Holocaustrelativierung und Verschwörungstheorien. Die Covid-19-Pandemie und der Antisemitismus


Hausarbeit (Hauptseminar), 2021

21 Seiten, Note: 2,00


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Studien zum autoritären Charakter
2.1 Moderne Vergesellschaftung, Autoritärer Charakter und Antisemitismus
2.2 Die projektive Ich-Funktion des Antisemitismus
2.3 Die Soziale Funktion des Antisemitismus

3. Analyse der „QuerdenkerInnen“ und der Antisemitismus im Zeichen des autoritären Charakters
3.1 Post-Schoa-Antisemitismus bei „QuerdenkerInnen“
3.2 Moderner Antisemitismus bei „QuerdenkerInnen“

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Judenhass ist im Zuge der Corona-Pandemie weiter angestiegen. […] Und er verbindet bei den Protesten gegen die Infektionsschutzmaßnamen politische Milieus, die vorher wenig oder gar keine Berührungspunkte hatten. Und das ist wirklich neu.“1 Der Antisemitismusbeauftrage der Bundesregierung, Felix Klein, brachte hier im November 2020 zum Ausdruck, was seit Auftreten der Covid-19-Pandemie zu beobachten ist: Ein Neuaufleben bestimmter Formen des Antisemitismus mit Bezug zu Covid-19. Der Generaldirektor der WHO, Tedros Adhanom Ghebreyesus, warnte bereits im Februar 2020 vor einer „Infodemie“. „Falschnachrichten verbreiten sich schneller als das Virus, und sie sind genauso gefährlich“ so Ghebreyesus.2 Die Pandemie wurde unter anderem als Anlass genommen, antisemitisch konnotierte Verschwörungsmythen in Umlauf zu bringen. Dabei lassen sich nach Ansicht der Recherche- und Informationsstelle für Antisemitismus (RIAS) unterschiedliche Phasen bei der Artikulierung von Antisemitismus feststellen. Zunächst offenbarte sich der Antisemitismus im virtuellen Raum, sowohl in Form nicht explizit antisemitischer Verschwörungsmythen als auch direkt gegen Jüdinnen und Juden gerichtet. In einer weiteren Phase manifestierten sich antisemitische Inhalte nicht mehr lediglich online, sondern auf zahlreichen Demonstrationen im gesamten Bundesgebiet.3 Die Leiterin von RIAS Bayern, Annette Seidel-Arpaci, sagte hierzu: "Antisemitismus ist in Zeiten von Corona nicht nur online, sondern auch auf Straße der zu finden.“4 RIAS dokumentierte zwischen dem 17. März 2020 und dem Jahresende insgesamt 284 Veranstaltungen in Deutschland, auf denen antisemitische Aussagen im Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie getätigt wurden, wodurch die besondere Relevanz der vorliegenden Arbeit deutlich wird.5 Angesichts dessen hat die vorliegende Arbeit das Ziel, die Forschungsfrage „Wie lassen sich die antisemitischen Einstellungsmuster rund um die Proteste gegen die Covid-19-Politik der Bundesregierung erklären?“ zu beantworten. Als theoretischer Rahmen wird hierbei der Antisemitismusbegriff der Kritischen Theorie näher beleuchtet und unter anderem auf die Studien zum autoritären Charakter von Theodor W. Adorno, in Zusammenarbeit mit Else Frenkel-Brunswik, Daniel J. Levinson und R. Nevitt Sanford, Bezug genommen.6 Die hier vermittelten theoretischen Ansätze sollen eine Erklärung für die pandemie-bedingten Ausprägungen des Antisemitismus liefern. Als empirische Literaturgrundlage dienen einerseits die RIAS-Berichte und Umfragen der Leipziger Autoritarismus Studie, als auch zahlreiche Presseartikel und Reportagen rund um die Proteste. Eine besondere Relevanz besitzt die vorliegende Arbeit des Weiteren dahingehend, dass zwar zahlreiche empirische Belege hinsichtlich des Antisemitismus bei Demonstrationen der sogenannten „QuerdenkerInnen“7 existieren, eine tiefergehende Analyse auch aufgrund der diffus erscheinenden Protestbewegung bislang nur am Rande existiert.

2. Die Studien zum autoritären Charakter

Die zentrale Hypothese in den Studien zum autoritären Charakter nimmt an, „daß die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Überzeugungen eines Individuums häufig ein umfassendes und kohärentes, gleichsam durch eine ‚Mentalität‘ oder einen ‚Geist‘ zusammengehaltenes Denkmuster bilden, und daß dieses Denkmuster Ausdruck verborgener Züge der individueller Charakterstruktur ist.“8 Auch setzen die AutorInnen voraus, „daß der Antisemitismus wahrscheinlich keine spezifische oder isolierte Erscheinung ist, sondern Teil eines breiteren ideologischen Systems und daß die Empfänglichkeit des Individuums für solche Ideologien in erster Linie von psychologischen Bedürfnissen abhängt […].“9 Bei der Analyse der Charakterstruktur wird dabei auf Sigmund Freuds sozialpsychologische Theorie zurückgegriffen. Daraus schließen die AutorInnen: „Charakterkräfte sind im wesentlichen Bedürfnisse (Triebe, Wünsche, emotionale Bedürfnisse), die ihn ihrer Eigenart, ihrer Intensität, ihrem Befriedigungsmodus und ihren Objektanbindungen von einem zum anderen Individuum variieren […]“10 Das Individuum könne danach nicht rational zwischen der Realität, dem Über-Ich und dem Ich vermitteln und tendiere als Ausgleich unter anderem zur Identifikation mit starken Autoritäten sowie zu rationalen Ich-Kontrolle-entzogenen Projektionen.11 Allerdings, so Adorno, könne die Entwicklung des Charakters niemals von den gegebenen Umweltbedingungen und vom „gesellschaftlichen Ganzen“ isoliert betrachtet werden. So spielen auch Erziehung sowie ökonomische und soziale Faktoren eine entscheidende Rolle, welche sich auf die Charakterstrukturen des Individuums rückwirken könne.12 Die Charakterstruktur betrachten die AutorInnen demnach als „eine Agentur, die soziologische Einflüsse auf die Ideologie vermittelt.“13 Methodisch wurden bei den Studien verschiedene Skalen entwickelt, um Einstellungen messbar zu machen. Konkret werden Antisemitismus (A-S Skala), Ethnozentrismus (E-Skala) und politisch-wirtschaftlicher Konservatismus (PEC-Skala) abgefragt. Aufgrund der hohen Korrelation wurden schlussendlich die ersten beiden Skalen durch die sogenannte Faschismus-Skala (F-Skala) ersetzt.14 Die Studien zum autoritären Charakter offenbarten schlussendlich einen positiven Zusammenhang zwischen Autoritarismus und Antisemitismus. Je autoritärer ein Individuum, desto ausgeprägter sei auch der Antisemitismus.15

2.1 Moderne Vergesellschaftung, Autoritärer Charakter und Antisemitismus

Individuelle Ideologie basiere nach Ansicht der AutorInnen auf einem „System von Meinungen, Attitüden und Wertvorstellungen“16, welche allerdings nicht von den individuellen Bedürfnissen zu trennen wäre.17 Insofern sei bei antisemitischen Einstellungsmustern weniger das „Objekt“, also die Jüdinnen und Juden entscheidend, als vielmehr das „Subjekt“, welches seine Einstellungsmerkmale nach Außen trage.18 Hierbei ist das grundlegende Axiom der Frankfurter Schule um Adorno relevant, wonach die modern-kapitalistische Vergesellschaftung das Subjekt beeinflusse, die Trieborganisationen, welche den Charakter bilden, einschränke und schlussendlich den gesellschaftlichen Zwängen anpasse.19 Nach Lars Rensmann gehe die kritische Theorie

„von einer repressiven Dialektik der modernen Vergesellschaftung aus, die Autoritarismus im Innersten der sozialen Subjekte befördert und sie ihrer Autonomie beraubt. Die allgemeinen Bedingungen – die alle sozialen Beziehungen durchdringende, moderne Totalität – interagieren mit antisemitischen Vorurteilsbildern, die den gesellschaftlichen Bewußtseinsformen entspringen und die die autoritär vergesellschafteten Subjekte als Welterklärung aufgreifen.“20

Vergesellschaftung zeichne sich demnach durch eine Herrschaft der Gesellschaft über das Individuum aus, wodurch letzteres ökonomischen Zwängen unterworfen sei und lediglich dem Zweck der Profitmaximierung zu nützen hätte.21 Adorno spricht in der Negativen Dialektik hinsichtlich der kapitalistischen Produktionsweise auch von „Produktion als Selbstzweck.“22 Der Zweck der Produktion diene nicht in erster Linie dem Individuum, sondern zur „Produktion um der Produktion willen.“23 Durch diese Unterwerfung erfahre das Subjekt eine Schwächung des eigenen Ichs und sei nicht in der Lage, eine integrierte Persönlichkeitsstruktur zu bilden. Das Subjekt werde dadurch empfänglich für autoritäre Tendenzen und schlussendlich für Faschismus oder Antisemitismus, wobei die bereits angesprochenen, zuweilen dialektisch auftretenden, gesellschaftlichen Umweltbedingungen mitberücksichtigt werden müssen.24 Nach Rensmann sei der Antisemitismus eine ideologisch geformte Denkart, „die eine Reaktion autoritätsgebundener Subjekte auf die politischen, ökonomischen wie sozialen Umbrüche und Abhängigkeitsverhältnisse der modernen Gesellschaft darstellt.“25 Hinsichtlich des Antisemitismus und der Jüdinnen und Juden folgert Adorno, „dass die Feindschaft, die aus Versagung und Repression resultiert und sozial vom eigentlichen Objekt abgewandt wird, ein Ersatzobjekt braucht. […] Das Objekt muss „greifbar genug, aber auch nicht zu greifbar sein. […] Es muss in starren und wohlbekannten Stereotypen definiert sein.“26 Die Kausalität zwischen kapitalistischer Vergesellschaftung und Antisemitismus spielt auch in Elemente des Antisemitismus von Horkheimer und Adorno eine Rolle, in welchem es heißt: „Er [der Jude Anm. d. Verf.] ist in der Tat der Sündenbock.“27 Ihm werde „das ganze ökonomische Unrecht der ganzen Klasse aufgebürdet […].“28 Dieses Unrecht offenbare sich beim antisemitischen Individuum unter anderem in der Dichotomie zwischen einem ‚schaffendem‘ Kapital der Produktionssphäre und einem ‚raffendem‘, jüdischen konnotiertem Kapital der Zirkulationssphäre.29

[...]


1 Haberschmalz 2020.

2 vgl. Hurtz 17. März 2020.

3 vgl. Bundesverband RIAS e.V. 2020: S. 5–6.

4 Röhmel et al. 9. April 2020.

5 vgl. Bundesverband RIAS e.V. 2021: S. 18.

6 Die Studien entstanden in den vierziger Jahren unter dem Eindruck des Faschismus und „bilden einen Teil der umfangreichen, der Genese des Vorurteils und insbesondere des Antisemitismus gewidmeten Studien des Instituts für Sozialforschung.“ Adorno et al. 2018: S. IX

7 Als sogenannte „QuerdenkerInnen“ werden in der vorliegenden Arbeit Personen definiert, welche sich sowohl in virtuellen Raum als auch bei Demonstrationen gegen die Infektionsschutzmaßnahmen der Bundesregierung im Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie aussprechen und nach Ansicht des Bundesamtes für Verfassungsschutz in den dafür neu geschaffenen Phänomenbereich „"Verfassungsschutzrelevante Delegitimierung des Staates" fallen. vgl. Bundesamt für Verfassungsschutz 29. April 2021.

8 Adorno et al. 2018: S. 1.

9 Adorno et al. 2018: S. 3.

10 Adorno et al. 2018: S. 7.

11 vgl. Adorno et al. 2018: 50-53, 59-60.

12 vgl. Adorno et al. 2018: S. 7.

13 Adorno et al. 2018: S. 8.

14 vgl. Adorno et al. 2018: S. 37–40.

15 vgl. Imhoff et al. 2013: S. 146–147.

16 Adorno et al. 2018: S. 2.

17 vgl. Adorno et al. 2018: S. 3.

18 Adorno et al. 2018: S. 107–108.

19 vgl. Weyand 2001: S. 139–142.

20 Rensmann 1998: S. 11.

21 vgl. Weyand 2001: S. 75.

22 Adorno 1980a: S. 302.

23 Adorno 1980a: S. 301.

24 vgl. Rensmann 1998: 58-59.

25 Rensmann 1998: S. 13.

26 Adorno et al. 2018: S. 108.

27 Horkheimer et al. 2017: S. 183.

28 Horkheimer et al. 2017: S. 183.

29 Zum Unterschied zwischen ‚schaffendem‘ und ‚raffendem‘ Kapital ausführlich in: Horkheimer et al. 2017: S. 182–184.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Holocaustrelativierung und Verschwörungstheorien. Die Covid-19-Pandemie und der Antisemitismus
Hochschule
Universität Passau
Note
2,00
Autor
Jahr
2021
Seiten
21
Katalognummer
V1174007
ISBN (Buch)
9783346594211
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Antisemitismus, Verschwörungstheorien, Pandemie, Corona, Querdenker, Holocaustrelativierung, Autoritärer Charakter, Covid-19
Arbeit zitieren
Christopher Zehetbauer (Autor:in), 2021, Holocaustrelativierung und Verschwörungstheorien. Die Covid-19-Pandemie und der Antisemitismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1174007

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