Die Ausbildung von Kooperation in sequentiellen Tauschsituationen

Wie individuell rationale Entscheidungen durch Vertrauen zu kollektiv optimalen Ergebnissen führen


Seminararbeit, 2007

19 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 EINLEITUNG

2 KOOPERATION IN SEQUENTIELLEN TAUSCHSITUATIONEN
2.1 SPIELTHEORIE ALS GRUNDLAGE DER MODELLIERUNG INDIVIDUELLEN HANDELNS
2.1.1 Gemischte vs. reine Strategiespiele illustriert am „Battle of Sexes“
2.1.2 Das Gefangenendilemma: Wie Information und Zeit das Spiel beeinflussen
2.2 DIE EVOLUTION VON VERTRAUEN
2.2.1 Kommunikation
2.2.2 Indirekte Reziprozität und Reputation durch Institutionen
2.2.3 Soziale Netzwerke, Gruppenidentität und Normen
2.2.4 Rassenunterschiede und sozialer Status

3 ZUSAMMENFASSUNG

4 FAZIT

5 LITERATUR

1 Einleitung

Die Rational-Choice-Theorie ist eine Handlungstheorie auf Grundlage des methodologischen Individualismus. Dieser besagt, dass soziale Phänomene nur durch das Handeln von Individu- en zu erklären und darauf zurückzuführen sind (Lindenberg 1985). Um aggregierte Phänome- ne erklären zu können, ist es demnach nötig das Verhalten Einzelner zunächst auf der Mikro- ebene zu erklären. Dabei ist zu beachten, dass das Handeln auf der Mikroebene ausgehend von der Makroebene durch die „Logik der Situation“ (Coleman 1990) plausibel gemacht werden muss. Anschließend ist es möglich soziale Phänomene auf der Makroebene über Brü- ckenannahmen und die Aggregation individuellen Handelns zu entwerfen (Coleman 1990). Generell in der Rational-Choice-Theorie, also der Handlungstheorie auf der Mikroebene, wo- bei handelnden Akteuren rationales Verhalten zugeschrieben, welche auf Grundlage ihrer Präferenzen eine Nutzen maximierende, bewusste Entscheidung treffen, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Bei der Modellierung von Interaktionen trifft man hierbei unweigerlich auf die Spieltheorie, die zu deren Veranschaulichung und Analyse von Interaktionen dient.

Im Folgenden soll zunächst die Spieltheorie anhand von den prominenten Beispielen des „Ge- fangenendilemmas“ und des „Kampf der Geschlechter“ genauer erläutert werden. Dabei trifft man unumgehbar auf die Rationalitätsfalle oder auch Tragik von Allmende (Paradoxon des Gefangenendilemmas). Diese Konzepte besagen, dass in nicht-kooperativen Spielen (siehe: 2.1.2) individuell rationale Entscheidungen zu kollektiv suboptimalen Ergebnissen führen (Binmore 1992). Die simple Lösung dieses Problems lautet Kooperation der Akteure, welche durch gegenseitiges Vertrauen erreicht werden kann. Eigentlich ein recht einfaches Konzept, könnte man denken, aber „It turns out [...] [people] don’t like to trust [...], because trust is a form of risk that makes one vulnerable to betrayal” (Lambert 2006). Deswegen soll im zwei- ten Teil der vorliegenden Arbeit dargestellt werden, auf welche Art und Weise und unter wel- chen Umständen Vertrauen und somit Kooperation in Tauschsituationen zustande kommen kann.

2 Kooperation in sequentiellen Tauschsituationen

Der methodologische Individualismus schreibt vor, soziale Phänomene von der Mikroebene aus, also auf Grundlage individuellen Verhaltens zu erklären. Vertrauen bildet sich interper- sonell aus. Wie kommt es also bei rationaler Entscheidung auf Grundlage von individuellen Präferenzen dazu, dass sich Menschen vertrauen?

Hierbei stellt die Spieltheorie die Grundlage der Erklärung in der Handlungstheorie dar. Nach Colemans (1990) typischen Erklärungsansatz in der Soziologie ist aber auch klar, dass sich diese interpersonellen Handlungen aggregieren und zumeist ohne den Willen und/ oder das Wissen der Einzelnen durch soziale Mechanismen diffundieren und sich als soziale Phä- nomene niederschlagen. Zunächst also soll die individuelle Entscheidungslogik der Rational- Choice-Theorie anhand der Spieltheorie veranschaulicht werden, um auf deren Grundlage die Ausbildung von Kooperation durch Vertrauen und die daran geknüpften Bedingungen zu ver- anschaulichen.

2.1 Spieltheorie als Grundlage der Modellierung individuellen Handelns

Die Spieltheorie ist ein Analyseinstrument rationalen Verhaltens, das durch das Formalisieren von strategischen Entscheidungssituationen Lösungskonzepte zum Auffinden optimaler Stra- tegien modelliert. Das wichtigste Kriterium hierbei ist das Auffinden einer dominanten Hand- lungsoption. Unter der üblichen spieltheoretischen Annahme der egoistischen Spieler, ist die- jenige Alternative, die bezüglich jeder anderen Handlungsoption die höchsten Auszahlungen (Pay-Offs) bietet dominant und somit die optimale Lösung. Das wohl prominenteste Lö- sungskonzept (für nicht-kooperative Spiele) stellt das von John Forbes Nash stammende sog. Nash-Gleichgewicht dar. Dies ist die stabile Menge jener wechselseitig besten Spielkombina- tionen, von welchen aus kein einzelner Spieler durch Abweichen von seiner Strategie einen Vorteil erzielen kann. Für kooperative Spiele, in denen die Spieler bindende Verträge schlie- ßen können, kommen anderen Lösungsmöglichkeiten, wie die Nash-Verhandlungslösung oder die Imputationsmenge in Betracht, diese werden hier jedoch nicht weiter ausgeführt.

Die Analyse von Interaktionen erfolgt formal anhand von mathematischen Modellen, die festlegen, welche Spieler es gibt, welchen Ablauf das Spiel hat und welche Handlungsoptio- nen jedem Spieler zur Auswahl stehen. Spiele können hierbei entweder in strategischer (Nor- mal-)Form, oder in extensiver Form dargestellt werden. Letztere wird vor allem bei sequen- tiellen Spielen eingesetzt, wobei Handlungsalternativen einzelner Spieler durch Knoten und gerichtet Graphen veranschaulicht werden. Ein solcher Spielbaum wird unter Punkt 2.1.2.1 anhand eines Beispiels illustriert. Die Beschreibung der meisten einstufigen Spiele erfolgt durch eine sogenannte Auszahlungsmatrix, welche jedem Spieler bei jedem Spielausgang einen „Pay-Off“, also Gewinn, zuordnet (siehe Beispiele zu 2.1.1 und 2.1.2).

Unterschieden werden in der Spieltheorie gemischte und reine Strategien, kooperative und nicht-kooperative Spiele, sowie wiederholte und einmalige Spiele (Binmore 1992).

2.1.1 Gemischte vs. reine Strategiespiele illustriert am „Battle of Sexes“

Der „Battle of Sexes“ oder „Kampf der Geschlechter“ ist ein Problem der Spieltheorie, für welches es drei Lösungen gibt: Zwei stabile Nash-Gleichgewichte in reinen Strategien, wobei eindeutig, also deterministisch Handlungsoptionen individuell optimal sind, und eine Lösung in gemischter Strategie, wobei jeder Alternative eine Wahrscheinlichkeitsverteilung zugeord- net wird. An dieser Stelle sei zu erwähnen, dass in gemischten Strategien mit endlichen Akti- onsmengen, also Alternativen, immer ein Nash-Gleichgewicht gewährleistet ist, in reinen Strategien kann es aber auch kein oder mehrere stabile Lösungen, wie hier, geben.

Die Spieler, Mann und Frau, wollen den Abend gemeinsam verbringen, wobei jeder seine eigenen Präferenzen hat. Die Entscheidung erfolgt unabhängig voneinander (siehe: nicht- kooperatives Spiel: 2.1.2 ).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab. 1: Auszahlungsmatrix „Kampf der Geschlechter “

Aus der Auszahlungsmatrix geht keine dominante Strategie hervor, da sich beide Spieler für ihre Präferenz entscheiden. Da aber der Abend zusammen verbracht wer- den soll, würden beide dem jeweils ande- rem entgegenkommen und ein gemeinsa- mer Abend würde wiederum nicht zustande kommen.

Ein Ausweg aus diesem Dilemma ist das Treffen eine Zufallsentscheidung. Dafür gibt es ein Gleichgewicht in gemischten Strategien. Um dieses berechnen zu können wird für beide Spieler eine Nutzenfunktion aufgestellt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bei der Wahl der gemischten Strategie durch einen der beiden Spieler ergibt sich für den zweiten Spieler Indifferenz zwischen den gemischten Strategien, so dass dann [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] gilt und sich bei entsprechendem Vor- gehen für den Erwartungswert der Frau ergibt, dass jeder der Spieler in 25% aller Fälle der Präferenz des Partners zustimmt und entsprechend in 75% der Fälle seiner eigenen Präferenz nachgeht (Wiens).

2.1.2 Das Gefangenendilemma: Wie Information und Zeit das Spiel beeinflussen.

Das „Gefangenendiemma“, oder auch „Prisoners’ Dilemma“, als nicht-kooperatives Spiel mit imperfekter Information der Akteure, stellt als das Paradoxon, wie individuell rationale Ent- scheidungen zu kollektiv suboptimalen Ergebnissen führen können, einen zentralen Bestand- teil der Spieltheorie dar (Binmore 1992).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab. 2: Auszahlungsmatrix „Gefangenendilemma“

Die folgenden Pay-Off-Matrix veranschaulicht die Situation des Gefangenendilemmas: Die Gefangenen haben gemein- sam eine Straftat begangen. Bei der getrennt voneinander stattfin- denden Befragung, wird beiden das Angebot nach obiger Auszah- lungsmatrix (der „Pay-Off“ ent- spricht den jeweiligen Jahren im Gefängnis) gemacht. Für beide Gefangene gibt es also zwei mögliche Strategien: Schweigen oder Gestehen; beziehungsweise in Hinsicht auf den jewei- lig Anderen: Kooperation oder Abweichen/ Defektion Mögliche Ergebnisse sind (hier und im Allgemeinen):

- „ Temptation“ – Belohnung für einseitigen Verrat (hier: Freiheit bzw. 0 Jahre Gefäng- nis
- „ Reward“ – Belohnung für Kooperation der beiden Angeklagten (hier: 2 Jahre Ge- fängnis)
- „ Punishment“ – Bestrafung für gegenseitigen Verrat/ Defektion (hier: 4 Jahre Gefäng- nis)
- „ Sucker’s pay-off“ – Bestrafung für Vertrauen/ einseitige Defektion durch den Gegen- spieler (hier: 5 Jahre Gefängnis)

In jedem Fall muss für die Pay-Off-Anordnung T > R > P > S gelten (Ross 2006). Wie die Elemente der Nicht-Kooperation und der imperfekten Information das Ergebnis des Spiels negativ beeinflussen soll im Folgenden dargestellt werden.

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Ausbildung von Kooperation in sequentiellen Tauschsituationen
Untertitel
Wie individuell rationale Entscheidungen durch Vertrauen zu kollektiv optimalen Ergebnissen führen
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Veranstaltung
Sozialer Wandel und internationaler Vergleich I: Soziale Mechanismen und Rational Choice Theorien
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
19
Katalognummer
V117433
ISBN (eBook)
9783640195978
ISBN (Buch)
9783656834298
Dateigröße
431 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ausbildung, Kooperation, Tauschsituationen, Sozialer, Wandel, Vergleich, Soziale, Mechanismen, Rational, Choice, Theorien
Arbeit zitieren
Melanie Rottmüller (Autor), 2007, Die Ausbildung von Kooperation in sequentiellen Tauschsituationen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/117433

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