Hannah Arendt "Wir Flüchtlinge". Geflüchtete - die "Avantgarde" ihrer Völker?


Ausarbeitung, 2020

9 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Geflüchtete -die „Avantgarde“ ihrer Völker?

Der Essay von Hannah Arendt, welcher im Jahre 1943 in der jüdischen Zeitschrift „The Menorah Journal“ veröffentlicht wurde, wird heute im Zusammenhang mit der aktuellen Flüchtlingslage oft diskutiert. Er trägt den Titel „Wir Flüchtlinge“.1

Zu Beginn werde ich ein grobes Bild von Hannah Arendts Biografie zeichnen. Im Anschluss gehe ich kurz auf den Inhalt des Essays ein, um daran meine Fragestellung zu entwickeln. Im Hauptteil werde ich Hannah Arendts Verständnis der Identität des Flüchtlings und die damit einhergehende Staatenlosigkeit betrachten. Daraufhin werde ich klären, was Arendt mit der Aussage, Flüchtlinge seien die Avantgarde ihrer Völker meint, und was Menschenrechte in diesem Kontext für eine Rolle spielen.

Abschließend blicke ich auf die aktuelle Lage der Geflüchteten schauen und setze diese in Bezug zu Arendts Darstellungen in „Wir Flüchtlinge“.

Biographie:

Hannah Arendt wurde am 14. Oktober 1906 in Hannover geboren. Sie war eine rebellische, willensstarke Persönlichkeit, welche schon im Alter von zwölf Jahren Kant las, die Schule abbrach und einen außerschulischen Abschluss anstrebte. Sie studierte evangelische Theologie und klassische Philosophie. 1929 heiratete sie Günther Anders und promovierte bei Karl Jaspers mit ihrer Arbeit „Der Liebesbegriff bei Augustinus. Versuch einer philosophischen Interpretation“2. Im Jahre 1933 flüchtete sie nach Frankreich, als die Gestapo sie acht Tage lang gefangen gehalten hatte.Sie wurde 1937 ausgebürgert und blieb bis 1951 „staatenlos“. In den USA, wo sie ab 1941 lebte und arbeitete, war sie publizistisch tätig und erlangte weltweite Bekanntheit mit ihrem Bericht über den Eichmann-Prozess in Jerusalem. Ihre Werke sind bis heute viel diskutiert, so auch ihr Essay „Wir Flüchtlinge“, welcher zwar erst 1986 ins Deutsche übersetzt wurde, jedoch noch immer an Aktualität besitzt.

Inhalt von „Wir Flüchtlinge“

Hannah Arendt beginnt ihren Essay mit einem Widerspruch zu dem Titel desselben: „Vor allem mögen wir es nicht, wenn man uns ,Flüchtlinge‘ nennt.“3 Stattdessen bezeichnen sie sich selbst als „Neuankömmlinge“ oder „Einwanderer“. Im Folgenden reflektiert Arendt das Bemühen von Geflüchteten4, sich an ihr Ankunftsland anzupassen. Hierfür erzählt sie beispielhaft die Geschichte des Herrn Cohn, welcher in jedem Land, in welches er einwanderte zum „Vorzeige-Patriot“ wurde. Arendt kritisiert die krampfhafte Assimilationsstrategie, denn diese mache „die Gesellschaft sogar intolerant.“5 Die große Angst der geflüchteten Jüd*innen als „Schnorrer“ bezeichnet zu werden und nicht zum Gemeinwesen dazu zu gehören, lässt diese - zumindest von außen - ihre Vergangenheit vergessen und verschweigen. Den oftmals traumatischen Erfahrungen weicht ein gespielter Optimismus. Es werden alle Ratschläge befolgt, die von Einheimischen für die Assimilation gegeben werden. Dass die Vergangenheit und die Grausamkeiten die Geflüchteten dennoch einholen und das gesellschaftliche Dasein als „Fremdlinge“ sie dennoch belasten, wird nur an der hohen Selbstmordrate deutlich. Es scheint gleichgültig, wie sehr sich die geflüchteten Jüd*innen anpassen. Sie sind und bleiben „Outlaws“, kein Mensch weiß, wer oder was sie vor ihrer Flucht waren. Die tiefe Verzweiflung, lediglich als jüdische Geflüchtete gesehen zu werden, und nicht als Menschen, ließ sie vorsichtig werden, um nicht unangenehm aufzufallen. Sie „lernte[n] schnell, dass es in dieser verrückten Welt viel leichter ist, als ,großer Mann‘ akzeptiert zu werden denn als menschliches Wesen.“6 Wenn die Jüd*innen anfangen würden, die Wahrheit über ihre Erinnerungen und ihre Staatenlosigkeit zu sagen, so würden sie sich „dem Schicksal des bloßen Menschseins aussetzen“7

Abschließend stellt Arendt die beobachtete Identität des „bewussten Außenseiters“ (Paria) im Kontrast zum „Emporkömmling“ (Parvenüs) vor. Während der Emporkömmling sich krampfhaft anpasst, taktlos ist und geldgierig, so ist der bewusste Außenseiter sich bewusst, dass diese krampfhafte Assimilationsstrategie nicht funktioniert. Stattdessen behält er bewusst die gepriesenen jüdischen Eigenschaften wie Menschlichkeit, Humor und Unvoreingenommenheit. Trotz der unterschiedlichen Bemühungen, sich anzupassen und Teil der Gesellschaften zu werden, behalten beide - Paria und Parvenüs - den Status von Geächteten. Arendt postuliert an dieser Stelle bezüglich der Paria: „Die von einem ins andere

[...]


1 Arendt: Wir Flüchtlinge. 2016.

2 Arendt: Der Liebesbegriff bei Augustinus. 1929.

3 Arendt: Wir Flüchtlinge. 2016. S. 9

4 Ich werde ab hier „Geflüchtete“ sagen wegen politisch korrekterer Sprache.

5 Arendt: Wir Flüchtlinge. 2016. S. 30

6 Arendt: Wir Flüchtlinge. 2016. S. 23

7 Ebd. S. 32

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Hannah Arendt "Wir Flüchtlinge". Geflüchtete - die "Avantgarde" ihrer Völker?
Veranstaltung
Wissenschaftliches Arbeiten
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
9
Katalognummer
V1170765
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Geflüchtete, philosphie, avantgarde, hannah arendt, we refugees
Arbeit zitieren
Charlotte von Bonin (Autor:in), 2020, Hannah Arendt "Wir Flüchtlinge". Geflüchtete - die "Avantgarde" ihrer Völker?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1170765

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