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Vergessen geben - Kaurismäkis „Der Mann ohne Vergangenheit“ im Kontext des Derrida'schen Gabendiskurses

Title: Vergessen geben - Kaurismäkis „Der Mann ohne Vergangenheit“ im Kontext des Derrida'schen Gabendiskurses

Term Paper (Advanced seminar) , 2008 , 19 Pages , Grade: 1,3

Autor:in: Mathias Seeling (Author)

German Studies - Comparative Literature
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Summary Excerpt Details

Mit der „Möglichkeit des Unmöglichen“ wird nun, nachdem die Soziologie Jahrzehnte lang die
Tausch- und Gabeereignisse in verschiedenen Kulturen beschrieben hat, die semantische Seite der
Gabe und des Gebens geöffnet und betrachtet. Jacques Derrida spielt in diesem Kontext eine
entscheidende Rolle in der postmodernen Philosophie, fordert und fördert neue Denkprozesse. Die
Kernfrage, die sich Derrida stellt lautet: Gibt es Gabe? Diese Frage soll in dieser Arbeit auch im
Film „Der Mann ohne Vergangenheit“ von Aki Kaurismäki gestellt werden. Dabei geht er
formalistischen und strukturalistischen Ansätzen nach, indem er den Begriff der Gabe einerseits aus
ökonomischen Aspekten, andererseits jedoch auch aus linguistischen Erkenntnissen her konstruiert.
Die Gefahr der Formalisierung des Gabeereignisses in der Hinsicht, dass es sich jeden Augenblick
selbst zerstören und zu einem bloßen Tauschakt werden könnte, zeigt die Polemik des
Gabendiskurses, der Derrida entschieden und mit einem Komplex von Fragen nachgeht. Kann man
geben, ohne zurückzugeben? Kann man schenken, ohne sich im ökonomischen Kreislauf von
Tausch, Verpflichtung und Schuld zu verstricken? Kann man „sich geben“?
Besonders im Film sind zwei Extrema zu erkennen: die der gesellschaftlichen Tauschökonomie, in
der es vorrangig um Profit, Kapitale und Chancen geht und zum Anderen die reine
zwischenmenschliche Ökonomie, die mit Gesten, Zusprüchen, Geschenken „handelt“. Zwar begibt
sich Derrida bei dem Versuch, diese Fragen zu klären, immer wieder auf einen gedanklichen
Spießrutenlauf durch die unlogische Logik der Paradoxien, zeigt aber gerade dadurch, dass man mit
einem anderen Denken neue Erkenntnisse gewinnen kann. Er fordert eine klare Abgrenzung der
Gabe vom ökonomischen Kreislauf, aber gleichzeitig sieht er die Integration (wenn auch nicht
statisch) der Gabe im selben System. Diese Abspaltung soll sich im Folgenden vor allem an der
Grenze von Gesellschaft und Rand-gesellschaft zeigen. Sind diese, von der Gesellschaft
ausgeschlossenen Menschen tatsächlich absolut davon differenziert? Wie verhält es sich dann mit
denjenigen, die freiwillig und ohne jede Rückforderung eben genau für diese Menschen aufopfern?
Die Grenzen sind hier sicherlich verschwommen, teilweise jedoch auch klar zu erkennen. In einer
ökonomiefixierten Gesellschaft, wie sie sich heute immer mehr etabliert, muss man sich fragen,
welche Opfer man dafür bringen kann und welche Werte dadurch verloren gehen können.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Allgemeines

2 Zur Gabe-Philosophie Derridas – das Paradox der Unmöglichkeit der Gabe

2.1 Dissemination des Gebens und Nehmens

2.2 Dimensionen des Gebens

2.3 Äquivalenz und Ambivalenz im Gabe-Ereignis

2.4 „es gibt“ - sprachliche Eigenarten und ihre Paradoxien

Fazit

Zielsetzung & Themen

Die vorliegende Arbeit untersucht das komplexe Phänomen der Gabe im Kontext der Philosophie von Jacques Derrida und wendet diese theoretischen Erkenntnisse auf den Film „Der Mann ohne Vergangenheit“ von Aki Kaurismäki an. Dabei steht die zentrale Forschungsfrage im Mittelpunkt, ob in einer ökonomisch geprägten Gesellschaft ein „reines“ Geben möglich ist, das sich dem Kreislauf von Tausch, Schuld und Reziprozität entzieht.

  • Die Gabe-Philosophie nach Jacques Derrida und deren Paradoxien
  • Abgrenzung zwischen ökonomischem Tauschakt und der „reinen“ Gabe
  • Analyse sozialer Interaktionen im Film „Der Mann ohne Vergangenheit“
  • Die Rolle von Sprache und Begriffsbildung (Dativ, „es gibt“) im Gabendiskurs
  • Soziale Randgesellschaft und die Bedeutung von Vertrauen und Verantwortung

Auszug aus dem Buch

Zur Gabe-Philosophie Derridas – das Paradox der Unmöglichkeit der Gabe

Bei der Dissemination, also der Ausbreitung oder Verstreuung der Gabe wird der Sprechakt als intentionaler Akt betrachtet. Dabei wird zwischen einem verbalen „Geben“ und der nominalen „Gabe“ an sich und schließlich zwischen einem Geben von etwas und dem Geben, das Bedingungen für alles Gegebene darstellt, unterschieden. Bei diesem Gabevorgang besteht wiederum eine „rückkehrlose Dissemination“ nach Derrida, die sein formalistisches Denken bestärkt. Es besagt also, dass es in diesem Zusammenhang eben kein „Geben und Nehmen“ geben kann, da es sonst in einem Tauschcharakter enden würde. Demnach muss im Akt des Gebens das Gegebene stets weitergegeben werden, jedoch nie zurück. Die Gabe muss als Gabe jede Reziprozität, die aus ihr resultieren könnte, umgehen, um sich selbst aufrecht erhalten zu können.

Durch diese Unumkehrbarkeit zeichnet sich ein „Außen des Gebens“ ab, da es weder bei sich selbst beginnen, noch bei sich enden kann. Dieses „Außen“ bedeutet also eine Art „nicht feste“ Integration, wenn man so will, ein „internes Außen“ des Gebens / der Gabe in einem ökonomischen Kreislauf. Eine „reine“ Gabe, falls es sie geben sollte, distanziert sich somit von diesem Kreislauf einer Gegen-gabe, da sie sonst nicht sein kann, was sie vor-gibt, sondern lediglich Tausch-Objekt ist: „Gabe, wenn es sie gibt, gibt es nur in dem, was das System unterbricht und das Symbol zerbricht, in einem rückkehrlosen Aufbruch, in einer Division ohne Dividende, das heißt ohne das systematische oder symbolische Mit-sich-sein eines Gabe-gegen-Gabe.“

Zusammenfassung der Kapitel

Einleitung: Die Einleitung führt in die postmoderne Gaben-Philosophie von Jacques Derrida ein und formuliert die Forschungsfrage, wie sich diese Theorie auf die sozialen Konstellationen im Film „Der Mann ohne Vergangenheit“ anwenden lässt.

1 Allgemeines: Dieses Kapitel erörtert die grundlegenden Paradoxien der Gabe, insbesondere die Problematik, dass eine Gabe als solche annulliert wird, sobald sie als Tauschakt wahrgenommen oder erwidert wird.

2 Zur Gabe-Philosophie Derridas – das Paradox der Unmöglichkeit der Gabe: Der Hauptteil analysiert die strukturellen und philosophischen Bedingungen der Gabe, wobei Dissemination, sprachliche Dimensionen und die Unmöglichkeit der Reziprozität bei einem reinen Gabeereignis im Fokus stehen.

2.1 Dissemination des Gebens und Nehmens: Hier wird die Unumkehrbarkeit der Gabe diskutiert und dargelegt, warum eine „reine“ Gabe den ökonomischen Kreislauf des Tauschens verlassen muss.

2.2 Dimensionen des Gebens: Dieser Abschnitt untersucht den Dativ als sprachlichen Indikator für den Prozess des Gebens und beleuchtet die Rolle von Verantwortung und „Antworten“ im Derrida’schen Denken.

2.3 Äquivalenz und Ambivalenz im Gabe-Ereignis: Es wird die Ambivalenz des Begriffs „Gabe“ und „Gift“ thematisiert und analysiert, wie soziale Randgruppen im Film durch ambivalente Geben- und Tauschprozesse miteinander verknüpft sind.

2.4 „es gibt“ - sprachliche Eigenarten und ihre Paradoxien: Das letzte Unterkapitel untersucht den deutschen Ausdruck „es gibt“ als philosophische Kategorie, die ein Geben ohne Gebendes suggeriert, und verknüpft dies mit dem metaphorischen „Sich-geben“ der Hauptfigur.

Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass die Gabe als „unmögliches Un-ding“ zwar nicht als fester ökonomischer Bestandteil existiert, aber den Prozess des Handelns dynamisiert und den Mut zum Risiko als Voraussetzung für wahre Menschlichkeit fordert.

Schlüsselwörter

Jacques Derrida, Gabe, Tauschökonomie, Paradoxon, Reziprozität, Kaurismäki, Der Mann ohne Vergangenheit, Sprachphilosophie, Amnesie, Soziale Randgesellschaft, Dissemination, Schenken, Unmöglichkeit, Entmoralsierung, Zwischenmenschliche Ökonomie

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?

Die Arbeit untersucht das philosophische Konzept der Gabe nach Jacques Derrida und vergleicht dieses theoretische Modell mit den sozialen Austauschprozessen, die im Film „Der Mann ohne Vergangenheit“ dargestellt werden.

Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?

Die zentralen Themen umfassen die philosophische Abgrenzung zwischen Gabe und Tausch, die Bedeutung von Sprache im Kontext des Gebens sowie die Analyse sozialer Hierarchien und zwischenmenschlicher Abhängigkeiten in einer ökonomisierten Welt.

Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?

Das Ziel ist es, zu analysieren, ob ein „reines“ Geben – also ein Akt ohne Rückforderung und ökonomisches Kalkül – in der modernen Gesellschaft oder gar innerhalb einer Tauschökonomie überhaupt möglich ist.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Es wird eine philosophisch-analytische Methode angewandt, die auf Derridas Texten (insbesondere „Falschgeld“) und der Rezeption durch Bernhard Waldenfels basiert, um Filmsequenzen als Fallbeispiele für theoretische Paradoxien zu deuten.

Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Dissemination des Gebens, der sprachlichen Analyse des Dativs und der „es gibt“-Formel sowie der Ambivalenz zwischen Gabe und Tausch in den sozialen Szenen des Films.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Derrida, Gabediskurs, Tauschökonomie, Paradoxon der Gabe, soziale Randgesellschaft und Identitätsfindung durch Amnesie beschreiben.

Wie spielt das Gedächtnis der Hauptfigur eine Rolle im Gabendiskurs?

Der Gedächtnisverlust der Hauptfigur M. wird als Voraussetzung für eine „ideale“ Gabe interpretiert, da das Fehlen einer persönlichen Historie es ihm ermöglicht, selbstlos zu handeln, ohne in den Kreislauf von Schuld und Gegengabe verstrickt zu sein.

Warum wird der Begriff „Gift“ im Kontext der Gabe analysiert?

In Anlehnung an den englischen Begriff „gift“ (Gabe/Geschenk) und das deutsche Wort „Gift“ arbeitet die Arbeit heraus, dass eine Gabe immer ambivalente Folgen haben kann und den Empfänger durch den Akt der Annahme in eine Schuldbeziehung zwingen kann.

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Details

Title
Vergessen geben - Kaurismäkis „Der Mann ohne Vergangenheit“ im Kontext des Derrida'schen Gabendiskurses
College
University of Erfurt
Course
Vergessen geben. Amnesien in Literatur und Film
Grade
1,3
Author
Mathias Seeling (Author)
Publication Year
2008
Pages
19
Catalog Number
V117283
ISBN (eBook)
9783640197484
ISBN (Book)
9783640197736
Language
German
Tags
Vergessen Kaurismäkis Mann Vergangenheit“ Kontext Derrida Gabendiskurses Vergessen Amnesien Literatur Film Philosophie Avantgarde
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Mathias Seeling (Author), 2008, Vergessen geben - Kaurismäkis „Der Mann ohne Vergangenheit“ im Kontext des Derrida'schen Gabendiskurses, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/117283
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