„Vertreter der Allgemeinen Gleichgewichtstheorie neigen gelegentlich dazu, die Bemühungen ihrer auf dem Gebiet der Makroökonomik arbeitenden Kollegen mit einer gewissen Geringschätzung zu betrachten: deren Analyse fehle eine konsistente mikroökonomische Fundierung, sie operiere mit wenig plausiblen ad hoc-Hypothesen, es mangele ihr an Allgemeinheit […]. Die gelegentliche Überheblichkeit einiger Abkömmlinge von Walras macht auf eingefleischte Makroökonomen wenig Eindruck. Die Abkömmlinge von Keynes pflegen nicht selten wie folgt zu reagieren: Zugegeben, die Allgemeine Gleichgewichtstheorie ist rigoros formuliert, allein sie ist irrelevant. Sie kann nicht nachweisen, daß es zu einem Walrasianischen Gleichgewicht kommt und sie trägt nichts zur Klärung unfreiwilliger Arbeitslosigkeit bei. Die präferenz- und produktionstheoretischen Prämissen der Theorie sind höchst fragwürdig (Hagemann/Kurz/Schäfer 1981, S. 13).“
Einer der hier beschriebenen „Abkömmlinge von Keynes“ ist der 1926 in Pullmann (Washington) geborene Robert W. Clower. Dabei darf der Begriff Abkömmling nicht missverstanden werden. Clower befasste sich sehr kritisch mit den Erkenntnissen und Auslegungen der Keynesianischen Theorie. Mit seinem berühmten Artikel „The Keynesian Counterrevolution“ von 1965 kritisierte er die bis dahin herrschende und aus seiner Sicht inkonsistente Verbindung von neoklassischem und keynesianischem Gedankengut. Mit diesem „Anschlag“ wurde er der Wegbereiter für die „Neo-keynesianische Theorie“ (vgl. Berlemann 2005, S. 318f). Zahlreiche Ökonomen wie Leijonhufvud, Barro, Grossman, Benassy und Drèze entwickelten aus der Clowerschen Keynes-Interpretation weiterführende Neokeynesianische Modelle (vgl. Hagemann/Kurz/Schäfer 1981, S. 225).
In dieser Seminararbeit werden der Ansatz von Clower und die von ihm entwickelte „Duale Entscheidungshypothese“ näher beleuchtet. Zunächst soll jedoch die Bedeutung der Ungleichgewichts-Theorie skizziert werden, die auch als Synonym für die Neokeynesianische Theorie gilt.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die Bedeutung der Ungleichgewichts-Theorie
2.1 Gleichgewichtsbegriffe
2.2 Die Grundannahmen der Allgemeinen Gleichgewichts-Theorie
3 Das Modell von Clower
3.1 Clower über Keynes und Patinkin
3.2 Die Duale Entscheidungshypothese
3.3 Die Clower- und die Drèze-Nachfrage
4 Die Wirkung von Clower und Drèze im wissenschaftlichen Diskurs
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die theoretischen Ansätze von Robert W. Clower und Jacques Drèze im Kontext der Ungleichgewichts-Makroökonomik. Ziel ist es, die Kritik Clowers an der neoklassischen Synthese sowie seine Entwicklung der „Dualen Entscheidungshypothese“ darzustellen, um zu erklären, wie unfreiwillige Arbeitslosigkeit und Marktrationierungen innerhalb makroökonomischer Modelle konsistent abgebildet werden können.
- Kritische Auseinandersetzung mit der klassischen Gleichgewichtstheorie
- Einführung der „Dualen Entscheidungshypothese“ nach Clower
- Unterscheidung zwischen hypothetischer und effektiver Nachfrage
- Konzeptualisierung der Clower- und Drèze-Nachfrage bei Rationierung
- Einordnung der Ansätze in den wissenschaftlichen Diskurs der Neokeynesianischen Theorie
Auszug aus dem Buch
3.2 Die Duale Entscheidungshypothese
Der prinzipielle Gegensatz von Clower zu Patinkin besteht darin, dass Clower zwar die Existenz und Effektivität des Gleichgewichtszustandes im Gleichgewicht nicht leugnet, aber dem Gleichgewicht jede prägnante Kraft abspricht, sobald es einmal gestört ist. Er vertritt eine duale Theorie. Ein bestimmtes Entscheidungssystem ist im Gleichgewicht wirksam und ein anderes, neues Entscheidungssystem tritt im Ungleichgewicht in Kraft (Rothschild 1981, S. 46).
Die Vorstellung, dass immer alle wirtschaftlichen Akteure eine einheitliche und gleichzeitige Entscheidung treffen, die immer voll realisiert werden kann, habe wenig mit der Realität des Lebens zu tun. Vielmehr muss man in geplante und verwirklichte Größen unterscheiden. Integriert man diesen Aspekt in die traditionelle Preistheorie, kann eine dynamische Stabilität der Marktwirtschaft nicht mehr konstruiert werden (vgl. Clower 1965, S. 48ff). Die Neo-Walrasianer, wie Clower sie nannte, machen im Weiteren den Fehler, dass sie davon ausgehen, dass ein Tausch im Ungleichgewicht ausgeschlossen wird. Gegenteiliges sei jedoch in der Realität der Fall (vgl. Clower 1975, S. 94).
Es wird durchaus auch zu „falschen“ Preisen gehandelt, die nicht von markträumender Natur sind. In Abbildung 1 soll nun angenommen werden, dass nicht zum Gleichgewichtspreis p*, sondern zum falschen, in diesem Fall höheren Preis p’ Güter angeboten werden. Der Anbieter kann in Folge dessen nur die Menge x’ und nicht wie angenommen die gewünschte Menge x’’ absetzen. Die kürzere Seite der Angebotsfunktion (Ax) dominiert und der Anbieter bleibt auf dem unverkauften Lager in Höhe von x’x’’ sitzen (Rothschild 1981, S. 47f). Erst im Zeitverlauf wird sich der Preis ändern, zunächst jedoch vollzieht sich eine Reaktion in der Menge (vgl. Clower 1975, S. 100).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik der neoklassischen Gleichgewichtstheorie ein und stellt Robert W. Clower als Wegbereiter der Neokeynesianischen Theorie vor.
2 Die Bedeutung der Ungleichgewichts-Theorie: Es werden unterschiedliche Gleichgewichtsbegriffe definiert und die Grundannahmen der walrasianischen Theorie analysiert, um den Ausgangspunkt der wissenschaftlichen Debatte zu klären.
3 Das Modell von Clower: Das Kernstück der Arbeit befasst sich mit Clowers Kritik an Keynes-Interpretationen, der Vorstellung der Dualen Entscheidungshypothese sowie der Ableitung von Clower- und Drèze-Nachfragefunktionen.
4 Die Wirkung von Clower und Drèze im wissenschaftlichen Diskurs: Der abschließende Abschnitt reflektiert den Einfluss und die Bedeutung der vorgestellten Konzepte auf die moderne makroökonomische Theoriebildung.
Schlüsselwörter
Ungleichgewichts-Makroökonomik, Robert W. Clower, Jacques Drèze, Duale Entscheidungshypothese, Neokeynesianische Theorie, Allgemeine Gleichgewichtstheorie, Arbeitslosigkeit, Marktrationierung, Preissignale, Mengensignale, Effektive Nachfrage, Hypothetische Nachfrage, Walras-Gesetz, Gütermärkte, Faktormärkte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit den theoretischen Modellen der Ungleichgewichts-Makroökonomik, insbesondere mit den Ansätzen von Robert W. Clower und Jacques Drèze.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Fokus stehen die Kritik an der neoklassischen Synthese, das Konzept des Ungleichgewichts bei starren Preisen und die mikroökonomische Fundierung von Rationierungsphänomenen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die „Duale Entscheidungshypothese“ von Clower zu erläutern und zu verdeutlichen, wie Marktteilnehmer auf Rationierungen reagieren und warum das Gleichgewichtsmodell allein unfreiwillige Arbeitslosigkeit nicht erklären kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit nutzt eine theoretische Literaturanalyse und eine kritische Auseinandersetzung mit ökonomischen Standardwerken, um die Entwicklung der Neokeynesianischen Theorie nachzuzeichnen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die methodische Herleitung der Dualen Entscheidungshypothese, die Analyse der Konsumentenentscheidung unter Rationierung und die mathematische bzw. grafische Herleitung der effektiven Nachfrage.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Zu den zentralen Begriffen gehören Ungleichgewichts-Makroökonomik, Duale Entscheidungshypothese, Rationierung, Effektive Nachfrage und Neokeynesianische Theorie.
Was versteht Clower unter der „Dualen Entscheidungshypothese“?
Clower postuliert, dass sich Wirtschaftssubjekte im Ungleichgewicht anders verhalten als im Gleichgewicht: Sie reagieren nicht nur auf Preise, sondern müssen ihre Pläne aufgrund von Mengenbeschränkungen (Rationierungen) revidieren.
Was unterscheidet die Drèze-Nachfrage von der Clower-Nachfrage?
Während die Clower-Nachfrage die Berücksichtigung von Mengenbeschränkungen bei der Planung auf anderen Märkten beschreibt, bezieht sich die Drèze-Nachfrage auf das Verhalten frustrierter Marktteilnehmer, die ihre Nachfrage aktiv auf das rationierte Niveau anpassen.
- Arbeit zitieren
- Raoul Weise (Autor:in), 2007, Ungleichgewichts-Makroökonomik: Die Ansätze von Clower und Drèze, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/117126