Wie will Deutschland den Gräueltaten des Nationalsozialismus gedenken? Dies ist eine Frage, die in den letzten Jahren vermeintlich wieder vermehrt an Brisanz erlangt hat. Jedoch ist dies eine Problemstellung, die seit 1945 behandelt – oder eben aus geschwiegen – wird. So empfand man in Westdeutschland den Kniefall von Warschau (Warszawa) durch Willy Brandt, 60 Jahre nach dem Überfall auf Polen, durchaus noch als übertrieben und unpassend. Schließlich verspürte damals eine überwiegende Mehrheit der Deutschen keine Schuld, die eine solche Geste gerechtfertigt hätte. Heute stellt der Schriftsteller Per Leo die provokante These auf, dass in Deutschland oft maßlos in keinem Verhältnis zu Wissen und Problembewusstsein, zu Urteilskraft und Sorgfalt über den Nationalsozialismus gesprochen wird.
Um sich einen Eindruck über die Erinnerungskultur in Deutschland machen zu können, sind, neben der Betrachtung des aktuellen Zeitgeschehens natürlich auch theoriebezogene Ansätze wesentlich. Dabei prägen theoretische Strömungen u.a. zur Mentalitätsgeschichte die Einordnung von Gedächtnis und Erinnerung maßgeblich. Ferner ist zu untersuchen, in wie weit sich die Auffassung des Gedenkens gewandelt hat. Exemplarisch gehe ich im Folgenden auf den Gedenktag der Opfer des Nationalsozialismus ein. Hier ist insbesondere die Frage, welche Dynamik man der Vergangenheitsbewältigung bzw. der Bewahrung von Erinnerungskonstruktionen beimisst und welche Dynamiken sie tatsächlich erreicht haben.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Annäherung an den Begriff des kulturellen Gedächtnisses
2.1. Individuelle und kollektive Vergangenheitskonstruktionen
2.1.1. Das individuelle Gedächtnis
2.1.2. Das kollektive Gedächtnis
2.2. Schlagwortanalyse nach Fritz Hermanns
3. Erinnerungsort / Traumatischer Ort: Auschwitz als Symbol für den Holocaust
3.1. Erinnerungsort Gedenkstätte / Traumatischer Ort
3.2. Institutionalisierung und Repräsentation
4. Analyse
4.1. Text 1: Herzog: Aus der Erinnerung muß immer wieder lebendige Zukunft werden
4.2. Text 2: Auschwitz
4.3. Text 3: Knobloch: Ewiggestrige haben ihren Kampf vor 76 Jahren verloren
4.4. Analyseergebnis
5. Schlussbetrachtung
7. Anhang
7.1. Herzog: Aus der Erinnerung muß immer wieder lebendige Zukunft werden.
7.2. Auschwitz
7.3. Knobloch: Ewiggestrige haben ihren Kampf vor 76 Jahren verloren
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht sprachliche Erinnerungsstrategien im Kontext des Internationalen Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus. Ziel ist es, anhand von drei ausgewählten Artikeln der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (1996, 2005, 2021) aufzuzeigen, wie sich die öffentliche Erinnerungskultur und der Umgang mit dem Holocaust sprachlich gewandelt haben.
- Theorie des kulturellen und kollektiven Gedächtnisses
- Konzept des Erinnerungsortes und des traumatischen Ortes
- Mentalitätsgeschichtliche Semantik und Schlagwortanalyse
- Wandel der Gedenkkultur von 1996 bis 2021
- Sprachliche Repräsentation von Schuld und Verantwortung
Auszug aus dem Buch
3. Erinnerungsort / Traumatischer Ort: Auschwitz als Symbol für den Holocaust
Kaum ein anderer Ort ist mit dem industriellen Mord an der jüdischen Bevölkerung so verbunden, wie der im heutigen Polen liegende Ort Auschwitz. Dort befanden sich ab 1940 das Stammlager (Auschwitz I), das Vernichtungslager Birkenau (Auschwitz II), das Arbeitslager Monowitz (III) sowie 38 weitere Nebenlager. Gesicherte Minimalzahlen gehen davon aus, dass dort 1,1 Millionen Menschen indirekt oder direkt durch die Nationalsozialisten getötet wurden.
Im kollektiven Gedächtnis nimmt Auschwitz einen immensen Raum ein und ist zum Symbol für das ultimative Böse geworden, dass es „erlaube, ‚Auschwitz‘ fortan überall in der Welt zu verorten“. Das Konzentrationslager wurde als Inbegriff des nationalsozialistischen Genozids „mit der Potenz einer Letztbegründung ausgestattet und gilt seither als der ‚Maßstab der Unterscheidung zwischen gut und böse“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik des Gedenkens an den Nationalsozialismus in Deutschland ein und formuliert das Ziel, den sprachlichen Wandel der Erinnerungskultur anhand ausgewählter FAZ-Artikel zu analysieren.
2. Annäherung an den Begriff des kulturellen Gedächtnisses: Das Kapitel erläutert theoretische Grundlagen des individuellen und kollektiven Gedächtnisses sowie die Methode der Schlagwortanalyse nach Fritz Hermanns.
3. Erinnerungsort / Traumatischer Ort: Auschwitz als Symbol für den Holocaust: Hier wird Auschwitz als zentraler Erinnerungsort und Symbol des Holocausts sowie dessen Institutionalisierung und Repräsentation untersucht.
4. Analyse: Die drei ausgewählten Presseartikel aus den Jahren 1996, 2005 und 2021 werden hinsichtlich ihrer sprachlichen Strategien und inhaltlichen Schwerpunkte beim Gedenken an den Holocaust analysiert.
5. Schlussbetrachtung: Die Ergebnisse werden zusammengefasst, wobei der Wandel der Erinnerungskultur hin zu einer stärkeren Fokussierung auf jüdische Opfer sowie die politische Instrumentalisierung des Gedenkens kritisch beleuchtet werden.
7. Anhang: Der Anhang enthält die vollständigen Originaltexte der drei analysierten Presseartikel sowie weiterführende Informationen.
Schlüsselwörter
Erinnerungskultur, Holocaust, Auschwitz, kulturelles Gedächtnis, Gedenktag, Nationalsozialismus, Schlagwortanalyse, Antisemitismus, Vergangenheitsbewältigung, kollektives Gedächtnis, Sprachwissenschaft, Zeitzeugen, Gedenkstätte, politisches Ritual, Shoa
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit den sprachlichen Strategien, mit denen in Deutschland der Opfer des Nationalsozialismus gedacht wird, und wie sich diese Erinnerungskultur über die Jahrzehnte gewandelt hat.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Felder sind die Theorie des Gedächtnisses (individuell/kollektiv), die Bedeutung von Auschwitz als Erinnerungsort und die sprachwissenschaftliche Untersuchung von Zeitungsberichten zum Gedenktag.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie sich durch sprachliche Formulierungen und Signalwörter die Dynamik der Erinnerungskonstruktion in der deutschen Öffentlichkeit von 1996 bis 2021 verändert hat.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Autorin nutzt die mentalitätsgeschichtliche Semantik sowie die Schlagwortanalyse nach Fritz Hermanns, um die Texte aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu untersuchen.
Welche Aspekte stehen im Hauptteil der Untersuchung im Vordergrund?
Der Hauptteil analysiert, wie in den Artikeln von 1996, 2005 und 2021 Begriffe wie "Schuld", "Scham" oder "Antisemitismus" verwendet werden, um den Holocaust in ein Gedenken zu überführen.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit am besten charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich am besten durch Begriffe wie Erinnerungskultur, Auschwitz, kollektives Gedächtnis, Antisemitismus und Sprachwissenschaft beschreiben.
Warum wird im dritten analysierten Artikel ein "Gedächtnisbruch" konstatiert?
Die Autorin sieht einen Gedächtnisbruch darin, dass im Jahr 2021 im Gegensatz zu 2005 kaum noch Scham in der Bevölkerung spürbar ist und Antisemitismus wieder als offen gelebte Realität auftritt.
Welche Rolle spielt die Sprache bei der Definition von Tätern und Opfern?
Die Analyse verdeutlicht, dass die Wahl bestimmter Begriffe (z. B. "Rassismus" vs. "Antisemitismus") den Fokus des Gedenkens verschiebt und damit bestimmt, wer als Teil der betroffenen Opfergruppen wahrgenommen wird.
- Arbeit zitieren
- Julia Ziegert (Autor:in), 2021, Sprachliche Erinnerungsstrategien in exemplarischer Berichterstattung rund um den Internationalen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1173986