und den Herausforderungen in den Kategorien Inhalt, Adressaten und Diagnostik liegt.
11 Interpretation der Ergebnisse: Die Befunde werden kritisch mit der Theorie verknüpft, wobei sich zeigt, dass der diagnostische Anspruch die größte Hürde für Lehrkräfte darstellt.
12 Fazit: Die Arbeit resümiert, dass zwar eine grundsätzliche Zustimmung zum Wortzeugnis besteht, aber eine bessere Unterstützung durch diagnostische Qualifizierung und einfachere Dokumentationshilfen notwendig ist.
Schlüsselwörter
Wortzeugnis, Leistungsbeurteilung, Grundschule, pädagogische Diagnostik, Lehrer-Einstellung, Berichtszeugnis, individuelle Bezugsnorm, Belastung, Erwartungshaltung, Förderdiagnostik, Beobachtungsdokumentation, Lernbericht, diagnostische Kompetenz, Schulerfolg, Leistungsdruck.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Grundschullehrkräfte in Nordrhein-Westfalen die Anforderungen und den Prozess des Verfassens von Wortzeugnissen in den ersten beiden Schuljahren wahrnehmen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit verknüpft pädagogische Diagnostik mit der praktischen Umsetzung im Schulalltag, beleuchtet die Erwartungen verschiedener Interessengruppen (Eltern, Kinder) und analysiert die eigene empirische Erhebung zur Lehrer-Einstellung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet, wie Lehrkräfte den Anspruch des Wortzeugnisses bewerten, ob sie die Erstellung als belastend empfinden und wo sie dabei die größten Schwierigkeiten sehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine quantitative Methode in Form eines Fragebogens, der an 192 Lehrkräfte ausgegeben wurde, wovon 81 Fragebögen für die statistische Analyse mittels arithmetischem Mittel verwendet wurden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung (Diagnostik, Erwartungen) und den empirischen Teil, der die Auswertung der Lehrerbefragung nach den Kategorien Inhalt, Adressaten und Diagnostik detailliert darstellt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch die Begriffe Wortzeugnis, pädagogische Diagnostik, Lehrer-Einstellung und individuelle Bezugsnorm geprägt.
Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Dienstalter der Lehrer und der Einstellung zum Wortzeugnis?
Die Untersuchung zeigt, dass sowohl jüngere als auch erfahrene Lehrkräfte das Wortzeugnis tendenziell positiv bewerten, wobei die Belastung bei erfahreneren Lehrkräften im Durchschnitt etwas höher eingeschätzt wird.
Wie gehen Lehrkräfte praktisch mit der Informationssammlung um?
Die Ergebnisse zeigen, dass Klassenarbeiten und Beobachtungen die häufigsten Informationsquellen sind, während moderne, digitale Hilfsmittel eher von jüngeren Lehrkräften zur Dokumentation genutzt werden.
- Citation du texte
- Fabiane Rieke (Auteur), 2015, Wortzeugnisse in der Grundschule. Einstellungen von Grundschullehrkräften zum Anspruch des Wortzeugnisses, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1170502