Die vorliegende Arbeit widmet sich der
Erwerbsarbeit von Frauen in der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (DDR)
und ist ein Versuch, durch die Analyse sozialpolitischer Massnahmen und
Bemühungen der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) sowie
wissenschaftlicher Literatur ein Bild darüber entstehen zu lassen, wie sich die
Erwerbsarbeitstätigkeit ostdeutscher Frauen neben anderen Lebensbereichen
gestaltete. Brisant ist diese Thematik besonders, da von Seiten der SED wiederholt
betont wurde, „die besondere Sorge des Staates [gelte] der Frau und Mutter und
dem Schutz der Familie“ (Pfau et al. 2004:52). Sozialpolitische Bemühungen sollten
nach sozialistischer Auffassung in die Richtung der Emanzipation von Frauen aus
ihren bürgerlichen Zwängen weisen. Doch besonders nach der Systemtransformation
traten geschlechtsspezifische Ungleichheiten an den Tag, die sich in
verschiedensten Lebensbereichen widerspiegelten und dies auch heute noch tun.
Besonders tritt hervor, dass die Arbeitslosigkeit bei Frauen Anfang 1990 deutlich
höher ausfällt als bei ihren Arbeitskollegen (Haller 1992:21). Es stellt sich daher die
Frage, in welche Richtung die angestrebten sozialpolitischen Massnahmen der SED
zielten, welche Effekte sie haben sollten und welche tatsächlichen Konsequenzen
sich letztlich daraus ergeben haben.
[...]
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Quellenkritik
3 Theoretische Überlegungen
3.1 Vorbemerkungen
3.2 Politische Bemühungen und Forderungen
3.2.1 Massnahmen zur Gleichstellung von Frauen
3.2.2 Der Betrieb als realsozialistisches Lebenszentrum
3.2.3 Familien- und Frauenpolitik und deren Unregelmässigkeiten
4 Historischer Abriss von Frauenerwerbstätigkeit in der DDR
4.1 Frauenerwerbsarbeit in den Anfängen der DDR
4.2 Vorboten der Transformation in der Endzeit der DDR
4.3 Frauenerwerbsarbeit und die Auswirkungen der Transformation
5 Zwei Beispiele von Frauenerwerbsarbeit
5.1 Frauen in der Industrie in der Prignitz
5.2 Frauen in der Landwirtschaft in Merxleben
6 Schlussfolgerungen
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht die Erwerbsarbeit von Frauen in der DDR und hinterfragt, ob die staatlich propagierte Emanzipation eine tatsächliche Befreiung darstellte oder primär ökonomischen Notwendigkeiten der sozialistischen Wirtschaft diente, was nach der Systemtransformation zu einer verstärkten sozialen Ungleichheit führte.
- Analyse der sozialpolitischen Maßnahmen der SED zur Frauen- und Familienpolitik.
- Untersuchung der Rolle des Betriebes als Zentrum für Arbeit und soziale Kontrolle.
- Historische Betrachtung der Frauenerwerbsarbeit von den Anfängen der DDR bis zur Transformation.
- Fallstudien zu industrieller und landwirtschaftlicher Erwerbsarbeit (Prignitz und Merxleben).
- Diskussion der Auswirkungen der Wiedervereinigung auf die Beschäftigungssituation von Frauen.
Auszug aus dem Buch
3.2.1 Massnahmen zur Gleichstellung von Frauen
„Wenn man der Auffassung folgt, die DDR als „Arbeitsgesellschaft“ zu bezeichnen, so wird damit ein besonderes Gewicht auf die Arbeitstätigkeit und die sozialpolitische Rolle der Betriebe gelegt“ (Bouvier 2002:98; siehe auch Schier 2001:194). Wie sich zeigt, war der Begriff der Emanzipation der Frauen in der ehemaligen DDR stark davon geprägt, hauptsächlich auf die Berufstätigkeit und die Integration im Arbeitsprozess reduziert, beurteilt zu werden. Besonders die Überlegung Fourniers spielte in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle, die Emanzipation der Gesellschaft allein an dem emanzipatorischen Fortschritt der Frauen, der sich in der Zulassung der Frauen zu formeller Arbeit zeigt, dingfest machen zu können.
Er schrieb: „Die Veränderung einer geschichtlichen Epoche lässt sich immer aus dem Verhältnis des Fortschritts der Frauen zur Freiheit bestimmen, weil hier im Verhältnis des Weibes zum Mann, des Schwachen zum Starken, der Sieg der menschlichen Natur über die Brutalität am evidentesten erscheint. Der Grad der weiblichen Emanzipation ist das natürliche Mass der allgemeinen Emanzipation“ (Uhlmann / Hartmann 1979:94). Politische Massnahmen zielen in diesem Sinne vorerst auf die Beseitigung juristischer Beschränkungen, welche die Rechte der Frau in ein gleiches Verhältnis zu denjenigen des Mannes setzten sollen. In anderen Worten wird damit auf rechtlicher Ebene die Gleichheit zwischen den Geschlechtern als Ausgangspunkt verstanden, weitere soziale Prozesse der Gleichberechtigung, im Sinne einer Befreiung der Frauen aus ihrer bürgerlichen Rolle, zu begünstigen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Einführung in das Thema der Erwerbsarbeit von Frauen in der DDR und Formulierung der Forschungsfrage nach den tatsächlichen Emanzipationszielen der SED.
2 Quellenkritik: Kritische Auseinandersetzung mit der verwendeten Literatur, insbesondere bezüglich der ideologischen Voreingenommenheit und der Ausblendung alltäglicher Lebensumstände.
3 Theoretische Überlegungen: Darlegung der theoretischen Ansätze zum sozialen Wandel in der DDR, unter Einbezug der Kritik an der institutionellen sowie mikrosoziologischen Forschung.
4 Historischer Abriss von Frauenerwerbstätigkeit in der DDR: Historischer Rückblick auf die Entwicklung der weiblichen Erwerbsarbeit von den Nachkriegsjahren bis zur Transformation.
5 Zwei Beispiele von Frauenerwerbsarbeit: Detaillierte Betrachtung der industriellen Arbeit in der Prignitz und der landwirtschaftlichen Arbeit in Merxleben als Fallbeispiele für geschlechtsspezifische Arbeitsteilung.
6 Schlussfolgerungen: Fazit zur SED-Politik, das die Annahme bestätigt, dass die Frauenpolitik weniger auf Emanzipation als auf wirtschaftliche Nützlichkeit abzielte.
Schlüsselwörter
DDR, Frauenerwerbsarbeit, Sozialpolitik, SED, Emanzipation, Transformation, Doppelbelastung, Industriearbeit, Landwirtschaft, Gleichstellung, Arbeitsmarkt, Geschlechterrolle, Sozialismus, Familienpolitik, Frauenleitbild
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Erwerbsarbeit von Frauen in der ehemaligen DDR und hinterfragt, inwieweit die staatliche Politik tatsächlich auf eine Emanzipation der Frau abzielte oder eher ökonomischen Erfordernissen untergeordnet war.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf der Frauen- und Familienpolitik der SED, der Rolle des Betriebes im Sozialismus und der Analyse von Arbeitsbedingungen für Frauen in Industrie und Landwirtschaft.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage zielt darauf ab zu klären, welche Effekte die sozialpolitischen Maßnahmen der SED hatten und welche Konsequenzen sich daraus – insbesondere nach der Systemtransformation – für die betroffenen Frauen ergaben.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine theoretische und historische Analyse, die auf der Auswertung wissenschaftlicher Literatur sowie der kritischen Untersuchung sozialpolitischer Dokumente basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Grundlagen, einen historischen Abriss der Frauenerwerbsarbeit und zwei detaillierte Fallstudien zu spezifischen Arbeitsumfeldern (Prignitz und Merxleben).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind DDR-Frauenerwerbsarbeit, Emanzipation, Doppelbelastung, Sozialpolitik, Transformation und geschlechtsspezifische Arbeitsteilung.
Welche Rolle spielte der Betrieb im DDR-Alltag laut der Arbeit?
Der Betrieb war mehr als nur ein Arbeitsort; er fungierte als zentrales „sozialistisches Lebenszentrum“, das soziale Beziehungen vermittelte und wichtige Versorgungsleistungen für die Beschäftigten organisierte.
Warum wird die Emanzipationspolitik der SED kritisch hinterfragt?
Die Arbeit argumentiert, dass Frauen primär als „Arbeitskraftreserve“ dienten und die Politik der SED eher auf gesellschaftliche Nützlichkeit als auf eine echte, individuelle Emanzipation der Frauen ausgerichtet war.
- Citar trabajo
- Valentin Schnorr (Autor), 2007, Gelenkte Emanzipation oder wirtschaftliche Unentbehrlichkeit, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/117211