In dieser Arbeit wird neben der Sphäre des Denkens und Erkennens, zu der die Auseinandersetzung mit Sprache gehört, auch auf die Kritik an metaphysischen Subjektvorstellungen eingegangen. Nietzsches Kritik am Subjektbegriff wird nicht als Gesamtheit, sondern partiell beleuchtet, um eine differenzierte Einordnung vornehmen zu können. Zudem wird ein zweiter Schwerpunkt auf Nietzsches Forderung nach der Umwertung des Subjektbegriffs liegen. In einem zweischrittigen Verfahren werden also erstens die Grundlinien seiner Kritik nachgezeichnet und zweitens die Nietzsch´schen Umwertungen des Subjektbegriffs herausgearbeitet.
Da Nietzsches Philosophie keine systematische ist und somit keine geschlossene Theorie proklamiert, sind seine Überlegungen zum Selbst in seinen Schriften verteilt und gehören verschiedenen Schaffensphasen an, sodass sich teils widersprüchliche Aussagen finden lassen. Solche Ambiguitäten werden in der Arbeit berücksichtigt, zielen aber nicht darauf ab, Nietzsches Subjektbegriff als teleologisches Konzept zu interpretieren.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Nietzsches genealogische Kritik am Subjektbegriff
2.1 Der Seelenbegriff als Projektion christlicher Metaphysik & Moral
2.1.1 Umriss von Nietzsches Kritik am Christentum
2.1.2 Perspektiven Nietzsches auf den Begriff der Seele
2.2 Sprachmetaphysik und Denken in sprachlichen Zeichen
2.3 Sprachkorrelat Bewusstsein
3. Umwertung des Subjekts
3.1 Wille zur Macht als Seinsgrund
3.2) Unbewusstsein & Triebegeschehen
3.3) Bewusstsein als Phänomen physischer Vorgänge
3.3.1) Zum Verhältnis von Selbstbewusstsein und Gedächtnis
3.4) Leibvernunft statt Leibverachtung
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht Nietzsches kritische Auseinandersetzung mit dem traditionellen Subjektbegriff, mit dem Ziel, seine genealogische Dekonstruktion der abendländischen Subjektvorstellung offenzulegen und seine Forderung nach einer Umwertung des Subjekts im Sinne einer Orientierung am Leib-Selbst und dem Willen zur Macht zu analysieren.
- Genealogische Dekonstruktion des metaphysischen Subjektbegriffs
- Die Rolle von Sprache, Bewusstsein und christlicher Moral als Konstruktionsmittel des Subjekts
- Leibvernunft als Gegenentwurf zum cartesischen Körper-Geist-Dualismus
- Der Wille zur Macht als zentrales Prinzip des Werdens und der organischen Prozesse
Auszug aus dem Buch
2.2 Sprachmetaphysik und Denken in sprachlichen Zeichen
Bewusstseinsprozesse basieren auf allen Ebenen auf Vorstellungen und diese wiederum auf Zeichen: vom initialen phänomenalen Gewahrwerden einer Empfindung oder Wahrnehmung, Erinnerungsprozesse, Denkvorgänge, Selbstbewusstsein oder Handlungsabsichten (Abel, 2001, S. 22) - zwangsläufig liegt diesen mentalen Prozessen immer ein auf sprachlichen Zeichen basierendes Denken zugrunde. Nietzsche pointiert, dass wir überhaupt „nur in der sprachlichen Form denken“ können und „(aufhören) zu denken, wenn wir es nicht in dem sprachlichen Zwange thun wollen“ (NF, 1886, 5(22), S. 193). Hierzu zählen auch Setzungen, die sich aus grammatischen Strukturen ergeben.
Diese wiederum bergen bereits ein interpretatives Moment. Mit Abel sei an dieser Stelle der Verbund von Sprache und Bewusstsein konkretisiert. Der Gebrauch sprachlicher Zeichen wurzelt in der sozialen Interaktion und ist sowohl historisch als auch kulturell geprägt - er kann nicht „einfach auf organische bzw. auf neurobiologische Zustände und Prozesse reduziert“ (Abel, 2001, S. 23) werden. Die organische Anlage des Sprachzentrums im Gehirn bildet zwar die Voraussetzung für Spracherwerb und Informationsverarbeitung, sie ist jedoch nicht Zeichen setzend, sondern stellt zunächst die physiologische Befähigung zum Erlernen sprachlicher Zeichen dar. An der Schnittstelle zwischen dem Organischen und den „Prozessen in den Sphären des Sozialen, des Geschichtlichen und des Kulturellen“ (ebd.) ist das Bewusstsein zu verorten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die historische Problematik des Subjektbegriffs ein und umreißt Nietzsches Ansatz, diesen kritisch zu hinterfragen.
2. Nietzsches genealogische Kritik am Subjektbegriff: Dieses Kapitel analysiert Nietzsches Ablehnung christlicher Metaphysik, die Rolle der Sprache als Konstrukt und das Bewusstsein als Korrelat.
3. Umwertung des Subjekts: Das Hauptkapitel expliziert den Willen zur Macht, die Funktion des Unbewussten und die Bedeutung der Leibvernunft als zentrale Motive der Umwertung.
4. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bekräftigt Nietzsches radikale Abkehr von einem substanziellen Ich-Verständnis zugunsten einer prozessualen Seinsauffassung.
Schlüsselwörter
Nietzsche, Subjektbegriff, Genealogie, Wille zur Macht, Leibvernunft, Sprachkritik, Bewusstsein, Unbewusstsein, Metaphysik, Christentum, Dekadence, Perspektivismus, Identität, Körper-Geist-Dualismus, Umwertung aller Werte
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht Nietzsches philosophische Auseinandersetzung mit der traditionellen Vorstellung des Subjekts und wie er diese durch seine genealogische Methode zu dekonstruieren versucht.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Kritik an der christlichen Moral, die sprachphilosophische Fundierung des Subjektbegriffs, das Konzept des Willens zur Macht und die Etablierung des Leibes als "große Vernunft".
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, Nietzsches Forderung nach der "Umwertung des Subjekts" nachzuzeichnen und aufzuzeigen, wie er den Menschen vom metaphysischen Ich befreien möchte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verwendet eine hermeneutische und genealogische Vorgehensweise, indem sie Nietzsches Werk thematisch erschließt und die historischen sowie philosophischen Bedingungen seiner Kritik analysiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit dem Willen zur Macht als Seinsgrund, der Rolle des Unbewussten, der Funktion des Bewusstseins als Mittel der Mitteilbarkeit und dem Gegenentwurf der Leibvernunft.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Neben Nietzsche und dem Subjektbegriff sind die wichtigsten Begriffe: Wille zur Macht, Leibvernunft, Perspektivismus, Sprachkritik und die Umwertung aller Werte.
Wie unterscheidet Nietzsche zwischen der "kleinen" und der "großen" Vernunft?
Die "kleine Vernunft" bezeichnet bei Nietzsche den Geist und das bewusste Denken, während die "große Vernunft" den gesamten Leib als organische, vielfältige Kräfteeinheit beschreibt.
Inwiefern ist das Bewusstsein laut Nietzsche nur ein "Instrument"?
Nietzsche sieht das Bewusstsein nicht als leitende Instanz des Selbst, sondern als ein Werkzeug, das sich aus dem sozialen Kommunikationsbedürfnis des Menschen entwickelt hat.
- Arbeit zitieren
- Marlen Reinschke (Autor:in), 2021, Situierung des Subjektbegriffs bei Friedrich Nietzsche. Kritik und Umwertung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1171502