In der vorliegenden Arbeit soll die Frage geklärt werden, ob gleiche Startchancen durch die Grundschulen geschaffen werden. Dazu werden zunächst die Ziele und Aufgaben der Grundschule vorgestellt. Im zweiten Kapitel wird kurz der Begriff der Chancengleichheit benannt und im Anschluss auf soziale Ungleichheiten eingegangen. Weiter wird ein Erklärungsmodell nach Boudon vorgestellt sowie politische Handlungsansätze. Abschließend wird ein Fazit gezogen.
Seit 1920 erhalten alle Kinder, ungeachtet der sozialen und wirtschaftlichen Stellung ihrer Eltern, die gleiche Elementarausbildung und somit die gleichen Startchancen. Die Idee der Chancengleichheit ist geboren. Hinzu kam der Beginn des Bildungsexpansionsschubs mit der Verlängerung der Schulpflichtzeit in den 1960er Jahren. Bei den niedrigen und mittleren Bildungsabschlüssen ist die Berufsausbildung zur Norm geworden und hat sich im Laufe der Zeit ausgeweitet. Damit ist die Zahl der Absolvent:innen mit qualifizierten Berufsabschlüssen gestiegen. Auch die Hochschulwege entwickelten sich, was sich in einem raschen Anstieg der Absolvent:innenzahlen der Sekundarstufe I und einer moderaten Zunahme der Absolvent:innenzahlen von Hochschulen wie Universitäten und Fachhochschulen widerspiegelte.
Es stellt sich die Frage wie es rund 100 Jahre nach der Idee der Chancengleichheit und steigenden Möglichkeiten der Bildungsexpansion aussieht. Bieten die Grundschulen gleiche Startchancen für alle Kinder? Würde man sich auf die Ergebnisse der PISA-Studie aus dem Jahr 2000 berufen, so wäre die Idee der Chancengleichheit kläglich gescheitert. In der Studie wurde festgestellt, dass in kaum einem anderen der teilnehmenden Mitgliedsstaaten der Schulerfolg so stark abhängig von der sozialen Herkunft der Eltern ist wie in Deutschland.
Gliederung
1. Einleitung
2. Schulform Grundschule
3. Chancengleichheit und das meritokratische Prinzip
4. Soziale Ungleichheiten
4.1 Herkunftsfamilie
4.2 Sozialräumliche Segregation
4.3 Übergangschancen
5. Erklärungsmodell nach Boudon
6. Politische Handlungsansätze
8. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die zentrale Fragestellung, ob das deutsche Grundschulsystem tatsächlich in der Lage ist, gleiche Startchancen für alle Kinder zu gewährleisten, oder ob soziale Herkunft und strukturelle Ungleichheiten den Bildungserfolg determinieren.
- Analyse der Aufgaben und Zielsetzungen der Grundschule als erste Bildungsinstitution.
- Untersuchung des Spannungsfeldes zwischen dem meritokratischen Ideal der Chancengleichheit und der empirisch belegten Realität.
- Darstellung des Zusammenhangs zwischen Herkunftsfamilie, sozialräumlicher Segregation und Bildungschancen.
- Erklärung bildungsbiografischer Prozesse durch das Modell der primären und sekundären Herkunftseffekte nach Boudon.
- Bewertung politischer Handlungsansätze, wie den Ausbau von Ganztagsschulen, zur Reduzierung von Bildungsungleichheiten.
Auszug aus dem Buch
4.2 Sozialräumliche Segregation
Da es im Folgenden um sozialräumliche Segregation geht, wird kurz beschrieben, was diese Begriffe meinen. Sozialräume beschreiben das Gefüge, dass sich durch heterogene historische Ereignisse, kulturelle Einflüsse und politische Entscheidungen bildet und gleichzeitig ein relativ stabiles Netzwerk schafft, dass das gesellschaftliche Handeln prägt. Segregation beschreibt die ungleiche räumliche Verteilung verschiedener Bevölkerungsgruppen als Spiegelbild sozialer Ungleichheiten, ethnischer Vielfalt oder altersbedingter Wohnbedürfnisse und -präferenzen (vgl. Parade und Heinzel 2020, S. 195). Nach der Wende wurde festgestellt, dass von 1990 bis 2004 die sozialräumliche Segregation zunahmen. Helbig und Jähnen bestätigten diesen Trend unter Einbezug von Daten aus 74 deutschen Städten. Von 2005 bis 2014 weitete sich die sozialräumliche Segregation um 10,5 Prozent aus, in Ostdeutschland sogar um 23,5 Prozent. Es gibt in den 36 untersuchten Städten Stadtteile, in dem der Anteil der Kinder mit Eltern, die SGB II beziehen, 50 Prozent übersteigt – das heißt, dass mehr als die Hälfte der Kinder in diesem Stadtteil unter Armut leiden. In 15 Städten in Deutschland leben mehr als 10 Prozent der Kinder in diesen armutsgeprägten Quartieren (vgl. Marcel Helbig und Nikolei 2019, S. 113f).
Im Hinblick auf die Schülerschaft einer Grundschule spielt die sozialräumliche Segregation eine große Rolle. In den meisten Bundesländern wird die Grundschule nach dem Sprengelprinzip zugewiesen. Es herrscht folglich keine oder nur eine eingeschränkte Grundschulwahl. Daraus ergibt sich, dass Schulen aus sozial schwachen und/oder aus migrationsstarken Bezirken eine homogene Schülerschaft aufweisen (vgl. Parade und Heinzel 2020, S. 196). Eine soziale Vermischung würde sich laut der PISA-Sonderauswertung resilienzverstärkend auf sozioökonomisch benachteiligte Schüler:innen auswirken (vgl. OECD 2018, S. 8).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die historische Etablierung der Grundschule als Institution für Chancengleichheit und führt in die Problemstellung ein, inwiefern soziale Herkunft den Schulerfolg in Deutschland beeinflusst.
2. Schulform Grundschule: Dieses Kapitel definiert die grundlegende Bildungsaufgabe der Grundschule als Weichensteller für den weiteren Werdegang und thematisiert deren kompensatorische Funktion.
3. Chancengleichheit und das meritokratische Prinzip: Es wird das gesellschaftliche Ideal der Chancengleichheit und das meritokratische Prinzip beleuchtet, welches Erfolg an Leistung und Anstrengung knüpft, jedoch eine Diskrepanz zur sozialen Realität aufweist.
4. Soziale Ungleichheiten: Das Kapitel analysiert die Faktoren, die soziale Ungleichheiten im Bildungssystem hervorrufen, insbesondere durch die Herkunftsfamilie, sozialräumliche Segregation und die ungleichen Übergangschancen.
5. Erklärungsmodell nach Boudon: Es werden die Mechanismen der primären und sekundären Herkunftseffekte nach Boudon vorgestellt, die erklären, wie soziale Ungleichheit über das Bildungswesen perpetuiert wird.
6. Politische Handlungsansätze: Hier werden beispielhaft politische Maßnahmen wie der Ausbau der Ganztagsschulen diskutiert, die auf den Abbau sozialer Bildungsbenachteiligung zielen.
8. Fazit: Das Fazit führt die Argumentationslinien zusammen und kommt zu dem Schluss, dass das Grundschulsystem in seiner jetzigen Form die ungleiche Verteilung der Startchancen nicht ausreichend kompensieren kann.
Schlüsselwörter
Grundschule, Chancengleichheit, Soziale Ungleichheit, Bildungsexpansion, Herkunftsfamilie, Sozialräumliche Segregation, Meritokratisches Prinzip, Big-Fish-Little-Pond-Effekt, Übergangschancen, Bildungsbenachteiligung, Ganztagsschule, Primäre Herkunftseffekte, Sekundäre Herkunftseffekte, Bildungssystem, Schulerfolg.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, ob das deutsche Grundschulsystem seinem theoretischen Anspruch gerecht wird, allen Kindern unabhängig von ihrer sozialen Herkunft gleiche Startchancen für den weiteren Bildungs- und Lebensweg zu bieten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Arbeit umfasst die Ziele der Grundschule, das Konzept der Chancengleichheit, soziale Einflussfaktoren wie die Herkunftsfamilie und Wohnumgebung, sowie die bildungssoziologische Erklärung von Bildungsungleichheit und entsprechende politische Interventionsversuche.
Welches ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist die Beantwortung der Frage, ob die Grundschule im deutschen Bildungssystem gleiche Startchancen für alle Kinder bietet, wobei die Arbeit letztlich zu einer verneinenden Antwort gelangt.
Welche wissenschaftlichen Modelle oder Methoden werden verwendet?
Die Arbeit nutzt als theoretisches Fundament unter anderem das Erklärungsmodell von Boudon (primäre und sekundäre Herkunftseffekte), das Konzept des "Big-Fish-Little-Pond-Effekts" sowie verschiedene PISA- und IGLU-Studien als empirische Belege.
Was wird im Hauptteil der Arbeit detailliert behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Definition der Grundschule als "Weichensteller", der Analyse von Herkunftseffekten und Segregation sowie der Bewertung politischer Maßnahmen wie dem Ganztagsausbau zur Kompensation sozialer Unterschiede.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Chancengleichheit, soziale Segregation, Herkunftseffekte, Bildungsbenachteiligung und meritokratisches Prinzip beschreiben.
Welche Bedeutung hat das Sprengelprinzip in diesem Kontext?
Das Sprengelprinzip führt laut der Arbeit zu einer geringen Grundschulwahlfreiheit, wodurch sich soziale Segregation aus dem Wohnumfeld direkt auf die Klassenzusammensetzung in der Schule überträgt.
Warum spielt die Ganztagsbetreuung eine wichtige Rolle für die Chancengleichheit?
Die Ganztagsschule wird als politischer Ansatz gesehen, um Kindern mehr Lernzeit unter professioneller Anleitung zu bieten und so den negativen Einfluss des elterlichen Haushalts auf den Kompetenzerwerb zu reduzieren.
Was besagt der "Big-Fish-Little-Pond-Effekt" im Rahmen der Grundschule?
Das Konzept beschreibt, dass das akademische Selbstkonzept von Schülern sinkt, wenn sie sich in einer Umgebung befinden, in der viele Mitschüler überlegene Fähigkeiten besitzen, was in sozial privilegierten oder benachteiligten Gruppen unterschiedliche Auswirkungen hat.
Warum kommt die Autorin zu einem kritischen Fazit?
Aufgrund der Beständigkeit der primären und sekundären Herkunftseffekte kommt die Arbeit zu dem Schluss, dass die aktuellen Strukturen des Bildungssystems die sozialen Vorteile oder Nachteile des Elternhauses nicht ausgleichen können.
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- Maren Schweins (Author), 2022, Bietet die Grundschule im deutschen Bildungssystem gleiche Startchancen für alle Kinder?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1174162