Obwohl Russland das größte Land der Welt ist, eine doch recht lange Geschichte aufweisen kann und vor allem einen durchaus nicht geringen Einfluss auf verschiedenste Bereiche wie Weltpolitik, Wirtschaft, Kultur usw. ausübt, ist die Philosophie Russlands – zumindest außerhalb Russlands – nicht sonderlich präsent und bekannt. Dennoch entwickelten sich dort schon früh eigene philosophische Denkweisen.
In der Philosophie Russlands des 19. Jahrhunderts gibt es zahlreiche verschiedene Strömungen mit teils sehr unterschiedlichen Ausrichtungen. In dieser Arbeit sollen vier Texte verschiedener russischer Philosophen aus dieser Zeit untersucht werden. Das Hauptanliegen soll dabei sein, zu analysieren, ob die Philosophen nur interpretieren und kritisieren, oder ob sie auch Ansätze zur praktischen Lösung und Verbesserung erläutern.
Die zentrale Fragestellung der Arbeit lautet also: Geben die Autoren Vorschläge für eine praktische Veränderung der, ihrer Meinung nach, misslichen Situationen?
Grundlage für die Betrachtung und Fragestellung stellt die elfte These über Feuerbach von Karl Marx dar, in der er fordert, dass die Philosophen die Welt nicht mehr nur interpretieren, sondern sie verändern sollen.
Zunächst sollen denn auch Marx' Thesen über Feuerbach – speziell die elfte – Erwähnung finden. Dabei soll unter anderem dargestellt werden wann die Thesen verfasst bzw. veröffentlicht wurden und worum es sich bei den Thesen handelt, schließlich soll auch die Besonderheit der elften These erläutert werden. Danach werden, wie bereits erwähnt, vier ausgewählte Texte (Russland und Europa von Danilewski, Briefe über das Studium der Natur von Herzen, Ethik. Ursprung und Entwicklung der Sittlichkeit von Kropotkin und Historische Briefe von Lawrow) untersucht. Hierbei sollen jeweils zuerst die Themen der Texte und die Anschauungen der Philosophen herausgearbeitet werden, bevor gegebenenfalls ihre praktischen Lösungsansätze geschildert werden. In einem Fazit sollen schließlich die Ergebnisse hinsichtlich der oben genannten Fragestellung zusammengefasst und schließlich eine Antwort auf die Frage gefunden werden.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Elfte These über Feuerbach
3 Danilewski – Russland und Europa
3.1 Grundlage: Definition kulturhistorischer Typen
3.2 Problem: Russland vs. Europa
3.3 Lösung: Der allslawische Bund
3.3.1 Begründung der Notwendigkeit des allslawischen Bundes
3.3.2 Umsetzung des allslawischen Bundes
4 Herzen – Briefe über das Studium der Natur
4.1 Problem: Veralteter Antagonismus zwischen Naturkunde & Philosophie
4.2 Lösung: Beseitigung des Antagonismus
5 Kropotkin – Ethik. Ursprung und Entwicklung der Sittlichkeit
5.1 Problem: Unzulängliche Ethik-Theorien
5.2 Lösung: Eine neue realistische Ethik natürlichen Ursprungs
6 Lawrow – Historische Briefe
6.1 Grundlage: Erläuterung des Fortschrittsbegriffs
6.2 Problem: Notwendigkeit von Fortschritt
6.3 Lösung: aktiver Beitrag zum Fortschritt
7 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die russische Philosophie des 19. Jahrhunderts vor dem Hintergrund der elften Feuerbach-These von Karl Marx. Das primäre Ziel besteht darin, zu analysieren, ob vier ausgewählte russische Denker lediglich theoretische Interpretationen liefern oder ob sie konkrete Vorschläge zur praktischen Veränderung gesellschaftlicher Missstände formulieren.
- Analyse russischer philosophischer Strömungen des 19. Jahrhunderts
- Überprüfung der Relevanz der elften Feuerbach-These für die russische Philosophie
- Untersuchung von Lösungsansätzen bei Danilewski, Herzen, Kropotkin und Lawrow
- Vergleich zwischen theoretischer Kritik und praktischer Handlungsempfehlung
Auszug aus dem Buch
3.1 Grundlage: Definition kulturhistorischer Typen
Als Grundlage seiner Betrachtung entwickelt Danilewski fünf Gesetze oder Schlüsse, um zu klären, was einen kulturhistorischen Typus und die Entwicklung von Zivilisationen ausmacht. Sie ergeben sich seiner Meinung nach aus der historischen Entwicklung. Demnach besteht ein selbständiger kulturhistorischer Typ zunächst aus den Volksstämmen, die dieselbe oder zumindest verwandte Sprachen sprechen (Danilewski 1989, 192 & 195). Außerdem müssen die, einem kulturellen Typ, angehörigen Völker politisch unabhängig sein. Nur so kann die Zivilisation, die „einem selbständigen kulturhistorischen Typ eigentümlich ist“ entstehen (Danilewski 1989, 194-196). Als drittes schließt Danilewski aus der geschichtlichen Entwicklung, dass jeder Typ unabhängig von allen anderen sein muss. Das heißt, die Grundlagen der Zivilisation, also ihr politischer, gesellschaftlicher und religiöser Aufbau muss gewahrt sein, erst dann können und müssen sogar Beziehungen zwischen einzelnen kulturellen Typen entstehen (Danilewski 1989, 194 & 196-198).
Des Weiteren, so Danilewski, ist es für eine Zivilisation hilfreich, wenn sie aus verschiedenen Völkerschichten besteht, denn ein vielseitiger Staatenbund mit unabhängigen Völkern ist besser gegen den Einfluss vor allem äußerer Bedingungen geschützt (Danilewski 1989, 194 & 198). Das fünfte Gesetz beruht darauf, dass laut Danilewski jedes Volk in der ewigen Geschichte eine Phase des Aufstiegs, Fortschritts, Stillstands und Verfalls durchläuft. Während Aufstieg und Fortschritt unbestimmt lange andauern können, ist die dritte Phase relativ kurz und nach dem Verfall ist kein Wiederaufbau möglich. Die Zeit des Stillstands beginnt nachdem ein Volk unbewusst aus einem rein ethnographischen in den staatlichen Zustand und aus diesem wiederum in den zivilisierten übergegangen ist, sich als Zivilisation gefestigt hat und seine gesamte Kultur mit anderen Zivilisationen teilt. (Danilewski 1989, 194, 198-200).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Einführung in die Thematik der russischen Philosophie und Darlegung der zentralen Fragestellung anhand der elften Feuerbach-These.
2 Elfte These über Feuerbach: Erläuterung des Ursprungs und der Bedeutung von Karl Marx’ Forderung, die Welt nicht nur zu interpretieren, sondern praktisch zu verändern.
3 Danilewski – Russland und Europa: Analyse der Theorie der kulturhistorischen Typen und des Vorschlags eines allslawischen Bundes als Schutz gegen europäische Einflüsse.
4 Herzen – Briefe über das Studium der Natur: Diskussion über die Notwendigkeit, den Antagonismus zwischen empirischer Naturkunde und idealistischer Philosophie durch eine spekulative Empirie aufzuheben.
5 Kropotkin – Ethik. Ursprung und Entwicklung der Sittlichkeit: Kritik an unzureichenden Ethik-Systemen und Plädoyer für eine neue, realistische Ethik, die auf natürlichen Instinkten wie gegenseitiger Hilfe beruht.
6 Lawrow – Historische Briefe: Definition von Fortschritt als Entwicklung der Persönlichkeit und Aufruf zum aktiven, persönlichen Engagement für eine gerechte Gesellschaftsordnung.
7 Fazit: Zusammenfassende Bewertung, inwieweit die untersuchten Philosophen den Anspruch erfüllen, praktische Veränderungsvorschläge zu unterbreiten.
Schlüsselwörter
Russische Philosophie, Feuerbach-These, Marxismus, Kulturhistorische Typen, Allslawismus, Naturkunde, Idealismus, Empirie, Ethik, Gegenseitige Hilfe, Fortschritt, Persönlichkeitsentwicklung, Praktische Veränderung, Gesellschaftskritik, Anarchismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Philosophie Russlands im 19. Jahrhundert und untersucht, ob die gewählten Denker lediglich theoretische Konzepte entwerfen oder praktische Lösungen für gesellschaftliche Probleme anbieten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind das Verhältnis von Philosophie zu Gesellschaft, die Rolle von Naturwissenschaft und Ethik, Konzepte des geschichtlichen Fortschritts und die kulturelle Identität Russlands.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet, ob die behandelten russischen Philosophen – in Anlehnung an Marx’ elfte Feuerbach-These – konkrete Vorschläge zur praktischen Veränderung der, ihrer Meinung nach, misslichen Lebenssituationen geben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer vergleichenden Textanalyse der zentralen Werke vier bedeutender russischer Philosophen des 19. Jahrhunderts, die vor dem Hintergrund des Marx’schen Anspruchs bewertet werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Werke von Danilewski, Herzen, Kropotkin und Lawrow. Für jeden Autor werden die philosophische Grundlage, das identifizierte Problem und der entsprechende Lösungsansatz detailliert dargestellt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie russische Philosophie, praktische Veränderung, kulturhistorische Typen, Ethik, Fortschritt und gegenseitige Hilfe charakterisiert.
Wie bewertet die Autorin Danilewskis Ansatz?
Die Autorin stellt fest, dass Danilewski sehr konkrete praktische Lösungsvorschläge liefert, insbesondere durch die Forderung eines allslawischen Bundes unter russischer Hegemonie, um die kulturelle Eigenständigkeit zu wahren.
Warum hält Kropotkin die Entwicklung einer neuen Ethik für notwendig?
Kropotkin kritisiert bestehende Ethik-Theorien als unzureichend, da sie oft auf religiösen Dogmen beruhen und nicht dem modernen wissenschaftlichen Fortschritt entsprechen; er fordert stattdessen eine naturalistische Begründung der Sittlichkeit.
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- Elisabeth Adam (Author), 2008, Philosophie in Russland im 19. Jahrhundert, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/117394