Wie 'groß' war Katharina II. wirklich? Ein kritischer Blick auf die Institutionenpolitik der russischen Kaiserin


Hausarbeit (Hauptseminar), 2021

17 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Reformen Peters des Großen

3. Katharinas Bildungspolitik
3.1 Neue und erweiterte Institutionen
3.2 Ständische Aufstiegsmöglichkeiten
3.3 Erlaubnis zum Publizieren

4. Negative Aspekte und öffentliche Meinung
4.1 Schlussendlich doch Zensur
4.2 Abneigung verschiedener Gesellschaftsschichten

5. Schluss

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Ich werde eine Autokratin sein, das ist mein Beruf. Und Gott der Herr möge es mir verzeihen. Das ist sein Beruf.“ Dieses Zitat wird Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst zugeschrieben, oder – wie sie später genannt werden sollte – Katharina II. Als einzige Herrscherin in der Geschichtsschreibung bekam die deutsche Prinzessin, die von 1762 bis zu ihrem Tod 1796 das Russische Kaiserreich regierte, den Beinamen ‚die Große‘ verliehen. Die in Stettin geborene spätere Zarin ist weithin bekannt für ihre Reformen gerade im Bildungssektor, traf allerdings gerade zum Ende ihrer Herrschaft auch mehrere Entscheidungen und legte Eigenschaften an den Tag, die ihre frühere Politik teils revidierten – so etwa die Schließung privater Druckereien, denen sie zuvor erst die Öffnung erlaubt hatte.1

Dieser Aufsatz widmet sich daher der Frage, inwieweit Katharinas Beiname ‚die Große‘ gerechtfertigt ist – und zwar insbesondere in Bezug auf die Schaffung neuer sowie die Erweiterung bestehender Institutionen in der Bildungslandschaft. Denn dies waren die Maßnahmen, die im Rahmen von Katharinas Reformpolitik die erkennbarsten Erfolge erzielten.

Anfangs beschäftigt sich die Arbeit mit der bildungspolitischen Situation im Russischen Kaiserreich vor Katharinas Regentschaft, um die Tragweite ihrer Reformen im Kontext der gesellschaftlichen Gegebenheiten einzuordnen. Es folgt die kritische Auseinandersetzung mit ihren einzelnen Vorhaben wie der Erweiterung des russischen Schulwesens. Das letzte Kapitel beschäftigt sich schließlich mit negativen Aspekten ihrer Herrschaft wie der bereits erwähnten Schließung privater Druckereien und der zeitgenössischen Beliebtheit ihrer Neurungen. Dies dient dazu, Katharinas Politik von mehr als einer Seite zu beleuchten.

Um ein fundiertes Urteil über die Bildungspolitik Katharinas der Großen fällen zu können, ist es zunächst wichtig, sich die Grundlagen vor Augen zu führen, auf denen die Kaiserin ihre Maßnahmen aufbaute. Sie war immerhin nicht die erste Herrscherin im Russischen Reich, die sich mit diesem Thema befasste.

2. Die Reformen Peters des Großen

Es war schon Peter der Große, der – so die britische Historikerin Isabel de Madariaga – erkannte, „wie groß Rußlands Bedarf an Fachleuten auf dem Gebiet technischer Verfahren war, und zwar sowohl beim Militär wie auch im zivilen Bereich.“2 Er sprach sich gegen häusliche Erziehung aus und verstärkte die Anstrengungen massiv, „seinen Untertanen Erziehung, Ausbildung, schließlich Bildung zukommen zu lassen.“3 Im Zuge dessen gründete er eine Reihe an Fach- und allgemeinbildenden Schulen, an denen seine neuen Führungskräfte ihre Ausbildung erhalten sollten. Ein Beispiel dafür ist die 1701 ins Leben gerufene Moskauer Mathematik- und Navigationsschule, die in gewisser Weise Modellcharakter für die Etablierung fachspezifischer, säkularer Bildungseinrichtungen besaß. In dieser Akademie überstieg die Zahl adliger Schüler laut Kusber nie ein Fünftel, der Anteil von Soldaten und Matrosenkindern wuchs indes weiter.4

Gerade zu Beginn von Peters Herrschaft gab es laut dem deutschen Historiker Jan Kusber besonders einen Motor für die Reformen des Zaren: den Großen Nordischen Krieg, „für den immer wieder neue Regimenter ausgehoben wurden, die qualifizierter Offiziere bedurften.“5 Im weiteren Verlauf seiner Regierungszeit sei das Ausbildungsziel allerdings immer weniger auf technische Fertigkeiten zu militärischen Zwecken beschränkt worden.6

So habe die Regierung Studierende immer häufiger für die Ausbildung zu Verwaltungsfachleuten und Übersetzern ins Ausland geschickt. Kusber sieht darin eine Maßnahme, die durchaus positive Auswirkungen hatte.

„Über die multiplikatorische Weitergabe des Erlernten in den Bereichen von Militär, Verwaltung und Diplomatie hinaus konnten die Entsandten in ihrem jeweiligen Aufgabenbereich und ihrem jeweiligen Milieu Widerstände gegen Innovationen aus Westeuropa überwinden und durch ihr Beispiel die Einsicht in die Notwendigkeit von Ausbildung und Bildung stärken“7

Madariaga resümiert die Reformtätigkeit Peters schließlich wie folgt: „Nicht jedes seiner Experimente verlief erfolgreich, und nicht alles, was er unternahm, war von langer Dauer, doch hatte er die Grundlagen geschaffen, auf denen andere aufbauen konnten.“8 Auch Jan Kusber beschreibt die Ergebnisse, die diese Bemühungen in den ersten Jahrzehnten ab 1700 lieferten, als das Fundament, auf dem die Kaiserin in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts aufbauen konnte.9

3. Katharinas Bildungspolitik

Katharina war diejenige, die das Erbe Peters I. weiterführte. Sie engagierte sich nicht nur persönlich mit erkennbarer Aktivität insbesondere auf den Gebieten von Bildung, Wissenschaft, Kunst und Kultur, sie initiierte auch bildungspolitische Reformen etwa zur Modernisierung des Schul- und Bildungswesens. Was ihr dabei vorschwebte war ein emanzipiertes und prosperierendes Land mit einer breiten, elitären Bildungsschicht, „fähig und willens, in Russland die Schaffung einer zeitgemäßen Gesellschaft in Angriff zu nehmen.“10,11

3.1 Neue und erweiterte Institutionen

Allemal stimmte Katharina bei der Verwirklichung ihrer bildungspolitischen Maßnahmen mit einigen Ansichten Peters des Großen überein. So hielt sie ähnlich wie ihr Vorgänger nichts von häuslicher Erziehung, weswegen es ein wichtiges Ziel ihrer Bildungspolitik war, die Kinder „vor allen verderblichen Einflüssen des Elternhauses“12 zu bewahren. Unter anderem zu diesem Zweck gründete Katharina eine Reihe neuer Institutionen, in denen genau festgelegte Erziehungs- und Bildungsrichtlinien galten. Die physische, sittliche und emotionale Entwicklung war dabei genauso wichtig wie die geistige.13

Einen ersten Hinweis auf die Art der beabsichtigten Bildungspolitik gab der ‚allgemeine Plan für die Heranbildung junger Leute beiderlei Geschlechts‘, den der bildungspolitische Theoretiker und Praktiker Ivan Ivanovic Beckoj 1764 veröffentlicht und den Katharina noch im selben Jahr zum Gesetz erhoben hatte. Damit bildete er die Basis für die kaiserlichen Maßnahmen.14

Bereits ein Jahr zuvor entstand eine Schule für Findelkinder in Moskau, 1770 eine weitere in Sankt Petersburg. Die beiden Einrichtungen besaßen das Recht, ausgesetzte und unehelich zur Welt gekommene Sprösslinge aufzunehmen, welche daraufhin auf Staatskosten versorgt, erzogen und ausgebildet werden sollten. Die in dieser Zeit ausgearbeiteten Erziehungspläne hatten gesellschaftspolitische und pädagogische Zielsetzungen und fanden auch Eingang in die bereits bestehenden höheren Bildungsstätten, so etwa die Akademie der Künste.15

Ebenfalls 1764 gründete Katharina das Internat für die Töchter des Adels im Sankt Petersburger Smolna-Kloster. In dieser ‚kaiserlichen Erziehungsanstalt für adlige Fräulein‘ – die bis 1917 Bestand hatte und in der die gleichen Erziehungsgrundsätze wie in den Findelhäusern galten – waren 30 Jahre nach ihrer Gründung bereits mehr als 1.300 Frauen standesgemäß erzogen und ausgebildet worden. Die Einrichtung unterstand dem persönlichen Patronat der Kaiserin und wurde unmittelbar von ihr finanziert, war aber dennoch unabhängig von den Departements der Regierung. Bemerkenswert ist dabei, dass körperliche Strafen – im Russischen Reich durchaus keine Seltenheit – in allen Einrichtungen strengstens untersagt waren. „Hier wollte die neue Kaiserin Wandel schaffen; sie wollte neue Umgangsformen einführen, und aus Rußland ein weniger grausames und mehr menschliches Land machen“, beschreibt es der britische Autor Vincent Cronin.16

Neben diesen Institutionen gab es in den 60er und frühen 70er Jahren des 18. Jahrhunderts einzig an privaten Internatsschulen, speziellen Fachschulen und einigen größeren Bildungseinrichtungen wie der Akademie der Wissenschaften Gelegenheit zur Bildung. Daher ging die Kaiserin 1775 noch einen Schritt weiter und erlegte den Fürsorgeausschüssen in einem Statut die Einrichtung von Schulen in den Städten einer jeden Provinz auf. 1782 setzte sie schließlich eine Hauptschulkommission ein, die eine Lehrerbildungsanstalt aufbauen, geeignete Schulgebäude auswählen und für ihre neue Aufgabe einrichten sollte. Vier Jahre später folgte ein weiteres Statut, welches vorgab, in jeder Provinzhauptstadt eine höhere, in jeder Kreisstadt eine Volksschule einzurichten. Gleichzeitig übernahm Katharina die wenigen existierenden Privatschulen und zwängte sie in das Korsett des staatlichen Schulwesens.17

Isabel de Madariaga spricht davon, dass in den 14 Jahren von 1784 bis 1798 über 400 neue Lehrer eine Ausbildung erhielten. Am Ende des Jahrhunderts habe es 315 Schulen mit insgesamt 790 Lehrern und nahezu 20.000 Schülern gegeben, schätzungsweise 2.000 davon Mädchen. Für Schulbücher, von denen in dieser Zeit rund 44 produziert worden seien, habe der Staat jedes Jahr insgesamt 12.000 Rubel ausgegeben. „Die Auflagen dieser Bücher, für die ein festumrissener Markt bestand, lagen auch deutlich über den üblichen 600 bei Werken, die für das allgemeine Lesepublikum bestimmt waren.“18 Im späteren Verlauf ihres Buches ist bei der Historikerin zu lesen, dass sich die Gesamtzahl der Schülerinnen und Schüler, die Ende des 18. Jahrhunderts staatliche Bildungseinrichtungen besuchten, sogar auf zwischen 60.000 und 70.000 belief.19

In jedem Fall brachte die Regierung die Lehrpläne regelmäßig auf den neusten Stand, straffte den Unterricht, verbesserte dessen Qualität und setzte die Räumlichkeiten gründlich instand. Die Schulen mussten im Gegenzug Lehrplan und Unterrichtsmethoden gemäß des Statuts von 1786 übernehmen. „Somit war Rußland tatsächlich ein Land geworden, in dem man zu jeder Tageszeit genau wußte, mit welchem Fach sich die Kinder in jeder Schule des Landes gerade beschäftigten“20, resümiert De Madariaga.21

3.2 Ständische Aufstiegsmöglichkeiten

Besonders wichtig, um Katharinas Ziel eines politisch lebenskräftigen bürgerlichen Standes zu erreichen, war es, den Monopolanspruch des Adels auf Bildung zu brechen und diese auf das gesamte Volk auszudehnen. Erich Donnert sieht in Beckojs Plan von 1764 einen bedeutsamen Schritt in diese Richtung – immerhin standen die im Konzept vorgeschlagenen ‚Erziehungsanstalten‘ nicht nur Jungen wie Mädchen aus allen Schichten der Bevölkerung offen, der Schulbesuch war auch unentgeltlich.22

Des Weiteren eröffnete die Kaiserin direkt ein Jahr nach dem Inkrafttreten des Plans eine nichtadlige Abteilung am Sankt Petersburger Smolna-Kloster, in der es auch Mädchen geringerer Herkunft möglich war, Zugang zu höherer Bildung zu erhalten. Katharina verfügte, dass alle Zöglinge des Internats sowie aus den Findelhäusern auf ewig frei und dem Bürgerstand angehören sollten – genau wie alle Angehörigen der Kunstakademie, die ihre Ausbildung abgeschlossen hatten. Oft erhielten insbesondere Künstler dank ihrer Bildung und ihres Verdienstes gar die Möglichkeit, in den Adelsstand aufzusteigen – ebenso jeder Lehrer, der 22 Dienstjahre an einer höheren Schule unterrichtete.23

[...]


1 Vgl. Cronin, Vincent, Katharina die Grosse. Eine Biographie, Düsseldorf 1978, S. 7, 319.

2 De Madariaga, Isabel, Katharina die Große. Das Leben der russischen Kaiserin, München 1996, Wiesbaden 2004, S. 185.

3 Kusber, Jan, Eliten- und Volksbildung im Zarenreich während des 18. und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Studien zu Diskurs, Gesetzgebung und Umsetzung, in: Quellen und Studien zur Geschichte des östlichen Europa, Band 65, Kiel 2001, S. 34.

4 Vgl. Hans, N., The Moscow School of Navigation, in: Slavonic and East European Review 29, 1950/51, S. 532-536; Hans, N., Farquharson, H., Pioneer of Russian Education, in: Aberdeen University Review, 1959, S. 26-29; Kusber, Elitenbildung, S. 41.

5 Kusber, Elitenbildung, S. 41.

6 Vgl. Hoffmann, Peter, Reformen im russischen Bildungswesen unter Peter I. Militärische Aspekte, in: Berliner Jahrbuch für Osteuropäische Geschichte 2, 1995, S. 84.

7 Kusber, Elitenbildung, S. 45.

8 De Madariaga, Leben, S. 185.

9 Vgl. ebd.

10 De Madariaga, Leben, S. 215.

11 Vgl. ebd., S. 233; Cronin, Biographie, S. 273-276.

12 De Madariaga, Leben, S. 186.

13 Vgl. Mundt, Theodor, Der Kampf um das Schwarze Meer, Braunschweig 1855, S. 92; Cronin, Biographie, S. 324.

14 Vgl. ebd., S. 201; Donnert, Volksbildung, S. 219.

15 Vgl. ebd., S. 220-222; Cronin, Biographie, S. 204f.

16 Vgl. Cronin, Biographie, S. 201, 209; Donnert, Volksbildung, S. 222; De Madariaga, Leben, S. 188.

17 Vgl. ebd., S. 189, 194, 202; Cronin, Biographie, S. 199, 202.

18 De Madariaga, Leben, S. 197.

19 Vgl. ebd., S. 207.

20 De Madariaga, Leben, S. 198.

21 Vgl. ebd., S. 197f.

22 Vgl. De Madariaga, Leben, S. 195; Cronin, Biographie, S. 202; Donnert, Volksbildung, S. 231.

23 Vgl. Donnert, Volksbildung, S. 231; De Madariaga, Leben, S. 195; Haigold, Johann Joseph, Neuverändertes Rußland oder Leben Catharinä der Zweyten, Teil 1, Riga 1772, S. 183-185.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Wie 'groß' war Katharina II. wirklich? Ein kritischer Blick auf die Institutionenpolitik der russischen Kaiserin
Hochschule
Universität Leipzig  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Wissenschaft, die Wissen schafft? Bildung im Zarenreich und der Sowjetunion
Note
1,7
Autor
Jahr
2021
Seiten
17
Katalognummer
V1174024
ISBN (Buch)
9783346592941
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Katharina, Katharina die Große, Zar, Zarin, Peter der Große, Peter, Kaiserreich, Russland, Russisches Reich, Reich, Kaisertum, Zarenreich, Zarentum, groß, Große, Institutionenpolitik, Institution, russisch, Bildung, Reform, Bildungspolitik
Arbeit zitieren
Tobias Wagner (Autor:in), 2021, Wie 'groß' war Katharina II. wirklich? Ein kritischer Blick auf die Institutionenpolitik der russischen Kaiserin, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1174024

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