Eine Besteigung des Pik von Teneriffa


Klassiker, 2008
37 Seiten
Ernst Häckel (Autor)

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Ernst Häckel

Eine Besteigung des Pik von Teneriffa

[erstmalig erschienen 1870]

Unter den kleinen Inselgruppen des Oceans, welche durch ihre eigenthümliche Natur sowohl das allgemeine Interesse der Seefahrer, als die besondere Wißbegierde der Naturforscher erregen, nimmt die Gruppe der canarischen Inseln einen hervorragenden Rang ein. Da dieser kleine Archipel, zwischen 27. und 30. Grad nördl. Breite gelegen, nur wenige Tagereisen von Spanien und von der nordwestlichen Küste Afrika’s entfernt ist, so war die Kunde von demselben schon lange vor Christi Geburt durch phönicische Seefahrer zu den alten Griechen und Römern gedrungen. Die blühenden Schilderungen, welche ihre Entdecker von der wunderbaren Schönheit, dem unvergleichlichen Klima und dem natürlichen Reichthum dieser atlantischen Inseln entwarfen, trugen ihnen schon damals den Namen der glückseligen („ Insulae fortunatae “) ein. Der alte Mythus von den elysäischen Gefilden, die am Rande der Erde mitten in dem weltumgürtenden Okeanos, weit jenseits der Hesperiden-Gärten und jenseits der Säulen des Herkules liegen, schien durch diese Inseln zur vollen Wahrheit zu werden. Wie wenig übertrieben diese, wenn auch dichterisch ausgeschmückten Vorstellungen der Alten waren, mögen die reizenden Naturschilderungen bezeugen, welche noch in unserem Jahrhundert zwei der größten deutschen Naturforscher, Alexander von Humboldt und Leopold von Buch, von den canarischen Eilanden entworfen haben. Von Teneriffa, der in jeder Hinsicht bedeutendsten unter den glückseligen Inseln, dem eigentlichen Haupt- und Mittelpunkt der Gruppe, sagt Humboldt: „Gleichsam an der Pforte der Tropen und doch nur wenige Tagereisen von Spanien gelegen, hat Teneriffa schon ein gut Theil der Herrlichkeit aufzuweisen, mit der die Natur die Länder zwischen den Wendekreisen ausgestattet. Im Pflanzenreich treten bereits mehrere der schönsten und großartigsten Gestalten auf, die Bananen und die Palmen. Wer Sinn für Naturschönheit hat, findet auf dieser köstlichen Insel kräftigere Heilmittel als das Klima. Kein Ort der Welt scheint mir geeigneter, die Schwermuth zu bannen und einem schmerzlich ergriffenen Gemüthe den Frieden wieder zu geben.“

Unter den vielen einzelnen Merkwürdigkeiten der canarischen Inseln, welche in Humbold’s und Buch’s Schilderungen unser Interesse erwecken, stellt aber wieder ein einziger Gegenstand alle übrigen in Schatten: Das ist der Pik von Teyde auf Teneriffa, oder der Teyde, wie ihn die Insulaner schlechtweg nennen. Weit alle übrigen Krater der Inselgruppe überragend, erhebt sich dieser stolze Centralvulkan aus dem Schooße der atlantischen Fluth ungefähr zu derselben Höhe, welche unsere schneeschimmernde Jungfrau im Berner Oberland erreicht. (Die neueren Messungen bestimmen die Meereshöhe des Pik zu 12,200 Fuß, während einige ältere Messungen ihm mehr als 13,000 Fuß, andere allerdings auch weniger als 12,000 Fuß geben.) „Wenn der Krater des Pik, sagt Humboldt, der seit Jahrhunderten halb erloschen ist, Feuerbüschel ausströmte, wie der Stromboli-Vulkan auf den liparischen Inseln, so würde der Pik von Teneriffa, einem riesigen Leuchtthurm ähnlich, dem Schifffahrer in einem Umfang von mehr als 260 Meilen zur Richtung dienen.“ So werden wir es nicht wunderbar finden, wenn die Alten in dieser mächtige Felsenpyramide den Grundpfeiler gefunden zu haben glaubten, dessen mächtige Schultern das Himmelsgewölbe tragen, und wenn in ihrer dichterischen Phantasie der Teyde ebenso zum Atlas wurde, wie glückseligen Inseln zu den elysäischen Gefilden.

Aber nicht die gewaltige Felsmasse, die imposante Pyramiden-Gestalt und die erstaunliche Höhe, bis zu welcher der Pik sich mitten aus dem atlantischen Ocean erhebt, haben ihn zu einem der berühmtesten Berge gemacht. In noch viel höherem Maaße haben dazu die Naturschönheiten beigetragen, die seinen Fuß umgürten, und die geologischen Merkwürdigkeiten, die sein Haupt krönen. Man kann nicht Humbold’s glänzende Schilderung des Orotava-Thales lesen, ohne von lebendiger Sehnsucht nach diesem Paradiesgarten ergriffen zu werden; und man kann sich nicht in Buch’s meisterhafte Darstellung von den vulkanischen Wundern des Piks vertiefen, ohne die lebhafteste Begierde nach ihrem unmittelbaren Anblick zu empfinden. Dazu gesellt sich für den Naturforscher noch das tiefere Interesse für die classische Bedeutung, welche der Pik durch Buch’s und Humbold’s Untersuchungen für die Geologie und für die Pflanzengeographie gewonnen hat.

Schon in früher Jugend war durch diese Darstellungen die Wanderlust nach dem Pik von Teneriffa mächtig in mir angefacht worden, und die Spannung war daher nicht gering, in der ich im November 1866 dem langersehnten Reiseziele mich wirklich näherte. Diese Spannung war um so größer, als meine Absicht, Teneriffa zu besuchen, beinahe unmittelbar vor ihrer Erfüllung gescheitert wäre. Als ich nämlich, von London kommend, mit meinen drei Reisegefährten (einem Bonner Privatdocenten, Dr. G., und zwei Jenenser Studenten, Herren M. und F.) auf Madeira landete, erfuhren wir zu unserer großen Bestürzung, daß wahrscheinlich während des ganzen Winters sich keine Gelegenheit finden werde, um von Madeira nach den canarischen Inseln hinüberzufahren. Die einzigen Schiffe, welche einen regelmäßigen Verkehr zwischen diesen beiden Inselgruppen unterhalten, sind die englischen Westafrika-Dampfer, welche jeden Monat von London über Madeira und Teneriffa nach der west-afrikanischen Küste gehen. Wegen der Cholera-Epidemie in London und wegen des gelben Fiebers an der afrikanischen Küste war aber im Herbst 1866 diesen Dampfern schon seit mehreren Monaten jeder Personen-Verkehr mit Madeira und den Canaren von der Gesundheits-Behörde, die in den Häfen dieser Inseln sehr streng ist, untersagt.

Aus dieser Bedrängniß wurden wir ganz unerwartet durch ein preußisches Kriegsschiff, die „Niobe“, gerettet. Diese schöne Segelfregatte lag eben im Hafen von Funchal, als wir dort ankamen, und wollte schon in den nächsten Tagen ihre Uebungsfahrt nach Teneriffa weiter fortsetzen. Commandant derselben war Capitän Batsch, ein geborener Weimaraner und Enkel des Professor Batsch, welcher zu Göthe’s Zeit in Jena Botanik lehrte. Dieser ebenso ausgezeichnete als liebenswürdige See-Officier, welchem ich unsere bedrängte Lage schilderte, gewährte uns mit dankenswerthester Zuvorkommenheit die Erlaubniß, unsere Ueberfahrt nach Teneriffa auf der Niobe zu bewerkstelligen, und die übrigen Schiffs-Officiere, deren Gäste wir während dieser Zeit wahren, thaten Alles, um uns diese Ueberfahrt so angenehm als möglich zu machen.

Es war am frühen Morgen des 21. November, als wir in unsern Hängematten durch den Ruf geweckt wurden: „der Pik, der Pik!“ Schnell rieben wir den Schlaf aus unsern Augen und stürzten auf das Verdeck. Ja, da lag er wirklich und leibhaftig vor unsern Blicken, der ersehnte Berg. Klar und scharf zeichnete sich die regelmäßige Pyramide des mächtigen silbergrauen Gipfels auf dem dunkelblauen Himmelsgewölbe ab, und wie ein breites Piedestal, einer Mauerzinne ähnlich crenellirt, streckte sich weit nach Ost und West hin zu seinen Füßen die felsige Nordküste der Insel Teneriffa. Die Wolkendecke, welche am vorhergehenden Tage den Himmel verschleiert und den fernen Pik unsern Blicken entzogen hatte, war allenthalben durchbrochen und nur zerrissene Fetzen derselben hingen noch als einzelne schmale graue Bänder in mehreren Stockwerken hier und dort über einander; einige schienen ringförmig den Kegel des Pik zu umgeben. Gegen den Nachmittag hin zogen sich diese Wolkenreste dichter zu einem einzigen grauen Ringe zusammen, welcher sich um den eigentlichen Fuß des Piks herumlagerte und denselben gänzlich von der breiten Nordküste der Insel abtrennte, der wir uns mehr und mehr näherten. Doppelt herrlich und mächtig erhob sich nun die gewaltige weiße Pyramide über der grauen Wolkendecke, die auf dem niederen Vorland lagerte, und schon konnten wir mit dem Fernrohr scharf die einzelnen Zacken der Küstenmauer unterscheiden. Was bedeutete aber die helle, fast silberglänzende Farbe des Pyramiden-Gipfels? War es wirklich Schnee oder war es nur der strahlende Reflex des Sonnenlichts von der weißgrauen Bimsstein-Decke, die den obersten Theil des Pik überlagert, und von der wir aus den Reisebeschreibungen wußten, daß sie auch mitten im Sommer, wo gar kein Schnee auf dem Pik liegt, den Seefahrer täuscht, und ihm einen beschneiten Gipfel vorspiegelt? War es wirklich Schnee, so stand es vermuthlich schlimm um unsere beabsichtigte Ersteigung des Gipfels, und daher betrachteten wir diesen verdächtigen Silberglanz mit Zweifel und Mißtrauen.

Unsere Ungeduld, den Boden von Teneriffa zu betreten, der scheinbar schon so nahe, in Wirklichkeit aber wohl noch fünf oder sechs Meilen entfernt lag, war nicht gering. Sie wurde aber noch auf eine harte Probe gestellt. Denn widriger Wind nöthigte unsere Segelfregatte zu kreuzen und nur langsam konnten wir uns nähern. Gegen Abend hüllte sich der Pik wieder in einen dichten Wolkenschleier. Als wir am andern Morgen erwartungsvoll auf das Verdeck traten, erblickten wir die Küste unserm Schiff ganz nahe. Es war aber nicht die Küste von Teneriffa, sondern von Gran Canaria, einer Insel, welche beinahe einen Breitengrad weiter nach Südosten liegt, in der Mitte durchschnitten vom 28. Breitengrade, welchen die südlichste Spitze von Teneriffa so eben berührt. Bald schwellte jedoch ein günstiger Wind die vollen Segel unserer Fregatte, welche nun ihren Cours nach Nordwesten nahm und um 12 Uhr Mittags am 22. November, auf der Rhede von Santa Cruz, die Anker fallen ließ.

Santa Cruz ist die Hauptstadt von Teneriffa und zugleich Sitz der canarischen Regierungs-Behörden, und wurde als solche von unserem Kriegsschiffe mit 21 Kanonenschüssen salutirt, welche die Strandbatterien alsbald erwiederten. Die Stadt liegt am Südrande sehr nahe der nordöstlichen Ecke der Insel, deren dreieckige Gestalt große Aehnlichkeit mit der Insel Sicilien hat. Bei beiden Inseln streicht die Nordküste von ONO. nach WSW. Während aber die kürzeste Seite des Dreiecks bei Sicilien nach Osten schaut, ist sie bei Teneriffa umgekehrt nach Westen gerichtet. Die Gebirgskette, welche beide Inseln durchschneidet, wird auf beiden von einem ungeheuren Centralvulkan überragt. Während aber der 10,000 Fuß hohe Etna sich im östlichen Theile Siciliens erhebt, liegt der 12,000 Fuß hohe Teyde mehr im westlichen Theile von Teneriffa.

Der Anblick, welchen Santa Cruz und die nächstgelegene Südostküste Teneriffa’s vom Meere aus gewähren, ist ziemlich öde und bleibt weit zurück hinter dem entzückenden Bilde, welches uns in der vorhergehenden Woche bei unserer Landung auf Madeira empfangen hatte. Funchal, die reizende Hauptstadt von Madeira, liegt in einem weiten, äußerst fruchtbaren Thalkessel, der von allen Reisenden mit vollem Rechte als wahres Paradies gepriesen wird. Lichtgrüne Zuckerrohr-Plantagen zieren den Fuß der üppig bewaldeten Berge, welche sich in malerischen Formen über der Bai von Funchal erheben. Die zierlichen Häusergruppen, die staffelförmig an den Berggehängen emporsteigen, sind von der reizendsten Vegetation umgeben. Eine eben so warme als feuchte Atmosphäre macht die Insel zu einem natürlichen Treibhaus. Als wir auf Madeira zum ersten Male unsern Fuß auf außereuropäischen Boden setzten, glaubten wir uns schon mitten in den Tropen zu befinden. Ganze Haine von Bananen und Bambusen, Palmen und Euphorbien, und zahlreiche andere tropische Gewächse, von den prachtvollsten Blüthen überschüttet und von Schlingpflanzen umrankt, blendeten durch ihren bunten Farbenglanz unser entzücktes Auge und erfüllten die Luft mit balsamischen Wohlgerüchen. Und als wir die portugiesische Stadt Funchal betraten, welche in den letzten Jahren durch die Vorliebe der Engländer thatsächlich eine englische Colonie geworden ist, mußten wir den Geschmack bewundern, mit welchem dieselben diesen Garten Edens benutzt und durch Anbau der reizendsten Landhäuser zu einem unvergleichlichen Aufenthalte gemacht haben.

Welcher Contrast zu der Hauptstadt des spanischen Teneriffa! Oede und beinahe von Pflanzenwuchs entblößt, liegt die weiße Häusermasse von Santa Cruz an dem Fuße einer schwarzen oder braunschwarzen zackigen Gebirgskette von äußerst wildem und ungastlichem Charakter. Abgesehen von einigen kleinen Gärten und den einförmigen Cactus-Pflanzungen auf dem flacher abfallenden Vorlande, sowie von einer Anzahl Palmen, die zwischen den Häusern zerstreut sind, ist von Vegetation fast Nichts zu bemerken. Die nackte Gebirgskette von basaltischer Lava sieht mit mit ihren schwarzen, düstern Schluchten und ihrem wild zerrissenen Rücken fast so aus, als ob sie eben erst dem vulkanischen Schooße der feuerspeienden Insel entstiegen wäre. Als wir in glühender Mittagshitze die einförmigen Straßen der Stadt betraten, schlug uns ein trockner und heißer Luftstrom wie aus einem Backofen entgegen. Straßen und Plätze waren menschenleer und die grünen Jalousien der weißen Häuser völlig geschlossen. Nur einige schwer beladene Camele wanderten langsam, mit schwerfälligem Schritte, dem Hafen zu. Nachdem wir ein gastliches Obdach für die nächsten Tage gefunden hatten, eilten wir, aus der öden Stadt in’s Freie zu gelangen, und wandten unsere Schritte zunächst nach einer von den wilden Schluchten oder Barrancos, welche zunächst im Osten von Santa Cruz tief in die Gebirgskette der Añaga einschneiden. Wir hofften im Grunde der Schlucht, welche den Namen Valle Ameida führt, Schatten und Kühlung zu finden. Aber der Bergstrom, welcher in der Regenzeit tobenden Laufes und in zahlreichen Wasserfällen hier herabstürzt und mächtige Lavablöcke dem Meere zuführt, war versiegt. Von Bäumen war keine Spur zu sehen, abgesehen von einzelnen schattenlosen Dattelpalmen und von canarischen Tamarisken, deren Zweige, mit ganz kleinen graugrünen Blättchen bedeckt, ebenso wenig Schatten zu verbreiten vermochten. Auch die spärliche Vegetation, welche hier und da aus den Felsritzen des nackten schwarzen Lavabodens hervorsproßte, war nicht schön, obwohl in hohem Maaße interessant.

Schon aus der Ferne hatten wir auf dem dunklen Lava-Gestein zahlreiche blaugrüne Flecken bemerkt. Als wir jetzt einem solchen Flecke uns näherten, wurden wir durch eine der wunderbarsten Pflanzengestalten überrascht. Was ist das für ein seltsames Gewächs, kein Baum, kein Strauch, kein Kraut! Nichts ist da als ein Haufe von dichtgedrängten, langen, vierkantigen Säulen von matt blaugrüner Farbe, welche einander parallel senkrecht aufsteigen. Nur am Grunde, wo die kleineren Säulen von größeren sich abzweigen, sind sie leicht gebogen, nacht Art eines Armleuchters. Die größten und stärksten Säulen, so dick wie ein Mannesarm, erheben sich bis zu 16 Fuß Höhe. Statt der Blätter sind die starren Pfeiler mit Stacheln bedeckt. Wir glauben einen riesigen Armleuchter-Cactus zu erblicken. Aber wir sind ja in Afrika, und nicht in Amerika, der eigentlichen Heimath der Cactuspflanzen. Ich will eine Säule abschneiden, da spritzt mir aus der verletzten Rinde ein Strom von dickem weißem Milchsaft entgegen und ich erkenne die berühmte cactusartige Wolfsmilch (Euphorbia canariensis), eine der bedeutendsten Charakterpflanzen der Inseln, welche von den Spaniern el Cardon genannt wird. Der scharf giftige Milchsaft wird eingetrocknet als Arznei benutzt. Neben dieser seltsamen Armleuchter-Wolfsmilch entdecken wir bald noch eine andere Euphorbia-Art, die Fischer-Wolfsmilch (Euphorbia piscatoria), welche kleine Bäume bildet, und deren scharft giftiger Milchsaft von den Fischern zum Vergiften der Fische benutzt wird. Die canarischen Inseln sind an Euphorbien überaus reich. Mehr als 20 verschiedene Arten finden sich hier; mehrere derselben erheben sich zu starken, dicht verzweigten Bäumen. Eine davon, die süße Wolfsmilch (Euphorbia balsamifera), welche wir auf den Strandklippen hinter den Küstenbatterien von Santa Cruz fanden, gleicht unsern Wachholderbüschen, und ist ausgezeichnet durch den süßen, nicht giftigen Milchsaft, welcher eingedickt als Gelée verspeist werden soll.

Zwischen diesen Euphorbien wuchsen auf den Felsen des Barranco zerstreut kleine Büsche mit gegliederten, fleischigen, nur an der Spitze blättertragenden Aesten, die wir ebenfalls für eine baumartige Wolfsmilch hielten. Aber beim Abbrechen der Zweige entleerte sich kein Milchsaft, und bald entdeckten wir einzelne gelbe Compositenblüthen an ihnen, welche uns sofort zeigten, daß wir eine von den Euphorbien weit entfernte Pflanze vor uns hatten. Es war die Kleinia nereifolia, eine unserm Huflattig nahe verwandte Composite. Die auffallende Aehnlichkeit in der ganzen Tracht, welche zwei im Systeme, d. h. im Stammbaum, so weit von einander entfernte Pflanzen zeigen, erklärt sich einfach durch die Anpassung an gleiche Lebensbedingungen. Noch ein kleiner Strauch, den wir zwischen den Euphorbien und Kleinien in der Valle Ameida fanden, mag hier erwähnt werden, weil er gleich jenen Beiden zu den bedeutendsten Charakterpflanzen der canarischen Inseln gehört. Das ist die Plocama pendula, ein Busch von 8–10 Fuß Höhe, welcher mit unserm Waldmeister und Geisblatt, aber auch mit dem auf Teneriffa cultivirten Caffeebaume in eine und dieselbe Familie gehört. Mit ihren zahllosen feinen niederhängenden Zweigen und schmalen dünnen Blättern gleicht die Plocama einer Trauerweide im Kleinen. Während meine Reisegefährten tiefer unten zwischen den Felsen umherstiegen, war ich höher in die Ameida-Schlucht hinaufgeklettert, und gelangte hier zu einigen Bauernhütten, welche von Cactus-Pflanzungen umgeben waren. Vor den niederen Hütten spielten nackte braune Kinder, und bei meiner Annäherung stürzte mir eine Schaar von großen halbwilden Hunden laut bellend entgegen. Diese wolfähnlichen Thiere, Perros genannt, die in großer Anzahl auf den Inseln leben und gegen die wir uns später noch oft mit den Stöcken zu wehren hatten, erinnerten mich an die großen Hunde, welche den canarischen Inseln ihren Namen gegeben haben. Zur Zeit von Christi Geburt sandte Juba, der tapfere König von Numidien, einige Schiffe nach den glückseligen Inseln aus, welche zuerst genauere Nachrichten darüber nach der Mittelmeerküste brachten. Diese Expedition, die älteste und einzige des Alterthums, von der wir nähere historische Kunde besitzen, brachte dem Könige als Geschenk ein Paar riesige Hunde mit zurück, und von diesen empfing der ganze Archipel seinen Namen: „Hunde-Inseln“ (canariae).

37 von 37 Seiten

Details

Titel
Eine Besteigung des Pik von Teneriffa
Autor
Jahr
2008
Seiten
37
Katalognummer
V117098
ISBN (Buch)
9783640190027
Dateigröße
529 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
[erstmalig erschienen 1870]
Schlagworte
Eine, Besteigung, Teneriffa
Arbeit zitieren
Ernst Häckel (Autor), 2008, Eine Besteigung des Pik von Teneriffa, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/117098

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