In dieser Arbeit geht es darum, einige charakteristische Züge von Humboldts Sprachphilosophie, ausgehend von einer Kritik am Repräsentationscharakter der Sprache, wie ihn z.B. Aristoteles darstellte, herauszuarbeiten. Zu fragen sein wird, wie Humboldt in seiner Sprachphilosophie den von Aristoteles behaupteten eher spekulativen ontologischen Begründungszusammenhang von Sprache mit dem „Sein des Seienden“ auflöst und welche erkenntnis-theoretischen Konsequenzen sich aus Humboldts Vorstellungen ergeben.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Aristoteles Vorstellungen von Sprache
3. Humboldts Sprachphilosophie
3.1. Kritik am Zeichencharakter von Sprache
3.2. Laut, Symbol und Zeichen
3.3. Synthese von Sinnlichem und Intellektuellem
3.4. Sprache als Energeia
3.5. Weltkonstituierung durch Sprache
3.6. Erkenntnistheoretische Konsequenzen
4. Schlußbemerkungen
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das sprachphilosophische Konzept Wilhelm von Humboldts im direkten Vergleich zur aristotelischen Repräsentationstheorie. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, wie Humboldt den ontologischen Begründungszusammenhang zwischen Sprache und Sein auflöst und welche erkenntnistheoretischen Konsequenzen sich aus seiner Auffassung von Sprache als dynamische Energeia und weltkonstituierendes Prinzip ergeben.
- Kritik an der traditionellen Repräsentationstheorie der Sprache
- Die Identität von Laut und Begriff als Basis des Denkens
- Sprache als schöpferische Tätigkeit (Energeia)
- Die subjektiv-objektive Struktur der Welterkenntnis
- Das Verhältnis von Sprachbildung und Weltansicht
Auszug aus dem Buch
3.1. Kritik am Zeichencharakter von Sprache
In seinen sprachkritischen Bemerkungen weist Humboldt bisherige scheinbar selbstverständliche sprachphilosophische Gemeinplätze als Denkfehler zurück. So schreibt er in einem Fragment „Latium und Hellas“ von 1806: „Den nachteiligsten Einfluss auf die interessante Behandlung jedes Sprachstudium hat die beschränkte Vorstellung ausgeübt, dass die Sprache durch Convention entstanden, und das Wort nichts als Zeichen einer unabhängig von ihm vorhandenen Sache oder eines eben solchen Begriffs ist“. Die Wörter als „bloße Zeichen“ anzusehen bezeichnet er als Grundirrtum, „der alle Sprachwissenschaft und alle richtige Würdigung der Sprache zerstört“.
Die Fiktion der Repräsentationstheorie von Sprache fungiert als grundlegender Gegenentwurf zu Humboldts Sprachverständnis, denn Repräsentation bedeutet „die Evozierung eines den Zeichen transzendenten Sinns“. Ein Zeichen ist als willkürliche Abbildung eines unabhängig von diesem bestehenden Dinges zu betrachten: „Alle Zeichen entstammen einem Zeigen, in dessen Bereich und für dessen Absichten sie Zeichen sein können“. Die nachträgliche Zuordnung eines Zeichens zum Bezeichneten kann nicht das Wesen der Sprache ausmachen, denn unter der Voraussetzung, daß die gesprochene Sprache den Begriff zeichenhaft abbildet, wäre von einem unabhängiges Daseins des Wortes auszugehen: „Wenn man sich die Sprache als eine zweite, von dem Menschen nach den Eindrücken, die er von der wahren empfängt, aus sich selbst heraus objectivirten Welt vorstellt, so sind die Wörter die einzelnen Gegenstände darin“ (VII, 72).
Eine zeichenhaft verstandene Sprachauffassung verbindet Humboldt mit der festlegenden Reproduktion eines quasi objektiv gültigen Bedeutungshorizontes. Diese Sprachauffassung „tödtet (...) allen Geist und verbannt alles Leben“ (VII, 110). Diese Vorstellung steht in scharfem Kontrast zu dem von Humboldt entwickelten dynamisch-lebendigen Sprachverständnis.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die sprachphilosophische Problematik des Verhältnisses von Wirklichkeit und Sprache sowie Abgrenzung zum aristotelischen Erbe.
2. Aristoteles Vorstellungen von Sprache: Darstellung des antiken Sprachverständnisses, das Sprache als ein Repräsentationssystem von ontologisch vorgegebenen Dingen begreift.
3. Humboldts Sprachphilosophie: Analyse der grundlegenden Konzepte Humboldts, die die Sprache als untrennbare Einheit von Laut und Begriff sowie als dynamischen Gestaltungsprozess definieren.
4. Schlußbemerkungen: Fazit der Untersuchung, das die Bedeutung von Sprache als subjektive Weltansicht und die daraus resultierende moderne Sprachskepsis zusammenfasst.
Schlüsselwörter
Sprachphilosophie, Wilhelm von Humboldt, Aristoteles, Repräsentationstheorie, Laut, Begriff, Energeia, Welterkenntnis, Weltansicht, Subjektivität, Objektivität, Sprachkritik, Zeichencharakter, Denken, Spracherzeugung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert die sprachphilosophischen Ansätze von Wilhelm von Humboldt und stellt diese der traditionellen, aristotelisch geprägten Repräsentationstheorie gegenüber.
Welches sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Kritik am Zeichencharakter der Sprache, die untrennbare Verbindung von Denken und Sprache sowie die Vorstellung von Sprache als weltbildendes Prinzip.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Humboldt den ontologischen Begründungszusammenhang zwischen dem "Sein des Seienden" und der Sprache auflöst und das Konzept der Sprache als dynamische Kraft (Energeia) etabliert.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Die Arbeit verwendet eine textanalytische und komparative Methode, um Humboldts Denken aus seinen Schriften herauszuarbeiten und historisch sowie systematisch in Bezug auf die Sprachphilosophie einzuordnen.
Welche Kerninhalte werden im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Sprachkritik, das Verhältnis von Laut und Begriff, die Synthese von sinnlichem und intellektuellem Vermögen sowie die daraus folgenden erkenntnistheoretischen Konsequenzen.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Energeia, Weltansicht, Subjektivität, Repräsentationstheorie und das Unbestimmtheitsparadigma.
Inwiefern unterscheidet sich Humboldts Sprachbegriff von dem des Aristoteles?
Während Aristoteles die Sprache als Abbild einer ontologisch vorgegebenen Wirklichkeit sieht, versteht Humboldt Sprache als ein schöpferisches Prinzip, das die Welt und die Gegenstände erst durch den Akt des Sprechens und Denkens konstituiert.
Was meint Humboldt mit der "trinitären Identität" von Laut und Begriff?
Dieser Begriff beschreibt die Unauflösbarkeit von Sprache und Denken: Es gibt keinen begrifflichen Inhalt ohne lautliche Ausprägung und keinen artikulierten Laut ohne geistigen Kern; beides bildet eine unteilbare Substanz.
Warum spielt der Begriff "Energeia" eine zentrale Rolle bei Humboldt?
Humboldt nutzt den Begriff, um Sprache nicht als fertiges Produkt ("Ergon"), sondern als ewig wiederholte, schöpferische Tätigkeit des Geistes darzustellen, die kontinuierlich unsere Welterkenntnis produziert.
Welches Fazit zieht die Arbeit bezüglich der menschlichen Welterkenntnis?
Das Fazit betont, dass menschliche Geschichte und Welterkenntnis untrennbar mit der Sprache verwoben sind; wir begreifen die Welt nicht unmittelbar, sondern durch die je subjektive Sprachlichkeit, die uns prägt.
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- Oliver Wagner (Author), 2010, Humboldts Sprachphilosophie. Aristoteles Vorstellungen von Sprache, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1172592