Geschlechtergerechte Sprache als Instrument zur Umsetzung der gesellschaftlichen Gleichstellung von Frauen und Männern


Hausarbeit (Hauptseminar), 2021

18 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Das Frauenbild in Europa

3. Geschlechtergerechte Sprache in Frankreich
3.1 Sprachstruktur
3.2 Sprachpolitik
3.3 Individuelles Sprachverhalten

4. Auswirkung der geschlechtergerechten Sprache auf die Berufswahl

5. Ausblick

Literaturverzeichnis

„Sprache ist nirgends und zu keiner Zeit ein unpolitisches Gehege, denn sie lässt sich von dem, was Einer mit dem Anderen tut, nicht trennen. Sie lebt immer im Einzelfall, man muß ihr jedes Mal aufs Neue ablauschen, was sie im Sinn hat. In der Unzertrennlichkeit vom Tun wird sie legitim oder inakzeptabel, schön oder häßlich, man kann auch sagen gut oder böse. In jeder Sprache, das heißt in jeder Art der Sprache sitzen andere Augen.“
(Müller 2003: 39)

1. Einleitung

Braucht es für die Gleichberechtigung von Mann und Frau auch eine Neuerung der Schriftsprache? In Frankreich gibt es gegenwärtig heftige Diskussionen über den Versuch, die von einer männerdominant geprägten Grammatik einer genderneutraleren oder nichtdiskriminierenden Schreibweise anzupassen. Im März 2021 verbot der französische Bildungsminister Jean Michael Blanquer per Erlass die Verwendung geschlechtssensibler Schriftsprache in seinem Minsterium und an Schulen. Seine Begründung lautet: „dont la complexité et l'instabilité de celle-ci constituent d'obstacles à l'acquisition de la langue comme de la lecture“1. Im selben Erlass verfügte Blanquer allerdings auch, dass Berufe und andere Funktionen, wenn sie von Frauen ausgeübt werden, zukünftig in der weiblichen Form genannt werden „le ministère préconise ainsi, par exemple, l’usage de la féminisation des métiers et des fonctions“ (ebd.). Bislang ist der Ausdruck Madame le ministre für eine Ministerin gebräuchlich.

Diese wissenschaftliche Arbeit untersucht die Bedeutung der écriture inclusive in der französischen Sprache und ihre psycholinguistischen Auswirkungen in der Gesellschaft. Ein kleiner Umriss der geschichtlichen Frauenbewegung in Frankreich soll die Bedeutung des Themas darstellen. Es waren nämlich die Frauen, die unterdrückt wurden und um ihre Rechte in der patriarchischen Gesellschaft kämpften. Aufbauend darauf wird eine Darstellung der geschlechtergerechten Sprache in Frankreich erörtert. Die Gender Fair Language (GFL ) oder geschlechtergerechte Sprache zielt darauf ab, geschlechtsspezifische Vorurteile oder sogar Stereotypen gegenüber einem bestimmten Geschlecht und soziale Diskriminierungen abzubauen. Durch die intensive Feldarbeit der geschlechtsgerechten Sprachen in den Bereichen der (1) Sprachstruktur, (2) der Sprachpolitik und (3) des individuellen Sprachverhaltens ist es möglich, einen kritischen Überblick zu gewinnen, wie sich geschlechtergerechte Sprache in der französischen Gesellschaft auswirkt. Zunächst werden die allgemeinen Aussagen zu diesen Themen getroffen. Anschließend wird die Situation in dem Nachbarland vorgestellt. Das individuelle Sprachverhalten wird weiterführend in der sprachwissenschaftlichen Bedeutung vertieft und die Frage gestellt: Welche Auswirkungen hat die geschlechtergerechte Sprache auf die Berufswahl der französischen Schüler*innen? Es werden mehrere Perspektiven und sprachliche Modelle untersucht. Die Ergebnisse sollen die psycholinguistischen Einflüsse auf das Individuum aufzeigen und deren gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Auswirkungen. Abschließend wird eine Zusammenfassung der Thematik ausgearbeitet und ein kurzer Ausblick vorgestellt.

2. Das Frauenbild in Europa

Liberté, égalité, fraternité! Das waren die Schlagwörter der Französischen Revolution. Viele der gesellschaftlichen, politischen sowie wirtschaftlichen Strukturen des ancien régime wurden durch die Französische Revolution aufgelöst, neue politische Ideen wie z. B. Demokratiekonzepte, Menschenrechte, revolutionäre Gedankengänge wurden auf einmal in die Tat umgesetzt. Alles was die Französische Revolution mit den Wörtern Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit versprochen hatte, galt jedoch nicht für Frauen, obwohl diese sich sehr engagiert an den revolutionären Aufständen in Paris beteiligt hatten. Sie forderten mit dem Marsch nach Versailles eine Verbesserung ihrer Lebenssituation. Manche Bürgerinnen klagten sogar zum ersten Mal die Frauenrechte ein wie z. B. Olympe de Gouges mit ihrer Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin ( Déclaration des droits de la femme et de la citoyenne ). So bildet die Revolution auch den Auftakt zum modernen Feminismus, paradigmatisch formuliert in zwei grundlegenden Manifestationen: in der „Erklärung der Reche der Frau und Bürgerin“ von Olympe de Gouges aus dem Jahr 1791 sowie in der Schrift: „Eine Verteidigung der Rechte der Frau“ von Mary Wollstonecraft aus dem Jahr 1792. Durch die rasche Ausbreitung des Nachrichtenwesens in Form von Lesezirkeln, Zeitungen, Leihbibliotheken etc. breiteten sich diese Ereignisse und Gedanken sehr schnell aus und mobilisierten und initiierten Frauenbewegungen europaweit. Von da entwickelten sich internationale Verbindungen, die Austausch und Vergleich ermöglichten. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts stellten die moralischen Wochenschriften die Frau als eine gebildete und gelehrte Frau dar, obwohl es zu dieser Zeit keine systematische Mädchenbildung gab. Es setzte ein Prozess der Veränderung des Frauenbildes ein, indem der natürliche Geschlechtscharakter der Frau in Wissenschaft, Philosophie, Medizin, Theologie abgelöst wurde. Ihnen wurden natürliche Geschlechtseigenschaften zugewiesen. Frauen hatten weiterhin keinen Subjekt-Status, waren nicht autonom, nicht mündig, nicht selbstbestimmend. Sie durften nicht wählen, nicht klagen, kein eigenes Bankkonto besitzen und keine Verträge abschließen und unterschreiben. Tugend, Sittsamkeit und Fleiß, die Rolle der Ehefrau und Mutter, prägten weiterhin das Frauenbild des 19. Jahrhunderts. Der Ort der Frauen war das Haus, der Ort der Männer war die Öffentlichkeit. Es wurden hohe Summen ausgegeben, um geladene Gäste standesgemäß bewirten und begrüßen zu können. Die Frau stand immer hinter ihrem Mann, förderte stets ihn und seine Karriere. Sie selbst war zunächst „nur“ Gattin und Mutter. Frauen galten als schutzwürdig wegen ihrer Verstandesschwäche , Leichtfertigkeit und Unzuverlässigkeit ( imbecillitas, fragilitas und infirmitas sexus). Die Lebensbedingungen vieler Frauen waren erschreckend einfach. Wichtig war für die Gesellschaft lediglich, dass sie dem Mann viele Kinder gebärten und ihm seine Wünsche erfüllten. Sie hatten weder ein Wahlrecht noch ein Recht auf eine „höhere“ Bildung.
Die Anfänge der Autonomie und der Freiheit fanden in den oberen gesellschaftlichen Schichten statt. Dort versuchten die Frauen zum ersten Mal als Autorinnen, Redakteurinnen, Zeitungsverlegerinnern mitzuwirken und ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Mit diesem Einsatz und ihren Zeitungsbeiträgen mischten sich Frauen in das politische Leben ein. Mit dem Einsetzen der „Befreiungskriege“ gegen Napoleon wurden zum ersten Mal verschiedene und zahlreiche Frauenvereine gegründet. Es gründeten sich konservative, sozialistische, demokratische, liberale, freireligiöse und katholische Gruppen, in denen Frauen einen Anteil von bis zu 40 Prozent darstellten. Hier konnten sich die Frauen zum ersten Mal beteiligen, sich austauschen und ihre Persönlichkeit entfalten. Darüber hinaus arbeiteten sie in Krankenhäusern, stellten Kleidung für Soldaten her, verkauften ihre Ware auf Wochenmärkten und versuchten immer mehr am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Das benachteiligte weibliche Geschlecht war in seinem politischen Wirken nicht mehr aufzuhalten. Frauen beteiligten sich an regen Reformbewegungen zur Kindererziehung, arbeiteten als Autorinnen, Lehrerinnen, Journalistinnen. Sie wirkten zunächst regional und schrieben über verschiedene Themen der Frauen, geschichtlich, biographisch oder sogar politisch.

Sie änderten die soziale Wirklichkeit und weckten das Interesse der staatlichen Institutionen europaweit. Vielleicht ist es die Sprache, die den elegantesten Weg der Gleichstellung der Frau in der Gesellschaft sucht „a struggle aimed at changing language is a best a misguided irrelevance, and a worst a damaging diversion of energies away from the real problem of social and legal equality“ (Lepsch 1987: 159), um das soziale und rechtliche Ungleichgewicht zu korrigieren. Denn am Ende blieb es dabei: Frauen wurden Anwältinnen, blieben sprachlich aber oft Anwälte.

3. Geschlechtergerechte Sprache in Frankreich

Debatten über die Verwendung der geschlechtergerechten Sprache in Frankreich heizen Diskussionen und Foren an und füllen die Seiten der Zeitungen. Dies ist ein Zeichen der Verbundenheit der Mitbürger*innen zu ihrer Sprache und der ständigen Sorge um ihren guten Sprachgebrauch bon usage. Zu den kontroversen Diskussionen gehört die Feminisierung von Berufsbezeichnungen, Titeln und Funktionen. Dies ist nicht nur ein sprachwissenschaftliches Phänomen, sondern betrifft die Gesellschaft als Ganzes. So besteht die Rolle der Regierung darin, nicht eine sprachliche Norm in diesem Bereich aufzulegen und das Recht der freien Meinungsäußerung zu unterbinden, sondern eine Lösung zu finden, mit der jedes Individuum seinen eigenen Sprachgebrauch verwenden und entfalten kann. Die staatliche Instanz ist jedoch dazu verpflichtet, im öffentlichen Dienst mit guten Beispielen voranzugehen. Die Tatsache, dass eine Schulleiterin in Frankreich seit Jahren la directrice genannt, aber die Leiterin der Zentralverwaltung madame le directeur bezeichnet wird, zeigt, dass die Feminisierung von Titeln symbolisch und nicht sprachlich begründet ist. Deshalb fordert Bernard Cerguilini in seinem Rundschreiben Circulaire vom 6. März 1998 die staatlichen Instanzen auf, weibliche Bezeichnungen für Berufe, Titel, Besoldungsgruppen und Funktionen zu verwenden. Daraufhin legte la Commission générale de terminologie et de néologie einen Bericht mit dem Titel La féminisation des noms de métier, foncion grade ou titre vor, aus welchem die allgemeingültigen Aussagen zur Verwendung der geschlechtergerechten Sprache zu entnehmen sind.

Une politique linguistique qui fait de la féminisation une priorité semble se donner pour objectif de remédier à un décalage entre les mots et les moeurs afin que la langue transcrive fidèlement l’accès des femmes à des métiers, fonctions, grades ou titres qui leur a été longtemps refusé. Cette initiative a, en France et dans les pays francophones, des précédents dont la vertu essentielle est de nous révéler les impasses à éviter (Rapport de la Commission générale de terminologie et de néologie 1998: 2).

Dieser zeigt, dass der sprachliche Gebrauch sich auf das Individuum richtet und nicht auf die Stellenbeschreibung o.ä. Demzufolge wurde ein Leitfaden vom Institut national de la langue française zum korrekten Sprachgebrauch erstellt, welcher die sprachliche Richtlinie für alle Instanzen, Behörden, Unternehmen und einen Teil des öffentlichen Lebens darstellen soll. Diese „Feminisierung“ gewisser Bezeichnungen wurde noch 2002 von der Académie française abgelehnt, die seit 1635 mit ihrem Wörterbuch als anerkannte Autorität über das Französische wacht.

[...]


1 Le monde. 2021. „Jean-Michel Blanquer exclut l’utilisation du point médian à l’école", Écriture
inclusive
: , URL: https://www.lemonde.fr/societe/article/2021/05/07/jean-michel-blanquer-interdit-l-ecriture-inclusive-a-l-ecole_6079436_3224.html [letzter Zugriff: 15.09.2021]

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Geschlechtergerechte Sprache als Instrument zur Umsetzung der gesellschaftlichen Gleichstellung von Frauen und Männern
Hochschule
Universität Siegen  (Romanisches Seminar)
Veranstaltung
Écriture inclusive - Feministische Sprachpolitik in der Frankophonie
Note
2,0
Autor
Jahr
2021
Seiten
18
Katalognummer
V1174307
ISBN (Buch)
9783346592828
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese wissenschaftliche Arbeit beinhaltet Zitate sowohl in der englischen als auch in der französischen Sprache.
Schlagworte
Frankreich, Sprachstruktur, Sprachpolitik, individuelles Sprachverhalten, Sprachwissenschaft, Linguistik, Berufswahl, Auswirkungen, gendern, geschlechtergerechte Sprache, Instrument, gesellschaftliche Gleichstellung, Mann, Frau, Romanistik, écriture inclusive, Frankophonie, feministische Sprachpolitik
Arbeit zitieren
Anette Claudia Kozok (Autor:in), 2021, Geschlechtergerechte Sprache als Instrument zur Umsetzung der gesellschaftlichen Gleichstellung von Frauen und Männern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1174307

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