Das Problem der ,gerechten’ Benotung von Schülern unter besonderer Berücksichtigung möglicher Beurteilungsfehler seitens der Lehrer


Hausarbeit, 2008
9 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Teil I – Thematische Einführung

1. Einleitung

Eine elementare Dienstpflicht von Lehrern besteht darin, pädagogisch bedeutsame Leistungs- und Verhaltensmerkmale ihrer Schüler in Form von Zensuren festzuhal- ten, um somit Aussagen über deren Leistungsstand und Lernfortschritt treffen zu können. Zeugnisse dienen hierbei der Zusammenfassung aller erteilten Zensuren. Sie bilden die Grundlage für aktuelle sowie zukünftige ausbildungs- und berufs- relevante Entscheidungen.[1]

Allein aufgrund der eigenen Erfahrungen und Eindrücke, die man selbst als Lerner im Laufe seiner Schulzeit erfahren hat, ist es offensichtlich, dass Zensuren eine zentrale Rolle im Kontext des Lernen und Lehrens in Bildungseinrichtungen spielen. Ihre Funktion und Bedeutung ist sehr facettenreich, und die Tragweite der aus Zensuren bzw. Schulnoten entstehenden Konsequenzen mitunter richtungwei- send für das weitere (Berufs-)Leben.

Zur Verdeutlichung dieser Aussage sollen zwei kurze Beispiele dienen:

Die Aufnahme eines zulassungsbeschränkten Hochschulstudiums hängt von der Durch- schnittsnote des Abiturzeugnisses ab.

Das Ausbildungszeugnis ist die Grundlage für die Bewerbung um einen entsprechen- den Arbeitsplatz sowie den weiteren beruflichen Werdegang einer Person.

In beiden Fällen haben Zensuren und Zeugnisse direkt oder indirekt Auswirkungen auf die Entwicklung des jeweiligen Ausbildungs- und Erwerbslebens mit allen da- mit verbundenen finanziellen, gesellschaftlichen und persönlichen Folgen.

Die weiter oben verdeutlichte Tragweite von Zensuren und Zeugnissen begründet die Notwendigkeit, sich mit der Frage der angemessenen bzw. ,gerechten’ Noten- vergabe als Abschluss eines Prozesses der Leistungsmessung und –beurteilung aus- einander zu setzen. Aus lehr-lerntheoretischer Perspektive besitzt diese Frage eine besondere Relevanz, da Zensuren und Zeugnisse beispielsweise unmittelbare Auswirkungen auf die Leistungsmotivation eines Lerners haben. Bildungspolitisch betrachtet kann die Beschäftigung mit der Frage nach ,gerechten’ Zensuren als Beitrag zur Qualitätssicherung der Ausbildung an (berufsbildenden) Schulen ange- sehen werden. ,Gerechte’ Noten tragen dazu bei, einheitliche und allgemein aner- kannte Bildungsstandards zu fördern und zu festigen. Aus forschungsmethodischer Sicht besitzt das Thema eine große Relevanz, da eine ,gerechte’ Leistungsbeur- teilung im Sinne der klassischen Testtheorie an besondere Gütemaßstäbe gebunden ist, und nur durch die Einhaltung dieser Maßstäbe legitimiert werden kann.

Im zweiten Teil dieses Diskussionspapiers möchte ich mich mit den theoretischen Grundlagen beschäftigen, auf denen der oben erwähnte Prozess der Leistungsmes- sung und –beurteilung basiert. Beginnen werde ich mit der Bedeutung und Funktion von Schulnoten in der pädagogischen Diagnostik. Darauf aufbauend werde ich den Prozess der Leistungsmessung und –beurteilung etwas genauer betrachten, um da- nach der eigentlichen Frage der ,gerechten’ Leistungsbeurteilung nachzugehen. In diesem Zusammenhang sollen mögliche Fehler in der Leistungsbeurteilung seitens der Lehrer verdeutlicht werden. Im dritten Teil werde ich auf Probleme und Her- ausforderungen eingehen, die aus den bis dahin präsentierten Inhalten dieses Diskussionspapiers hervorgehen könnten.

Teil II – Theoretische Grundlagen zum Diskussionsthema

2. Bedeutung und Funktion von Schulnoten in der pädagogischen Diagnostik

Schulnoten sind das Resultat angewandter pädagogischer Diagnostik. Mit dem Beg- riff der pädagogischen Diagnostik wird ein Arbeitsfeld umschrieben, in dem es um die Beschaffung und Bewertung von personen- und (mit ihr verbunden) umweltbezo- genen Informationen geht. Diese Informationen sollen eine möglichst genaue Ein- schätzung pädagogisch relevanter Personeneigenschaften (z.B. Fähigkeiten, Fer- tigkeiten, Verhalten und Einstellungen) und der dazugehörigen Entwicklungsumwelt (z.B. Kommunikationsstrukturen im Unterricht, Elternhaus oder soziales Umfeld) ermöglichen. Diese Einschätzung bildet die Grundlage für weitere Prognosen hin- sichtlich der Entwicklung der betrachteten Person oder Personengruppe unter be- stimmten Rahmenbedingungen in der Zukunft. Vorrangiges Ziel der pädagogischen Diagnostik ist die positive Gestaltung von Erziehungs- und Sozialisierungspro- zessen insgesamt.[2]

Schulnoten und Zeugnisse erfüllen je nach Verwertungszusammenhang wichtige päda- gogische sowie gesellschaftliche Funktionen.

Zu den pädagogischen Funktionen von Zensuren zählen die Sozialisationsfunktion (sie machen den Schüler mit gesellschaftlichen Normen und Leistungsvergleichen vertraut), die Berichtsfunktion (sie geben wertende Rückmeldungen über die er- brachte Leistung und den Lernerfolg), die didaktische Funktion (sie bieten eine erzieherische Hilfestellung) sowie die Anreizfunktion (sie können Schüler moti- vieren und disziplinieren).[3]

Des Weiteren haben Schulnoten auch einige gesellschaftliche Funktionen. Hierzu zählen die Berechtigungsfunktion (sie dokumentieren und legitimieren gegenüber Dritten), die Kontrollfunktion (sie lassen die Einhaltung und Durchsetzung der Schulpflicht sowie pädagogischer Maßnahmen im Zusammenhang mit schulpolitischen und organisatorischen Entscheidungen erkennen) sowie die Klassifikations-, Allo- kations- und Selektionsfunktion (sie ermöglichen die Vergabe von Ausbildungs- und Arbeitsplätzen gemäß erbrachter Leistung und nicht nach der Herkunft des Einzelnen).[4]

Innerhalb unserer leistungsbetonten Gesellschaft wird der Notengebung mit ihren assoziierten Funktionen ein hoher Stellenwert beigemessen. So wird – wie bereits einleitend beschrieben – der Werdegang jedes Einzelnen durch Zensuren nachhaltig beeinflusst. Ferner ist die Leistungsfähigkeit der gesamten Gesellschaft beson- ders auf eine hohe Güte der erteilten Zensuren als Indikator für Leistung und Lernerfolg angewiesen. Insofern erfüllen Noten zusätzlich eine individuelle Wei- chenstellfunktion, die aus gesellschaftlicher Sicht durch eine Effizienzsiche- rungsfunktion ergänzt wird.[5]

Es ist offensichtlich, dass Zensuren eine weit einflussreichere Bedeutung und Funktion innewohnt als allgemein vermutet. Gerade die Weichenstell- und Effi- zienzsicherungsfunktion begründen vor dem Hintergrund der sozialen Verantwortung des Lehrers gegenüber seinen Schülern und der Gesellschaft die Notwendigkeit eines ausgereiften Prozesses zur Leistungsbeurteilung. Dieser Prozess muss ent- sprechend hohe Gütemaßstäbe erfüllen, um der sozialen Verantwortung gerecht wer- den zu können, und soll im folgenden Abschnitt etwas genauer betrachtet werden.

[...]


[1] Tent, L. (2001). Zensuren. In D. H. Rost (Hrsg.), Handwörterbuch Pädagogische Psychologie (2. Aufl.) (S. 805). Weinheim: Beltz PVU.

[2] Wild, K.-P. & Krapp, A. (2001). Pädagogisch-psychologische Diagnostik. In Krapp, A. & Weidemann, B. (Hrsg.), Pädagogische Psychologie (4. Aufl.) (S. 515 f.). Weinheim: Beltz PVU.

[3] Langfeldt, H.-P. & Tent, L. (1999). Pädagogisch-psychologische Diagnostik, Bd. 2: Anwendungsbereiche und Praxis- felder (S. 71 f.). Göttingen: Hogrefe Verlag für Psychologie.

[4] Ebd.

[5] Ebd. S.73.

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Das Problem der ,gerechten’ Benotung von Schülern unter besonderer Berücksichtigung möglicher Beurteilungsfehler seitens der Lehrer
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (Seminar für Wirtschaftspädagogik)
Veranstaltung
Wirtschaftspädagogisches Colloquium
Note
2,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
9
Katalognummer
V117319
ISBN (eBook)
9783640199365
ISBN (Buch)
9783640205288
Dateigröße
443 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Problem, Benotung, Schülern, Berücksichtigung, Beurteilungsfehler, Lehrer, Wirtschaftspädagogisches, Colloquium
Arbeit zitieren
Martin Zickert (Autor), 2008, Das Problem der ,gerechten’ Benotung von Schülern unter besonderer Berücksichtigung möglicher Beurteilungsfehler seitens der Lehrer, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/117319

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