Familienerziehung im historischen Wandel

Zu Jutta Ecarius 2002


Rezension / Literaturbericht, 2003
13 Seiten

Leseprobe

Gliederung

1. Ansatz

2. Grundfragen

3. Datenbasis

4. Methodischer Ansatz

5. Familie – begriffliche Verortung

6. Erziehung heute

7. Analyse

8. Erziehungsmuster

9. Zeitgeschichtlicher Hintergrund

10. Zusammenfassung

11. Quellenverzeichnis

1. Ansatz

Wissenschaftliche Grundlage der Arbeit von Ecarius sind sozialwissenschaftliche Analysen, die Lebensformen heute pluralisiert und individualisiert beschreiben (9). Dabei geht es darum, dass sich Lebensformen von einem festen Bild und festen Regeln lösen, z.B. wann „man“ Kinder bekommt, in den Beruf eintritt, wie lange „man“ einer Firma treu bleibt etc. Das bedeutet eine Zunahme von Freiheit, aber auch Orientierungslosigkeit und, in gewissem Rahmen, eine erhöhte Chance zu scheitern, weil „man“ eben nicht unbedingt mehr weiß, welches Handeln und welche Einstellung wirklich zielführend sind.

Spannend ist der generationsübergreifende Ansatz von Ecarius, der mehrere Generationen zusammenfasst und in der Gesamtsicht analysiert. Damit geht es nicht mehr „um eine Abgrenzung der Generationen oder Generationskonflikte“ (9). Dies wird besonders relevant aufgrund gestiegener Lebenserwartung (s.a. 11) - immer mehr Heranwachsende erleben ihre Großeltern, weil diese eben noch leben. Die Dreigenerationenfamilie ist nach Ecarius These eine typische Familienform in unserer Zeit (s.a. 11).

Die geografische Flexibilität scheint dabei nicht so hoch wie angenommen (s.a. 36):

- In mehr als jeder fünften Familie wohnen die Großeltern nicht mehr als 15 min. Fußweg entfernt.
- Bei 82% der 18-55-jährigen ist zumindest ein Elternteil in weniger als einer Stunde zu erreichen.
- Bei 78% der 18-55-jährigen sind Geschwister in weniger als eiiner Stunde zu erreichen.

Damit stehen zumindest potenziell Ressourcen für horizontale wie vertikale Unterstützung zur Verfügung.

Mich erinnert der generationsübergreifende Ansatz vobn Ecarius an das Verfahren der Familienaufstellung in der Psychologie, in der durch intergenerationeller Sicht therapeutisch relevante Erkenntnisse gewonnen werden können.

Was mir bei dem Ansatz von Ecarius allerdings fehlt, ist der Bezug auf Patchwork-Familien, die es ja nicht nur heute, wo dieser Begriff modern geworden ist, sondern auch in der Mitte des letzten Jahrhunderts gab: Durch die Verheiratung von Witwern und Witwen besonders auch durch die Kriegsfolgen gab es ja auch damals schon etliche Familien, die aus mehreren „Rumpffamilien“ zusammengesetzt waren. Gleichzeitig wäre es heute eine spannende Frage, inwieweit die Scheidung familiale Erziehungsmuster durch verschiedene Generationen verändert.

Sie thematisiert bewusst die Rolle des Staates bei der Gestaltung von Familien – durch die Gewährleistung einer zumindest allgemeinen Ausbildung durch Schulpflicht und staatliche Ausbildungsstätten, durch Kindergeld und Unterhaltspflicht. (9).

Gleichzeitig wird in dem Buch kaum auf die spezielle geografisch-kulturelle Positionierung ihrer Stichprobe – der ehemaligen DDR – eingegangen, auch wenn dies m.E. durchaus relevant ist. Ich hätte mir persönlich gewünscht, dass diese kulturelle Verortung in ihrer Arbeit stärker thematisiert worden wäre. Zwar wird immer wieder darauf eingegangen, wie prägend die zeitgeschichtlichen Umstände waren, trotzdem habe ich den Eindruck, dass ihre Arbeit für Rezipienten, die die spezielle Lebensform der DDR nicht miterlebten, teilweise nicht gut nachzuvollziehen ist. Hier hätte ich mir manchmal mehr erklärende Kommentare gewünscht.

Ecarius beschreibt, „wie langsam das Feld von Familie, Sozialisation und Erziehung entdeckt wird.“ (27) Nach einer Phase, in der Familie als Konzept abgelehnt und oft „totgeredet“ wurde, wird Familienforschung offenbar langsam auch in der Erziehungswissenschaft modern. Klar ist: Erziehung und Familie sind längst keine Konzepte, die ad acta gelegt werden können. Wesentliche Anstöße sieht sie derzeit in der Soziologie, vor allem in der Frage nah dem Verhältnis von Gesellschaft und Familie. Sie fragt sich, warum die Erziehungswisenschaft so wenig dazu beigetragen hat (s.a. 28). Gründe sieht sie in unscharfen Begrifflichkeiten was etwa „Familie“ oder „Erziehung“ ist, zudem in dem derzeitigen Diskussionsschwerpunkt, pädagogischer Professionalisierung und pädagogischen Arbeitsbereichen (29).

Gerade die ungute Presse rund um die Pisa-Studie könnte m.E. diesen Schwerpunkt weiter besonders virulent machen.

2. Grundfragen

Grundfragen von Frau Ecarius waren:

- Wie wird Familienerziehung zwischen jüngeren und älteren Generationen gestaltet? Welchen Wandlungsprozessen unterlag diese Familienerziehung im letzten Jahrhundert? (s.a. 9)
- „Wie wird Familienerziehung gegenwärtig gestaltet und welchen Anteil haben Eltern und Großeltern?“ (10)
- Wie soll in unserer Zeit Erziehung gestaltet werden?
- „Was sind die Inhalte von Erziehung?“ (?) (10)
- „Wie erleben Heranwachsende die familiale Erziehung und welche Erfahrungen machen sie?“ (10)
- Wie hat sich die Familienerziehung im letzten Jahrhundert gewandelt? (s.a. 10)
- Welche Bedeutung haben dabei die familiären Generationsbeziehungen? (s.a. 10)

Hier spannt Ecarius den Bogen m.E. sehr weit. Zwischen den Konzepten Zeitgeschichte – Erziehung - Generationen macht sie ein sehr weites Feld auf, indem zudem ja auch noch Konzepte mehrerer Fachrichtungen, der Geschichtswissenschaft, der Pädagogik, der Psychologie und der Soziologie mit einfließen können.

Auf der Basis ihrer Grundfragen generierte Frau Ecarius folgende empirische Fragestellungen:

- Welche Erziehungserfahrungen sammeln Heranwachsende in drei Generationen vor dem Hintergrund der jeweiligen Zeit? (s.a. 30 und 77)
- Welche Erziehungsinhalte (Erziehungsregeln, Erwartungen etc) prägen die Erziehung und wie werden sie miteinander verknüpft? (s.a. 30 und 77)
- „Wie beschreiben die älteren Generationen die Erziehung ihrer Kinder und Enkel und welche Akzente werden dabei gesetzt?“ (30 und 77)
- Welche Interaktionsstrukturen werden dabei in der Familienerziehung sichtbar? (z.B. Machtbalance) (s.a. 30 und 77)
- Hat sich die Erziehung geändert? Durch was oder wen? (s.a. 30 und 77)

Auch hier spannt Ecarius den Bogen m.E. sehr weit. Sowohl quantitativ wie qualitativ macht sie ein so großes Feld auf, dass bei seiner Bearbeitung m.E. große Lücken entstehen müssen. Dazu wechseln sehr konkrete Fragestellungen (z.B. „Wie beschreiben die älteren Generationen die Erziehung ihrer Kinder und Enkel und welche Akzente werden dabei gesetzt?“) mit sehr allgemeinen (z.B. Hat sich die Erziehung geändert?)

Dabei versucht Frau Ecarius, „Familienerziehung innerhalb der Erziehungswissenschaft theoretisch zu verorten.“ (9) Meines Erachtens grenzt sie dabei ihre Arbeit allerdings zu wenig von Nachbardisziplinen ab.

3. Datenbasis

Frau Ecarius analysierte 27 Dreigenerationenfamilien der Jahrgänge

- 1908 – 1929,
- 1939 – 1953 und
- 1967 – 1975.

Erhebungsort war das Bundesland Sachsen-Anhalt / Region Halle.

Es wurde ein Interviewmanual entworfen, auf dessen Basis alle Interviewpartner in ähnlicher Art befragt wurden. Es besteht aus vier Teilen:

- dem narrativen Teil,
- dem Leitfadeninterview,
- dem Datenbogen,
- den Impressionen des Interviewten,

wobei die letzten beiden Teile einen ergänzenden Charakter haben.

Es wurden 66 Personen (39 Frauen, 27 Männer) mittels Leitfadeninterview und 75 Personen mittels dem narrativen Interview (39 Frauen, 27 Männer) befragt (s.a. 62ff – allerdings kommt sie auf S. 70 nur auf 66), in dem von der Lebenskonstellation, die der Interviewte als Kind erfuhr, die Geschichte weiterverfolgt wurde bis in die Gegenwart. Insgesamt kommt sie auf 132 Interviews.

Den Aufwand, den sie für die Arbeit in Kauf nimmt, finde ich beeindruckens. Es darf allein der Zeitaufwand dieser Arbeit – Hin- und Rückfahrt, Durchführen, Abtippen, Kategorisieren) nicht vergessen werden. Leider erzählt sie nicht, wie viel Zeit sie pro Interview brauchte und ob sie alle dieser Interviews durchführte oder sich von jemandem anderen helfen ließ. Auch wenn sie schon recht konkret berichtet, fehlen mir die Leitfragen, nach der sie dieses narrative Interview gestaltet hat. Dazu fehlen mir Angaben über Ort und Zeit (Universität? Bei den Interviewten privat?).

Eine kritische Reflexion der Interviewsituation geht mir ebenfalls ab: Gab es Spannungen während der Interviews? Was war die Motivation der Interviewten, ihre Geschichte zu erzählen? Bekamen sie eine Aufwandentschädigung? Wie wurden sie überhaupt gewonnen? Gab es Vereinbarungen über die Möglichkeit, bestimmte Daten zu anonymisieren?

Im Leitfadeninterview wurden folgende Themenbereiche angesprochen:

- Kindheit, Jugend, Erwachsenenalter und Alter (z.B. wichtige Bezugspersonen in Kindheit und Jugend, Bedeutung der Schule etc.) (65),
- intergenerationelle Interaktions- und Beziehungsmuster (66),
- Erfahrungen mit historischen Ereignissen (66).

Damit wird der Lebensweg aller drei Generationen in ähnlicher Weise erfragt (s.a. 66).

Die Fälle wurden nach dem Schneeballsystem ausgesucht, in dem man von einem konturierten Fall zum nächsten kontrastiven geht (s.a. 72). Dabei bemühte sie sich, ein möglichst breites Spektrum von Familienkonstellationen zu erfassen, z.B. Mehrgenerationenfamilien in engem regional-lokalen Zusammenhalt, Mehrgenerationenfamilien mit weiter gestreuter Verwandtschaft, Scheidungsfamilien (aber keine Witwer-/Rumpffamilien?), Familien mit berufstätiger Frau, Familien mit sozialen Auf- und Abstiegen, religiöse Familien, politisch engagierte Familien (s.a. 72).

Zwar wird die Position in der Geschwisterrangfolge erwähnt, sie wird jedoch methodisch nicht aufgegriffen – dies hätte etwa geschehen können, indem man nur Erstgeborene interviewt. Nachdem aus der Psychologie jedoch bekannt ist, wie bedeutsam die Geschwisterposition für den weiteren Entwicklungsverlauf ist, hätte ich mir hier eine größere Stringenz gewünscht.

[...]

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Familienerziehung im historischen Wandel
Untertitel
Zu Jutta Ecarius 2002
Autor
Jahr
2003
Seiten
13
Katalognummer
V117185
ISBN (eBook)
9783640195442
Dateigröße
395 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Arbeit über Ecarius Arbeit zu Familienerziehung, inkl. der Fragen zu moderner Identitätsarbeit. Rezension ohne Sekundärliteratur.
Schlagworte
Familienerziehung, Wandel
Arbeit zitieren
Dr. Phil. Kathrin Kiss-Elder (Autor), 2003, Familienerziehung im historischen Wandel , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/117185

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