Das Liquiditätsrisiko in Banken und seine wachsende Bedeutung


Diplomarbeit, 2008

53 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

1 Problemstellung und Vorgehensweise

2 Bezugsrahmen
2.1 Bankbetriebliche Risiken
2.2 Liquiditätsrisiken in Banken

3 Liquiditätsrisikosteuerung als Teil der Gesamtbanksteuerung
3.1 Ziele der Gesamtbanksteuerung und Liquiditätsrisikosteuerung
3.2 Aufsichtsrechtliche Behandlung des Liquiditätsrisikos
3.2.1 Empfehlungen des Baseler Ausschusses zur Liquiditätssteuerung
3.2.2 Liquiditätsrisiken in Zusammenhang mit MaRisk
3.2.3 Liquiditätsverordnung
3.3 Messung und Steuerung von Liquiditätsrisiken
3.3.1 Klassische Ansätze
3.3.2 Neuere Konzepte
3.3.3 Bewertung der Liquiditätssteuerung in der Praxis
3.4 Funding und Liquiditätsausgleich von Banken im Finanzverbund
3.4.1 Liquiditätsrisikosteuerung im genossenschaftlichen Finanzverbund
3.4.2 Liquiditätsrisikosteuerung in der Sparkassen-Finanzgruppe
3.5 Zusammenfassung

4 Fazit

LITERATURVERZEICHNIS

ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

Abbildung 1: Arten von Liquiditätsrisiken

Abbildung 2: Überblick über nationale und internationale Liquiditätsregelungen

Abbildung 3: Verfahren der Liquiditätsverordnung

Abbildung 4: Beispiel zur Berechnung von Liquiditätskennzahl und Beobachtungskennzahlen

Abbildung 5: Verteilung der teilnehmenden Institute nach Größenklassen

Abbildung 6: Aktuelle Bedeutung von Liquiditätsrisiken

Abbildung 7: Entwicklung der Bedeutung des Liquiditätsrisikomanagements in den letzten Jahren

Abbildung 8: Beurteilung der Aufgaben des Liquiditätsrisikomanagements

Abbildung 9: Liquiditätsausgleich im Verbund

1 Problemstellung und Vorgehensweise

Das Liquiditätsrisiko ist das typischste aller Risiken eines Kreditinstitutes, das derzeit wie- der zunehmend an Bedeutung gewinnt. In jüngster Vergangenheit hat sich durch die auf- sichtsrechtlichen Anforderungen im Rahmen von Basel II zur Kapitalausstattung das Hauptaugenmerk der Kreditinstitute verstärkt auf die Gegenpartei- und Marktrisiken gerichtet.

Liquiditätsrisiken standen hingegen lange Zeit im Hintergrund der Betrachtung bankbe- trieblicher Risiken. Liquidität galt als jederzeit verfügbar und die These „Die Liquidität folgt der Rentabilität beziehungsweise der Bonität“1 war weit verbreitet.

Wollte man dieser These Glauben schenken, wäre die jederzeitige Zahlungsbereitschaft für ertragreiche Kreditinstitute sichergestellt. Die jüngsten Turbulenzen an internationalen Kapitalmärkten – mit besonderem Blick auf die Subprime-Krise2 – haben gezeigt, dass die Gültigkeit dieser These in Frage zu stellen ist. Die Subprime-Krise brachte weltweit einen Vertrauensverlust mit sich und viele Banken hatten plötzlich Probleme bei der Beschaf- fung der benötigten Liquidität.

Die gestiegene Sensibilität für die Liquiditätsrisiken ist jedoch nicht nur auf die Turbulen- zen an den internationalen Kapitalmärkten zurückzuführen. Eine entscheidende Rolle spielen auch die methodischen Fortschritte, die eine genauere Quantifizierung und effi- zientere Steuerung der Liquiditätsrisiken ermöglichen, sowie die gestiegenen aufsichts- rechtlichen Anforderungen.

Die Mindestanforderungen an das Risikomanagement (MaRisk), die seit dem 1. Januar 2008 verbindlich von allen Kreditinstituten einzuhalten sind, enthalten neben generellen Vorgaben zum Risikomanagement in Kreditinstituten detaillierte Vorschriften für das Management von Liquiditätsrisiken. Als weiteres Regelwerk ist die zum 1. Januar 2007 in Kraft getretene Umwandlung des Grundsatzes II3 in die Verordnung über die Liquidität der Kreditinstitute (Liquiditätsverordnung) hervorzuheben.

Eine wesentliche Neuerung der Liquiditätsverordnung stellt die Wahl zwischen zwei unterschiedlichen Ansätzen dar. Während der Standardansatz weitgehend den ehemaligen Grundsatz II regelt, erlaubt die neue Öffnungsklausel der Liquiditätsverordnung den Instituten erstmals eigene Verfahren zur Bestimmung der Liquiditätssituation anzuwenden. Diese Wahlmöglichkeit ist bereits in den Baseler Regelungen für Markt-, Gegenpartei- und operationelle Risiken vorgesehen, stellt aber bei den Liquiditätsrisiken eine internationale Neuerung in der Bankenaufsicht dar. Anders als bei den genannten Risiken sind die aufsichtsrechtlichen Regelungen zum Liquiditätsrisiko bislang auf internationaler Ebene kaum harmonisiert.

Ziel dieser Arbeit ist es, sich mit den Neuerungen in der aufsichtsrechtlichen Behandlung der Liquiditätsrisiken inhaltlich auseinander zu setzen sowie klassische und neuere Methoden zur Messung und Steuerung der Liquiditätsrisiken vorzustellen. Dabei soll jeweils der Bezug zur bankbetrieblichen Praxis hergestellt werden.

Zu Beginn werden grundlegende Begriffe, die in dieser Arbeit von Bedeutung sind, defi- niert und ein Überblick über die Hauptrisikoarten von Banken gegeben. Es wird der Begriff der Liquidität erläutert und die verschiedenen Ausprägungen des Liquiditätsrisikos betrachtet.

Den Schwerpunkt der vorliegenden Arbeit bildet Kapitel 3. In diesem wird die Liquiditätsri- sikosteuerung als Teil der Gesamtbanksteuerung betrachtet. Dabei wird zunächst auf die jeweiligen Ziele der Gesamtbanksteuerung und der Liquiditätsrisikosteuerung eingegan- gen.

Aufgrund der Besonderheiten des Liquiditätsrisikos im Bankensektor, im Vergleich zu an- deren Branchen, bestehen gesetzliche Bestimmungen zur aufsichtsrechtlichen Behand- lung von Liquiditätsrisiken. Diese werden im Einzelnen aufgeführt und erläutert.

Anschließend wird auf die Methoden zur Messung und Steuerung von Liquiditätsrisiken eingegangen. Im Zuge der qualitativ neuen Mindestanforderungen an das Risikomana- gement (MaRisk) und die Vorschriften der Liquiditätsverordnung haben sich innovative Ansätze entwickelt. Neben einfachen Messinstrumenten wie der Liquiditätsablaufbilanz werden auch komplexere Systeme betrachtet. Dazu gehört u. a. der Liquidity at Risk, eine Maßzahl zur Quantifizierung des Liquiditätsrisikos, die in Anlehnung an die Grundkonzep- tion des Value at Risk-Ansatzes konzipiert wurde.

Auszüge einer Studie von Nils Moch und Stephan Schöning über das Liquiditätsrisiko- management in kleineren Kreditinstituten sollen Aufschluss über die Bedeutung dieses Risikos und die Anwendung der Mess- und Steuerungsverfahren in der Bankpraxis ge- ben.

Abschließend wird das Funding und der Liquiditätsausgleich von Banken im Finanzver- bund betrachtet. Die Liquiditätsrisikosteuerung im genossenschaftlichen Finanzverbund wie auch in der Sparkassen-Finanzgruppe sollen dabei näher untersucht werden. Dort sind durch die Modifizierung der Anstaltslast und den Wegfall der Gewährträgerhaftung im Jahr 2005 wesentliche Änderungen eingetreten.

Die Arbeit schließt mit einer Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse sowie einem Ausblick auf die zukünftige Entwicklung.

2 Bezugsrahmen

Ziel dieses Gliederungspunktes ist die detaillierte Darstellung des Liquiditätsrisikos im Vergleich zu anderen branchentypischen Risiken. Im ersten Teil werden die bankbetriebli- chen Risiken in die vier Hauptrisiken unterteilt und im Einzelnen dargestellt. Im zweiten Teil werden der Begriff des Liquiditätsrisikos erläutert und die Besonderheiten des Liqui- ditätsproblems im Bankensektor im Vergleich zu anderen Branchen aufgezeigt.

2.1 Bankbetriebliche Risiken

Durch die weite Verbreitung des Begriffs „Risiko“ in den verschiedenen Wissenschaften sind in der Literatur unterschiedliche Definitionen zu finden. In der vorliegenden Arbeit wird der Begriff Risiko im engeren Sinne als negatives Ereignis definiert, das mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit eintritt.

Bankbetriebliche Risiken lassen sich in die folgenden vier Risikokategorien unterteilen: Gegenpartei-, Markt-, Liquiditäts- und operationelle Risiken.4 Während Gegenpartei-, Markt- und Liquiditätsrisiken durch den Kreditnehmer oder den Markt begründet sind, werden die internen operationellen Risiken beim Kredit gebenden Institut selbst generiert. Externe operationelle Risiken sind hingegen auf äußere Umstände zurückzuführen, die weder bewusst eingegangen werden noch vom Kreditinstitut selbst verursacht sind.

Gegenparteirisiken treten als Ausfall-, Aktienpreis- und Zinsänderungsrisiken auf. Die zwei letztgenannten Risiken werden sowohl den Gegenparteirisiken als auch den Markt- preisrisiken zugeordnet; in dieser Arbeit werden sie unter den Marktpreisrisiken erläutert. Im Allgemeinen bezeichnen Gegenparteirisiken – auch Bonitätsrisiken genannt – den Verlust, der durch Veränderungen in der Bonität des Geschäftspartners entstehen könnte. Es handelt sich um spezifische – nicht durch den Markt erklärbare und somit titelspezi- fische – Risiken, die auch als unsystematische Risiken bezeichnet werden.

Bei einem Ausfallrisiko besteht das Risiko darin, dass die Gegenseite eines am Finanz- markt getätigten Geschäftes ihren Verpflichtungen überhaupt nicht oder nicht vollständig nachkommt. In der Literatur5 wird auch das nicht fristgerechte Nachkommen der Verpflichtungen häufig zu den Ausfallrisiken gezählt. Genau genommen stellt dieser Umstand allerdings ein Terminrisiko dar und zählt somit zu den Liquiditätsrisiken.

Neben den Gegenparteirisiken stellen die Marktrisiken eine weitere bedeutsame Risiko- kategorie dar, die zu erheblichen Belastungen führen können. Als Marktrisiko wird das Risiko bezeichnet, das aufgrund von (negativen) Veränderungen der Höhe oder der Vola- tilität von Marktpreisen entsteht. Marktrisiken sind grundsätzlich nicht dem einzelnen Kun- dengeschäft zuzurechnen. Vielmehr liegt die Gefahr in der negativen Entwicklung eines gesamten Marktes; sie werden daher auch als allgemeine oder systematische Risiken bezeichnet. Sie lassen sich in Aktienkurs-, Zinsänderungs-, Währungs- und Rohstoffpreis- risiken untergliedern.

Als Aktienkursrisiko wird das Risiko verstanden, das aus einer negativen Veränderung des Aktienkurses resultiert. Das Zinsänderungsrisiko ergibt sich aus der Gefahr, dass sich Marktzinsänderungen ergebnismindernd auswirken. Komponenten des Zinsänderungs- risikos sind das Zinsspannenrisiko und das Marktwertrisiko. Das Zinsspannenrisiko ist als die Verminderung der Zinsspanne zwischen Aktiv- und Passivpositionen zu verstehen. Das Marktwertrisiko bezieht sich auf die Veränderung des Marktwertes der zinsabhängi- gen Position.6

Das Währungsrisiko ergibt sich aus der Gefahr, dass die Fremdwährung, in der offene Währungspositionen bestehen, sich ungünstig verändert.7 Rohstoffpreisrisiken hingegen entstehen aus der unerwarteten Preisänderung von Rohstoffen, die eine Ergebnisminde- rung mit sich bringen können.8

Die nächste Kategorie der bankbetrieblichen Risiken, die Liquiditätsrisiken, manifestieren sich darin, dass Zahlungsmittel nicht in ausreichender Höhe vorhanden sind. Die vorlie- gende Arbeit setzt sich intensiv mit den Ausprägungen der Liquiditätsrisiken auseinander, weshalb im Weiteren auf Gliederungspunkt 2.2 „Liquiditätsrisiken in Banken“ verwiesen wird.

Den vierten großen Bereich der bankbetrieblichen Risiken stellen die operationellen Risi- ken dar. Während Gegenpartei- sowie Marktrisiken bewusst eingegangen werden, sind operationelle Risiken oft nicht vorhersehbar.

In der Vergangenheit traten bei der Definition der operationellen Risiken immer wieder Unklarheiten auf. Im § 269 der Solvabilitätsverordnung9 wird das operationelle Risiko wie folgt definiert:

„Operationelles Risiko ist die Gefahr von Verlusten, die infolge der Unangemessenheit oder des Versagens von internen Verfahren, Menschen und Systemen oder infolge exter- ner Ereignisse eintreten. Diese Definition schließt Rechtsrisiken ein.“

Auch bei dieser Definition besteht das Problem, dass die Risiken aufgrund des hohen Abstraktionsgrades nicht eindeutig zuzuordnen sind. Die Quantifizierung dieser Risiken ist nach wie vor aufgrund der wenigen Ansätze zur Messung nur in sehr eingeschränktem Maße möglich.10

2.2 Liquiditätsrisiken in Banken

Mit Liquidität wird die Fähigkeit bezeichnet, fälligen Zahlungsverpflichtungen stets voll- ständig und fristgerecht nachkommen zu können. Formal kann das Liquiditätsrisiko daher als das Risiko definiert werden, das durch die Abweichung erwarteter und tatsächlicher Zahlungsströme entsteht. Im Gegensatz zu Gegenpartei- und Marktrisiken werden Liqui- ditätsrisiken nicht bewusst eingegangen, um Erträge zu erwirtschaften. Sie entstehen vielmehr aus der Fristen- und Losgrößentransformation, die ertragsgenerierende Geschäftstätigkeiten darstellen.11

Unter Fristentransformation versteht man die Umwandlung von herein genommenen Gel- dern mit kurzer Laufzeit in längerfristige Kredite. Diese Transformation stellt insofern ein wichtiges Grundprinzip der Banken dar, als zum einen Kapitalgeber ihre Mittel kurzfristig anlegen, um bei Bedarf schnell über ihr Geld verfügen zu können. Andererseits besteht ein hoher Bedarf an langfristigen Krediten, die insbesondere für industrielle Investitionen sowie den Wohnungsbau benötigt werden.

Losgrößentransformation bedeutet, dass viele kleinere bzw. wenige große Anlagebeträge, die vor allem den privaten Haushalten entstammen, in wenige großvolumige bzw. viele kleinvolumige Kredite transformiert werden. Zurückzuführen ist die Losgrößentransforma- tion auf die durchschnittlichen Kreditbeträge, die i. d. R. höher sind als die durchschnittli- chen Anlagebeträge.12 Es kann aber auch der gegenteilige Fall eintreten, dass eine Groß- anlage in mehrere Kleinkredite aufgespaltet wird.

Die Fristen- und Losgrößentransformation wird durch die sog. Bodensatztheorie ermög- licht. Diese geht von dem Prolongationsprinzip aus und besagt, dass ein gewisser Teil der herein genommenen Einlagen, der sog. Bodensatz, unabhängig von der vereinbarten Laufzeit nicht abgerufen wird, sondern im Institut verbleibt. Als Beispiel lassen sich hier Spareinlagen mit 3-monatiger Kündigungsfrist nennen, die dem Institut häufig über die gesetzliche Kündigungsfrist hinaus zur Verfügung stehen.

Durch die zentrale Stellung der Banken in einer Volkswirtschaft kommt deren Zahlungsfä- higkeit eine überragende Bedeutung zu. Die Insolvenz einer Bank oder nur das Gerücht, dass eine Bank in Zahlungsschwierigkeiten geraten sein könnte, führen leicht zu miss- trauischen bis hin zu panischen Reaktionen der Anleger. Als Folge werden Einlagen oft – nicht nur bei der betroffenen Bank selbst, sondern auch bei anderen Instituten – unver- züglich und in großer Höhe abgezogen. Das sog. „run-Szenario“ führt zu Liquiditätseng- pässen bei den Banken, da durch die Fristentransformation die Mittel i. d. R. längerfristig in Form von Krediten ausgegeben wurden.13 Die Globalisierung der Märkte ermöglicht eine sehr viel schnellere Weitergabe von Nachrichten. Zweifel an der Zahlungsfähigkeit können bewirken, dass der betroffene Finanzplatz sehr schnell an Ansehen im internatio- nalen Vergleich verliert und ausländische Investoren sich anderweitig orientieren. Es entsteht – neben dem genannten Schaden für die Volkswirtschaft – auch ein Schaden für den jeweiligen Finanzplatz im internationalen Wettbewerb.14

Ein weiterer wichtiger Aspekt des Liquiditätsproblems stellt die spezifische Finanzmittel- struktur dar. Charakteristisch für die Geschäftstätigkeit der Banken ist der im Vergleich zu anderen Unternehmen äußerst hohe Anteil an Fremdkapital. Den Gläubigern stehen regelmäßige Ansprüche in Form von Rückzahlung und Verzinsung bei Einlagen sowie in Form von Tilgung und Verzinsung bei Emissionen zu. Um diesen Zahlungen vertragsge- mäß nachkommen zu können, bedarf es entsprechender Liquiditätsvorsorgemaßnah- men.15

Liquiditätspolitische Überlegungen spielen eine elementare Rolle bei bankbetrieblichen Entscheidungen, da Maßnahmen, die dazu dienen das Risiko der Illiquidität zu reduzie- ren, den finanziellen Erfolg mindern und sich insoweit gegensätzlich zum Ziel der Gewinnmaximierung verhalten.

Das Liquiditätsrisiko tritt in verschiedenen Erscheinungsformen auf, wobei man zwischen dem wirkungsbezogenen und dem ursachenbezogenen Liquiditätsrisiko unterscheidet. Das wirkungsbezogene Liquiditätsrisiko gibt dabei Auskunft über den Betrachtungshori- zont; hier lässt sich wiederum zwischen dem kurzfristigen (dispositiven) und dem eher langfristigen (strukturellen) Liquiditätsrisiko unterscheiden. Das ursachenbezogene Liqui- ditätsrisiko bezieht sich auf das Gap-Risiko, das mit dem Konzept des Liquidity at Risk gemessen wird, und dem Spread-Risiko, dessen Messung anhand des Liquidity Value at Risk erfolgt.

Liquiditätsrisiken, die als unmittelbare Folge von Markt- und Gegenparteirisiken auftreten, sind strukturelle Risiken, die eine Vorstufe der Dispositionsrisiken darstellen. Das disposi- tive Liquiditätsrisiko lässt sich hingegen in das Liquiditätsanspannungs-, Termin- und Abrufrisiko untergliedern (siehe Abbildung 1).16

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Arten von Liquiditätsrisiken (Quelle: Schulte / Horsch, 2004, S. 53)

Das Liquiditätsanspannungsrisiko – in der Literatur auch häufig als Refinanzierungsrisiko bezeichnet – beschreibt die Ungewissheit, ob Anschlussfinanzierungen jederzeit zu gleich bleibenden oder besseren Konditionen durchgeführt werden können. Diese Ungewissheit ist durch die o. g. Fristentransformation begründet. Ist die Möglichkeit der jederzeitigen Anschlussfinanzierung nicht gegeben, benötigt die Bank Liquiditätsreserven, um den Zahlungsverpflichtungen dennoch nachkommen zu können. Da die Zahlungsverpflichtun- gen aus Passiva resultieren, die im Vergleich zu den Aktiva kurzfristiger sind, spricht man auch vom passivischen Liquiditätsrisiko.

Das Terminrisiko, auch als aktivisches Liquiditätsrisiko bezeichnet, bringt die Ungewiss- heit über die Kapitalbindungsdauer von Aktivgeschäften zum Ausdruck. Hiermit ist das nicht fristgerechte Erbringen von vereinbarten Leistungen des Kreditnehmers, wie z. B. Zins- und Tilgungszahlungen, gemeint. Es muss sichergestellt werden, dass die Banken ihren Zahlungsverpflichtungen gegenüber Dritten grundsätzlich fristgerecht und in verein- barter Höhe nachkommen können. Um dies zu gewährleisten, bedarf es ebenfalls ausrei- chender Liquiditätsreserven.

Das Abrufrisiko repräsentiert die Ungewissheit darüber, dass Kreditzusagen i. d. R. in Form eines Dispositionskredites unerwartet in Anspruch genommen oder Einlagen uner- wartet abgerufen werden. Die Liquiditätsplanung muss auch diesen Sachverhalten Rech- nung tragen. Das Abrufrisiko kann sowohl ein aktivisches als auch passivisches Risiko darstellen. Es kommt vor allem im Bereich der Großkredite und Großeinlagen zum Tragen.17

Sowohl das strukturelle als auch das dispositive Liquiditätsrisiko entsteht aus der Gefahr der unvorhersehbaren Unterdeckung des autonomen Gesamtbankzahlungstromsaldos und gehört somit in der ursachenbezogenen Einordnung den Gap-Risiken an. Die Schlie- ßung von Gaps erfolgt durch Liquiditätsspreads, die von den Kreditinstituten zu zahlen sind, wenn diese sich am Kapitalmarkt refinanzieren. Da die Höhe der Liquiditätsspreads unsicher ist, wird diese Erscheinungsform als Spread-Risiko bezeichnet.18

3 Liquiditätsrisikosteuerung als Teil der Gesamtbanksteuerung

3.1 Ziele der Gesamtbanksteuerung und Liquiditätsrisikosteuerung

Nicht nur das Bankgeschäft und seine Rahmenbedingungen haben sich in der Vergan- genheit massiv verändert, sondern auch in der Gesamtbanksteuerung gab es deutliche Weiterentwicklungen.19

Die Gesamtbanksteuerung umfasst das Management eines Kreditinstitutes als eine Ein- heit. Der Schwerpunkt liegt auf einer ertrags- und risikoorientierten Banksteuerung, die durch die gemeinsame Betrachtung von Ertrag und Risiko begründet ist.20 Die Risiken werden hierbei in die vier Hauptkategorien21 Gegenpartei-, Marktpreis-, Liquiditäts- und Operationelle Risiken unterteilt.

Von einer ertragsorientierten Banksteuerung spricht man, wenn der Schwerpunkt auf der Ertragsrealisierung und -maximierung liegt. Sie beruht auf einer ertragsorientierten Wachstums- und Risikopolitik sowie dem Primat der Rentabilität, worunter man die Über- prüfung aller geschäftspolitischen Entscheidungen auf eine angemessene Rentabilität versteht.22 Die Ertragsorientierung stellte in den 1990ern Jahren die elementare Basis der Gesamtbanksteuerung dar. Diese wurde von einer ertrags- und risikoorientierten Banksteuerung abgelöst.23

Das Risikomanagement befasst sich mit allen Maßnahmen, die zur Reduzierung, Steue- rung und Regulierung von Risiken dienen. Im Rahmen der Gesamtbanksteuerung werden insbesondere die Aggregation der verschiedenen Risikoarten und deren Einbeziehung in die Gesamtstrategie unter Berücksichtigung von Chancen und Risiken betrachtet.

Bei der Risikoarten-Treasury besteht die Hauptaufgabe hingegen darin, die einzelnen Risiken bankintern optimal zu steuern. Die Chance-Risiko-Betrachtung wird nicht für alle Risiken gemeinsam, sondern für die jeweilige Risikoart vorgenommen.24

Liquiditäts-, Ertrags- und Gesamtbanksteuerung bilden eine Einheit. Man spricht daher auch von dem magischen Dreieck der Gesamtbanksteuerung. Dieser Sachverhalt lässt sich durch die Differenzierung der Risiken im Bankgeschäft in Erfolgs- und Liquiditätsrisi- ken weiter verdeutlichen.25

Bei der Steuerung von Liquiditätsrisiken werden Ziele unterschiedlicher Art und Wichtig- keit von Seiten der Banken verfolgt. Allgemein kann als Ziel die regelmäßige Aufnahme von Mitteln zur Gewährleistung einer möglichst effizienten Liquiditätssteuerung und zur Absicherung gegen Marktschwankungen definiert werden.

Ziele mit besonderer Wichtigkeit sind hierbei die Schaffung von Transparenz bezüglich der Liquiditätssituation, eine zukunftsorientierte und zeitnahe Fundingpolitik, die Minimie- rung der Liquiditätskosten, die Nutzung von Ertragspotenzialen und eine liquiditätsadä- quate Steuerung. Die genannten Ziele lassen sich vor allem auf die aktuellen Fortschritte im Bereich des Liquiditätscontrollings zurückführen.

Die Schaffung von Transparenz bezüglich der Liquiditätssituation ist die Antwort auf die Frage, wie viel Liquidität die Bank tatsächlich benötigt. Die gewonnene Transparenz stellt dabei in der Bankpraxis einen enormen Fortschritt dar, der zu einer besseren Planbarkeit führt.

Unter einer zukunftsorientierten und zeitnahen Fundingpolitik wird die Minimierung des Liquiditätsbedarfes auf der Aktivseite verstanden. Das Ziel ist die Verkürzung der Bilanz auf der einen und die Verbesserung der Refinanzierungsmöglichkeiten auf der anderen Seite.

Die Minimierung der Liquiditätskosten ist durch methodische Fortschritte möglich. Die jederzeitige Zahlungsfähigkeit der Bank stellt dabei jedoch eine unbedingt zu erfüllende Bedingung dar.

Die Nutzung von Ertragspotenzialen wird auch als kontrollierte Liquiditätsfristentransfor- mation bezeichnet. Diese wird genau wie die Minimierung der Liquiditätskosten durch methodische Fortschritte ermöglicht. Dabei spielt die Erzielung von Zusatzerträgen aus der Fristentransformation eine Rolle.

Das letzte der fünf primären Ziele ist die liquiditätsrisikoadäquate Steuerung, die die Her- stellung einer optimalen Liquiditätsrisikoposition bewirken soll. Diese erfolgt nicht über vollständige Fristentransformation, sondern unter Berücksichtigung von Ertrags- und Risi- koaspekten.

Die sekundären Ziele im Rahmen der Liquiditätssteuerung sind die Eingliederung der Li- quiditätsrisikosteuerung in die Gesamtbanksteuerung, die Erfüllung aufsichtsrechtlicher Anforderungen sowie der Anforderungen von Ratingagenturen.26

3.2 Aufsichtsrechtliche Behandlung des Liquiditätsrisikos

Die Sicherstellung der jederzeitigen Zahlungsbereitschaft ist das oberste Ziel der bank- aufsichtsrechtlichen Liquiditätsnormen. Für Liquiditätsrisiken gibt es – genau wie für Markt- und Gegenparteirisiken – in Deutschland quantitative und qualitative aufsichts- rechtliche Vorgaben.

Quantitative Normen sind relativ starre, formale Regelungen über Kennziffern. Die Auf- sichtsnorm gilt dann als eingehalten, wenn die Kennziffer einer bestimmten vorgegebenen Größenordnung entspricht.27 Zu den quantitativen Normen zählt der auf § 11 KWG beru- hende Standardansatz der Liquiditätsverordnung.28

[...]


1 Stützel, 1983, S. 33; vgl. auch Meyer zu Selhausen, 2001, Sp. 1506

2 Die Subprime-Krise bezeichnet weltweite Verluste und Insolvenzen bei Finanzintermediären, die durch stagnierende bzw. fallende Immobilienpreise ausgelöst wurden, während zeitgleich Kreditraten durch die Kreditnehmer nicht mehr bedient werden konnten.

3 Der Grundsatz II der BaFin verpflichtete Kreditinstitute jederzeit ausreichende Zahlungsfähigkeit zu garantieren.

4 Vgl. Becker / Peppmeier, 2008, S. 393

5 z.B. in Priewasser, 2001, S. 203

6 Vgl. Becker / Peppmeier, 2008, S. 394

7 Vgl. Tolkmitt, 2007, S. 346

8 Vgl. Becker / Peppmeier, 2008, S. 395

9 Verordnung über die angemessene Eigenmittelausstattung von Instituten, Institutsgruppen und Finanzholding-Gruppen.

10 Vgl. Hartmann-Wendels / Pfingsten / Weber, 2007, S. 665

11 Vgl. Debus / Kreische, 2006, S. 59

12 Vgl. Priewasser, 2001, S. 17

13 Vgl. Büschgen, 1998, S. 898

14 Vgl. Büschgen, 2008, o.S.

15 Vgl. Büschgen, 1998, S. 898

16 Vgl. Aulibauer / Goebel, 2008, S. 280

17 Vgl. Döhring, 1996, S. 73

18 Vgl. Aulibauer / Goebel, 2008, S. 280

19 Vgl. Rolfes, 1999, S. 2

20 Vgl. Tolkmitt, 2004, S. 355

21 Vgl. Gliederungspunkt 2.1 „Bankbetriebliche Risiken“ dieser Arbeit.

22 Vgl. Heuter / Schäffler / Gruber, 2008, S. 195

23 Vgl. Tolkmitt, 2004, S. 355

24 Vgl. Heuter / Schäffler / Gruber, 2008, S. 195

25 Vgl. Tolkmitt, 2004, S. 355

26 Vgl. Bartetzky, 2008 S. 20 f.

27 Vgl. Albert, 2007, S. 9

28 Vgl. Dietz / Petersen, 2008, S. 56

Ende der Leseprobe aus 53 Seiten

Details

Titel
Das Liquiditätsrisiko in Banken und seine wachsende Bedeutung
Hochschule
Hochschule Mainz
Note
2,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
53
Katalognummer
V117187
ISBN (eBook)
9783640193004
ISBN (Buch)
9783640193073
Dateigröße
654 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Liquiditätsrisiko, Banken, Bedeutung
Arbeit zitieren
Sonja Büdel-Hartmann (Autor), 2008, Das Liquiditätsrisiko in Banken und seine wachsende Bedeutung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/117187

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