Philosophie in Russland im 19. Jahrhundert

Nur theoretische Interpretation oder auch praktische Veränderung?


Seminararbeit, 2008

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Elfte These über Feuerbach

3 Danilewski – Russland und Europa
3.1 Grundlage: Definition kulturhistorischer Typen
3.2 Problem: Russland vs. Europa
3.3 Lösung: Der allslawische Bund
3.3.1 Begründung der Notwendigkeit des allslawischen Bundes
3.3.2 Umsetzung des allslawischen Bundes

4 Herzen – Briefe über das Studium der Natur
4.1 Problem: Veralteter Antagonismus zwischen Naturkunde & Philosophie
4.2 Lösung: Beseitigung des Antagonismus

5 Kropotkin – Ethik. Ursprung und Entwicklung der Sittlichkeit
5.1 Problem: Unzulängliche Ethik-Theorien
5.2 Lösung: Eine neue realistische Ethik natürlichen Ursprungs

6 Lawrow – Historische Briefe
6.1 Grundlage: Erläuterung des Fortschrittsbegriffs
6.2 Problem: Notwendigkeit von Fortschritt
6.3 Lösung: aktiver Beitrag zum Fortschritt

7 Fazit

8 Bibliographie

1 Einleitung

Obwohl Russland das größte Land der Welt ist, eine doch recht lange Geschichte aufweisen kann und vor allem einen durchaus nicht geringen Einfluss auf verschiedenste Bereiche wie Weltpolitik, Wirtschaft, Kultur usw. ausübt, ist die Philosophie Russlands – zumindest außerhalb Russlands – nicht sonderlich präsent und bekannt. Dennoch entwickelten sich dort schon früh eigene philosophische Denkweisen.

In der Philosophie Russlands des 19. Jahrhunderts gibt es zahlreiche verschiedene Strömungen mit teils sehr unterschiedlichen Ausrichtungen. In dieser Arbeit sollen vier Texte verschiedener russischer Philosophen aus dieser Zeit untersucht werden. Das Hauptanliegen soll dabei sein, zu analysieren, ob die Philosophen nur interpretieren und kritisieren, oder ob sie auch Ansätze zur praktischen Lösung und Verbesserung erläutern.

Die zentrale Fragestellung der Arbeit lautet also: Geben die Autoren Vorschläge für eine praktische Veränderung der, ihrer Meinung nach, misslichen Situationen?

Grundlage für die Betrachtung und Fragestellung stellt die elfte These über Feuerbach von Karl Marx dar, in der er fordert, dass die Philosophen die Welt nicht mehr nur interpretieren, sondern sie verändern sollen.

Zunächst sollen denn auch Marx' Thesen über Feuerbach – speziell die elfte – Erwähnung finden. Dabei soll unter anderem dargestellt werden wann die Thesen verfasst bzw. veröffentlicht wurden und worum es sich bei den Thesen handelt, schließlich soll auch die Besonderheit der elften These erläutert werden. Danach werden, wie bereits erwähnt, vier ausgewählte Texte (Russland und Europa von Danilewski, Briefe über das Studium der Natur von Herzen, Ethik. Ursprung und Entwicklung der Sittlichkeit von Kropotkin und Historische Briefe von Lawrow) untersucht. Hierbei sollen jeweils zuerst die Themen der Texte und die Anschauungen der Philosophen herausgearbeitet werden, bevor gegebenenfalls ihre praktischen Lösungsansätze geschildert werden. In einem Fazit sollen schließlich die Ergebnisse hinsichtlich der oben genannten Fragestellung zusammengefasst und schließlich eine Antwort auf die Frage gefunden werden.

2 Elfte These über Feuerbach

Bei den Thesen über Feuerbach handelt es sich um eine Zusammenfassung der materialistischen Anschauungen von Karl Marx[1] (Blum 1997, 243).

Marx verfasst sie im Jahr 1845 unter der Überschrift I. ad Feuerbach als persönliche Aufzeichnungen in einem seiner Notizbücher. Erst posthum werden die elf Thesen 1888 durch Friedrich Engels unter dem Namen Marx über Feuerbach als Anhang zu seiner Abhandlung Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie veröffentlicht (Labica 1998, 5-6). Um sie den Lesern verständlicher zu machen überarbeitet Engels die Thesen jedoch vor der Veröffentlichung, denn er sieht sie als „Notizen für spätere Ausarbeitung, rasch hingeschrieben, absolut nicht für den Druck bestimmt, aber unschätzbar als das erste Dokument, worin der geniale Keim der neuen Weltanschauung niedergelegt ist.“ Aufgrund dieser Änderungen sind heute zwei unterschiedliche Fassungen des Textes bekannt, eben die ursprüngliche von Marx und die überarbeitete von Engels. (Labica 1998, 6 & 9-10).

Mit den Thesen kritisiert Marx das Konzept von Ludwig Feuerbach, dessen Anhänger er eigentlich ist. Noch ein Jahr vor der Abfassung seiner Thesen schreibt er die, stark von Feuerbach geprägten, Pariser Manuskripte, wechselt hiernach jedoch seinen Standpunkt. Er geht nun davon aus, dass Feuerbachs „Methode der Subjekt-Objekt-Umkehrung“ nicht dem Anspruch genügt „die Grundlage einer kritischen Theorie der bürgerlichen Zivilisation und der sozialistischen Transformation zu bieten.“[2] (Irrlitz 1996, 33) Marx kritisiert, dass der alte Materialismus Sinnlichkeit und Praxis trennt und nur anschauend sei, da man seiner Meinung nach praktisch handeln muss um eine Gesellschaft als Wirklichkeit zu verstehen (Labica 1998, 85 & 90; Marx, MEW 3, 5-7).

Wie bereits erwähnt besteht der von Marx verfasste Text aus elf Thesen, die, wie Georges Labica meint, in vier Argumentationsgänge unterteilt werden können. Für Labica steht die erste These unter dem Begriff der Tätigkeit. In ihr stellt Marx klar, dass der bisherige Materialismus mangelhaft ist und beschreibt Rahmen und Begrifflichkeiten der folgenden Anmerkungen (Labica 1998, 21 & 25). Der zweite Argumentationsgang, der die Thesen zwei bis sieben umfasst, wird von Labica Verdopplungsprozess genannt. In ihm werden die erste These und damit die in ihr verwendeten Begriffe näher erläutert und speziell der Feuerbachsche Materialismus kritisiert (Labica 1998, 21, 41 & 67). Die nächsten drei Thesen unterstellt Labica dem Begriff der Praxis, da hier die Konsequenzen, die sich aus den vorherigen Anmerkungen ergeben, geklärt werden. Marx erläutert den Begriff der Praxis und den alten sowie den neuen Materialismus (Labica 1998, 21 & 85). Die elfte These schließlich stellt eine Schlussfolgerung dar, in der Marx seine Einwände gegen den alten Materialismus und seine Forderung zusammenfasst (Labica 1998, 21 & 101):

„Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt darauf an, sie zu verändern.“[3] (Marx, MEW 3, 7)

Die elfte Feuerbach-These ist wohl auch diejenige, die am bekanntesten ist und über die noch heute kontrovers diskutiert wird. Sie ist populäre Maxime, Titel einer Zeitschrift, Thema philosophischer Texte, sogar Vorlesungen an Universitäten über ein ganzes Semester hinweg werden nur ihr gewidmet (Labica 1998, 102; Haug 1998, 129).

Analog zu den Kontroversen gibt es verschiedenste Interpretationen der elften These. An dieser Stelle kann nicht auf die zahlreichen Interpretationsansätze eingegangen werden,[4] diskutiert wird aber beispielsweise darüber, ob Marx den Philosophen das Interpretieren ganz abschreibt und nur will, dass sie 'verändern', oder ob er den zweiten Teil des Satzes als Erweiterung der eigentlichen philosophischen Arbeit sieht. Einig ist man sich nur darüber, dass Marx offensichtlich praktisches Handeln bzw. mindestens praktische Lösungsvorschläge verlangt, statt nur über irgendwelche Sachverhalte zu diskutieren (Labica 1998, 101ff.).

Deshalb soll die elfte These über Feuerbach als Grundlage für die folgenden Textanalysen dienen. Es soll gezeigt werden, ob die Autoren nur interpretieren und kritisieren oder, wie von Marx gefordert, auch verändern, das heißt praktische Lösungsvorschläge bieten.

3 Danilewski – Russland und Europa

Der russische Naturwissenschaftler und politische Schriftsteller Nikolai Jakowlewitsch Danilewski (1822-1885) beginnt 1865 mit seiner Schrift Russland und Europa, die 1869 erstmals in Form mehrerer Artikel veröffentlicht wird und schließlich 1871 als Buch erscheint (Danilewski 1989, 192-193).

Der Untertitel Eine Untersuchung über die kulturellen und politischen Beziehungen der slawischen zur germanisch-romanischen Welt erklärt im Grunde den Inhalt des Werks. Danilewski untersucht und beschreibt die Unterschiede hinsichtlich Kultur, Politik usw. zwischen Europa und der slawischen Welt und kommt zu dem Ergebnis, dass der russische bzw. slawische Stamm einen eigenen kulturhistorischen Typus ausmacht, der nicht mit anderen Zivilisationen gleichgesetzt oder ihnen gar untergeordnet werden kann (Danilewski 1989, 193ff.).

3.1 Grundlage: Definition kulturhistorischer Typen

Als Grundlage seiner Betrachtung entwickelt Danilewski fünf Gesetze oder Schlüsse, um zu klären, was einen kulturhistorischen Typus und die Entwicklung von Zivilisationen ausmacht. Sie ergeben sich seiner Meinung nach aus der historischen Entwicklung. Demnach besteht ein selbständiger kulturhistorischer Typ zunächst aus den Volksstämmen, die dieselbe oder zumindest verwandte Sprachen sprechen[5] (Danilewski 1989, 192 & 195). Außerdem müssen die, einem kulturellen Typ, angehörigen Völker politisch unabhängig sein. Nur so kann die Zivilisation, die „einem selbständigen kulturhistorischen Typ eigentümlich ist“ entstehen (Danilewski 1989, 194-196). Als drittes schließt Danilewski aus der geschichtlichen Entwicklung, dass jeder Typ unabhängig von allen anderen sein muss. Das heißt, die Grundlagen der Zivilisation, also ihr politischer, gesellschaftlicher und religiöser Aufbau muss gewahrt sein, erst dann können und müssen sogar Beziehungen zwischen einzelnen kulturellen Typen entstehen (Danilewski 1989, 194 & 196-198). Des Weiteren, so Danilewski, ist es für eine Zivilisation hilfreich, wenn sie aus verschiedenen Völkerschichten besteht, denn ein vielseitiger Staatenbund mit unabhängigen Völkern ist besser gegen den Einfluss vor allem äußerer Bedingungen geschützt (Danilewski 1989, 194 & 198). Das fünfte Gesetz beruht darauf, dass laut Danilewski jedes Volk in der ewigen Geschichte eine Phase des Aufstiegs, Fortschritts, Stillstands und Verfalls durchläuft. Während Aufstieg und Fortschritt unbestimmt lange andauern können, ist die dritte Phase relativ kurz und nach dem Verfall ist kein Wiederaufbau möglich. Die Zeit des Stillstands beginnt nachdem ein Volk unbewusst aus einem rein ethnographischen in den staatlichen Zustand und aus diesem wiederum in den zivilisierten übergegangen ist, sich als Zivilisation gefestigt hat und seine gesamte Kultur mit anderen Zivilisationen teilt. (Danilewski 1989, 194, 198-200).

[...]


[1] Karl Marx: deutscher Philosoph, 1818-1883 (Blum 1997, 240).

[2] Zur Subjekt-Objekt Struktur: Bei Feuerbach: Geist ist Subjekt des Menschen; neues Konzept bei Marx: Mensch ist Subjekt von Geist und Gefühl (Irrlitz 1996, 33).

[3] Elfte Feuerbach-These nach Engels: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt aber darauf an sie zu verändern.“ (Engels, MEW 3, 535).

[4] Für weitere Informationen zur Auslegung der elften Feuerbach-These siehe zum Beispiel: Karl Marx – Thesen über Feuerbach von Georges Labica oder Eine angeschlagene These – Die 11. Feuerbach-These im Foyer der Humbold-Universität zu Berlin herausgegeben von Volker Gerhardt (siehe Bibliographie).

[5] Danilewski geht davon aus, dass zehn kulturhistorische Typen die Entwicklung der Weltgeschichte ausmachten. Er nennt unter anderem die germanische Sprachfamilie, die sich zu einer eigenständigen germanischen Zivilisation entwickelte (Danilewski 1989, 195).

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Philosophie in Russland im 19. Jahrhundert
Untertitel
Nur theoretische Interpretation oder auch praktische Veränderung?
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Philosophie in Russland im 19. und 20. Jahrhundert
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
18
Katalognummer
V117394
ISBN (eBook)
9783640199587
ISBN (Buch)
9783640205493
Dateigröße
441 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Philosophie, Russland, Jahrhundert, Philosophie, Russland, Jahrhundert
Arbeit zitieren
Elisabeth Adam (Autor), 2008, Philosophie in Russland im 19. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/117394

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