„«Was 'n Wetterchen!» ruft ein Mädchen begeistert. «Ja, wunderbar!» erwidert ihre Freundin, während sie ein Fädchen von ihrem neuen Röckchen zupft. Sie sitzen auf einer Terrasse in der Sonne. Unter den Holztischchen tummeln sich Spätzchen. «Trinken wir noch ein Weinchen?» Die beiden Blondchen schauen sich schelmisch an. «Warum nicht, ein Stündchen haben wir ja noch.» Am Tischchen nebenan sitzt ein altes Mütterchen, das die Kellnerin mit der Anrede 'Fräulein' herbeiruft. Die Mädels schmunzeln. Nachdem sie nochmal bestellt haben, tauschen die beiden Anekdötchen über die Sommerferien aus. In einem Büchlein zeigt das eine Mädchen, wie putzig das französische Dörfchen war, in dem sie mit ihren Eltern Urlaub gemacht hat. Dann steht eins der Mädchen auf. «Na, wollen wir mal fahren?» «Wie fahren? Du hast doch getrunken!» «Ach, das waren doch nur zwei Gläschen!» «Naja, okay. Aber wenn's ein Knöllchen gibt, zahl ich nicht mit!»“1 Im oben stehenden Text haben die kursiven Wörter eins gemeinsam: sie werden in der Linguistik als 'Diminutive' bezeichnet. Als deutsches Wort dafür tritt – vor allem umgangssprachlich – 'Verkleinerungswort/-wörter' auf. Schon ein flüchtiger Blick auf die kursiven Wörter genügt jedoch um zu erkennen, dass es sich keineswegs in allen Fällen um bloße Verkleinerungen handelt. Nur bei Fädchen und (Holz-)tischchen liegen eindeutig Verkleinerungen vor, in einigen Fällen könnte die Bedeutungskomponente 'klein' eine Rolle spielen (Spätzchen, Röckchen, Dörfchen, Büchlein), aber in der überwiegenden Zahl der Fälle ist eine solche Komponente kaum (Mädchen, Mädels, Gläschen, Anekdötchen) oder nicht zu erkennen (Wetterchen, Weinchen, Stündchen, Knöllchen, Fräulein, Blondchen, Mütterchen).
Außerdem kommen Fragen auf wie: Von welchem Wort sollen Mädchen und Mädel Verkleinerungen sein? Handelt es sich bei den Spätzchen wirklich um ungewöhnlich kleine Spatzen? Wie hat man sich eine Verkleinerung des Wetters vorzustellen? Wären einige dieser Diminutive nicht treffender als 'Verniedlichung' zu bezeichnen? Spielen neben Kleinheit nicht auch emotionale Aspekte eine Rolle? Warum gibt es eigentlich gleich mehrere Suffixe (-chen, -el, -lein), mit denen man verkleinern kann? Gibt es einen Unterschied zwischen einem Heftchen und einem Heftlein? Diese kurzen Überlegungen enthalten bereits einige der wichtigen Fragestellungen zur Semantik der Diminutive.
Die vorliegende Untersuchung gibt anhand von empirischen Daten Antworten auf diese und andere Fragen.
Inhaltsverzeichnis
1 – EINFÜHRUNG
1.1 – Diminutive
1.2 – Zur Themenstellung und Zielsetzung der Arbeit
2 – ÜBERBLICK ÜBER DIMINUTION UND IHRE ERFORSCHUNG
2.1 – Diminution als Art der Modifikation
2.2 – Forschungsstand zur Diminution im Deutschen
2.3 – Forschungsstand zur Semantik der Diminutive
3 – DIE VORGEHENSWEISE
3.1 – Ziel der Untersuchung
3.2 – Struktur der Untersuchung
4 – DIE KORPUSRECHERCHE
4.1 – Die zu untersuchenden Suffixe
4.2 – Die zu untersuchenden Diminutive
4.3 – Das Korpus
4.4 – Das gewählte Teilkorpus
4.5 – Das Suchprogramm und die Suchanfrage
4.6 – Die ersten Ergebnisse
4.7 – Eine neue Suchmethode
4.8 – Bereinigung der Ergebnislisten
5 – THEORETISCHE VORÜBERLEGUNGEN
5.1 – Hin zu einem adäquaten Modell zur Analyse und Beschreibung
5.2 – Suffixbedeutung und Assoziationen
5.3 – Objektivität und Subjektivität
5.4 – Der Ansatz von DRAEGER
5.5 – Motivation für Diminution
5.6 – Motiviertheit, Lexikalisierung, Idiomatisierung
5.7 – Die Stellung der unmotivierten Diminutive in der Auswertung
5.8 – Das Modell der semantischen Features
5.9 – Zur Zuweisung der Features
6 – DIE ANALYSE
6.1 – Das Feature [KLEIN]
6.2 – Das Feature [JUNG]
6.3 – Das Feature [EINZELHEIT]
6.4 – Das Feature [VERSCHLEIERND]
6.5 – Das Feature [EMOT.POS]
6.6 – Das Feature [EMOT.NEG]
6.7 – Das Feature [FESTE.GRÖSSE]
6.8 – Unmotivierte Diminutive
7 – ÜBERSICHT UND TYPOLOGIE
7.1 – Zum Begriff 'Typologie'
7.2 – Diminution in den germanischen Sprachen
7.3 – Zwei produktive Diminutivsuffixe
7.4 – Die Distribution von -chen und -lein
7.5 – Zur Charakterisierung der Suffixleistungen
7.6 – Die prototypischen Features von -chen
7.7 – Die prototypischen Features von -lein
7.8 – Vergleich der Distribution der Features von -chen und -lein
7.9 – Die prototypischen Features der deutschen Diminutivsuffixe
7.10 – Konfigurationen
7.11 – Die prototypischen Konfigurationen von -chen
7.12 – Die prototypischen Konfigurationen von -lein
7.13 – Vergleich der Konfigurationen von -chen und -lein
7.14 – Die prototypischen Konfigurationen der deutschen Diminutivsuffixe
8 – ZUSAMMENFASSUNG UND SCHLUSSBEMERKUNGEN
8.1 – Zusammenfassung der Ergebnisse
8.2 – Evaluation
8.3 – Ausblick
8.4 – Schlussworte
Zielsetzung & Themen
Ziel der Arbeit ist eine empirische Untersuchung der Semantik produktiver deutscher Diminutivsuffixe, um eine quantitativ-semantische Typologie zu erstellen und die methodischen Probleme bisheriger Ansätze bei der Abgrenzung von Suffixbedeutungen zu überwinden.
- Semantische Analyse der Diminutivsuffixe -chen und -lein mittels eines Korpus.
- Entwicklung eines Modells basierend auf binären semantischen Features statt starrer Kategorien.
- Untersuchung der motivierten gegenüber den lexikalisierten bzw. idiomatisierten Diminutiven.
- Vergleich der Suffixleistungen und deren Häufigkeitsverteilung im Gegenwartsdeutschen.
- Identifikation prototypischer Konfigurationen von Diminutivsuffixen.
Auszug aus dem Buch
1.1 – Diminutive
„«Was 'n Wetterchen!» ruft ein Mädchen begeistert. «Ja, wunderbar!» erwidert ihre Freundin, während sie ein Fädchen von ihrem neuen Röckchen zupft. Sie sitzen auf einer Terrasse in der Sonne. Unter den Holztischchen tummeln sich Spätzchen. «Trinken wir noch ein Weinchen?» Die beiden Blondchen schauen sich schelmisch an. «Warum nicht, ein Stündchen haben wir ja noch.» Am Tischchen nebenan sitzt ein altes Mütterchen, das die Kellnerin mit der Anrede 'Fräulein' herbeiruft. Die Mädels schmunzeln. Nachdem sie nochmal bestellt haben, tauschen die beiden Anekdötchen über die Sommerferien aus. In einem Büchlein zeigt das eine Mädchen, wie putzig das französische Dörfchen war, in dem sie mit ihren Eltern Urlaub gemacht hat. Dann steht eins der Mädchen auf. «Na, wollen wir mal fahren?» «Wie fahren? Du hast doch getrunken!» «Ach, das waren doch nur zwei Gläschen!» «Naja, okay. Aber wenn's ein Knöllchen gibt, zahl ich nicht mit!»“
Im oben stehenden Text haben die kursiven Wörter eins gemeinsam: sie werden in der Linguistik als 'Diminutive' bezeichnet. Als deutsches Wort dafür tritt – vor allem umgangssprachlich – 'Verkleinerungswort/-wörter' auf. Schon ein flüchtiger Blick auf die kursiven Wörter genügt jedoch um zu erkennen, dass es sich keineswegs in allen Fällen um bloße Verkleinerungen handelt. Nur bei Fädchen und (Holz-)tischchen liegen eindeutig Verkleinerungen vor, in einigen Fällen könnte die Bedeutungskomponente 'klein' eine Rolle spielen (Spätzchen, Röckchen, Dörfchen, Büchlein), aber in der überwiegenden Zahl der Fälle ist eine solche Komponente kaum (Mädchen, Mädels, Gläschen, Anekdötchen) oder nicht zu erkennen (Wetterchen, Weinchen, Stündchen, Knöllchen, Fräulein, Blondchen, Mütterchen).
Zusammenfassung der Kapitel
1 – EINFÜHRUNG: Die Einleitung führt in die Thematik der Diminutive ein und benennt die Problemstellung, die zu dieser Untersuchung geführt hat.
2 – ÜBERBLICK ÜBER DIMINUTION UND IHRE ERFORSCHUNG: Das Kapitel reflektiert den aktuellen Stand der Forschung hinsichtlich Modifikation und der linguistischen Diskussion über Diminutivsuffixe.
3 – DIE VORGEHENSWEISE: Hier wird das methodische Vorgehen der korpusbasierten Studie dargelegt, welches in die Phasen Korpusrecherche, Semantische Analyse und Typologie unterteilt ist.
4 – DIE KORPUSRECHERCHE: Dieses Kapitel erläutert die Auswahl des Korpus (COSMAS-II) und die methodischen Herausforderungen bei der Suchanfrage und Bereinigung der Belege.
5 – THEORETISCHE VORÜBERLEGUNGEN: Es wird das Modell der semantischen Features zur Analyse der Suffixbedeutungen entwickelt, um eine exaktere Kategorisierung zu ermöglichen.
6 – DIE ANALYSE: Die praktische Anwendung des Feature-Modells auf die gefundenen Diminutive wird hier detailliert für jedes einzelne semantische Feature vorgestellt.
7 – ÜBERSICHT UND TYPOLOGIE: Abschließend werden die Ergebnisse zusammengeführt, um die prototypische Leistung der Suffixe -chen und -lein zu vergleichen und zu typologisieren.
8 – ZUSAMMENFASSUNG UND SCHLUSSBEMERKUNGEN: Das Kapitel zieht ein Fazit der Studie, evaluiert das angewandte Modell und gibt einen Ausblick auf künftige Forschungsmöglichkeiten.
Schlüsselwörter
Diminutive, Diminution, Suffixe, -chen, -lein, Semantik, Korpuslinguistik, Wortbildung, Modifikation, Taxation, Features, Typologie, Sprachwissenschaft, Gegenwartsdeutsch, Morphologie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Wesentlichen?
Die Arbeit untersucht die semantischen Leistungen der produktiven deutschen Diminutivsuffixe -chen und -lein und wie diese die Basiswörter semantisch modifizieren.
Welches sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen umfassen die Abgrenzung von Verkleinerung und Taxation, die Rolle der emotionalen Einstellung bei der Diminution sowie die lexikalische Entwicklung von Diminutiven.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist die Erstellung einer empirisch fundierten, quantitativ-semantischen Typologie der Diminution im gegenwärtigen Deutschen unter Verwendung eines neuen Modells semantischer Features.
Welche wissenschaftliche Methode wird für die Analyse verwendet?
Der Autor nutzt eine korpusbasierte Analyse (COSMAS-II-Korpus) und ein Modell, das Bedeutungen in binäre „semantische Features“ zerlegt, um Überschneidungen und Mehrdeutigkeiten besser erfassbar zu machen.
Was wird im umfangreichen Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine methodische Korpusrecherche, theoretische Vorüberlegungen zur Modellbildung und die detaillierte Analyse der einzelnen Features, wie [KLEIN], [JUNG] oder [EMOT.POS].
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Diminution, Modifikation, semantische Features, Lexikalisierung, Idiomatisierung und Konfigurationen.
Warum unterscheidet der Autor zwischen motivierten und unmotivierten Diminutiven?
Diese Unterscheidung ist entscheidend für die Analyse, da unmotivierte Bildungen (wie Kaninchen) keine Rückschlüsse auf die aktuelle semantische Leistung der Suffixe erlauben, da sie keine Wahlmöglichkeit für den Sprecher bieten.
Inwiefern ist das Feature [FESTE.GRÖSSE] eine Besonderheit im Modell?
Im Gegensatz zu den anderen Features beschreibt es keine Leistung des Suffixes, sondern eine inhärente Eigenschaft des Basiswortes, die andere semantische Potenziale der Diminution einschränkt.
Wie unterscheidet sich die Verwendung von -chen und -lein laut der Studie?
Die Studie zeigt, dass -chen wesentlich häufiger ist, während -lein eine stärkere Tendenz zur Taxation aufweist und eine höhere stilistische Markiertheit besitzt.
- Quote paper
- David Willem Borgdorff (Author), 2008, Zur Semantik der Diminutive in der gegenwärtigen Schriftsprache des Deutschen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/117443