Der methodische Zweifel in Descartes’ Erster Meditation

Wie Descartes mithilfe des Traumarguments und der Täuschergotthypothese auf das Fundament menschlicher Erkenntnis stossen möchte


Seminararbeit, 2021

18 Seiten, Note: 5.0 (Schweiz - gut)


Leseprobe


Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der methodische Zweifel bei Descartes

3 Das Traumargument
3.1 Rekonstruktion des Arguments
3.2 Evaluation der Rekonstruktion und Vergleich mit der Forschungsliteratur

4 Die Täuschergotthypothese
4.1 Rekonstruktion des Arguments
4.2 Evaluation der Rekonstruktion und Vergleich mit der Forschungsliteratur

5 Schlussbemerkung

6 Bibliografie

1 Einleitung

Im Vorwort der Meditationen geht Descartes darauf ein, dass er sich bereits zu einem früheren Zeitpunkt mit den «Fragen über Gott und den menschlichen Geist» (AT VII, 7) auseinandergesetzt hat. Dieses Mal erwartet er allerdings weder Beifall noch eine grosse Leserschaft. Vielmehr empfiehlt er nur denjenigen dieses Buch zu lesen, die bereit sind, «ihren Geist von den Sinnen und zugleich von allen Vorurteilen abziehen [zu] können und [zu] wollen» (AT VII, 10). In der 1. Meditation führt Descartes sodann Gründe an, die es der cartesianischen Denkerin1 erlauben sollen, an allen und insbesondere den materiellen Dingen zu zweifeln. Auf diesem Weg stösst die Denkerin immer weiter auf ein unbezweifelbares Fundament menschlicher Erkenntnis vor. Worin dieses Fundament besteht, wird allerdings erst in der 2. Meditation elaboriert (vgl. AT VII, 12-13). Descartes lässt die Denkerin mit einem Resümee über ihre bisherige Meinungsbildung beginnen. Dadurch führt sie sich vor Augen, wie oft sie in der Vergangenheit Falsches für wahr gehalten hat und folgert, dass alles, was sie bisher auf diesen falschen Annahmen aufgebaut hat, ebenfalls zweifelhaft sein muss. Deshalb entschliesst sie sich, alle ihre Meinungen umzustürzen und von dem dann erreichten Fundament aus ein neues Wissenssystem aufzubauen. Eine Einschränkung nimmt sie dabei allerdings vor: es sei nicht nötig, die Falschheit aller Meinungen einzeln zu beweisen, sondern es können gleich die Prinzipien angegriffen werden. Sind die Fundamente (oder eben Prinzipien) erst einmal untergraben, stürzt alles was auf diesen aufgebaut ist, von selbst zusammen (vgl. AT VII, 18). Die cartesianische Denkerin fährt mit der Annahme fort, dass alles, was sie bis anhin für in höchstem Masse wahr hielt, «entweder von den Sinnen oder vermittels der Sinne empfangen» (AT VII, 18) habe. In ihrer Sinneswahrnehmung habe sie sich aber in der Vergangenheit bisweilen getäuscht, weshalb ihnen in Bezug auf die Meinungsbildung und zur Schaffung eines neuen Wissenssystems nicht vollumfänglich zu trauen sei. Sie erhebt jedoch sogleich einen Einwand und meint, es gäbe durchaus Unzweifelhaftes, das durch die Sinne vermittelt würde. Nämlich, dass sie einen Körper besitze und damit Dinge (z.B. Wärme) wahrnehmen könne. Um dies in Zweifel zu ziehen, müsste sie sich selbst mit Verrückten gleichsetzen, wozu sie nicht bereit ist (vgl. AT VII, 18-19).

An diesem Punkt der Meditationen setzt meine Seminararbeit ein. Die cartesianische Denkerin überlegt sich nämlich im Folgenden, dass sie sich auch in einem Traumzustand befinden oder von einem Täuschergott in allem getäuscht werden könnte. Daraus ergibt sich für mich folgende Fragestellung: Was leisten das Traumargument und die Täuschergotthypothese auf der Suche nach der unerschütterlichen Grundlage menschlicher Erkenntnis und worin unterscheiden sie sich voneinander? Die Fragestellung ist dadurch motiviert, dass ich Descartes’ 1. Meditation als für sein Ziel, eine unerschütterliche Grundlage menschlicher Erkenntnis zu finden, am wichtigsten erachte. Denn es ist zu einem Grossteil der methodische Zweifel, durch den er in der 2. Meditation zum Cogito-Argument als eben jener unerschütterlichen Grundlage gelangt. Deshalb möchte ich aufzeigen, wie es ihm mithilfe dieser beiden Argumente gelingt, den Weg für das Cogito-Argument zu ebnen. Zu Beginn ist es nötig, einige Worte über die erste Meditation zu verlieren. Darüber, dass mit der meditierenden Person nicht immer Descartes selbst gemeint sein muss, wissen wir bereits Bescheid. Zudem werde ich insbesondere auf die von Descartes angewandte Methode – den methodischen Zweifel – und das Ziel der ersten Meditation kurz eingehen. Diesem Kapitel folgen zwei weitere, in denen einmal das Traumargument und einmal die Täuschergotthypothese rekonstruiert und evaluiert werden. In diesem Zusammenhang ist interessant, dass es in der Forschungsliteratur zur Funktion der angesprochenen Argumente durchaus Meinungsdissense gibt. Diese verschiedenen Auffassungen werde ich miteinbeziehen und mit meinen eigenen Interpretationen vergleichen.

2 Der methodische Zweifel bei Descartes

Die Methode, die Descartes in den Meditationen anwendet, wird in der Forschungsliteratur als methodischer Zweifel bezeichnet . Er ergibt sich aus der Methode zum richtigen Gebrauch des Verstandes und zur Auffindung der Wahrheit in den Wissenschaften, die von Descartes im Discours dargelegt wurde. Katia Saporiti argumentiert dabei, dass uns der methodische Zweifel dabei helfen soll, zu klaren und deutlichen Einsichten zu gelangen und kein Werkzeug zur Erreichung skeptischer Ziele sei (vgl. Saporiti 2007, 166). Dem methodischen Zweifel wohnt die Annahme inne, dass alle Thesen und Meinungen, die die cartesianische Denkerin bislang akzeptiert hat, in Frage zu stellen sind (vgl. Perler 2006, 68). Diese Annahme lässt sich vergleichen mit der ersten der insgesamt vier Regeln, die Descartes im Discours formuliert. Nämlich, dass nur das für wahr gehalten werden soll, was evident ist oder anders ausgedrückt, nur über diejenigen Dinge zu urteilen ist, die man klar und deutlich erfasst und daher kein Grund für Zweifel am eigenen Urteil besteht (vgl. AT VI, 18).

Eine solche Annahme bzw. Regel ist aber natürlich weder alltagstauglich noch für wissenschaftliche Untersuchungen praktikabel (vgl. Perler 2006, 68). Das hat sie gemäss Perler und Saporiti auch gar nicht zu sein. Denn Descartes gebrauche diese Zweifelsform einerseits nur in einem ganz bestimmten Kontext: Zur Prüfung der Grundlage unserer Wissenschaften und der Gewissheit unseres Wissenssystems an sich. Und andererseits für ein klar definiertes Ziel: Sie soll unsere Vernunft für den Erkenntnisgewinn anleiten und uns helfen, die Wahrheit in den Wissenschaften zu finden. Ist diese zweifelsfreie Grundlage einmal gefunden – und somit die Prüfung abgeschlossen –, brauche an dieser Grundlage nicht erneut gezweifelt zu werden (vgl. Perler 2006, 69; vgl. Saporiti 2007, 166).

Wie funktioniert nun aber diese Prüfung konkret? Welche Schritte sind zu gehen, um zu dieser unerschütterlichen Grundlage zu gelangen? Dominik Perler formuliert dafür einen 3-Schritte-Plan2. In einem ersten Schritt sind alle Meinungen in Zweifel zu ziehen (vgl. Perler 2006, 71). Dafür ist eben der methodische Zweifel anzuwenden, den Perler ebenfalls in drei Stufen voneinander unterscheidet:

1. Der Zweifel hinsichtlich der eigenen kognitiven Grundlage.

Die cartesianische Denkerin ist hier mit der Frage konfrontiert, ob ihre Meinungen auf einer zuverlässigen Grundlage beruhen oder diese auf Informationen fussen, die ihr durch unzuverlässige und widersprüchliche Sinne vermittelt wurden (vgl. Perler 2006, 74). Diese Stufe wird in den Meditationen beim Sinnestäuschungsargument behandelt und findet in dieser Arbeit keine ausführliche Erwähnung.

2. Der Zweifel hinsichtlich des eigenen kognitiven Zustandes.

Hier geht es um die Frage, ob die Denkerin ihre Meinungen in einem Wach- oder Traumzustand hat. (vgl. Perler 2006, 74). Diese Stufe wird in den Meditationen beim Traumargument behandelt, worüber mehr im Kapitel 3 dieser Arbeit zu lesen ist.

3. Der Zweifel hinsichtlich der eigenen kognitiven Autonomie.

Bei dieser letzten Stufe steht die Frage im Raum, ob die Denkerin ihre Meinungen als «unabhängiges Subjekt» (Perler 2006, 74) hat oder unter dem Einfluss eines bösen Dämons steht. (vgl. Perler 2006, 74). Bei der dritten und letzten Stufe scheint mir wichtig anzumerken, dass in der Literatur nicht immer konsequent zwischen der Figur des Täuschergottes und jener des genius malignus unterschieden wird. Das macht es schwierig zu erkennen, worüber nun der/die Autor*in nun tatsächlich spricht. Auch in den Meditationen selbst ist der Übergang von der Täuschergotthypothese zum bösen Dämons als heuristisches Mittel fliessend. Mehr zur Täuschergotthypothese schreibe ich im Kapitel 4 dieser Arbeit.

Die Unterscheidung der drei aufeinander aufbauenden Stufen ist deshalb wichtig, da sie sich sowohl in ihrer Zweifelsstrategie als auch in ihren erkenntnistheoretischen und metaphysischen Konsequenzen unterscheiden (vgl. Perler 2006, 74). Im zweiten Schritt des 3-Schritte-Plans sind jene Meinungen auszusortieren, die wir mithilfe des methodischen Zweifels für wahr halten können oder unmittelbar auf solchen beruhen. Und im letzten Schritt können schlussendlich von diesen Meinungen weitere wahre Meinungen abgeleitet werden, wodurch ein neues Wissenssystem aufgebaut werden kann (vgl. Perler 2006, 72).

Somit wissen wir nun a) Was in den ersten beiden Meditationen das Ziel ist: das Finden einer unerschütterlichen Grundlage menschlicher Erkenntnis, um auf dieser das spätere Wissenssystem aufbauen zu können. Und wir wissen b) wie wir dabei vorzugehen haben: nämlich durch Anwendung des methodischen Zweifels.

3 Das Traumargument

3.1 Rekonstruktion des Arguments

Wir befinden uns Ende des 4. Abschnittes der 1. Meditation an dem Punkt, an dem sich die cartesianische Denkerin als Verrückte bezeichnen müsste, wollte sie bezweifeln, dass sie einen wahrnehmungsfähigen Körper besitzt. Und an dieser Stelle beginnt nun das Traumargument: Die Denkerin wendet ein, dass sie sich in einem Traumzustand befinden könnte. In diesem wäre auf die Meinungen, die sie sich durch die Sinneswahrnehmung angeeignet hat, kein Verlass (vgl. Saporiti 2007, 169). Wie das Traumargument aufgebaut ist, wird nun rekonstruiert:

3 P1) Im Schlaf widerfahren der cartesianischen Denkerin ähnliche wie oder noch unwahrscheinlichere Dinge als im Wachen.

P2) Im Schlaf ist die cartesianische Denkerin von ganz gewöhnlichen Dingen überzeugt (z.B., dass sie mit der Hand ein Blatt Papier berührt oder im Besitz eines Körpers ist).

P3) Die Wahrnehmung dieser gewöhnlichen Dinge ist für die cartesianische Denkerin im Wachen wie im Schlafen gleich deutlich.

K1) Es kann also niemals durch sichere Anzeichen Wachen vom Schlafen unterschieden werden.

K2) Es ist also möglich, dass die cartesianische Denkerin träumt und sich einbildet, einen Körper zu haben.

Das Traumargument ist an dieser Stelle aber noch nicht beendet, sondern wird durch den Einwand der Bildanalogie ergänzt. Dieser wird von der Denkerin im Versuch erhoben, zumindest noch allgemeinere Dinge als den Körper etc. für ‘wahr’ halten zu können:

4 P1) Die im Schlaf gesehenen Dinge sind wie Bilder und können nur nach dem Vorbild wahrer Dinge erfunden werden.

K1) Daher müssen wenigstens jene allgemeinen Dinge – Augen, Kopf, Hände, der ganze Körper – als nicht eingebildete, sondern wahre Dinge existieren.

P2) Denn auch Maler*innen können, wenn sie Fabelwesen malen, nur Glieder verschiedener Lebewesen kombinieren, die tatsächlich existieren (z.B. Zentaur: Kombination aus Pferd und Mensch).

P3) Selbst, wenn es den Maler*innen gelänge, etwas gänzlich Neues bis anhin Ungesehenes zu erfinden, so müssten zumindest die Farben5 wahr sein, aus denen dieses Neue zusammengesetzt ist.

K2) Deshalb müssen – ungeachtet dessen, ob allgemeine Dinge wie Körper, Augen etc. existieren – zumindest noch einfachere und allgemeinere Dinge mit Sicherheit wahr sein.

Was Descartes zu diesen noch einfacheren und allgemeineren Dingen zählt, führt er in der 1. Meditation gleich im Anschluss an die Bildanalogie aus:

Von dieser Gattung scheinen die körperliche Natur im Allgemeinen und deren Ausdehnung zu sein, ebenso die Gestalt der ausgedehnten Dinge; ebenso die Quantität oder deren Größe und Zahl; ebenso der Ort, an dem sie existieren, die Zeit, während der sie dauern, und Ähnliches. (AT VII, 20).

[...]


1 Der Begriff «cartesianischer Denker» ist dem Text von Katia Saporiti entnommen. Mit dieser Bezeichnung muss aber nicht zwingend Descartes selbst gemeint sein. Denn in den Meditationen elaboriert er vor den Augen der Lesenden sein philosophisches System. Um Verwirrungen vorzubeugen, die sich beim Lesen der Meditationen in Bezug auf die Perspektive der Sprechenden ergeben, bietet es sich an, nicht von Descartes, sondern von einer cartesianischen Denkerin – verstanden als Empiristin, die sich die Denkweise Descartes’ anzueignen versucht – zu sprechen (vgl. Saporiti 2007, 166; vgl. Frankfurt 2008, 84-85).

2 Ich übernehme hier die Darstellungen Perlers weitestgehend unkommentiert. Einerseits sind seine Erläuterungen zum 3-Schritte-Plan, der sich über die gesamten Meditationen erstreckt, m.E. sehr gelungen, andererseits gehe ich im weiteren Verlauf der Arbeit noch detaillierter auf einzelne Aspekte des methodischen Zweifels ein und möchte an dieser Stelle nicht zu sehr vorweggreifen.

3 vgl. AT VII, 19.

4 vgl. AT VII, 19-20.

5 Descartes zählt m.E. die Farben nicht zu diesen noch einfacheren und allgemeineren Dingen, da er sie später, wenn er von diesen Dingen spricht, nicht mehr erwähnt. Vielmehr sollen die Farben als ein Beispiel für ein allgemeineres Ding innerhalb der Bildanalogie verstanden werden. Mit dieser Lesart wird P3 durchaus plausibel.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Der methodische Zweifel in Descartes’ Erster Meditation
Untertitel
Wie Descartes mithilfe des Traumarguments und der Täuschergotthypothese auf das Fundament menschlicher Erkenntnis stossen möchte
Note
5.0 (Schweiz - gut)
Autor
Jahr
2021
Seiten
18
Katalognummer
V1170735
ISBN (eBook)
9783346581389
ISBN (Buch)
9783346581396
Sprache
Deutsch
Schlagworte
René Descartes, 1. Meditation, Traumargument, Täuschergotthypothese, methodischer Zweifel, radikaler Zweifel, Fundament menschlicher Erkenntnis
Arbeit zitieren
Basil Kunz (Autor:in), 2021, Der methodische Zweifel in Descartes’ Erster Meditation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1170735

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