Heritage und Tourismus

Die Suche nach Authenzität und ihr Einfluss auf die einheimische Bevölkerung


Seminararbeit, 2007

17 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Theoretische Begrifflichkeiten
Heritage vs. History
Tourismus und die sozialwissenschaftliche Forschung
Authentizität vs. Staged Authentizität
Wieso reisen Menschen in fremde Länder?
Der Einfluss von Heritage und Tourismus auf Land und Leute
Großbritannien
Wirtschaftliche Faktoren
Heritage und die Hinterbühne
Abschließende Betrachtung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die Suche nach Authentizität ist etwas, was viele Touristen antreibt in immer außergewöhnlichere Länder zu reisen und dies auf möglichst unkonventionelle Weise. Im Idealfall bekommt der Tourist Einblicke in das „tatsächliche“ Alltagsleben der Einheimischen und fällt nicht als Tourist auf.

Wie sich die Einheimischen auf die Touristen einstellen und was daran dann noch das „wahre“ Leben ist, ist eines der Themen, womit sich die vorliegende Arbeit beschäftigt. Das Phänomen des Tourismus wird hier eng mit der Entwicklung der Heritage-Industry verknüpft. Besonders in England hat sich dieses Phänomen weit verbreitet. Die Gründe hierfür werden erläutert, denn auch in anderen europäischen Ländern und in den USA erfreuen sich diese Orte an immer größerer Beliebtheit. Vergangenheit ist attraktiv und zu einer Sehenswürdigkeit geworden. Touristen bereisen die unterschiedlichsten Orte und wollen von der Vergangenheit etwas erfahren und für die Gegenwart mitnehmen. Wollen sie dabei tatsächlich wissen, wie es war oder geht es dabei um eine neue Art von Entertainment? Welche Rolle spielen hierbei authentische Erfahrungen und was wird aus den Menschen vor Ort?

Auch dieser Frage widmet sich die vorliegende Arbeit.

Die Arbeit ist wie folgt gegliedert: Zunächst werden die Begriffe, die für die Thematik von Bedeutung sind näher erläutert. Um über Heritage sprechen zu können, ist es notwendig zu klären, was sich dahinter verbirgt, da die Übersetzung ins deutsche „Erbe“ nicht hinreichend erklärend ist. Ähnlich verhält es sich mit der Bedeutung von Tourismus, die auf die sozialwissenschaftliche Forschung bezogen wird und letztendlich noch die Erläuterung, was in diesem Zusammenhang mit Authentizität gemeint ist. Im zweiten Teil werden mögliche Gründe genannt wieso Menschen in fremde Länder reisen und welchen Einfluss sie dadurch auf Land und Leute üben. Abschließend wird Heritage und Tourismus aufeinander bezogen und gezeigt, was sie gemeinsam haben und worin sie sich unterscheiden.

Die meiste Literatur zu der vorliegenden Thematik stützt sich auf MacCannell und Cohen, die in den frühen 90iger Jahren die ersten waren, die sich mit den Themen Tourismus und Heritage auseinandergesetzt haben. Es liegt nahe, dass auch bei dieser Arbeit die beiden Autoren von großer Bedeutung sind. Da sich MacCannell dem Theorem der Hinter- und Vorderregion Goffmanns bedient, um das Streben nach authentischem Erleben zu erklären, habe ich ihn ebenfalls für diese Fragestellung genutzt. Außerdem ist Urrys Werk „The Tourist Gaze“ besonders hilfreich, um die Gründe des Heritage Booms und die Auswirkungen auf die Menschen Vorort zu verstehen. Die Probleme, die durch den Tourismus in den nicht westlichen Ländern auftreten, hat Mäder in seinem Werk thematisiert. Leider gibt es wenig aktuelle Literatur, so gewinnt man den Eindruck, dass nur zu Anfang des Auftreten dieses neuen Phänomens geforscht und publiziert wurde.

Theoretische Begrifflichkeiten

Heritage vs. History

„Heritage übertreibt und spart aus, erfindet und vergisst in aller Unschuld, denn sie gedeiht auf dem Nährboden der Unwissenheit und des Irrtums (Lowenthal 2000: 73). Um zu verstehen was genau mit Heritage gemeint ist, ist es hilfreich ihr History vergleichend gegenüber zu stellen. Mit History ist die klassische Geschichtswissenschaft gemeint, die an Universitäten gelehrt wird. Historiker haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Vergangenheit nach strengen Regeln zu erforschen, indem sie ihre Erkenntnisse aus Quellen ziehen, die jedem, mehr oder weniger frei, zugänglich sind. Es geht darum, möglichst genau zu erfassen, wie etwas war und dies - ganz im Gegensatz zu Heritage - ohne Ausschweifungen und Ausschmückungen darzustellen. History ist demnach eher nüchtern, aber genau und Heritage märchenhaft und lückenhaft. Die History stellt sich häufig klassisch in Museen dar, welche durch ihre Exponate leben. History und Heritage haben beide gemein, sich mit Vergangenheit zu beschäftigen, aber verfolgen dabei unterschiedliche Ziele. Die Ziele der History sind eindeutiger zu beschreiben als die der Heritage. Während History nicht auswählt, welche Vergangenheit erhalten werden soll, wählt die Heritage bewusst aus. Heutzutage hat History nicht mehr den Identitätsschaffenden Charakter und die Geschichtsschreiber sind nicht von der Gunst irgendwelcher Führungspositionen abhängig. Heritage-Stätten d.h. Orte, die ihrer Vergangenheit willen besucht werden, müssen finanziell gefördert werden und spielen für die einheimische Bevölkerung nicht selten eine Identitätsschaffende Rolle. Die Gründe und Ziele variieren also je nach Standort und Betreiber. Die Bildung der Besucher der Heritage-Stätte steht dabei nicht unbedingt im Vordergrund.

Die Heritage-Industry erschafft bzw. konserviert Orte, die darauf spezialisiert sind, Besucher anzuziehen durch ihre Vergangenheit. In diesen Stätten, z.B. einem Schloss oder einer alten Mühle, müssen Dinge geschehen sein, die interessant genug sind, um für die heutige Zeit präsentiert und bewahrt zu werden. Hier ist schon eine Problematik zu erkennen, denn man muss sich die Frage stellen: wer entscheidet, dass sie interessant sind und zu welchem Zweck? Diese Frage ist nicht eindeutig zu beantworten, da die Heritage-Industry, ausgehend von England, stets von den unterschiedlichsten Gruppierungen gefördert wird. Nicht selten sind es die Menschen vor Ort, die einen Verein gründen für die Erhaltung ihrer Heritage-Stätte und sich dafür einsetzen, dass sie finanziert und gepflegt wird. Urry nennt drei Bedingungen, die erfüllt werden müssen, damit ein Ort geeignet ist, zu einer Heritage-Stätte zu werde (vgl. Urry 2002: 108).

1. Es müssen gut erhaltene Gebäude vorhanden sein aus einer „interessanten“ historischen Periode.
2. Diese Gebäude müssen einen Zweck erfüllt haben, der für die Besucher von Interesse sein kann.
3. Das Gebäude sollte ein gewisse signifikante Bedeutung haben.

Nicht jede historische Periode ist interessant genug, um sie nutzbar machen zu können für die Heritage-Industry. Besonders geeignet scheint das Mittelalter zu sein, denn die Faszination für diese Epoche scheint am größten zu sein. Auf den Burgen und Schlössern lebt die Heritage insofern, als dort Leute anzutreffen sind, die sich kleiden und verhalten als seien sie aus der Zeit und damit den Besuchern eine Art Inszenierung bieten.

„Heritage nutzt historische Spuren, um Geschichtsmärchen zu erzählen“ (Lowentahl 2000: 72). Sobald etwas aus der Vergangenheit erhalten geblieben ist, wird es konserviert und für die eigenen Zwecke gedeutet und präsentiert. Dabei werden auch viele feststehende Tatsachen nicht berücksichtigt oder umgedeutet. Ein Schloss in Lancaster wurde z.B. ursprünglich zu großen Teilen als Gefängnis genutzt, aber diese Teile sind heute nicht der Öffentlichkeit zugänglich. Die Gefängnisinsel Alcatraz vor San Francisco hingegen lebt von den Touristen, die sich die alten Zellen ansehen möchten. An diesen beiden gegensätzlichen Beispielen lässt sich das Prinzip der Heritage-Industry verdeutlichen. Nicht unbedingt die tatsächliche historische Bedeutung spielt die wichtigste Rolle bei der Vermarktung einer solchen Stätte, sondern das, was präsentiert werden soll. Das Schloss von Lancaster soll die Schönheit der alten Tage widerspiegeln und nicht den Schrecken, deshalb bleibt die Nutzung als Gefängnis außen vor (Urry 2002: 108). Alcatraz hingegen ist gerade deshalb eine Touristenattraktion, weil die Leute eine Gänsehaut bekommen möchten, wenn sie die Zellen besuchen und sich vorstellen, wie es ist, darin eingesperrt zu sein. Die Nutzung der Insel als Gefängnis war eigentlich nur sehr kurz.

Für die Besucher wird etwas inszeniert, was echt wirken soll, aber nicht unbedingt den historischen Tatsachen entspricht. Fraglich wird es erst dann, wenn die Besucher das vorgeführte als „wahr“ ansehen und sich nicht anderweitig informieren.

Man kann nicht davon ausgehen, dass die Menschen, welche Heritage-Stätten besuchen vorher ein Werk eines Historikers gelesen haben und dadurch die Geschichtspräsentation, die sie vorfinden, als „wahr“ ansehen. Natürlich lässt sich das nicht verallgemeinern, aber auf einen gewissen Teil trifft dies zu. Heritage dient also auch als leicht verdauliche Geschichtsstunde. Mit der richtigen kritischen Umgangsweise kann eine Heritage-Stätte aber auch durchaus lehrreich sein (vgl. Urry 2002: 102). Man darf nämlich nicht vergessen, dass auch das, was in den Geschichtsbüchern steht, nicht immer der „Wahrheit“ entspricht. Sobald es um die Vergangenheit geht ohne noch lebende Zeitzeugen, kann kaum eine endgültige Wahrheit gefunden werde, sondern nur Annährungen an diese.

Prinzipiell muss unterschieden werden, ob der Besucher die Stätte aufsucht, um sich zu bilden oder lediglich als Beschäftigung in der Freizeit, denn je nach dem sind die Ansprüche andere.

Tourismus und die sozialwissenschaftliche Forschung

Das Phänomen des Tourismus und vor allem des Massentourismus sind Themen, die lange Zeit keine Beachtung unter den Sozialwissenschaftlern fanden. Knebel (1960) war der erste, der sich in seiner Dissertation mit modernem Tourismus auseinander gesetzt hat (vgl. Kubina 1990: 93). Knebel vertritt die Auffassung, dass es eine historische Form des Tourismus gibt, die je nach Zeitgeist unterschiedliche Ausprägungen hat. Gemeint ist damit, dass der „Sozialcharakter“ der Gesellschaft nicht nur die allgemeinen Lebensumstände bestimmt, sondern auch die Reiseform. Der Sozialcharakter ist eine bestimmte Art von erzwungener Verhaltenskonformität, also die Sitten und Normen der jeweiligen Gesellschaft (vgl. Kubina 1990: 93). Zum Beispiel war es im 17. Jahrhundert allein dem Adel vorbehalten, die Grand Tour[1] zu unternehmen. Festzuhalten bleibt zudem, dass freiwilliges Reisen nur in Friedenszeiten möglich ist. Reisen kann nicht gleichgesetzt werden mit dem modernen Tourismus, da Reisen in dem Sinne von reinem Ortswechsel so alt ist wie die Menschheit selbst, Tourismus hingegen ist eine junge Erscheinung. Die erste Definition von Tourismus stammt von der „Official Travel Organisation“ 1963, ist jedoch nur wenig nützlich für die sozialwissenschaftliche Forschung, da diese Definition zu allgemein gefasst ist und mit ihr keine Strukturen oder Motive erklärt werden können (vgl. Cohen 1984: 52).

Für die soziologische Herangehensweise an die Tourismusforschung sind die folgenden Hauptfelder von großem Interesse: der Tourist, die Beziehung zwischen Tourist und Einheimischen, die Struktur und Funktion des Tourismus-Systems und die Konsequenzen des Tourismus für die bereisten Länder. Insgesamt gilt der Tourismus als ein Teil der Freizeitforschung, wobei Cohen davor warnt diese beiden Themen gleich zusetzen. „ […] modern tourism is not merely a leisure activity, it possesses some crucial characteristics which distinguish it from other kinds of leisure” (Cohen 1995: 23). Tourismus ist demnach eine besondere, und von anderen Freizeitaktivitäten distinguierte Form des Erlebens, denn dieses Erleben kann nicht von zuhause aus geschehen, ein Ortswechsel ist notwendig. Die entscheidende Frage, die Cohen stellt, ist nun, ob Menschen weiterhin reisen in so großem Maße, wenn sie die gleichen Erlebnisse und Erfahrungen auch von zu hause haben können. Durch die technische Entwicklung wird es nämlich möglich, virtuelle Realitäten zu schaffen, d.h. fast jede denkbare Umgebung kann nahezu perfekt im eigenen Wohnzimmer simuliert werden (vgl. Cohen 1995: 22). Tatsächlich erfreuen sich Spielkonsolen, wie z.B. die Wii[2] von Nintendo großer Beliebtheit. Sie ermöglichen es, auf dem eigenen Sofa Bowling, Tennis usw. zu spielen, indem der Spieler sich selbst so bewegen muss, wie er es in der Realität auch tun würde. Ein anderes Beispiel für Ortsungebundenheit sind Freizeitparks wie z.B. Disneyland, prinzipiell ist es ist beliebig, an welchem Ort sie aufgestellt werden. Sie haben nichts mit der Umgebung zu tun, da sie eine eigene Welt darstellen. Was für eine Rolle spielt es, dass es sich in Paris und Los Angeles befindet? Scheinbar spielt es doch eine nicht zu unterschätzenden Rolle, denn Paris und Los Angeles charakterisieren sich auch durch Disneyland (vgl. Cohen 1995: 24). Die genannten Beispiele zeigen, dass sich die Grenzen zwischen Tourismus und Freizeit immer mehr verwischen. Cohen geht davon aus, dass Tourismus sich in der Form verändert, dass er mehr zu einer Freizeitaktivität wird, da der Ortswechsel eine immer geringere Bedeutung hat.

[...]


[1] Traditionelle Bildungsreise für die Söhne des Adels durch Mitteleuropa, die hauptsächlich durch Italien führte.

[2] Eine Spielkonsole, die einen neuartigen Controller besitzt. Der Spieler hält ihn in der Hand und die Bewegungen, die er im Raum macht, werden entsprechend auf dem Bildschirm wiedergegeben.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Heritage und Tourismus
Untertitel
Die Suche nach Authenzität und ihr Einfluss auf die einheimische Bevölkerung
Hochschule
Technische Universität Darmstadt
Veranstaltung
Seminar
Note
1,7
Autor
Jahr
2007
Seiten
17
Katalognummer
V117178
ISBN (eBook)
9783640194896
ISBN (Buch)
9783640195022
Dateigröße
457 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Heritage, Tourismus, Seminar
Arbeit zitieren
Michèle Bernhard (Autor:in), 2007, Heritage und Tourismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/117178

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