Weberin Schuld

Novellen von Elisabeth von Heyking


Klassiker, 2008
101 Seiten
Elisabeth von Heyking (Autor)

Gratis online lesen

Inhaltsverzeichnis

Die Trommel

Paquito

Unter blühenden Mangobäumen

Im Tempel zu den späten Glückseligkeiten

Der letzte Schuß

Am Ende der Welt

Die Trommel

[3] Zu den indischen Bergen, wo sie einst glücklich gewesen, hatte es sie zurückgezogen.

Oftmals war ihr im Traum die ferne indische Sommerstadt erschienen, die, einem riesigen Wespennest gleich, an der Bergwand zu hängen scheint und aus kühler Höhe herabschaut auf die endlose, in der Hitze dampfende Ebene tief unten.

Nun, nach Jahren, war die einsame Frau wieder dort oben.

Aus dem lärmenden, dünnwandigen Hotel mit den wackligen Holzveranden, wo sie, nach der langen Postfahrt bergan, abgestiegen war, trat sie bald wieder hinaus und schritt durch die winklig gewundenen Gäßchen des Bazars.

Es war da alles wie früher, und, wie so oft im Traume, erkannte sie es nun in der Wirklichkeit wieder. Da waren die glatten, geschmeidigen Händler aus Delhi, die schimmernde Goldstickereien und glitzerndes Geschmeide in elenden Buden feilbieten; die feierlichen Kaschmirioten, die ihre Warenballen aufrollen und alte Schals ausbreiten, deren Farben wie bunte Kirchenfenster [4] glühen; die Holzschnitzer, die in offener Werkstatt immer wieder die gleichen durchbrochenen Wandschirme anfertigen. Kameele, in langer Reihe, zogen noch wie einst mit wiegendem Nicken der würdevollen Köpfe durch die Straße; neben ihnen afghanische Karawanentreiber mit grünem Turban und rotgefärbten Bärten. Unverändert waren auch die fetten bengalischen Babus mit ihren Imperatorenköpfen dekadenten Zeitalters, ihren togaartigen Gewändern, weißen Socken an nackten haarigen Beinen, schwarzen Zugstiefeln und baumwollenen Regenschirmen. Alles so unverändert, als müßten es noch dieselben Menschen, dieselben Tiere sein, die sie hier vor Jahren gesehen!

Aus dem Gewirr der Stimmen begann sie einzelne Klänge zu unterscheiden; sie hatte damals die Sprache der Eingebornen erlernt mit dem Eifer der Jugend und ihrem heiligen Glauben an den Wert des Wissens; jetzt erkannte sie die Laute, die sie so lang nicht mehr vernommen, und verstand alsbald wieder ihren Sinn.

Nun bog sie aufwärts zu dem bewaldeten Berge, wo die Bungalows der weißen Beherrscher des Landes verstreut im Grünen liegen. Hier begegneten ihr Regierungsboten in scharlachroten, goldbetreßten Gewändern; mit ernsten Mienen trugen sie für ihre fremden Gebieter Aktenmappen in die Ministerien oder auch [5] kleinere Schriftstücke in die Wohnungen der vielen schönen Strohwitwen, die, selbst Kühlung suchend, aus der Sommerglut der Ebene aufsteigen zu den Bergen und hier manch neues Feuer entzünden. Rickschaws kamen der Einsamen entgegengesaust, gezogen von untersetzten, mongolisch aussehenden Gebirgskulis; blasse europäische Frauen lehnten darin, und eine jede, wenn sie nur ein bißchen hübsch und jung war, wurde von einem Reiter begleitet, der in Sonnenhelm, Flanellanzug und hohen Stiefeln neben ihrem leichten Gefährte trabte; der Syce, mit der Pferdedecke auf dem Rücken, keuchte hinterdrein.

Auch das - ganz wie einst.

Und doch alles so verschieden.

Damals hätte sie die Namen all der weißen Frauen und ihrer Begleiter gewußt, - heute schritt sie grußlos an ihnen vorüber. Denn sie war selbst fremd geworden, niemand kannte sie mehr; für die rasch wechselnde Gesellschaft dieser Sommerstadt gehörte sie schon zu einer entschwundenen Epoche. Aber tieferer Unterschied noch trennte sie von jenen: alle, denen sie begegnete, hatten Zwecke noch und Ziele, standen noch im Zwang des Wollens; sie aber war wie losgelöst von allem Seienden, glich, lebend noch, doch schon den Schatten, die sehnsuchtsvoll Stätten einstmaligen Lebens umschweben.

[6] Ein seltsames Gefühl der Unwirklichkeit überkam die Wanderin. Wie im Traume stieg sie weiter hinan. Die Bungalows lagen nun alle hinter ihr; sie befand sich im dichten Walde. Aber ganz oben, nahe des Berges Gipfel, an den zerklüfteten Felsen gelehnt, in dessen Höhlen Gaukler, Schlangenbeschwörer und Fakire, die die heiligen Affen füttern, wohnen, - dort oben, wußte sie, stand noch ein Haus. »Das letzte Haus«, wie man es nannte. Dort hatte sie einst gewohnt. Nicht einsam damals.

Zum letzten Heim war ihr das letzte Haus geworden. Nachher - da war das schaudernde Erwachen aus dem Wahn gekommen, - aber hier, ja hier in diesem Walde, auf diesen selben Pfaden, da hatte sie ihres Lebens Traum geträumt. Unten im Bazar und zwischen den Wohnstätten der Weißen hatte sie nur all die altbekannten Gestalten wiedererkannt, die Statisten im längst gespielten Stücke ihres Lebens gewesen, - hier oben aber in des Waldes Stille, da fand sie sich selbst wieder. Sich - und ihn. - Die ganze entschwundene Vergangenheit erstand plötzlich vor ihr und füllte das tiefe Schweigen mit tausend Stimmen. Brausend rauschte es ihr aus den Kronen der knorrigen Deodare entgegen, murmelnd plätscherten es die gleitenden Quellen, säuselnd erzählte es der Wind in den Zweigen der rotblühenden [7] Rhododendren, flüsternd winkten und wehten Farren und Gräser es ihr zu: »Hier bist du glücklich gewesen.« - Und als sie einzelne alte Bäume erkannte, bemooste Felsplatten gewahrte, auf denen sie oft gesessen, und noch dieselben Blumen wie einst blühen zu sehen glaubte, da erschien ihr, was doch Jahre zurücklag und wovon sie durch schlimmere Abgründe als Jahre getrennt war, so gegenwärtig, daß sie wähnte, es wieder fassen und an sich pressen zu können. Nur noch ein paar eilende Schritte, das letzte, steilste Stück des Weges hinan und dann würde sie ihn wieder erblicken; am Eingang des Hauses würde er stehen - und es würde alles sein wie einst!

Und nun lag es vor ihr, das letzte Haus. Wie sie es oft im Traume geschaut. Die eine Seite dicht an den Felsen gedrängt, schien es sich fest an ihn zu klammern, um mit weit vorspringendem Dach und Altane hinauszulugen über die bewaldeten Abhänge und die endlose Ebene tief unten. Doch er stand nicht da.

Die Pforte des Gärtchens gähnte weit offen und mußte wohl schon lange so gestanden haben, denn rankendes Gestrüpp hatte Tür und Angeln mit dichten grünen Ketten umwoben. Die Pfade des Gartens waren überwachsen, Rasen und Beete zu einem Feld blühenden Unkrauts geworden. Von allen Seiten drang wuchernde [8] Wildnis ein. Dazu zirpten unzählige Zikaden, schillernde Libellen schossen surrend durch die Luft, Eidechsen raschelten an bröckelndem Gemäuer, langzüngige Chamäleone schielten nach schwirrenden Fliegen, Mücken summten in Schwärmen, wilde Tauben, gurrten wie im Traume. Am Boden aber hockte eine Schar großer grauer Affen; im Halbkreis umgaben sie einen der ihren; der war ein besonders menschenähnlicher alter Geselle und mochte wohl ihr Anführer sein; mit wichtigtuendem Geschnatter schienen sie Rat zu halten, während ihre übermütigen Jungen kichernd an den Zweigen schwangen. Und gerade diese Stimmen der völlig unbekümmerten Tiere erweckten ein Gefühl unendlicher Einsamkeit - sie sagten so deutlich, daß es da schon lange keine menschlichen Herren mehr gab, vor denen sie verstummen mußten.

Leise und behutsam schritt die Fremdgewordene durch den Garten, und ganz von selbst folgten ihre Füße den einstmaligen Windungen des verwischten Pfades. Zu der offenen Veranda führte er, die rings um das Haus lief. Und sie trat ein.

Wie oft waren sie beide da zusammen eingetreten! Wenn sie, müde vom frühen Morgenritt, nach dem grellen Sonnenlicht draußen hier schattige Kühle fanden; oder wenn sie, abends spät von Gesellschaften heimkehrend, [9] noch einen Augenblick hier stehen blieben, ehe sie zur Ruhe gingen, und aneinander geschmiegt zurückblickten auf die tausend kleinen Feuer der Leuchtkäfer, die draußen im Gebüsch des nächtlichen Gartens blinkten.

Und die Diele der Veranda knarrte laut, als erinnere auch sie sich an all das!

Glastüren führten in die einzelnen Räume. Durch verstaubte, von Spinngeweben überzogene Scheiben schaute die einsame Frau in die Zimmer, die sie einst bewohnt, zaghaft, als läge da drinnen etwas, das nicht geweckt werden dürfe. Doch da war ja nur trostlose Leere, Verfall und Verlassenheit überall. Ihren sich erinnernden Augen aber verhüllten süße Bilder der Wirklichkeit Öde, und sie sah vieles, das längst entschwunden.

Weiterschreitend beschrieb sie unwillkürlich im Gehen Bogen, als wiche sie Möbeln aus, die doch nicht mehr vorhanden; schob mit der Hand unsichtbare Vorhänge beiseite, verweilte vor einer leeren Wand, als erblicke sie noch an ihr das aufgehängte Fell des Tigers, den er einst geschossen. Überall haftete für sie noch etwas von den Dingen, die damals gewesen; blühender Zweige erinnerte sie sich, die sie aus dem Walde mitgebracht und in hohen Vasen zu Sträußen geordnet hatte, und [10] der Bücher entsann sie sich, die sie, hier sitzend, gelesen. Verwehte Düfte, verhallte Worte umschwebten sie; Gedanken und Empfindungen, die verzaubert hier geschlummert, erwachten bei ihrem Nahen und fluteten ihr entgegen.

Bis zur äußeren, dem steilen Bergesabsturz und der Ebene zugewandten Seite des Hauses war sie nun gekommen. Hier gewahrte man, wie leicht und schwankend das ganze Gebäude war mit seiner weit ausladenden Veranda; schwächer noch und vergänglicher als andere menschliche Behausungen, einem Neste gleich, das jeder Sturmwind verwehen konnte, so hing es am Felsen.

Über das Geländer beugte sich die einsame Frau. Ihre Blicke glitten den jähen Abhang des Bergrückens entlang, an dem die Rhododendren mit ihren feurigen Blütenbüscheln emporzuklimmen schienen, wie ein Heer von finstern Trägern blutroter Fähnchen. Und weiter hinab schweiften ihre Blicke, wo unter diesem Gipfel immer neue, niedriger werdende Bergmassen vorsprangen, kauernden Riesentieren gleich, deren letzte Ausläufer sich wie langgestreckte Tatzen in die dunstige Ebene schoben.

Sie kannte dies Bild so gut - hatte so oft von hier oben mit ihm hinabgeschaut und gesehen, wie aus den [11] Bergfalten Nebelstreifen aufstiegen, sich zu seltsamen Gebilden formten und dann, von der Sonne aufgesogen, spurlos zerrannen. Und sie kannte auch den zitternden Zaubersang zahlloser Zikaden, bei dessen einschläferndem Zirpen sie beide hier manch heißen Nachmittag, in den niederen Strohsesseln liegend, hingedämmert hatten.

Wie sie so stand und in die endlose Weite starrte, und ihre Gedanken auf tausend Pfaden eilten, die alle zurück zu vergangenen Jahren führten, erzitterte plötzlich das Gebälk über ihr; ein Ächzen und Krachen lief durch die Träger und Stützen; es schwankte das Dach wie unter dem schnaubenden Ritt eines Zuges böser Kobolde, und dazu klang aus den Lüften Kichern und Keifen, Poltern und tückisches Lachen unheimlicher Stimmen! Erschreckt fuhr die Fremde aus ihren wachen Träumen und aufschauend erblickte sie eine Schar Affen, die, von dem großen, graubärtigen geführt, vom Felsen aus über das Dach des Hauses mit lautem Geschnatter jagten. - Da entsann sie sich, wie sie einst durch dies selbe Geräusch wilder Sprünge in einer der ersten Nächte, die sie hier verbracht, aus dem Schlummer aufgeschreckt worden war. Ängstlich, an allerhand Spuk denkend, hatte sie damals in der Dunkelheit die Hand suchend nach ihm ausgestreckt - und er hatte sie an sich gezogen und halb verschlafen gemurmelt: »Nicht fürchten, das [12] sind ja nur die heiligen Affen!« In seinen Armen war sie dann eingeschlafen und fürchtete sich nicht mehr. - So lebhaft war die Erinnerung, daß sie auch jetzt wieder die Hand unwillkürlich, wie suchend ausstreckte - und wußte doch, daß jene andere Hand sich nie mehr um die ihre schließen würde.

Wie grausam schmerzte es, gerade hier all dessen zu gedenken, das unwiederbringlich verloren! - Kindlich, abgöttisch, voll Bewunderung und grenzenlosem Vertrauen war ihre Liebe gewesen. Sie ahnte ja nicht, daß sie ihn, aus der Fülle ihres eigenen Herzens, mit vielen ihm fremden Eigenschaften ausgestattet hatte, bis daß sie einen durch ihre Einbildung geschaffenen und ganz anderen liebte, als er in Wahrheit war, - ahnte nicht, daß seine unbekümmert sorglose Art, die sie Kraft dünkte, des Leichtsinns Schwäche barg, - sah in ihm den, der sie vor jedem Unheil schützen würde, wähnte, daß ihr bei ihm niemand ein Leid zufügen könne.

Und er selbst war es, der ihr das Schlimmste angetan.

Wie war es nur möglich gewesen - er und jene andere Frau? Heute noch schien es ihr ebenso unfaßlich wie damals in der ersten Stunde, da sie dem Zeugnis der eigenen Augen nicht glauben wollte. Dann waren Zorn und Empörung in ihr aufgeloht, und nur den [13]einen Wunsch noch hatte sie gekannt: Fort! fort! Nie mehr jene beiden sehen müssen, von denen sie gekränkt, erniedrigt, betrogen worden ... So hatte sie alle Gemeinschaft mit ihm öffentlich zerrissen.

Jahre waren seitdem vergangen. Und dann war plötzlich ein rastloses Sehnen über sie gekommen, und mit unwiderstehlicher Gewalt hatte es sie aus der Ferne hierher zurückgezogen in das Haus, wo das Glück einst wohnte. Sie wußte nicht, was es war, das sie gezwungen hatte wiederzukehren, da doch alles verloren - aber, was sie bisher nur dunkel gefühlt, ohne es sich selbst doch eingestehen zu wollen, hier tönte es ihr fragend aus den verödeten Räumen und von den kahlen Wänden entgegen: warst du es nicht selbst, die das fliehende Glück auch noch vertrieben?

Ihrer Jugend war damals unmöglich erschienen, daß sich über die Verheerungen solchen Zusammenbruchs je eine Brücke schlagen ließe, auf der die für immer getrennt Scheinenden, doch wieder den Weg zueinander fänden; heute wußte sie, daß gar manches auf Erden, das stark genug ist, schwere Lasten zu tragen, aus Trümmern erbaut wurde, und daß die meisten Leben nur Flickwerk sind. Sie hatte es erfahren, daß jedes neue Jahr doch etwas von jenen unantastbar scheinenden Forderungen abhandelt, mit denen die Menschen des [14] Lebens Fahrt antreten, bis endlich die Erkenntnis entsteht, daß in einer Welt der Unzulänglichkeiten das aus tiefstem Mitleid entspringende gegenseitige Vergeben der einzige Weg ist, der zum Frieden führt. - Sie hatte ja nichts dadurch gebessert, daß sie damals die Welt zum Zeugen gerufen und sich vor aller Augen öffentlich Recht verschafft. Unrecht, das barmherzig zu verdecken in ihrer Macht gestanden, hatte sie grausam enthüllt. Offenkundig geworden, mußte es verheerend weiterwirken. Unfaßlich schien es ihr heut in diesem Hause, daß sie hier einst, als drei Menschenlose in ihrer Hand lagen, einzig auf die Stimme eigenen Gekränktseins gelauscht hatte. Oh, daß sie noch einmal zurückgekonnt hätte zu jener Schicksalsstunde! Denn sie war in den Jahren eine andere geworden, der Jugend Unerbittlichkeit und Härte waren von ihr gewichen, und die Vereinsamung hatte sie gelehrt, daß selig ist, wer noch einen besitzt, dem er vergeben kann.

Sehnsüchtig breitete sie die Arme aus, als sei die Lust erfüllt von Unsichtbarem, das sie an sich ziehen wollte. So unendlich viel von ihnen beiden war ja hier in diesem letzten Hause haften geblieben, - ungreifbar und doch gegenwärtig fühlte sie es überall, - es blickte sie an, es flüsterte ihr zu, - ach, es mußte einen Weg geben, auf dem sich Vergangenes noch einmal zurückbringen [15] läßt! - All ihr Sein spannte sich in dem Sehnen, ihm ein Zeichen noch zu senden, nicht für alle Ewigkeit getrennt zu bleiben mit Zornesworten als letztem Abschied.

Und da, als ihr ganzes Wesen mit heißem Verlangen nach der Vergangenheit Wiederkehr rief, ging plötzlich ein leiser Hauch durch die träge Luft, und aufsteigend aus Bergesschlucht tief unten, zog ein graues Gebilde an den Abhängen herauf. Dem Schatten gleitender Wolken glich es, doch klar und wolkenlos wölbte sich des Himmels opalene Ferne. Nebelstreifen mochten es sein, wie die Einsame sie hier früher oftmals zwischen der Bäume Wipfel gesehen. Näher kamen sie ihr, von unsichtbarer Gewalt gehoben; schwebten langsam heran, als ob sie widerstrebend vernommenem Rufe gehorchten. Undeutlich noch und verschwommen, schwankend, sich biegend und schiebend, formte sich mählich der flatternde Dunst. Durchsichtige Umrisse verdichteten sich zu wehenden Gestalten, als fänden gedankenfeine Atome sich von neuem zu früherem Wesen zusammen. Aus dem wogenden, wolkigen Grau tauchten vor ihr zwei Antlitze auf, blaß, mit trostlosen Augen und abgehärmten Wangen.

Regungslos starrte sie die Erscheinung an, die ihr Sehnen aus Wesenlosem hervorgezaubert. Und sie erkannte [16] jene beiden, die sie nie mehr gesehen - ihn und die andere Frau.

Durchsichtige Hände hoben sich zu ihr empor und leise tönte es von bleichen Lippen: »Wozu riefst du uns aus düstern Tiefen? Willst du dich weiden am Werke, das dein Wollen geschaffen?«

»Bin ich es denn nicht, die durch euch elend wurde?« frug sie zurück.

Doch es antworteten harmvoll die beiden Schatten: »Du tatest uns Schlimmeres an. Wir raubten ein paar kurze Stunden der Wonne, du stießest uns für immer ins Verderben.«

Von dem Gefährten sich lösend, glitt mit wehendem Haar und gramerfüllter Gebärde das geisterhafte Weib näher noch zu ihr heran und hauchte: »Warum, ach warum konntest du, Glückliche, nicht schweigend vergeben! Dann wäre es bald gewesen, als sei es alles nie gewesen!«

»Aber du hattest mit tausend Künsten und Ränken mir Ahnungslosen mein Liebstes geraubt!«

»Was wußtest du Kind von dem Hunger des Herzens, den du richtest?« seufzte die Schattenhafte. »Weil ich unglücklich war, war ich schwach, damals - später aber, durch die Verachtung, der du mich preisgabst, da erst wurde ich schlecht.« [17]

Die einsame Frau erbebte und wandte sich mit flehenden Händen an den größeren der Schatten: »Aber dich, dich hatte ich doch wahrhaft geliebt!«

Er antwortete: »War deine Liebe, die nicht zu verzeihen vermochte, denn wirklich so viel stärker als die meine, die die Treue brach? Bei der ersten Probe erlagen wir beide.«

Angstvoll, mit gebrochener Stimme, frug sie weiter: »Und dann? Dann? Was wurde aus dir?«

Dumpf drang es zu ihr: »Zum Mörder eines anderen, der durch dich seine Unehre erfuhr, hast du mich gemacht. Aus meiner Laufbahn war ich gerissen, entwurzelt trieb ich auf dunkeln Wogen, bin untergegangen im Meere des feindlich gewordenen Lebens.«

Wie rinnender Nebel flossen die bleichen Gestalten ineinander, rangen die Hände, griffen sich irr in die Haare und stöhnten vereint: »Wir mußten verderben! Du hast es gewollt.«

Am schwankenden Geländer die erschauernde Frau beugte sich vor: »Tat ich euch Böses, tat ich es mir selbst, bin lebend nur noch ein Schatten wie ihr. Vergebt mir, vergebt!«

Doch klagend nur klang es zurück aus dem Dunste: »Umsonst, umsonst! All dein Sehnen bringt nimmer die Stunde zurück, da dir gegeben Güte zu üben!«[18]

Verschwommen, im Lichte sich lösend, wogten die Schatten fahl auf und nieder.

»Verweilt noch, verweilt!« flehte die trostlose Frau und streckte die Hände nach ihnen hinaus in die Leere.

Aber fern schon antworteten sie jammernd: »Ruhelos wurden wir arme Irrende! Müssen nun ewig weiterirren - ruhelos!«

Und aus noch weiterer Ferne wimmerten noch einmal die sich windenden Gebilde: »Ruhelos - - ruhelos - -«

Wie lang hinhallendes, hoffnungsbares Seufzen strich ein Windhauch über die Wipfel der Rhododendren - ein letztes Wehen blasser Nebelstreifen versank im Dunkel der Wälder. Die Erscheinung war entschwunden. Nur das Zirpen der zahllosen Zikaden zitterte eintönig in der heißen, flimmernden Luft.

Als ob sie aus einem Traume erwache, strich die einsame Frau mit der Hand über die Augen. In der Hitze plötzlich fröstelnd, wandte sie sich um, dem Ausgang der Veranda zu. Vor den Erinnerungen, die zu suchen sie gekommen, wollte sie jetzt fliehen, weit fort von diesem letzten Hause, das allzuviel unwiederbringlich Verlorenes barg. Und sie ging gebückt, als trage sie eine schwere Last, - denn die Sünde anderer wird oftmals zu unserer allerdrückendsten Schuld.[19]

Doch als sie aus dem Hause trat, um durch den verwilderten Garten zurückzuschreiten, gewahrte sie, daß er nicht mehr, wie vorhin bei ihrem Kommen, den Tieren des Waldes allein überlassen war. Die menschlichen Bewohner der nahen Höhlen mußten sie wohl erspäht haben und waren ihr nachgeschlichen. Auch sie früher oft geschaute Gestalten!

Den Fakir, der damals täglich hier oben im Walde die heiligen Affen fütterte, erkannte sie wieder; mit dem struppigen, aschebestreuten Haar, den rotgeränderten rollenden Augen und dem flammenden Kastenabzeichen auf der lehmfarbenen Stirn, so stand er da in staubige Lumpen gehüllt, und an ihn drängte sich dreist der große, so seltsam menschenähnliche Affe, der sie vorhin mit seinen wilden Sprüngen auf dem Dache erschreckt hatte.

Inmitten des einstmaligen Rasens aber, wo jetzt der Sonne Brand wucherndes Unkraut bräunte, hockte ein alter Gaukler. Er trug die ockergelbe Gewandung der Schlangenbeschwörer und auf dem Haupte einen hohen Turban, in dessen Gewinde ein paar Pfauenfedern gesteckt waren. Hart und gefurcht, wie die ewigen Felsen des Himalaya, war sein Antlitz, und die Augen, über denen das Spiel der Lider nicht auf und nieder ging, blickten wie erstarrt im Grauen vor einstmals Geschautem. [20] Leere, flache Körbe, wie sie die Schlangenbeschwörer benützen, hatte der Alte vor sich aufgestellt, und er murmelte eintönige Worte vor sich hin - einschläfernder noch als das Zirpen der Zikaden.

Wie Fata Morgana der Vergangenheit, so tauchte das sonnendurchglühte Bild plötzlich vor der Fremden auf, und sie entsann sich, daß sie den Zauberer vor Jahren an dieser selben Stelle ganz ebenso hatte kauern sehen! Sie wollte an den beiden vorbeieilen, doch der Gaukler erhob sich, verbeugte sich tief und redete sie an: »Seid gegrüßt, Memsahib, die ihr so lang fern von hier geweilt.«

»Erkennt ihr mich denn wirklich wieder?« frug sie.

»Ihr wart ja die letzte, die hier gewohnt«, antwortete der Alte: »seitdem hat das Haus leer gestanden. Es kommen wohl manche Sahibs, es zu besehen - aber, ich weiß nicht warum, es wollte es schließlich doch nie einer mieten, - mag sein, sie fürchteten sich, - es heißt ja, es sei ein Unglückshaus.«

»Und ihr seid all die Jahre hier geblieben?« frug die Frau mit leiser Stimme.

»Ja,« antwortete der Gaukler, indem er auf den unbeweglich ins Leere starrenden Fakir schaute, »wir beide und die Tiere sind hier oben geblieben. Aber«, setzte er in dem singenden, wehleidigen Ton der Bettler hinzu, »ich bin alt und elend, - jüngere Wundermänner [21] werden jetzt zu den Festen der Reichen befohlen. Und doch! Was die auch können mögen, die Schlangen hören auf keinen so wie auf mich! Weiß es die Memsahib noch, wie sie mir folgen?«

»Ja,« antwortete sie, »ich weiß es alles noch!«

»Ach, so möge es der Beschützerin der Armen gefallen, noch einmal wie früher zu hören, wie ich die Schlangen rufe!« flehte der Alte.

Aber die Fremde war bei seinen Worten ein seltsam traumhaftes Empfinden gekommen. Sie wollte gehen und vermochte es doch nicht. Ein Bann lag lähmend auf ihr, daß sie bleiben mußte. Auf die fragende Bitte des Gauklers senkte sie zustimmend das Haupt, und dabei war ihr doch, als sei es gar nicht sie selbst, die diese Gebärde gemacht, sondern als geschähe alles unter dem Zwang der geheimnisvollen Macht, die sie schon von jenseits des Ozeans zu unbekanntem Zwecke hierher getrieben hatte.

Nun kauerte auch schon der Gaukler auf dem Boden. Der große graubärtige Affe aber, der bis dahin neben dem traumverlorenen Fakir gehockt hatte, sprang alsbald auf einen tief herabhängenden Ast, von dem aus er mit neugierig spähenden Augen den Bewegungen des Zauberers folgte, als wolle er ihm die Geheimnisse seiner Kunst absehen. [22]

Aus den Falten seines gelben Gewandes zog der Gaukler ein seltsames Instrument hervor. Eine kleine Trommel war es, die aus zwei aneinander gehefteten, länglichen Schalen gebildet wurde; glatt und gelblich glänzten diese, einzelne dunklere Striche und Flecken weisend; aus altem Elfenbein schienen sie geformt zu sein. Diese Trommel schwang der Alte auf und ab, so daß ein an einer Schnur von ihr herabhängender Stab bald auf die eine mit Haut bespannte Seite, bald auf die andere schlug. Tuk tik tok - tuk tik tok - so klang es.

Aber nicht wie der Ton anderer Zaubertrommeln dünkte es die Fremde - nein, als klagten darinnen zwei leidvolle Stimmen. Gebannt lauschte sie: was war es nur, das ihr die Stimmen sagen wollten?

Von dem Aste herab reckte der große Affe den Kopf weit vor, und auch die anderen Tiere des Gartens horchten in plötzlicher Spannung auf.

Tuk tik tok!

Nichts regte sich.

Tuk tik tok! rief, dringlicher werdend, die Trommel.

Hatte es nicht irgendwo ganz leis geknistert? War es nicht dort in dem Haufen trockener Blätter? Ja, da raschelte es wieder. Die Blätter zitterten und hoben sich. Etwas schob sich verstohlen unter ihnen entlang. Am Boden war ein Spiel hell aufleuchtender und [23] wieder erlöschender Flecken, zwei stechende Augen blitzten auf: eine lohgelbe Schlange glitt langsam hervor. Und da wand sich auch schon eine andere hinter jenem Baume! Tuk tik tok! - hier kroch noch eine - dort folgten sich zwei, - tuk tik tok! tuk tik tok! Von allen Seiten kamen sie, glatt und glimmergleich gleißend, mit schwarzen Flecken auf dem Geringel der schwefligen Leiber. Und immer wieder rief und rief die Trommel, - die Schlangen mußten folgen. Unwiderstehlicher Gewalt gehorchend, strebten sie auf den Gaukler zu. Im Halbkreis, ganz nahe schon, umgaben sie ihn. Und plötzlich, wie zu gemeinsamem Angriff vorgehend, hoben sie sich alle empor und blähten die dehnbare Halshaut auf, daß sie zu einem breiten, schildartigen Hute anschwoll und der Brille Zeichen, schwarz in fahlgelber Umränderung, darauf erglänzte. Dräuend streckten sie die bösen flachen Köpfe mit den stechenden Augen nach dem uralten Feinde, dem Menschen, züngelten und zischten ihn an mit dem ererbten Hasse zahlloser Schlangengeschlechter. Doch er fuhr fort die Trommel zu schwingen, und immer dichter kam er damit an die bösen flachen Köpfe. Und seine Augen, über die sich nicht ein einzigesmal die Wimpern senkten, starrten unverwandt auf die sprungbereiten Riesenwürmer. Ein wortloser Kampf um Herrschaft war es, der da mit Blicken ausgefochten wurde. Atemlos [24] folgten ihm die Tiere des Gartens, während der graubärtige Affe auf seinem Aste unwillkürlich alle Bewegungen des Wundermannes nachahmte. - Da begann erst die eine, dann die andere Schlange hin und her zu schwanken, im Takte dem Trommelstab folgend, der abwechselnd auf die beiden Seiten der Trommel schlug; bald nach rechts, bald nach links wiegten sich die aufgeblähten Leiber. Wie trunken taumelten sie, immer willenloser werdend. Und eine nach der anderen sanken die Schlangen in Ringeln zusammen, von plötzlichem Schwindel mitten im Zaubertanz niedergeworfen. Da packte sie mit raschem Griff der alte Gaukler, schob je eine in jeden der flachen Körbe und schlug den Deckel zu, immer noch mit der anderen Hand die Trommel schwingend, bis auch die letzte geborgen war.

Und all die noch eben zirpenden, singenden, surrenden und summenden Zuschauer erschauerten, ganz still geworden vor der geheimnisvollen Macht, die das gefährlichste aller Tiere durch die Gewalt ihres Willens zu bannen vermochte.

Der Gaukler stand auf und verneigte sich wiederum tief: »Ist die Beschützerin der Armen zufrieden?«

Doch sie hatte kaum auf die Schlangen geachtet. Unverwandt hing ihr Blick an der seltsamen kleinen Trommel, die der Alte noch in seinen dürren Händen hielt und [25] aus der es geklungen wie das Klagen zweier leidvoller Stimmen. »Hattet ihr diese Trommel schon damals?« frug sie.

Ein hämisches Lächeln zog über die harten Züge des Zauberers und er antwortete: »Die hab’ ich schon mehr Jahre, als die Memsahib zu denken vermag.«

»Ich kann mich doch gar nicht erinnern, sie früher gesehen zu haben?«

»Das ist, weil wir zu verschiedenen Lebenszeiten ganz Verschiedenes beachten«, sagte nun der regungslose Fakir, der bis dahin geschwiegen hatte und auch jetzt wie träumend und in weite Ferne blickend vor sich hinsprach: »Wir sehen nur immer gerade das, was uns etwas zu sagen hat - für alles übrige sind wir Blinde.«

»Zeigt mir die Trommel!« sagte die Fremde zum Gaukler.

»Das ist nichts für weiße Memsahibs«, antwortete dieser unwirsch und wollte die Trommel in den Falten seines Gewandes verbergen. Doch im rasch wiedergefundenen Tone der weißen Gebieter herrschte sie ihn an: »Die Memsahib befiehlt, die Trommel zu sehen.« Und von ihrer Stimme bezwungen, wie vorher die Schlangen vom Klange der Trommel, hielt er ihr das seltsame Instrument hin, ohne es jedoch aus den mageren braunen Fingern zu lassen. [26]

Sie beugte sich vor und fuhr erschrocken zurück: »Das sind ja zwei Schädel?«

Der Alte nickte.

»Und der Trommelstab ist ein Knochen?«

Wieder nickte der Alte.

»Aber ... was hat das zu bedeuten?«

Der Gaukler schwieg. Doch der Fakir antwortete: »Das ist ein Werk des Hasses.«

Die starren Augen des Schlangenbändigers glühten auf, und er entgegnete heftig: »Des Hasses? Nein! des Gesetzes!«

»Das ist oft ein und dasselbe«, sprach gleichmütig der Fakir.

»Und ... wer waren die beiden?« frug die Fremde, wie gebannt auf die glatten, gelblich glänzenden Schalen starrend, an denen sie nun auch die Schädelnähte erkannte.

»Zwei arme Irrende«", erwiderte der Fakir.

»Arme Irrende? fürwahr!« höhnte der Gaukler. »Ein schlechter Mann und eine noch schlechtere Frau, das waren sie!« Dabei umklammerten seine krallenartigen Finger die Schädel wie mit Schicksalsgriff, und es war der Fremden, als höre sie es drinnen wimmern und weinen.

»Schlecht?« wiederholte sie mit zitternder Stimme, »was ... was hatten sie denn begangen?« [27]

Wieder schwieg der Schlangenbeschwörer, doch der Fakir redete zu ihm: »Warum willst du es nicht erzählen? Hast du es nicht auf den Lippen, hast du es doch im Sinn - du lebst ja nur noch durch das Denken daran.«

Da richtete sich der Alte in plötzlichem Entschluß empor. Und durch den Garten ging alsobald ein erwartungsvolles Schweigen. Fliegen, Mücken, Eidechsen und Chamäleone horchten auf; die gurrenden Tauben und zirpenden Zikaden verstummten, um zu lauschen; die grünschwarz schillernden Fasane spähten aus dem Dickicht; sogar die fliegenden Füchse, die tagsüber schlafend unter dem Dachgebälk hängen, blinzelten neugierig mit den lichtscheuen Äuglein, und der große graue Affe kletterte auf dem tief herabhängenden Aste noch weiter vor, um nur ja kein Wort von dem zu verlieren, was sich die rätselreichen Menschen zu sagen hatten.

Unverwandt in die Ferne blickend, als schaue er dort noch einmal das Grauenhafte, vor dem seine Augen einst erstarrt, hub der Schlangenbeschwörer an: »Es waren zwei, die sich liebten und nicht lieben durften. Dem Gesetze meines Stammes gemäß sind sie dafür zusammen zu Tode gesteinigt worden. Ich stand dabei und sah sie blutend niedersinken. Ihre zermalmten Glieder hat man dann eingescharrt. Mir aber, den die beiden [28] betrogen, wurden ihre Schädel überlassen, auf daß ich, noch nach dem Tode, mit ihnen verfahre, wie ich gewillt. Da hab ich sie aneinander geheftet und zu dieser Trommel verbunden, - und seitdem müssen sie mit ihrem Stöhnen jahraus jahrein für mich die Schlangen locken, auf daß sich der uralte Fluch erfülle, der auf solchen Missetätern lastet: so lang noch ein Stück ihrer einst sündig vereinten Leiber unbestattet auf Erden weilt, so lang werden auch ihre Geister umherirren müssen, ruhelos! ruhelos!«

Wie eine mit wilder Wut erneute Verwünschung hatte er die Worte ausgestoßen. Hochaufgerichtet stand er da, die Glieder straff, als spanne sie langverlorene, plötzlich wieder erlangte Jugend, und mit weit ausgestrecktem Arme schwang er die Trommel, daß es immer wieder wie verzweifelter Weheruf aus ihr tönte: »Ruhelos! ruhelos!«

Im Garten ringsum war bange Stille. Etwas Fremdes, Schauerliches schien das unbekümmert frohe, flirrende und schwirrende Leben unterbrochen zu haben. All die vielen kleinen Lebewesen, die den Worten des Zauberers gelauscht, wagten kaum noch zu atmen; ihre winzigen Herzlein hämmerten ängstlich, und voller Grauen dachten sie: welch grausame Tiere sind doch die Menschen! [29]

Aber inmitten des schwülen Schweigens schoß plötzlich ein zärtlich verschlungenes Libellenpaar, das regungslos in der Luft gehangen hatte, surrend in die Höhe, und aus der flimmernden Bläue schien es herabzutönen zu den Menschen: »Ihr Armen! Wir sind frei!« - Nun schüttelten auch all die anderen Kleinen wie erlöst den unheimlichen Bann von sich ab, und zirpend, trillernd, kichernd klang es aus tausend Kehlen: »Frei! frei!«

Nur der große Affe blieb ganz still auf seinem Zweige hocken, und mit böse funkelnden Blicken spähte er weiter herab auf die Menschen, denen er so gerne ähneln wollte.

Die fremde Frau, deren Antlitz weißer noch geworden, trat jetzt dicht an den Gaukler heran und sprach zu ihm: »Ihr dürft diese Schädel nicht länger behalten, ich will sie haben, gebt sie mir!«

»Nimmermehr!« antwortete er, »sie sind meines Lebens liebster Besitz!« Dabei schwang er wieder die Trommel mit hartem Griffe, und deutlich glaubte nun die Fremde zu verstehen, was die zwei leidvollen Stimmen darinnen flehten: »Rette uns! rette uns!«

Da war ihr, als ob eine ferne, einstmals versäumte Stunde ihr noch einmal nahe, als ob das Schicksal ihr noch einmal die Möglichkeit bieten wolle. Barmherzigkeit zu üben. Sie wähnte an diesen beiden Toten sühnen zu können, was sie an jenen andern Lebenden einst verschuldet. [30] Ihre Gedanken hatten die beiden so verschiedenen Paare verschmolzen - waren es doch in der ewigen Wiederkehr der Geschicke gleiche Sünder, gleiche Opfer gewesen. Was sie diesen tat, tat sie den anderen. Wenn sie diese erlöste, mußten auch jene Ruhe finden. Ein grenzenloses Sehnen zu helfen, Verhängnis schützend abzuwenden, erfüllte ihr ganzes Herz, und vor Erregung bebend rief sie: »Ihr sollt die beiden nicht länger martern, ich dulde es nicht!« - Sie streckte die Hand nach der Trommel aus, doch der Alte zog sie trotzig zurück. Ratlos blickte sie nach dem Fakir. Und wirklich kam ihr von ihm unerwartete Hilfe.

»Warum willst du die Trommel nicht geben?« sagte er in seiner verträumten Art zum Gaukler. »Es ist ja all das schon so viele, viele Jahre her, - was kann dir an dem armen bleichen Gebein noch liegen?«

»Wie sollte ich dir das wohl erklären?« erwiderte der Gaukler geringschätzig, »Heilige, wie du, haben ja nie gelebt. Aber jedesmal, daß ich die Trommel schwinge und die Schädel dieser beiden dröhnen höre, wird mein altes, schon halb erstarrtes Blut noch einmal heiß vor Haß - und das ist mir heute höhere Wonne, als es je Liebesglut in der Jugend war. Die Memsahib dort wird es vielleicht eher noch als du verstehen.«

»Nein, nein!« schrie sie auf, »das versteh ich längst [31] nicht mehr. Vergeben - das ist alles, was ich noch vom Leben weiß!«

»Kein Mensch vermag einem anderen wirklich zu vergeben,« sagte der Fakir ohne die Frau anzusehen, »weil niemand eines anderen Tat ungeschehen machen kann. Was gewesen, muß weiterwirken. Aber,« wandte er sich zum Schlangenbeschwörer, »wir sollen trachten, nicht neue Tat zu schaffen. Gib jene Schädel hin und mach dich selbst dadurch von ihnen frei.«

»Frei?« rief der Gaukler, »mehr als frei, ihr Herr bin ich! Siehst du denn nicht, wie ich sie zwinge?« Und er schwang die Schädel, daß der Knochen auf sie niedersauste und es kreischend in ihnen aufschrie.

»Du glaubst nur, sie zu zwingen, - in Wahrheit sind sie es, die dich halten,« entgegnete der Fakir. »Dein Haß kettet dich ans Dasein, so daß du älter, als es sonst Schlangenbeschwörern beschieden, hast werden müssen. Erst wenn du es vermagst, dich von den armen Gebeinen zu trennen, deren Anblick dich zu stets neuer Tat des Zornes reizt, wirst du selbst nicht ruhelos mehr wandern müssen.«

Es war, als ob bei den Worten des Fakirs eine Veränderung mit dem Gaukler vor sich ginge; die Müdigkeit des Alters kam über ihn; wie ein grauer, Leben erlöschender Schatten kroch sie an ihm empor, und er [32] sagte unsicher: »Wie soll ich mich von denen trennen, deren Bestrafung mir vom Gesetze übertragen wurde?«

»Sei unbesorgt,« antwortete der Fakir, »aus ihnen wird, was werden soll, auch ohne dich. Ist ihre Zeit erfüllt, so kann selbst dein Haß sie nicht länger halten, bleibt ihnen dagegen noch ein Stück Wegs bis zum endlichen Nichtsein zurückzulegen, so vermöchte keine Macht der Liebe es für sie abzukürzen.«

Die Fremde gewahrte ein Schwanken und Zaudern in den Zügen des Zauberers und drang nun auch in ihn ein: »Ihr sollt mir die Trommel ja nicht umsonst lassen, - seht her, dies geb ich euch dafür.« Und aus der Tasche zog sie Goldmünzen fernen Landes.

Habgierig glänzten die Augen des Gauklers, unschlüssig blickte er von dem leuchtenden Metall zu den fahlen Schädeln.

Und mehr Gold bot ihm die Fremde. Denn eine fieberhafte Angst, daß er ihr doch noch widerstehen könne, war über sie gekommen, und sie wollte, sie mußte doch die unheimliche Trommel besitzen. Der geheime Zweck ihrer ganzen weiten Fahrt, zu der sie unergründliches Sehnen gezwungen, war ihr plötzlich offenbar geworden: sie sollte diese beiden Fluchbeladenen erlösen! - Und in ihnen jene anderen. Dazu hatte sie von jenseits der Weltenmeere noch einmal hierher wiederkehren [33] müssen! Und der Fakir hatte unrecht mit seinen hoffnungslosen Worten: es gab wohl ein Vergeben, eine Erlösung durch die Liebe!

Ein heißer Wettstreit ward es zwischen des Alten Sucht, zu strafen, und ihrem Sehnen nach Versöhnung. Gold, mehr Gold bot sie.

Und endlich hatte sie gesiegt.

Hastig und scheu wie einer, der sich schämt, altgehegten Glauben zu verleugnen, gab ihr der Gaukler die Trommel hin, strich das Geld ein, lud sich die Körbe mit den Schlangen auf und schlich davon, alt und verfallen, ohne ein Wort des Abschieds.

Der Fakir blickte ihm sinnend nach: »So sind die Menschen,« murmelte er vor sich hin, »statt sich willig ganz zu lösen, tauschen sie noch im hohen Alter eine Gier für die andere ein.« Dann verließ auch er schweigend den Garten.

Nun war die einsame Frau allein und hielt die seltsame Trommel in Händen. Ihre Finger strichen leise, beinahe zaghaft liebkosend über die vereinten, gelblich glänzenden Schädel. Und dabei gedachte sie der Mutterhände, die einst, vor langen, langen Jahren, die beiden auch so zärtlich gestreichelt haben mochten, als sie noch klein und zart, von seidigem Flaum bedeckt und so weich gewesen, daß die geöffnete Spalte an ihnen zu fühlen [34] war. Geschlossen hatten sie sich dann, waren hart und fest geworden über dem grauen Etwas, das sie bargen, jenem Geheimnisvollsten auf Erden, das denkt und dem ganzen übrigen Menschen befiehlt; das bei jedem neugeborenen Wesen neue schlummernde Möglichkeiten enthält, und das der Heiligen lichte Werke ganz ebenso ersinnt wie der Sünder finstere Tat. Aber, frug sich die Frau grübelnd weiter, was ist es, das hinter den geschlossenen elfenbeinernen Toren im Sitz dieses Unergründlichsten vor sich geht, so daß ein Mensch das werde, was andere »schlecht« nennen? - Das Arbeiten jenes rätselvollen grauen Etwas kann niemand schauen; mag es da nicht oftmals geschehen, daß es auch dann noch verantwortungsbeladen weiter denken und lenken muß, wenn es das alles in Wahrheit nicht mehr vermag? Denn die kleinste Erkrankung dort in jenem Verborgensten, eine Veränderung, eine Verhärtung, - und es verschieben sich die Begriffe, Verbotenes erscheint plötzlich erlaubt. Böses wird zu Gutem, und einer, der bis dahin nur Schönes dachte, denkt nun bloß noch Häßliches. Unrecht - ist Unrecht nicht vielleicht eine Krankheit des Denkens?

Wer wagt da noch zu richten?

Aber diese beiden waren gerichtet worden. Unter den Steinwürfen der Gerechten waren sie niedergesunken. [35]

Auf die gelblichen Schädel starrend, glaubte die Fremde das grauenvolle Bild zu erblicken, das die Erzählung des Gauklers heraufbeschworen, und dann war es ihr, als sähe sie neben diesen beiden noch lange Reihen anderer schattenhafter Wesen mit qualverzerrten Zügen wie gehetzt vorüberfluten, - all die vielen, vielen waren es, die einst schuldig wurden und kein Erbarmen fanden, - und zwei von ihnen, - ja, die kannte sie gar wohl!

Ach Ruhe! Erlösung! schluchzte es da sehnsuchtsvoll im Herzen der Einsamen. Ruhe und Erlösung für die, so verdammt wurden, Ruhe und Erlösung für jene anderen, die verdammt haben! Denn auch die harten Richter sind ja nur arme verblendete Menschen, die des Vergebens bedürfen - nicht weniger als ihre Opfer. Doch Ruhe findet sich nimmer auf der mitleidslosen Welt, Ruhe, die ist nur drunten in der stillen, friedlichen Erde, die die Gebeine von Heiligen und Sündern gleich kühl und sanft umfängt!

Die einsame Frau war niedergekniet im Garten ihres einstmaligen Glückes und mit zitternden Händen begann sie, den moosbedeckten Boden am Fuß des alten Baumes aufzugraben. Sie arbeitete mit fliegendem Atem und pochendem Herzen, achtete auf nichts um sie her, bemerkte auch nicht den großen grauen Affen, der noch immer auf dem herabhängenden Aste hockte und [36] all ihren Bewegungen mit tückischen Augen folgte. Als die Höhlung tief genug geworden, legte sie sie mit Farren aus. Dann bettete sie die beiden Schädel behutsam in die kleine grüne Gruft, und als sie dies getan, war ihr, als habe sie da nicht nur diese zwei begraben, sondern als lägen nun auch eigene schwere Last und Unrast mit ihnen zu endlicher Ruhe bestattet. Noch einmal streichelte sie das bleiche Gebein, wie um Abschied zu nehmen; in ihren Augen war dabei ein seltsam ferner Blick, als schaue sie längst Entschwundenes; ihre weichen, sehnsüchtigen Lippen bewegten sich lautlos zu Worten an Unsichtbare. Ein tiefer Frieden kam über sie.

Nachdem sie dann das kleine Grab mit Moos und Erde bedeckt und den Boden ringsum wieder geebnet hatte, erhob sie sich und atmete tief auf, als sei nun endlich vollbracht, wozu sie von weither eine unabweisliche Stimme gerufen.

Mit stillem Antlitz schritt sie davon - erlöst.

Aber kaum war die Fremde verschwunden, da sprang der große graue Affe herab von dem Aste, wo er alles erspäht. Hurtig scharrte er den Boden wieder auf, den jene soeben geglättet hatte; gierig wühlte er darin, daß Erdstücke, Moos und Farren umherflogen unter seinen hastenden haarigen Händen. Und plötzlich blitzten seine Augen auf: er hatte die Trommel gefunden! Wild lachend [37] riß er sie hervor aus dem schützenden Grabe. Und wie er es von dem Gaukler gesehen, so schwang nun er sie hin und her, daß der Knochenstab immer wieder unbarmherzig auf sie niedersauste und es drinnen verzweifelt stöhnte.

Rasch kletterte er dann den Baum wieder empor, seine Beute mit hartem Schicksalsgriff umklammernd. Von Zweig zu Zweig, von Wipfel zu Wipfel schwang er sich und verschwand im dämmernden Ästegewirr der rauschenden Deodare. Aus grünen Fernen aber klang es, leise und leiser verhallend, wie das Klagen zweier leidvollen Stimmen: »ruhelos ... ruhelos ...«

Paquito

[41]Auch die größten Reiche der Welt sind klein, will man sie messen am unermeßlichen Raume. - Paquitos Reich aber war besonders klein. Es bestand nur aus einer offenen Kiste, auf deren einer Seite in halb verwischten, schwarzen Buchstaben die Worte „Pommery Greno“ zu lesen waren. Diese Kiste, die einst ein Schiff über das große Meer nach Mexiko gebracht, und deren Inhalt frohen Wahn spendender Schaum gewesen, war zur Wohnstätte eines Atoms des großen menschlichen Elends geworden; in ihr verbrachte Paquito seine Tage.

Ein verkrüppeltes Kind war Paquito. Eine Zusammensetzung von lauter zu viel und zu wenig; ein völlig mißlungenes Stück des Menschen formenden Töpfers. Zwischen den Schultern saß ihm ein Höcker und seine Brust sprang spitz vor, von den Hüften an aber war überhaupt wenig mehr von Paquito vorhanden - ein Fetzen Decke verhüllte diesen Teil des mißratenen Werkes. Das einzig Schöne an dem ganzen Mißgebilde waren seine Augen. Schwarz und unendlich tief, blickten sie träumerisch, als schauten sie zurück in weite Fernen [42] uralten Unrechts; fragend war oft ihr Ausdruck, als sähen sie ein Rätsel und flehten um eine Antwort, die Befreiung brächte.

Das Rätsel, das die Kinderaugen gewahrten, hieß: Woher, wohin, wozu?

Und hätte es unter den Menschen, die mit Paquito einen der armseligen Höfe der Stadt bewohnten, solche gegeben, denen die äußeren Erscheinungen Anlaß zur Grübelei über Ursache und Endzweck bieten, so wäre des Kindes Anblick so recht dazu angetan gewesen, diese Fragen in ihnen hervorzurufen. Aber Don Eusebio und Donna Guadalupe, Paquitos Onkel und Tante, waren träg veranlagte Menschen, die überhaupt wenig dachten und nie den Wunsch empfunden hatten, dem Rätsel näher zu kommen, das hinter jeder Existenz liegt. Donna Lupe erschien es höchst einfach, woher Paquito gekommen. Er war eben der Sohn ihrer Schwester - und die Geschichte dieser Schwester war auch wiederum höchst einfach.

Die schöne Soledad hatte immer zu jenen gehört, die lieber nachts tanzen, als tags arbeiten, und ihr wehmütiger, die „Einsamkeit“ bedeutender Name war wie ein Hohn auf das lebensfrohe Mädchen, dem es nur in der ausgelassensten Gesellschaft so recht wohl war. Sie lief von Fest zu Fest, oftmals die drei Musikanten [43] begleitend, die im Hof ein finsteres Stübchen bewohnten, über dessen Tür, auf einem Täfelchen, die Worte standen: „Hier kann Musik für Bälle bestellt werden.“ In den heißen, überfüllten Maultierbahnen fuhren sie durch die Mais- und Agavenfelder hinaus nach einem der Vororte, die nach Heiligen benannt sind. Dort in San Pedro, San Lucas, San Angel tanzte Soledad auf dem offenen Marktplatz bei Glockengeläut und Böllerschüssen, in einem wahren Regen von bunten Konfetti, die ihr in Kleidern und Haaren hafteten und nachts, wenn sie sich auszog, noch in Menge zu Boden fielen. - So freute sich Soledad der fliehenden Stunden.

Die ältere, verheiratete Schwester hatte zuerst gezankt und dann die Dinge gehen lassen, wie das so üblich ist bei den indolenten Kindern tropischer Länder, denen die Einsicht, daß sich gegen das Verhängnis nicht ankämpfen läßt, im Blute liegt. So kam, was kommen mußte. An einem heißen, sonnendurchflimmerten Tage, wo Soledad in billigem Putze wieder ausgegangen war, kehrte sie nachts nicht heim. Lupe hatte sich nicht sonderlich darob gegrämt, denn es war der durch viele Schwangerschaften früh Gealterten manchmal erschienen, als schiele Eusebio mehr als nötig nach dem zweiten Bett der Kammer, das die schöne Schwägerin mit ihren sich alljährlich mehrenden kleinen Neffen und Nichten [44] teilte. Ein paar Jahre waren dann vergangen, in denen Soledad, wie eine große Dame angetan, gelegentlich auf der Straße gesehen worden war. Da pochte sie eines Abends an der Schwester Tür. Aber es war nicht mehr die lachende, von Lebensfreude strahlende Soledad, der früher ein jeder gern nachgeschaut, sondern ein stilles, vergrämtes Wesen, das irgendwo draußen in der Welt die Einsamkeit des Leidens kennen gelernt hatte. Sie kauerte sich in eine Ecke, gleich einem abgehetzten Tier, das sich mühsam bis zu einem Schlupfwinkel geschleppt hat und dort zusammenbricht. Auf die mehr neugierigen als vorwurfsvollen Fragen Lupes, die die Schwester nicht ohne Schadenfreude musterte, gab sie nur kurze Auskunft. Nach ein paar Tagen mußte sie sich stöhnend niederlegen; die kleinen Neffen und Nichten wurden aus der dumpfen Kammer hinaus in den Hof geschickt, wie das jedesmal geschah, wenn ihre Mutter in die gleiche Lage kam. Lupe und die Nachbarinnen umstanden Soledads Bett, und unter ihren wohlgemeinten, aber ungeschickten Hilfeleistungen kam, sehr gegen seinen Willen, ein kleines, mißgestaltetes Kind zur Welt, das sich gegen das Leben sträubte, als ahne ihm nichts Gutes davon. Soledad sah das winzige, bucklige Wesen mit dem großen Kopf und den verkrüppelten Beinchen nicht mehr, - ihr, der Schönen, Strahlenden, kostete es [45] das Leben. Sie schlief ein, als der lange, qualvolle Tag zur Neige ging; ein letzter Strahl der Abendsonne stahl sich durch die halboffene Tür und glitt über ihre weiße, feuchte Stirn, als wolle er Abschied nehmen von ihr, die so oft lachend und singend in der Sonne getanzt. „Mit der Soledad wird es nun gleich vorbei sein,“ verkündete, aus der Kammer tretend, Donna Anastasia, die alte fromme Tortillabäckerin, die bei allen Begebenheiten im Leben der Hofbewohner die passenden Gebete herzusagen pflegte. Die drei Musikanten, die gerade im Hof standen, warfen einen scheuen Blick nach der Kammer, in der die Sterbende lag, und erinnerten sich, wie gar oft sie ihr zum Tanz gegeigt; sie lüfteten die spitzen Hüte, bekreuzten sich und schlichen dann, die Instrumente unter dem Sarape, leise davon, bei neuen Festen auszuspielen.

Am nächsten Tag begrub man Soledad. Aber wie im Leben, war ihr Name noch im Tode ein Hohn, denn zu einem eigenen Begräbniswagen langten Don Eusebios Mittel bei weitem nicht, und so wurde sie vom schwarzen Leichenwagen der Allerärmsten abgeholt, der in den ganz frühen, fahlen Morgenstunden durch die leeren Straßen fährt, und in dem Platz für neun Särge ist. In Gesellschaft von acht andern legte sie ihren letzten Weg zur endgültigen Einsamkeit zurück. [46]

Eusebio sowie Don Antonio, der im Hof einen Trödelladen hatte, und die drei Musikanten gaben ihr das Geleit hinauf zum Kirchhof von Dolores; hoch über der Stadt liegt er auf langgestrecktem, von Eukalyptusbäumen umrauschtem Hügel, und von dort oben sieht man über die weite Ebene hinweg bis zu den beiden Bergesriesen, den toten Vulkanen, Popocatepetl und Iztaccihuatl. In der billigsten Abteilung, die auch die größte ist, wo es nur ganz wenige Holzkreuze gibt und die meisten Gräber bloß durch Blechtäfelchen mit Nummer und Datum bezeichnet sind, da ward Soledad eingescharrt. Fünf Jahre Zeit ist dort einem jeden zugemessen, in denen er zu Staub werden muß. Dann nimmt ein neuer Erdengast seinen Platz ein.

„Das Kind eines unbekannten Vaters irgendwo draußen in der weiten Welt und einer Mutter, die oben in Dolores begraben liegt.“ Ja, das wäre so ungefähr Donna Lupes Antwort auf die Frage gewesen, woher der kleine verkrüppelte Paquito gekommen. Und das enthielt auch die Antwort auf die Frage „wohin?“ - wohl auch bald nach Dolores! Blieb nur übrig „wozu?“ - Aber an der Frage scheitern auch Klügere als Donna Lupe.

Als unerwünschtester Gast war Paquito der kinderreichen Tante geblieben. „Der Krüppel lebt doch nicht [47] gar?“ waren ihre begrüßenden Worte gewesen, als sie, nach dem Tod der Schwester, den seltsamen kleinen Neffen zuerst gründlich besah. Anastasia, die dabei stand, prüfte den krummen Rücken, die spitze Brust und zusammengeschrumpften Beine; der schönen Soledad und ihrer Sünden gedenkend, murmelte sie: „und Er wird rächen bis ins dritte und vierte Glied.“ Aber Don Antonio, der hinzugetreten war, meinte: „Diesmal hat sich wohl seine Rache gleich auf einmal erschöpft.“ - „Wär' er nur auch schon oben in Dolores,“ stöhnte die Tante. „Ja,“ sagte Antonio, „nutzloses Papier wird eingestampft, und eine gesprungene Glocke kann man einschmelzen - aber für verpfuschte menschliche Geschöpfe gibt es keine solche Barmherzigkeit.“

101 von 101 Seiten

Details

Titel
Weberin Schuld
Untertitel
Novellen von Elisabeth von Heyking
Autor
Jahr
2008
Seiten
101
Katalognummer
V117331
ISBN (Buch)
9783640208302
Dateigröße
1196 KB
Sprache
Deutsch
Reihe
Deutsche Klassiker
Anmerkungen
Erstmals erschienen 1921.Erstmals erschienen 1921.Erstmals erschienen 1921.Erstmals erschienen 1921.
Schlagworte
Weberin, Schuld
Arbeit zitieren
Elisabeth von Heyking (Autor), 2008, Weberin Schuld, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/117331

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Weberin Schuld


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden