„Was ist eine geistige Behinderung?“ – mit dieser Frage beginnt Speck (1993, 39) das Kapitel „Geistige Behinderung – Begriff und Klassifikation“ in seinem Buch „Menschen mit geistiger Behinderung und ihre Erziehung“. Es ist dies keine Frage, auf die sich klar und eindeutig eine Antwort findet.
Da der Personenkreis der geistig behinderten Menschen und deren Probleme das zentrale Thema dieser Arbeit sind, ist es dennoch notwendig, ein möglichst umfassendes Verständnis von geistiger Behinderung zu erarbeiten. Meine Absicht ist es, den Überbegriff „Behinderung“ auf den Bereich der „geistigen Behinderung“ einzugrenzen.
Bevor über den betreffenden Personenkreis ausführlich nachgedacht werden kann, ist die Wahl des Begriffes „geistig Behinderte“ zu begründen. Dadurch soll nachvollziehbar werden, weshalb ich gerade die Bezeichnung „geistig Behinderte“ in meiner Arbeit verwende. Valerie Sinason stellt dazu in ihrem Buch „Mental Health and the Human Condition“ Überlegungen an, die hilfreich sind, diese Entscheidung begründen zu können. Es geht bei ihr um die Bedeutung der Worte und nicht vorrangig um die Wortwahl.
Zur Differenzierung des Begriffes „geistige Behinderung“ werden drei Aspekte nach Speck (1993) mit unterschiedlichen Schwerpunkten ausgearbeitet:
- der medizinische Aspekt,
- der psychologische Aspekt
- der soziologische Aspekt.
Anhand dieser Ausführung wird gezeigt, wie komplex die Zusammenhänge sind, wenn geistige Behinderung konkretisiert werden soll. Bezug nehmend auf die Ausführung von Speck wird Niedeckens Ansatz zur Organisation von geistiger Behinderung kurz diskutiert. Das heißt, es wird erarbeitet, von welchem Verständnis in erster Linie auszugehen ist, wenn von geistiger Behinderung beziehungsweise geistig Behinderten gesprochen wird.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Persönlicher Bezug zum Thema
Problemstellung
Gliederung der Arbeit
TEIL A: GRUNDLAGEN ALS VORBEREITUNG AUF NIEDECKENS ZUGANG
1. Geistige Behinderung – was ist darunter zu verstehen?
1.1 Begriffswahl in Anlehnung an Sinason
1.2 Aspekte zu geistiger Behinderung in Anlehnung an Speck
1.1.1 Der medizinische Aspekt – geistige Behinderung als Hirnschädigung
1.1.2 Der psychologische Aspekt – geistige Behinderung als Intelligenzminderung
1.1.3 Der soziologische Aspekt – geistige Behinderung als soziale Dimension
1.3 Mögliche Einwände nach Niedecken zu Specks Ausführung
1.4 Definitionen von geistiger Behinderung aus unterschiedlichen Perspektiven
2. Psychoanalytische Begriffe
2.1 Abwehr
2.2 Übertragung
2.3 Gegenübertragung
2.4 Szenisches Verstehen
2.5 Fantasmen und Fantasien sind nicht das Gleiche
3. Ein Blick in die Vergangenheit
3.1 Freud – und die therapeutische Arbeit mit geistig Behinderten?
3.2 Maud Mannoni – erste Ansätze zur Therapie von behinderten Menschen
TEIL B: NIEDECKENS THEORIE UND DREI ZENTRALE THESEN
Einleitung
EXKURS: Klärung des Institutionsbegriffes in Anlehnung an Erdheim
4. Die Institution Geistigbehindertsein
4.1 Die Etablierung der Institution Geistigbehindertsein
4.1.1 Die Diagnose
4.1.2 Die gesellschaftlichen Fantasmen
4.1.3 Die Rehabilitationsmethoden
5. Die institutionelle Gegenübertragung
5.1 Erläuterung institutionellen Gegenübertragung
5.1.1 Ein Beispiel aus der Literatur
6. Erste These - zu den Tötungsfantasien „Über unbewusste kollektive Tötungstendenzen“
6.1 Ergänzende Anmerkungen zur These
6.2 Bedeutung der These für die Arbeit mit geistig behinderten Erwachsenen
6.2.1 Ein Beispiel aus der Praxis
6.2.2 Erlösungsfantasien des Betreuungspersonals
6.2.3 Strafe und Gewalt in der Behindertenarbeit
6.2.4 Das „behinderte Lächeln“
6.2.5 Fragen, die sich beim Nachdenken ergaben
6.3 Zusammenfassung der Thesenausarbeitung
7. Zweite These - zu den Abwehrmechanismen „Über unterschiedliche Abwehrstrategien in der Behindertenarbeit“
7.1 Ergänzende Anmerkungen zur These
7.2 Abwehr auf Seite der Betreuenden
7.2.1 Das verstecken hinter Normen als Leugnungsabwehr
7.2.2 Abwehr von Ansteckungsangst
7.2.3 Gleichgültigkeit als Abwehr
7.2.4 Spaltungsabwehr
7.3 Abwehr auf Seite der geistig Behinderten
7.3.1 Spaltung als Stabilisator bei geistiger Behinderung
7.3.2 Behinderung als Abwehr gegen ein Trauma
7.4 Zusammenfassungen der Thesenausarbeitung
8. Dritte These - zum Wiederholungszwang und zu Stereotypien „Über die zwanghafte Wiederholung von frühen traumatischen Erfahrungen“
8.1 Grundlegendes zum Wiederholungszwang und zum stereotypisierten Handeln
8.1.1 Wiederholungszwang
8.1.2 Stereotype und Stereotypien sind zu differenzieren
8.2 Erläuterungen zur These
8.3 Wie kann sich der Wiederholungszwang im Alltag äußern?
8.3.1 Die Bedeutung des Wiederholungszwanges nach Niedecken im erzieherischen Alltag
8.4 Stereotypien erschweren den Verstehenszugang
8.5 Zusammenfassung der Thesenausarbeitung
TEIL C: MÖGLICHE KONSEQUENZEN FÜR DEN ARBEITSALLTAG ABSEITS DER THERAPIE
Einleitung
9. Konsequenzen für das Arbeiten mit geistig behinderten Erwachsenen
9.1 Konsequenzen aus den „Organisatoren“ der Institution Geistigbehindertsein
9.1.1 Der behutsame Umgang mit Diagnosen und Informationen
9.1.2 Das Wissen um Fantasmen und ein konstruktives Nachdenken darüber
9.1.3 Förder- und Rehabilitationsmaßnahmen und die Verantwortung zur Veränderung
9.2 Konsequenz zur Ausarbeitung der institutionellen Gegenübertragung
9.3 Konsequenzen aus der ersten These: Über unbewusste kollektive Tötungstendenzen
9.3.1 Gudrun weckte Tötungsfantasien
9.3.2 Erlösungsfantasien und die Gefahr der Resignation
9.3.3 Strafen als gewaltsame Maßnahmen und die Bedeutung der physischen Gewalt
9.3.4 Wie das „behinderte“ Lächeln zu verändern wäre
9.4 Konsequenzen aus der zweiten These: Über unterschiedliche Abwehrstrategien in der Behindertenarbeit
9.4.1 Verstecken hinter Normen und die geleugnete Realität der Betroffenen
9.4.2 Vom Umgang mit Ängsten in der Behindertenarbeit
9.4.3 Das Aufgeben in Gleichgültigkeit oder das Setzen von kleinen Zielen
9.4.4 Die Spaltung in unterschiedlichen Ausprägungen
9.4.5 Traumatische Erfahrungen und behindernde Faktoren
9.5 Konsequenzen aus der dritten These: Über die zwanghafte Wiederholung von frühen traumatischen Erfahrungen
9.5.1 Der Wiederholungszwang in der Betreuungssituation
9.5.2 Stereotypien und wie ihnen begegnet werden kann
9.6 Zusammenfassung der Konsequenzen
10. Schwerpunkte für die pädagogische Haltung im Umgang mit geistig Behinderten
10.1 Vorbemerkungen zur persönlichen Haltung in der Behindertenarbeit
10.2 Merkmale einer pädagogischen Haltung aus der Bearbeitung von Niedeckens Ansatz
10.2.1 Unbefangenheit und Entwicklungspotential
10.2.2 Die Begegnung im Alltag
10.2.3 Reflexionsbereitschaft
10.2.4 Fortbildung und Supervision zur Kompetenzerweiterung
10.3 Zusammenfassung der Schwerpunkte zur pädagogischen Haltung
Resümee
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, welche Bedeutung der psychoanalytische Ansatz von Dietmut Niedecken für die Arbeit mit geistig behinderten Menschen in nicht-therapeutischen Settings, insbesondere in Wohngruppen, besitzt. Dabei soll aufgezeigt werden, dass das Verhalten geistig behinderter Menschen oft unbewusste psychische Prozesse widerspiegelt, die über die bloße körperliche oder geistige Behinderung hinausgehen.
- Die „Institution Geistigbehindertsein“ als gesellschaftliches Konstrukt
- Institutionelle Gegenübertragung als Mechanismus in der Betreuung
- Kollektive Tötungs- und Erlösungsfantasien gegenüber Behinderten
- Abwehrmechanismen in der täglichen Interaktion mit Betreuten
- Wiederholungszwang und Stereotypien als Symptomhandlungen
Auszug aus dem Buch
6.2.1 Ein Beispiel aus der Praxis
Die in diesem Kapitel beschriebene geistig behinderte Frau wird im Buch (Niedecken u. a. 2003, 32) Gudrun genannt. Bevor sie in eine betreute Form des Wohnens aufgenommen wurde, hat sie ihr Leben zumeist in Krankenhäusern und zuletzt lange Jahre auf einer psychiatrischen Station verbracht. Ihre gierige Art der Nahrungsaufnahme war sowohl in der Psychiatrie, als auch später in der betreuten Gruppe außerhalb der Psychiatrie, als problematisch angesehen worden. Gudrun bekam in der Psychiatrie Breikost zu essen. Auf Anfrage der neuen Wohngruppenbetreuerinnen an den Stationspfleger, ob denn nicht auch normales Essen für Gudrun möglich sei, entgegnete er, dass Gudrun extrem erstickungsgefährdet sei und das Personal keine Zeit habe, beim Essen auf jeden einzelnen aufzupassen.
„Die Sorge des Stationspflegers, Gudrun könne am Essen ersticken, ist als die Gegenübertragungsfantasie zu entziffern, Gudrun könne an schlechter Pflege sterben; wer ihr zu essen gab, könnte ihren Erstickungstod bewirken und ihr Mörder werden. In dieser Sorge kann der psychoanalytische Blick eine Reaktionsbildung als Anzeichen einer abgewehrten Tötungsfantasie entziffern; war Gudruns Gebaren beim Essen doch nur allzu geeignet, eine solche zu erwecken“ (Niedecken, Lauschmann, Pötzl 2003, 39).
Um eine Alltagssituation in dieser Weise zu interpretieren, reicht ein psychoanalytisches Grundverständnis bei weitem nicht aus. Vielmehr ist es wohl Niedeckens Therapieverständnis gekoppelt mit ihrer Theorie zur Institution Geistigbehindertsein die eine solche Interpretation ermöglichen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Geistige Behinderung – was ist darunter zu verstehen?: Dieses Kapitel beleuchtet unterschiedliche wissenschaftliche Perspektiven auf geistige Behinderung und formuliert eine Definition, die soziale und psychologische Faktoren miteinbezieht.
2. Psychoanalytische Begriffe: Hier werden zentrale Konzepte wie Abwehr, Übertragung, Gegenübertragung und das szenische Verstehen definiert, um eine theoretische Grundlage für die nachfolgende Diskussion zu schaffen.
3. Ein Blick in die Vergangenheit: Dieses Kapitel zeichnet die historische Entwicklung der psychoanalytischen Arbeit mit geistig behinderten Menschen anhand der Positionen von Sigmund Freud und Maud Mannoni nach.
4. Die Institution Geistigbehindertsein: Es wird die Theorie einer "Institution Geistigbehindertsein" entfaltet, die als unbewusster Mechanismus gesellschaftliche Rollenklischees und Einstellungen gegenüber Behinderten organisiert.
5. Die institutionelle Gegenübertragung: Der Begriff beschreibt Reaktionsschemata, die innerhalb einer Institution festgelegt sind, um mit dem als "störend" empfundenen Verhalten geistig behinderter Menschen umzugehen.
6. Erste These - zu den Tötungsfantasien: Dieses Kapitel diskutiert die unbewusste kollektive Tendenz, das "Unglück" der Behinderung beseitigen zu wollen, und welche Auswirkungen diese Fantasien auf die pädagogische Arbeit haben.
7. Zweite These - zu den Abwehrmechanismen: Hier werden unterschiedliche Abwehrstrategien des Betreuungspersonals und der geistig Behinderten untersucht, die der Aufrechterhaltung eines psychischen Gleichgewichts dienen.
8. Dritte These - zum Wiederholungszwang und zu Stereotypien: Der Wiederholungszwang wird als Ausdruck früher traumatischer Beziehungserfahrungen verstanden, während Stereotypien als individuelle Überlebensstrategien eingeordnet werden.
9. Konsequenzen für das Arbeiten mit geistig behinderten Erwachsenen: In diesem Kapitel werden konkrete Handlungsmöglichkeiten und pädagogische Implikationen aus den vorangegangenen theoretischen Analysen abgeleitet.
10. Schwerpunkte für die pädagogische Haltung im Umgang mit geistig Behinderten: Abschließend wird ein Modell für eine respektvolle und professionelle Haltung in der Behindertenarbeit formuliert, das die Reflexionsbereitschaft und Unbefangenheit in den Fokus rückt.
Schlüsselwörter
Geistige Behinderung, Psychoanalyse, Institution Geistigbehindertsein, institutionelle Gegenübertragung, Tötungsfantasien, Erlösungsfantasien, Abwehrmechanismen, Wiederholungszwang, Stereotypien, pädagogische Haltung, Beziehungsgestaltung, Reflexion, Supervision, Trauma, Inklusion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Diplomarbeit untersucht die Bedeutung des psychoanalytischen Ansatzes von Dietmut Niedecken für die Arbeit mit geistig behinderten Erwachsenen im nicht-therapeutischen Alltag, insbesondere in Wohngruppen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind die unbewussten Mechanismen in der Behindertenarbeit, gesellschaftliche Fantasmen, der Einfluss von Diagnosen und die Frage, wie pädagogische Fachkräfte eigene unbewusste Prozesse reflektieren können.
Was ist das primäre Ziel der Forschung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie psychoanalytisches Verständnis dazu beitragen kann, das Verhalten geistig behinderter Menschen nicht nur als Folge ihrer Behinderung, sondern als sinnvolle Ausdrucksform ihres Erlebens zu begreifen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturbasierte Analyse und psychoanalytische Theoriebildung, um Niedeckens Thesen für das erzieherische Arbeitsfeld zu adaptieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Aufarbeitung theoretischer Grundlagen (Institution, Gegenübertragung, Abwehr), die Bearbeitung dreier Thesen zu Tötungs- und Erlösungsfantasien, Abwehrmustern sowie Wiederholungszwängen und schließlich die Ableitung praktischer pädagogischer Konsequenzen.
Welche Rolle spielen die Begriffe Tötungs- und Erlösungsfantasien?
Diese Begriffe bezeichnen unbewusste Impulse des Personals, die einerseits den Wunsch nach Beseitigung der belastenden Behinderung (Tötung) und andererseits den gegenteiligen, oft übermäßigen Heilungswunsch (Erlösung) ausdrücken.
Wie unterscheidet die Autorin zwischen "guten" und "bösen" Betreuern?
Dies bezieht sich primär auf den Mechanismus der Spaltungsabwehr, bei der die behinderte Person das Team in polarisierte Rollenbilder einteilt, um sich emotional zu orientieren, was vom Team reflektiert werden muss.
Warum wird das "behinderte Lächeln" als wichtiges Phänomen betrachtet?
Das Lächeln wird nicht als Fröhlichkeit gedeutet, sondern als eine Anpassungsleistung oder ein Abwehrmechanismus, der dazu dient, die eigene Angst vor der Ablehnung durch die Umwelt zu überspielen.
- Quote paper
- Magistra Eva Grahamer (Author), 2007, Vom behinderten Lächeln - Über die Bedeutung des Ansatzes von Dietmut Niedecken für die Arbeit mit geistig Behinderten abseits des therapeutischen Settings, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/117160