Der Grundgedanke des Dramas beruht auf der Divergenz zweier dramatischer Räume. Der sozialen Ordnung, der Norm, wird die Freiheit, die Leidenschaft, die Willkür gegenübergestellt. Die dramatische Handlung kommt zustande durch das Übertreten dieser Grenzen und sucht nach Auflösung dieser Normverletzung.
Da Frauen im zeitgenössischen Diskurs auf die weibliche, familiäre Rolle, d.h. dem häuslichen Raum beschränkt wurden und eine Überschreitung dieses Raumes als unmöglich angesehen wurde, konnten Frauen folglich auch nicht in der Lage sein Dramen selbst zu verfassen. Aus diesen beschränkten Fähigkeiten ließen sich ebenso beschränkte Rechte der Frauen des 18. Jahrhunderts ableiten. Diese werden in Bezug auf die Eheschließung in dieser Arbeit eine besondere Rolle spielen. Es ist auffallend, dass die meisten Dramen von Frauen Familienstücke sind, in denen eben diese Machtverhältnisse innerhalb des familiären Kreises dargestellt sind. Unbestritten ist, dass sich darin auch Aussagen über die politischen Verhältnisse dieser Zeit verbergen, aber diese offen zu formulieren, wäre für eine Frau undenkbar gewesen. Dies soll aber bei der weiteren Betrachtung nicht von Relevanz sein. Als Grundlage werde ich mich mit der geschichtlichen Situation der Frauen - des Adels, des gehobenen und mittleren Bürgertums - und ihrer Rechte näher auseinandersetzen. Die persönliche Lage von Victoria Luise Adelgunde Gottsched wird anschließend besonders hervorgehoben, da abschließend die Umsetzung der Hochzeitsthematik in ihrem Drama Der Witzling genauer untersucht werden soll.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Frau und Familie
3 Die Gottschedin
4 Dramatische Verarbeitung
4.1 Die Offenbarung
4.2 Der Plan
4.3 Die Auflösung
5 Zusammenfassung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die soziale und rechtliche Situation von Frauen im 18. Jahrhundert sowie deren Möglichkeiten der literarischen Produktion, insbesondere am Beispiel von Luise Adelgunde Viktorie Gottsched und ihrem Luststück "Der Witzling", um zu analysieren, wie weibliche Autorinnen ihre Kritik an gesellschaftlichen Machtverhältnissen trotz restriktiver Zensur und Rollenvorgaben artikulierten.
- Historische Analyse der Lebensumstände und Bildungsrechte der Frau des 18. Jahrhunderts.
- Untersuchung der biographischen Aspekte von Luise Adelgunde Viktorie Gottsched.
- Analyse der thematischen Auseinandersetzung mit der Eheschließung und weiblicher Selbstbestimmung im Drama "Der Witzling".
- Deutung der literarischen Strategien und der "dezenten" Kritik an patriarchalen Strukturen.
Auszug aus dem Buch
Die Offenbarung
Im ersten Auftritt werden Jungfer Lottchen und Herr Reinhart vorgestellt, Lottchen als intelligentes, selbstbewusstes Fräulein, Herr Reinhart als liebenswürdiger, offener Hausherr. Fast die Hälfte des Aktes äußern sie im Gespräch ihre konträren Meinungen über Herrn Vielwitz, welcher als Gast bei ihnen wohnt.
Lottchen spricht ihm „ein[en] Mangel an Vernunft“ zu, Herr Reinhart hingegen hält sehr viel von ihm, nicht zuletzt weil er der Sohn seines sehr guten, reichen Freundes ist. Lottchen hat, als Vertreterin der Vernunft, bereits nach kurzer Zeit des Zusammenlebens erkannt: „Reichtum hilft so wenig für Thorheit, als das Alter.“
Im Stück ist bis dahin nicht geklärt, in welchem Verhältnis Jungfer Lottchen und Herr Reinhart zueinander stehen. Es ist jedoch schon aus der Gesprächsführung heraus zu vermuten, dass Herr Reinhart eine Person mit beschränkter Macht gegenüber Lottchen sein muss. Ihre vehemente Gegenrede und das Unterbrechen, wenn Herr Reinhart spricht, weisen darauf hin.
Etwa in der Mitte des ersten Auftritts wird der Fokus auf das Vorhaben des Herrn Reinharts gelenkt, Jungfer Lottchen und Herrn Vielwitz zu verloben. Zunächst wird jedoch die rechtliche Situation für Lottchen, aber vor allem für den Leser/ Zuschauer erläutert: „Ihr Vater war ein braver ehrlicher, reicher Mann; und wusste, daß ich wohl mein Leben für ihn gelassen hätte: darum hat er mich auch zum Vormund über Sie gesetzt, und zwar mit einer Bedingung, die sehr selten ist: daß nämlich, wofern Sie in Ihren unmündigen Jahren wider meinen Willen heirathet, ich Ihr von Ihrem Vermögen keinen Häller auszahlen darf. Weis Sie das, Jungfer Lottchen?“
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung beleuchtet die schwierige Situation dichtender Frauen im 18. Jahrhundert und führt in die Thematik der patriarchalen Beschränkungen im damaligen Dramenverständnis ein.
2 Frau und Familie: Das Kapitel analysiert das Abhängigkeitsverhältnis der Frau im 18. Jahrhundert, welches durch die moderne Kleinfamilie, rechtliche Vormundschaft und den Ausschluss von Bildung geprägt war.
3 Die Gottschedin: Hier wird die Biografie von Luise Adelgunde Viktorie Gottsched skizziert, wobei ihre Dreifachbelastung aus Haushalt, Ehepflichten und schriftstellerischer Arbeit im Zentrum steht.
4 Dramatische Verarbeitung: Dieser Hauptteil widmet sich der detaillierten Analyse des Lustspiels "Der Witzling" und untersucht durch die drei Unterkapitel, wie die Protagonistin Lottchen gesellschaftliche Konventionen infrage stellt.
5 Zusammenfassung: Das Fazit resümiert, dass Gottsched erfolgreich brisante soziale Themen durch eine dezente Erzählweise bearbeitete und damit die weibliche Perspektive in den dramatischen Tugenddiskurs integrierte.
Schlüsselwörter
Luise Adelgunde Viktorie Gottsched, 18. Jahrhundert, Der Witzling, Frau und Familie, Aufklärung, Dramenpoetik, weibliche Rollenbilder, Vormundschaft, Ehe, Literaturproduktion, Literatursatire, Emanzipation, Geschlechterrollen, Vernunft, Sozialgeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Lebensrealität und die literarische Produktion von Frauen im 18. Jahrhundert, insbesondere den Kampf um Autonomie innerhalb eines restriktiven gesellschaftlichen Systems.
Welche thematischen Felder stehen im Zentrum der Untersuchung?
Die Arbeit behandelt die soziale Situation der Frau, das historische Idealbild der Ehefrau und Mutter sowie die Möglichkeiten für Frauen, innerhalb männlich dominierter literarischer Strukturen kreativ tätig zu sein.
Was ist das primäre Ziel oder die zentrale Forschungsfrage der Arbeit?
Es wird erforscht, wie Luise Adelgunde Viktorie Gottsched in ihrem Werk "Der Witzling" geschickt Kritik an patriarchalen Strukturen übte, ohne dabei die geltenden gesellschaftlichen Normen offensichtlich zu verletzen.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Textanalyse, ergänzt durch historische Kontextualisierung und biographische Forschung zur Autorin.
Welche Aspekte werden im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historisch-soziologische Betrachtung der Frau, eine biographische Einordnung der Gottschedin und eine tiefgehende Interpretation des dramatischen Werks "Der Witzling".
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Zu den zentralen Begriffen gehören Frauenbild im 18. Jahrhundert, literarische Aufklärung, gesellschaftliche Normverletzung, Ehe, Vormundschaft und die Dramatikerin Luise Adelgunde Viktorie Gottsched.
Wie unterscheidet sich die Protagonistin Lottchen in "Der Witzling" von zeitgenössischen Frauenbildern?
Lottchen tritt als selbstbewusste, vernunftorientierte junge Frau auf, die sich gegen eine arrangierte Ehe mit dem ihr intellektuell unterlegenen Vielwitz wehrt und aktiv nach einer eigenen Lebensgestaltung strebt.
Welche Rolle spielt der "junge Reinhart" bei der Auflösung der Handlung?
Er fungiert als Verbündeter Lottchens, der durch seine Intelligenz und sein Handeln dazu beiträgt, den Plan des Vormunds zu vereiteln, und somit als Korrektiv zur veralteten Sichtweise des älteren Reinhart dient.
Warum wählte Gottsched eine "dezente" Darstellungsweise für ihre Kritik?
Aufgrund der Zensur und der gesellschaftlichen Erwartungen an eine "tugendhafte" Frau musste sie ihre emanzipatorischen Ideen indirekt und ironisch verpacken, um in der zeitgenössischen Männerwelt überhaupt Gehör und Akzeptanz zu finden.
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- Melanie Teege (Autor), 2006, Von der Fremd- zur Selbstbestimmung, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/117438