Zur Semantik der Diminutive in der gegenwärtigen Schriftsprache des Deutschen


Magisterarbeit, 2008

92 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1 – EINFÜHRUNG
1.1 – Diminutive
1.2 – Zur Themenstellung und Zielsetzung der Arbeit

2 – ÜBERBLICK ÜBER DIMINUTION UND IHRE ERFORSCHUNG
2.1 – Diminution als Art der Modifikation
2.2 – Forschungsstand zur Diminution im Deutschen
2.3 – Forschungsstand zur Semantik der Diminutive

3 – DIE VORGEHENSWEISE
3.1 – Ziel der Untersuchung
3.2 – Struktur der Untersuchung

4 – DIE KORPUSRECHERCHE
4.1 – Die zu untersuchenden Suffixe
4.2 – Die zu untersuchenden Diminutive
4.3 – Das Korpus
4.4 – Das gewählte Teilkorpus
4.5 – Das Suchprogramm und die Suchanfrage
4.6 – Die ersten Ergebnisse
4.7 – Eine neue Suchmethode
4.8 – Bereinigung der Ergebnislisten

5 – THEORETISCHE VORÜBERLEGUNGEN
5.1 – Hin zu einem adäquaten Modell zur Analyse und Beschreibung
5.2 – Suffixbedeutung und Assoziationen
5.3 – Objektivität und Subjektivität
5.4 – Der Ansatz von DRAEGER
5.5 – Motivation für Diminution
5.6 – Motiviertheit, Lexikalisierung, Idiomatisierung
5.7 – Die Stellung der unmotivierten Diminutive in der Auswertung
5.8 – Das Modell der semantischen Features
5.9 – Zur Zuweisung der Features

6 – DIE ANALYSE
6.1 – Das Feature [KLEIN]
6.2 – Das Feature [JUNG]
6.3 – Das Feature [EINZELHEIT]
6.4 – Das Feature [VERSCHLEIERND]
6.5 – Das Feature [EMOT.POS]
6.6 – Das Feature [EMOT.NEG]
6.7 – Das Feature [FESTE.GRÖSSE]
6.8 – Unmotivierte Diminutive

7 – ÜBERSICHT UND TYPOLOGIE
7.1 – Zum Begriff 'Typologie'
7.2 – Diminution in den germanischen Sprachen
7.3 – Zwei produktive Diminutivsuffixe
7.4 – Die Distribution von -chen und -lein
7.5 – Zur Charakterisierung der Suffixleistungen
7.6 – Die prototypischen Features von -chen
7.7 – Die prototypischen Features von -lein
7.8 – Vergleich der Distribution der Features von -chen und -lein
7.9 – Die prototypischen Features der deutschen Diminutivsuffixe
7.10 – Konfigurationen
7.11 – Die prototypischen Konfigurationen von -chen
7.12 – Die prototypischen Konfigurationen von -lein
7.13 – Vergleich der Konfigurationen von -chen und -lein
7.14 – Die prototypischen Konfigurationen der deutschen Diminutivsuffixe

8 – ZUSAMMENFASSUNG UND SCHLUSSBEMERKUNGEN
8.1 – Zusammenfassung der Ergebnisse
8.2 – Evaluation
8.3 – Ausblick
8.4 – Schlussworte

LITERATUR

1 – Einführung

1.1 – Diminutive

„«Was 'n W etterchen !» ruft ein Mädchen begeistert. «Ja, wunderbar!» erwidert ihre Freundin, während sie ein Fädchen von ihrem neuen Röckchen zupft. Sie sitzen auf einer Terrasse in der Sonne. Unter den Holztischchen tummeln sich Spätzchen. «Trinken wir noch ein Weinchen ?» Die beiden Blondchen schauen sich schelmisch an. «Warum nicht, ein Stündchen haben wir ja noch.» Am Tischchen nebenan sitzt ein altes Mütterchen, das die Kellnerin mit der Anrede ' Fräulein ' herbeiruft. Die Mädels schmunzeln. Nachdem sie nochmal bestellt haben, tauschen die beiden Ane k dötchen über die Sommerferien aus. In einem Büchlein zeigt das eine Mädchen, wie putzig das französische Dörfchen war, in dem sie mit ihren Eltern Urlaub gemacht hat. Dann steht eins der Mädchen auf. «Na, wollen wir mal fahren?» «Wie fahren? Du hast doch getrunken!» «Ach, das waren doch nur zwei Gläschen !» «Naja, okay. Aber wenn's ein Knöllchen gibt, zahl ich nicht mit!»“[1]

Im oben stehenden Text haben die kursiven Wörter eins gemeinsam: sie werden in der Linguistik als 'Diminutive' bezeichnet. Als deutsches Wort dafür tritt – vor allem umgangssprachlich – 'Verkleinerungswort/-wörter' auf. Schon ein flüchtiger Blick auf die kursiven Wörter genügt jedoch um zu erkennen, dass es sich keineswegs in allen Fällen um bloße Verkleinerungen handelt. Nur bei Fädchen und (Holz-)tischchen liegen eindeutig Verkleinerungen vor, in einigen Fällen könnte die Bedeutungskomponente 'klein' eine Rolle spielen (Spätzchen, Röckchen, Dörfchen, Büchlein), aber in der überwiegenden Zahl der Fälle ist eine solche Komponente kaum (Mädchen, Mädels, Gläschen, Anekdötchen) oder nicht zu erkennen (Wetterchen, Weinchen, Stündchen, Knöllchen, Fräulein, Blondchen, Mütterchen).

Außerdem kommen Fragen auf wie: Von welchem Wort sollen Mädchen und Mädel Verkleinerungen sein? Handelt es sich bei den Spätzchen wirklich um ungewöhnlich kleine Spatzen ? Wie hat man sich eine Verkleinerung des Wetters vorzustellen? Wären einige dieser Diminutive nicht treffender als 'Verniedlichung' zu bezeichnen? Spielen neben Kleinheit nicht auch emotionale Aspekte eine Rolle? Warum gibt es eigentlich gleich mehrere Suffixe (-chen, -el, -lein), mit denen man verkleinern kann? Gibt es einen Unterschied zwischen einem Heftchen und einem Heftlein ?

Diese kurzen Überlegungen enthalten bereits – wenn auch salopp formuliert – einige der wichtigen Fragestellungen zur Semantik der Diminutive. Wie wir in Kapitel 2 sehen werden, hat die Forschung sich ausführlich mit diesen Fragen beschäftigt. Die Forscher sind sich darüber einig, dass die Suffixe mannigfaltige Bedeutungen wie »klein«, »jung«, »reizend«, »vertraut«, »unbedeutend«, »schwach«, »erbärmlich«, »schützenswert« etc. haben können, sie betrachten diese teilweise recht unterschiedliche Bedeutungen jedoch als besondere Färbungen der Grundbedeutung »klein«[2].

1.2 – Zur Themenstellung und Zielsetzung der Arbeit

Bei einem solchen Reichtum an Bedeutungen der Diminutivsuffixe böte es sich an, anhand einer empirischen Untersuchung festzustellen, welche Bedeutungen am häufigsten vertreten und somit typisch für die Diminution im Deutschen sind.

Sofern dies überhaupt versucht wurde[3], hat sich eine solche Analyse als methodisch sehr problematisch erwiesen. Das Hauptproblem bildet die Tatsache, dass sich die Suffixbedeutungen zum Teil stark überschneiden und dass es daher nicht ohne Weiteres möglich ist, die Bedeutungen scharf voneinander zu trennen und einzelne Bildungen nach diesen zu kategorisieren. Für dieses Problem wurde bis dato keine befriedigende Lösung gefunden und es liegt somit bisher keine einzige Studie vor, in der eine repräsentative, auf Empirie basierende Typologie der Semantik der Diminutive aufgestellt wird. Die vorliegende Arbeit will diese Lücke schließen.

Dazu wird eine neue Methode vorgestellt, mit der sich die Bedeutungen der Diminutive adäquat analysieren und beschreiben lassen. Auf der Basis einer empirischen Korpusuntersuchung werden die Suffixbedeutungen beschrieben und anschließend wird eine quantitativ-semantische Typologie der deutschen Diminution aufgestellt.

2 – Überblick über Diminution und ihre Erforschung

2.1 – Diminution als Art der Modifikation

[4]Diminutive sind die Produkte eines Verfahrens der derivationalen Wortbildung, der Diminution. Während die semantische Veränderung des Basiswortes bei Diminution primär darin besteht, das vom Basiswort ausgedrückte Konzept als explizit »klein« zu bezeichnen, bewirkt die Augmentation das Gegenteil, d.h. der Sprecher signalisiert, dass er das vom Basiswort ausgedrückte Konzept als explizit »groß« betrachtet. Augmentation ist im Deutschen eine relativ junge Erscheinung und ist im Vergleich zur Diminution nur sehr gering ausgeprägt (vgl. etwa Mega- in Megaspektakel). Beide Verfahren werden mit dem Begriff 'Gradation' zusammengefasst. Gradation bildet mit Motion, Taxation, Negation und Kollektion die Gruppe der Verfahren, die man als 'Modifikation' bezeichnet[5]. Allen Arten der Modifikation gemeinsam ist, dass sie Verfahren sind, bei denen ein Basiswort semantisch verändert wird, indem ein Affix angehängt wird, wobei sowohl die Basiswortart als auch die Bedeutungskategorie erhalten bleiben. Je nachdem, was bei der semantischen Veränderung markiert wird, sprechen wir von Motion (Sexus), Gradation (relative Größe), Taxation (zugemessener Wert) oder Negation (Gegenteil). Die Kollektion stellt eine besondere Art der Modifikation dar, sie vereinigt eine Menge Entitäten zu einer Einheit.

2.2 – Forschungsstand zur Diminution im Deutschen

Der Forschungsstand zur Diminution im Deutschen ist im Allgemeinen als weit fortgeschritten zu beurteilen. Es sind zahlreiche gründliche Untersuchungen und Forschungsbeiträge zu unterschiedlichen Aspekten des Themas veröffentlicht worden[6].

Neben zahlreichen diachronischen Arbeiten, die der Entstehung und historischen Entwicklung der Diminutive gewidmet sind, sind auch einige (historisch-)synchronische Untersuchungen zu verzeichnen, welche die Diminutive in einzelnen Sprachstufen des Deutschen beschreiben. Zusammen behandeln die Forschungsbeiträge den ganzen Zeitraum von Anfang bis Gegenwart lückenlos[7].

Der wohl am häufigsten diskutierte Aspekt der deutschen Diminution ist ihre Entstehung. Insbesondere die Untersuchungen von POLZIN (1901)[8], WREDE (1908) und dessen Schüler HASTENPFLUG (1914) bildeten den Ausgangspunkt für zahlreiche Auseinandersetzungen in der Forschungsliteratur. Die Hauptstreitpunkte bilden die Frage der Herkunft der Suffixe, sowie die Thesen, dass die Diminution im Deutschen durch lateinischen Einfluss entstanden sei oder dass lateinischer oder französischer Einfluss zur starken Verbreitung der Diminution im Deutschen beigetragen, wenn nicht gar geführt habe[9].

Ein Aspekt der Diminution, dem eine deutlich geringere Aufmerksamkeit der Forscher zuteil wurde, ist der Konkurrenzkampf zwischen den Suffixen -chen und -lein im Laufe der deutschen Sprachgeschichte. Neben den Ausführungen in den historischen Grammatiken[10] sind die Studien von POLZIN (1901), GÜRTLER (1909a, 1909b), HASTENPFLUG (1914), ÖHMANN (1946, 1972), TIEFENBACH (1987) und WEGERA/SOLMS (2002) zu nennen[11].

2.3 – Forschungsstand zur Semantik der Diminutive

Zur Semantik der Diminutive ist viel geschrieben worden, wobei namentlich zwei Probleme die Diskussionen geprägt haben. Erstens wurde – vor allem in älteren Studien – rege über die ursprüngliche Bedeutung der Diminutivsuffixe diskutiert, wobei diese von manchen Forschern[12] in der noch heute geläufigen Bedeutung »klein« wiedererkannt, von anderen[13] jedoch mit 'Zugehörigkeit bezeichnend' identifiziert wird, von welcher sich dann heutige Bedeutungen wie »vertraut«, »lieb«, »jung« und »klein« herleiten. Es handelt sich dabei somit um die Frage, ob mit den Suffixen zuerst Sachbezeichnungen 'verkleinernd', oder zuerst Personen 'kosend' bezeichnet wurden[14]. Dieser Streitpunkt muss heute noch als nicht endgültig geklärt gelten. Es wird im Rahmen dieser Untersuchung nicht weiter auf diesen Punkt eingegangen.

Das zweite oft diskutierte Problem bildet die Frage, von welchen und wie viel Suffixbedeutungen auszugehen ist. Dies wird teilweise sehr unterschiedlich beurteilt. DRAEGER stellt kritisch fest[15], dass Forscher wie KRAMER (1962), HÖPPNER (1980) und MOTSCH (1983) von einer einzigen Suffixleistung ausgehen. Auch die Wörterbücher vermerken Diminutive grundsätzlich als 'Verkleinerungen'. HENZEN (31965), KÜHNHOLD/WELLMANN (1975) und FLEISCHER/BARZ (32007) sprechen von verschiedenen Bedeutungsabschattungen oder -färbungen, sehen diese jedoch ebenfalls als Produkte einer einzigen Suffixleistung an.

An dieser Stelle muss die empirische Arbeit von DRAEGER[16] genannt werden. Nach ihrer Ansicht sind die Suffixbedeutungen zum Teil dermaßen unterschiedlich, dass sie nicht befriedigend aus einer einzigen Suffixleistung erklärt werden können. Sie hat eine Kategorisierung nach unterschiedlichen Suffixleidaraufhin stungen von -chen und -lein vorgenommen und quantitative Aussagen zur Häufigkeit dieser Suffixleistungen getroffen. Dieser Forschungsbeitrag muss als großer Fortschritt betrachtet werden. In §5.4 werden wir die wesentlichen Ausgangspunkte ihres Beitrags besprechen und ihnuntersuchen, inwiefern er für die vorliegende Arbeit verwertbar ist.

3 – Die Vorgehensweise

In diesem Kapitel wird beschrieben, wie die Untersuchung konzipiert ist. Ausgehend vom Ziel der Untersuchung werden die erforderlichen Schritte beschrieben.

3.1 – Ziel der Untersuchung

Das Ziel der empirischen, korpusbasierten Untersuchung ist, festzustellen, welche Bedeutungen durch die produktiven deutschen Diminutivsuffixe ausgedrückt werden und wie hoch die Frequenz der einzelnen Bedeutungen ist. Auf der Basis dieser empirisch ermittelten Daten soll eine Typologie der Diminution in der gegenwärtigen Schriftsprache des Deutschen aufgestellt werden.

3.2 – Struktur der Untersuchung

Die eigentliche Untersuchung erfolgt in drei Schritten:

1. Korpusrecherche: in dieser Phase werden durch mehrere Suchläufe im Korpus die Diminutive ermittelt, die als Grundlage für die weitere Untersuchung dienen. Dieser Schritt wird in Kapitel 4 beschrieben, wobei festgelegt wird, wonach und wie gesucht wird, in welchem Korpus, wieviele gesucht werden und nach welchen Kriterien die Ergebnisliste bereinigt wird, damit sie für den nächsten Schritt brauchbar ist.
2. Semantische Analyse: in dieser Phase wird für alle Bildungen und Belege bestimmt, welche Bedeutung/Funktion ihr Diminutivsuffix im jeweiligen Kontext hat.
3. Typologie: die Ergebnisse der semantischen Analyse werden in dieser Phase ausgewertet. Für jede Suffixbedeutung wird die Häufigkeit berechnet. Anschließend können die Diminutivsuffixe, sowie die Diminution im Deutschen allgemein, mit den Häufigkeiten der einzelnen Bedeutungen charakterisiert werden.

4 – Die Korpusrecherche

4.1 – Die zu untersuchenden Suffixe

Historisch verfügt das Deutsche über mehrere eigene Suffixe mit diminutivem Charakter, von denen einige außerdem in verschiedenen Varianten vorkommen. Zusätzlich wurden einige Fremdsuffixe übernommen. Mit den übernommenen Fremdsuffixen (z.B. -ett(e) aus dem Französischen) werden keine neuen Ableitungen gebildet, die Suffixe sind nicht produktiv. Sie werden hier daher nicht untersucht. Von den deutschen Diminutivsuffixen haben -el und -ling ihren diminutiven Charakter weitgehend verloren, die Bildungen sind diachron betrachtet idiomatisiert. Die einzigen noch produktiven Diminutivsuffixe im Gegenwartsdeutschen sind -chen und -lein. Hinzu kommen lediglich die regionalen Varianten -je, -sche, -elsche (Saarländisch), -che (Hessisch), -ke, -ken (Plattdeutsch), -le (Badisch), -la (Schwäbisch/ Fränkisch), -li (Schweizerdeutsch) und -l, -rl, -erl, -ei und -i (Bairisch). In dieser Arbeit werden nur die standardsprachlichen Suffixe -chen und -lein untersucht. Einige Substantive bilden ihr Diminutiv in der Standardsprache mit dem zusammengesetzten Suffix -elchen (z.B. Sache > Sächelchen, Wagen > Wägelchen); diese Fälle werden hier miteinbezogen und unter -chen gebucht. Andere Muster zur Kodierung von diminutivem Charakter wie Klein(st)- und Mini- werden nicht berücksichtigt.

4.2 – Die zu untersuchenden Diminutive

Da das Ziel der Untersuchung ist, die semantischen Leistungen der beiden Diminutivsuffixe zu bestimmen, ist es sehr wichtig , dass ausschließlich Bildungen vom Typ Basis + Suffix in die Untersuchung miteinbezogen werden. Genauer gesagt: jede Bildung muss das Produkt eines Wortbildungsprozesses sein, bei dem die Suffigierung mit -chen oder -lein der letzte Schritt war. Nur dann ist gewährleistet, dass man die Bedeutung der Basis sinnvoll mit der der Bildung vergleichen und aus den Unterschieden schließen kann, in welcher Hinsicht das Suffix die Basis semantisch modifiziert hat.

Es ist davon auszugehen, dass nach diesem Kriterium viele Lexeme aus der Ergebnisliste gestrichen werden müssen, nämlich die Komposita, deren letztes Glied ein Diminutiv ist (Typ: Sommermärchen < Sommer + Märchen). Es wird aber Fälle geben, in denen sich schwer entscheiden lässt, ob Komposition oder Derivation der letzte Wortbildungsschritt gewesen ist. Bei einem Lexem wie Wundermittelchen ist sowohl die Analyse Wunder + [ Mittelchen ]BASIS als auch [ Wundermittel ]BASIS + -chen möglich, zumal beide möglichen Basen in Wörterbüchern eingetragen sind. Damit die semantische Leistung der Diminutivsuffixe so genau wie möglich bestimmt werden kann, werden nur die Bildungen aufgenommen, bei denen die Suffigierung sicher oder höchstwahrscheinlich der letzte Wortbildungsschritt gewesen ist. Dafür stellen wir folgende Kriterien auf: erstens muss das Basiswort als eigenständiges Lexem vorkommen (so z.B. Bundestrainer in Bundestrainerchen); zweitens muss die alternative Analyse – als Kompositum – unmöglich, oder zumindest sehr unwahrscheinlich sein. In diesem Fall ist das Wort Trainerchen weder in Wörterbüchern noch über eine Suche bei Google[17] zu finden, eine Bildung wie Bundestrainerchen wird daher aufgenommen. Eine Bildung, die wie Wundermittelchen nach diesen Kriterien gestrichen werden muss, ist beispielsweise Farbpartikelchen. Es gibt zwar das Wort Farbpartikel, das Lexem Partikelchen ist aber ebenfalls geläufig und da man in Wörterbüchern reihenweise Komposita mit Farb- findet, wird das Lexem Farbpartikelchen als Kompositum gewertet und aus der Liste gestrichen. Im Einzelfall wird die Beurteilung oft sehr subjektiv sein, man muss sich dabei auf das eigene Sprachgefühl verlassen.

Nach diesen strengen Kriterien werden viele Lexeme für die semantische Analyse und die Auswertung verloren gehen, aber diese Vorgehensweise ermöglicht eine möglichst saubere und genaue Analyse der Bildungen. Die verbleibenden Bildungen werden überwiegend vom Typ Simplex + Suffix sein (etwa Hämmerchen).

4.3 – Das Korpus

Um in der für die Untersuchung verfügbaren Zeit möglichst viele Diminutive ermitteln zu können, wurde zur Nutzung eines elektronischen Textkorpus entschieden, in dem man mit einer Suchfunktion gezielt nach bestimmten Wörtern und Wortformen suchen kann. Gewählt wurde das COSMAS-II-Korpus des Instituts für Deutsche Sprache Mannheim[18]. Es besteht aus 62 Teilkorpora mit insgesamt ca. 3,1 Mrd. laufenden Wortformen (entspricht etwa 7,5 Mio. Buchseiten) und umfasst Zeitungen, Sach-, Fach- sowie schöngeistige Literatur aus Deutschland, Österreich und der Schweiz von 1772 bis heute[19].

4.4 – Das gewählte Teilkorpus

Da das gesamte COSMAS-II-Korpus eine Menge Belege ergäbe, die in diesem Zeitrahmen nicht zu bewältigen wäre, musste die Suche auf ein Teilkorpus beschränkt werden. Bei der Entscheidung, welches Teilkorpus sich am besten für diese Untersuchung eignet, spielte die Tatsache eine Rolle, dass eine Teilmenge des Gesamtkorpus Mitte der 1990er morphosyntaktisch annotiert wurde. Es war zu erwarten, dass man in einem solchen 'getaggedten' Teilkorpus leichter nach bestimmten Suffixen suchen könnte. Aus diesem Grund wurde das Teilkorpus 'TAGGED' gewählt, das aus den Korpora LIMAS[20] (LIM) und Mannheimer Morgen Monitoring (MMM) besteht. Das Korpus LIM umfasst 500 Textstücke von jeweils 2000 Textwörtern mit insgesamt 1,26 Mio. Wortformen. Es handelt sich um „verschiedenartigste Publikationsformen zu 33 Themenbereichen“ aus den Jahren 1970 und 1971[21]. Das Korpus MMM enthält 88.518 Artikel aus der Zeitung „Mannheimer Morgen“ von 1991 und 1994-1998 mit insgesamt 17,03 Mio. Wortformen. Damit umfasst das dieser Untersuchung zugrunde liegende Korpus 89.018 Texte mit insgesamt 18,29 Mio. Wortformen. Die Textmenge und Zusammenstellung des Korpus ermöglichen es meines Erachtens, für das Deutsche repräsentative Aussagen über die Diminutive zu treffen.

David Willem Borgdorff — Zur Semantik der Diminutive in der gegenwärtigen Schriftsprache des Deutschen

4.5 – Das Suchprogramm und die Suchanfrage

Die Korpusrecherche wurde mit Version 3.7[22] der Windows-Applikation COSMAS-II ausgeführt. Dieses Programm muss zuerst auf dem Rechner installiert werden, bietet dafür aber erheblich mehr Suchoptionen als die browserbasierte Applikation COSMAS- IIweb. Für beide Anwendungen war eine kostenlose Registrierung erforderlich.

Laut Informationen auf den Internetseiten zum COSMAS-II-Projekt ist es möglich, mit dem Client nach Suffixen zu suchen. Demnach ließen sich Derivate auf -chen und -lein mit folgenden Suchanfragen er itteln:

&-chen und &-lein

Zusätzlich mussten noch Optionen zur Lemmatisierung eingestellt werden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Figur 1: Optionen zur Lemmatisierung

Nachdem probeweise einige Suchläufe durchgeführt worden waren, war der Eindruck, dass oben stehende Einstellungen zu den gewünschten Ergebnissen führten. Die Option 'Flexionsformen' ist i mer eingeschaltet, die Option 'Komposita' führte zu Ergebnissen wie Möhrchensalat und wurde daher ausgeschaltet. 'Sonstige Wortbildungsformen' musste für die Suche nach Affixen eingeschaltet sein. Die Option 'Spezialfälle' hatte in diesem Fall auf die Ergebnisse keinerlei Einfluss und wurde aus dem Grund deaktiviert.

4.6 – Die ersten Ergebnisse

Nachdem die beiden Suchläufe (für -chen und -lein) ausgeführt worden waren, stellte sich beim Betrachten der Ergebnisse heraus, dass diese teilweise falsch waren. So erschienen einerseits in der -chen- Liste Lexeme wie Leichen und Deutschen und tauchte für -lein der Ortsname Altleinigen[23] und das Wort dickleinig auf[24]. Andererseits fehlten in beiden Listen zu erwartende Bildungen wie Bändchen, Mädchen, Dörfchen, Städtchen, Fräulein, Büchlein, Häuflein, Kämmerlein usw. Die Ansprechpartner des COSMAS-II-Projekts führten diese Abweichungen darauf zurück, dass die Lemmatisierung automatisch – mit Hilfe eines Computerprogramms – durchgeführt und nicht manuell überprüft wurde[25]. Die Ergebnisse erschienen aufgrund dieser Fehler bei der Lemmatisierung nicht geeignet, als zuverlässige Grundlage für die Untersuchung zu dienen.

4.7 – Eine neue Suchmethode

Es erwies sich als notwendig, die Lemmatisierung als Fehlerquelle zu umgehen. Es wurde nach einer Suchanfrage gesucht, die alle Wörter auf -chen und -lein ergibt, wobei dann allerdings gezwungenermaßen auch Lexeme erscheinen, die keine Ableitungen mit diesen Suffixen sind. Diese könnte man jedoch per Hand aus der Liste entfernen. Insgesamt mussten 52 Suchläufe durchgeführt werden, mit folgenden Suchanfragen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dabei ist * eine Wildcard, die für eine beliebige Anzahl beliebiger Zeichen steht. Da unter Suchoptionen 'Groß- und Kleinschreibung beachten' aktiviert war, erscheinen in der Ergebnisliste nur Wörter, die mit einem Großbuchstaben anfangen[26]. Neben den zu erwartenden offensichtlichen Nichtbelegen wie Aachen, Danteschen und Deutschen finden sich nun auch die gesuchten Bildungen Mädchen, Dörfchen, Städtchen, Fräulein etc. unter den Ergebnissen. Obwohl die Ergebnislisten noch aufwendig bereinigt werden mussten, enthielten sie nun alle wichtigen Diminutive, die man im Korpus erwarten darf.

4.8 – Bereinigung der Ergebnislisten

Für -chen ergaben sich vor der Bereinigung 5.866 Lexeme mit 68.521 Belegen, für -lein 275 Lexeme mit 2.752 Belegen. Aus allen Ergebnislisten wurden die Bildungen entfernt, die keine Diminutive sein können, wie die genannten Wörter Aachen, Danteschen und Deutschen. In der Liste blieben zunächst alle Lexeme, die von der Form her Diminutive sein könnten, auch wenn sie wahrscheinlich keine sind. So beispielsweise Eichen (zu Ei ?) und Kreischen (zu Kreis ?). Erst bei der semantischen Analyse, bei der jeder einzelne Beleg im Kontext untersucht wird, können beispielsweise die Eichen (Plural von Eiche) von den Eichen (Diminutiv zu Ei) getrennt werden.

Außerdem wurden nach den in §4.2 beschriebenen Kriterien die Komposita aus der Liste gestrichen. Nach der Bereinigung waren für das Suffix -chen noch 592 Bildungen mit 8.713 Belegen zu verzeichnen, mit -lein verblieben 101 Bildungen mit 489 Belegen. Diese bilden nun die Grundlage für den nächsten Schritt, die semantische Analyse.

5 – Theoretische Vorüberlegungen

5.1 – Hin zu einem adäquaten Modell zur Analyse und Beschreibung

In dieser Arbeit soll die Semantik von Diminutiven so analysiert und beschrieben werden, dass sie mit für das Deutsche repräsentativen, quantitativen Aussagen charakterisiert werden kann. Dazu bedarf es selbstverständlich eines vernünftigen Beschreibungsmodells. Ein solches Modell sollte folgende Eigenschaften haben:

- Die Analyse der Semantik soll nach Kriterien erfolgen, die so exakt wie möglich, jedoch nur so exakt sind, dass der Untersucher sie noch mit großer Sicherheit feststellen kann. Das Streben nach zu großer Exaktheit führt grundsätzlich ad absurdum und ist der Repräsentativität der Ergebnisse nicht dienlich[27].
- Die Zahl der Kriterien soll festgelegt und die Kriterien selbst sollen binär definiert sein: entweder erfüllt ein Diminutiv das Kriterium oder nicht. Dies gewährleistet, dass die Analyse für die Aufstellung der Typologie verwertbare Zahlen ergibt.
- Die Kriterien sollen für Muttersprachler des Deutschen nachvollziehbar sein, das heißt der Intuition entsprechen.
- Das Modell soll mit den etablierten sprachwissenschaftlichen Theorien zur Modifikation kompatibel sein.
- Die Kriterien sollen so definiert sein, dass man damit sowohl die einschlägigen Unterschiede, als auch die wesentlichen Übereinstimmungen zwischen den Suffixbedeutungen adäquat beschreiben kann.

Da schon zahlreiche Forschungsbeiträge zur Semantik der Diminutive vorliegen, wird es einerseits nicht nötig sein, ein komplett neues Modell zu entwickeln: wir werden teilweise auf bereits etablierte Termini und Methoden zurückgreifen können und wollen. Andererseits entsprechen die bisherigen Ansätze nicht all den soeben gestellten Anforderungen an das Modell und es wird daher erforderlich sein, brauchbare Modelle zu revidieren und um adäquatere Methoden zu ergänzen. In diesem Kapitel werden die bisherigen Ansätze auf ihre Brauchbarkeit hin untersucht, die vernünftigen Elemente übernommen und schließlich mit neuen Methoden zu einem tauglichen Modell geschmiedet.

5.2 – Suffixbedeutung und Assoziationen

Diminutive weisen nach SOMMERFELDT/SPIEWOK (1989) „im Vergleich mit den Derivationsbasen zusätzliche Seme wie /KLEIN/, /LIEBEVOLL/, /KOSEND/, /GERINGSCHÄTZIG/, /ABWERTEND/“ auf[28]. Wenn wir uns diese Seme anschauen, müssen wir schließen, dass die Semantik von Diminutiven nicht nur mit Diminution, sondern auch mit Taxation[29] in Verbindung zu sehen ist, was in unserem Modell berücksichtigt werden sollte.

Die genannten Seme sind auch in den zahlreichen Suffixbedeutungen wiederzuerkennen, die in der Fachliteratur genannt werden: »klein«, »jung«, »vertraut«, »liebevoll«, »kosend«, »geringschätzig«, »unbedeutend«, »schwach«, »schmeichelnd«, »süß«, »hilfebedürftig«, »schützenswert«[30], usw.

Die soeben festgestellten Aspekte Diminution und Taxation helfen uns, in diese Verschiedenheit an Bedeutungen etwas Ordnung zu bringen. Während die meisten Bedeutungen deutlich eine positive oder negative Wertung (Taxation) enthalten, gilt dies für zwei oder drei Bedeutungen nicht. Demnach lassen sich diese unterschiedlichen Bedeutungen großzügig in drei Gruppen unterteilen, wobei die Gruppenzugehörigkeit in einigen Fällen zweifelhaft ist[31]:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Grobe Einteilung der Bedeutungen nach Anwesenheit und Art der Wertung

Wenn wir uns die Bedeutungen, die eine Wertung enthalten, genauer anschauen, fällt auf, dass die meisten aus den Bedeutungen ohne Wertung erklärt werden können. Man kann sie als Assoziationen betrachten, die von den Grundbedeutungen »klein« und »jung« hervorgerufen werden. Das lässt sich leicht anhand eines Beispiels veranschaulichen: Ein Affenbaby ist »klein« und »jung«, dazu kann es keine Meinungsunterschiede geben, es ist einfach so. Diese Eigenschaften werden jedoch bei vielen Menschen – nicht notwendigerweise bei allen – Assoziationen hervorrufen. Ein Wesen, das »klein« und »jung« ist, ist im Vergleich zu erwachsenen Exemplaren »schwach«, was eng mit den Assoziationen »schützenswert« und »hilfebedürftig« verbunden ist. »Kleine« und »junge« Wesen rufen bei Menschen außerdem die Assoziationen »süß« und »putzig« auf. Eine objektiv zu beobachtende Eigenschaft kann somit Assoziationen hervorrufen, welche meist emotionaler Art sind. Daher wird ein Suffix, das die objektiven Eigenschaften »klein« und »jung« markiert, auch sekundäre Bedeutungen entwickeln, die emotionale Einstellungen – positive wie negative – zu diesen Eigenschaften darstellen[32].

An dieser Stelle muss auf eine Eigenschaft von Assoziationen hingewiesen werden, die in diesem Zusammenhang äußerst wichtig ist:

Assoziationen sind zunächst Vorstellungen zusätzlich zu der Vorstellung, die sie hervorgerufen hat. Wenn die gleichen Assoziationen immer wieder auftreten, können diese Vorstellungen allmählich eine gewisse Selbstständigkeit entwickeln und schließlich auch unabhängig von der Vorstellung, die sie ausgelöst hat, vorkommen.

Es ist zu erwarten, dass sich dieser Prozess auch in der Sprache niederschlägt. Wir müssen daher damit rechnen, dass die Diminutivsuffixe das Merkmal »klein« ausdrücken können, »klein« und »jung«, »klein«, »jung« und »emotionale Einstellung« und letztendlich auch nur noch »emotionale Einstellung«, wobei die Merkmale »klein« und »jung« in der Suffixbedeutung nicht mehr zu erkennen sind. Die Diminution ist mithin nicht nur offen hin zur Taxation[33], sie kann auch ausschließlich Taxation zum Ausdruck bringen[34]. Das angestrebte Modell soll in der Lage sein, diesen Umstand adäquat zu beschreiben.

5.3 – Objektivität und Subjektivität

Wir haben gesehen, dass die Bedeutung von Diminutivsuffixen durch Assoziation eine emotionale Einstellung enthalten oder ausschließlich taxierend sein kann. Diminutivsuffixe können jedoch auch in der Bedeutung »klein« taxierend benutzt werden. Wenn man mit dem Suffix ausdrücken kann, dass etwas »klein« ist, liegt es nahe, es ebenfalls zu nutzen um zu signalisieren, dass man etwas (zu) »klein« findet. Auch in dem Fall drückt das Suffix eine emotionale Einstellung des Sprechers aus. Neben der Unterscheidung 'verkleinernd' vs. 'taxierend' können wir die Bedeutung von Diminutivsuffixen auch mit dem Begriffspaar 'Objektivität'/'Subjektivität' beschreiben. Nach WEGERA [im Druck] lässt sich die Diminution hinsichtlich einer zunehmenden Subjektivierung skalieren. Die Suffixe können den Referenten des Basiswortes als objektiv »klein« und/oder »jung« kennzeichnen, sie können zusätzlich die (subjektive) emotionale Teilnahme des Sprechers ausdrücken, oder – am Ende der Skala – ausschließlich seine subjektiven Einstellungen wiedergeben. Es erscheint in der Tat sinnvoll, das Maß an Objektivität und Subjektivität in die Beschreibung miteinzubeziehen.

5.4 – Der Ansatz von Draeger

In §5.1 wurde die Vermutung ausgesprochen, dass bisherige Forschungsarbeiten in gewissem Maße richtungweisend für die vorliegende Arbeit sein können. Bei DRAEGER 1996 finden wir einen Ansatz, der zumindest vom Ausgangspunkt her vielversprechend ist. Auch sie stellt fest, dass -chen und -lein Bedeutungen ausdrücken können, die nicht als Diminution bezeichnet werden können[35]. Sie unterscheidet demnach mehrere Suffixleistungen, für deren Unterscheidung hauptsächlich die Anwesenheit des Bedeutungsmerkmals »klein« ausschlaggebend ist. Damit konnte sie die große Zahl an Suffixbedeutungen auf sieben Suffixleistungen reduzieren, für die jeweils die Frequenz berechnet wurde[36]. Diese Herangehensweise stellt einen großen Fortschritt dar, wenn auch Anlass zu Kritik besteht.

Der Titel von DRAEGERs Untersuchung lautet: “Die semantische Leistung der suffixalen Wortbildungsmorpheme der Substantive in der deutschen Gegenwarts- sprache”. Die Tatsache, dass die Arbeit sich mit allen suffixalen Wortbildungs- morphemen befasst und nicht als Einzelstudie zu den Diminutiven konzipiert ist, hat zur Folge, dass ihre Annahmen und Methoden der besonderen Lage bei den Diminutivsuffixen nicht ganz gerecht werden. Erstens geht sie davon aus, dass man die Suffixbedeutung weitgehend von dem Wortbildungsprodukt selbst ablesen – also kontextunabhängig bestimmen – kann[37], eine Auffassung, die hier nicht geteilt wird[38]. Eine Folge dieser Auffassung ist, dass sie nur für Bildungen die Suffixleistung feststellt, von einzelnen Vorkommnissen dieser Bildungen ist kein einziges Mal die Rede. Daher muss die Repräsentativität ihrer Ergebnisse als unzureichend beurteilt werden. Zweitens hat sie die Kategorien so festgelegt, dass sie zu wenig Differenzierung aufweisen und zum Teil der Intuition widersprechen. So kann die Suffixbedeutung »klein« nach ihrer Kategorisierung ausschließlich zusammen mit den Bedeutungen »liebevoll« und »vertraut« vorkommen. Sie schließt damit aus, dass die beiden Diminutivsuffixe rein objektive Kleinheit ausdrücken können. Nach ihrer Analyse wäre also auch immer eine emotionale Komponente nachweisbar, eine Vorstellung die nicht nur der Intuition widerspricht, sondern sich wohl auch kaum mit der Sprachpraxis deckt. In der vorliegenden Arbeit soll diesbezüglich nach mehr Präzision gestrebt werden.

DRAEGER beschreibt – neben den genannten – zwei weitere Suffixleistungen, die einleuchten und hier deshalb berücksichtigt werden. Es handelt sich erstens um die Leistung „verschleiernd“, wozu sie folgendes schreibt:

„Es gibt Dinge/Sachverhalte, die weder groß noch klein sind, sondern genau definiert oder in ihrer Bedeutung beschrieben, z.B. 'Stunde', 'Million', 'Wetter'. Auch solche Wörter lassen sich mit -chen suffigieren. (...) Das Suffix drückt die Absicht des Sprechenden aus, Dinge im eigentlichen Wert zu verniedlichen, zu verschleiern, zu mindern, d.h. sie sollen nicht so bedeutsam erscheinen, wie sie in Wirklichkeit sind“[39] .

Diese Suffixleistung wird hier übernommen, wobei allerdings angemerkt werden muss, dass 'Verschleierung' auch bei Basen vorstellbar ist, die hinsichtlich ihrer Größe nicht fest definiert sind.

Zweitens wird hier DRAEGERs Suffixleistung „Einzelheit“ anerkannt. Die Basen sind stets eine Stoffbezeichnung. Durch Suffigierung kann ein Einzelteil aus dem Stoff herausgelöst und bezeichnet werden[40], z.B. Stäubchen, Hölzchen.

In ihrer Arbeit finden wir außerdem eine Leistung, die sie als „tierbezeichnend“ bezeichnet[41]. Da lediglich zwei Bildungen (Männchen und Weibchen) diese Semantik aufweisen können und das Muster ansonsten nicht als produktiv angesehen werden kann, wird diese angebliche Leistung nicht übernommen und stattdessen als besondere Art der Lexikalisierung angesehen (→ §6.8).

Festzuhalten ist, dass DRAEGERs Arbeit zwar in mancherlei Hinsicht auf Kritik stoßen muss, dennoch aber einige gute Ansätze enthält, die als Grundlage für ein adäquates Modell dienen können.

[...]


[1] In diesem konstruierten Text wurden absichtlich sehr viele Diminutive verwendet. Solche extremen Anhäufungen von Diminutiven sind in der normalen Sprachpraxis nicht zu erwarten.

[2] Die Identifikation der Grundbedeutung mit »klein« ist nicht unumstritten, andere Forscher setzen als ursprüngliche Bedeutung der Suffixe “Zugehörigkeit, Vertrautheit” an. Dazu → §2.3.

[3] Die bisherigen Ansätze werden in Kapitel 2 besprochen.

[4] Beschreibung nach WEGERA [erscheint], wo Modifikation in kognitiver und typologischer Perspektive beschrieben wird.

[5] Mit diesen Begriffen konkurrieren in der deutschsprachigen Fachliteratur die auf -ierung (Movierung (=Motion), Diminuierung, usw.). Hier werden die einheitlichen Formen auf -tion bevorzugt.

[6] Einen tabellarischen Überblick über den Forschungsstand im Deutschen bis 1975 findet man in ETTINGER 1980: 48.

[7] Zeiträume mit wichtigsten Werken: Die Zeit bis 1600: POLZIN 1901; ÖHMANN 1946; Zeitraum von 1600 bis 1750: GÜRTLER 1909a; zwischen 1750 und 1900: PFENNIG 1904; nach 1900: ÖHMANN 1972; HENZEN 31965; FLEISCHER/BARZ 32007; KÜHNHOLD/WELLMANN 1975 und DRAEGER 1996: 182-191.

[8] Vgl. Kritik auf POLZIN bei JELLINEK 1903: 140-141. Kritik auf WREDE bei SCHATZ 1910: 9-15.

[9] Eine ausführliche und sachliche Übersicht über die geführten Diskussionen und die jeweiligen Argumente bietet ETTINGER 1980: 49-58.

[10] WEINHOLD 1883: § 279, § 282; GRIMM 1890: 664ff.; WILMANNS 1896: 316ff.; STOPP 1978: 118ff.

[11] Einen Überblick über den Forschungsstand geben WEGERA/SOLMS 2002: 159-165. Vgl. auch die dort angeführte Literatur.

[12] PAUL 1920; NÖRRENBERG 1923; ERBEN 52006.

[13] So WREDE 1908: 132; HASTENPFLUG 1914: 77; KLUGE 1925: 26-30; SCHMIDT 1982: 107.

[14] Vgl. HENZEN 31965: 140; Besprechung der Diskussionen in ETTINGER 1980: 49-58.

[15] DRAEGER 1996: 183.

[16] DRAEGER 1996: 182-191.

[17] http://www.google.de

[18] Siehe http://www.ids-mannheim.de/cosmas2/

[19] http://www.ids-mannheim.de/cosmas2/uebersicht.html

[20] LIMAS = Linguistik und Maschinelle Sprachbearbeitung

[21] http://www.ids-mannheim.de/kl/projekte/korpora/archiv/lim.html

[22] Seit dem 18. Juni 2008 ist die neue Version 3.8 verfügbar. Diese weist jedoch keine Veränderungen auf, die auf die Ergebnisse der Suchläufe Einfluss hätten.

[23] Ort in Rheinland-Pfalz.

[24] Es ist möglich, das Suchprogramm so einzustellen, dass nur nach Substantiven gesucht wird, aber auch dann erscheinen Fehler wie z.B. nicht-substantivierte Adjektive in der Ergebnisliste.

[25] Es gab mehrmaligen Kontakt per Email.

[26] Hierbei wurde in Kauf genommen, dass mit diesen Suchanfragen die Formen im Genitiv Singular nicht unter den Ergebnissen erscheinen. Dafür hätte man weitere 52 Suchläufe nach den Wörtern auf -chens und -leins durchführen müssen, worauf hier aus Effizienzgründen verzichtet wurde.

[27] Zum Prinzip der Exaktheit in Korpusuntersuchungen und ihrer Beschreibung siehe WEGERA 2003: 234-236.

[28] SOMMERFELDT/SPIEWOK 1989: 53.

[29] Zu Diminution und Taxation als Arten der Modifikation → §2.1.

[30] Zusammengefasst bei DRAEGER 1996: 183.

[31] In dem Fall steht die Bedeutung in runden Klammern.

[32] In der Forschungsliteratur wird auch das Begriffspaar „denotativ/konnotativ“ benutzt (Z.B. ETTINGER 1980: 68). Denotativ“ bedeutet, dass die Grundbedeutung des Suffixes zum Ausdruck gebracht wird, während „konnotativ“ den Ausdruck von Assoziationen – meist emotionaler Art – bezeichnet, die von der Grundbedeutung ausgelöst werden (Vgl. LÖBNER 2002: 31-48).

[33] Vgl. WEGERA [erscheint].

[34] Vgl. DRAEGER 1996: 182.

[35] DRAEGER 1996: 182. → §5.3.

[36] Eine Übersicht der Suffixleistungen ebd. S.191.

[37] Ebd. S.184.

[38] Hier wird die Meinung vertreten, dass die Bedeutung des Suffixes vorwiegend kontextabhängig und die Bildung selbst zunächst meist ambig ist. Vgl. FLEISCHER/STEPANOVA 1985: 121. → §5.5.

[39] DRAEGER 1996: 185-186.

[40] Ebd. S.186.

[41] Ebd. S.187.

Ende der Leseprobe aus 92 Seiten

Details

Titel
Zur Semantik der Diminutive in der gegenwärtigen Schriftsprache des Deutschen
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
92
Katalognummer
V117443
ISBN (eBook)
9783640196531
ISBN (Buch)
9783640196593
Dateigröße
6295 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Erstgutachter: Die Arbeit ist sowohl hinsichtlich ihrer theoretischen Grundlegung wie auch hinsichtlich der empirischen Umsetzung hervorragend. Auch wenn der Verfasser zwei grundlegende Thesen seines Lehrers aufgreift, so geht seine Studie bezüglich ihrer Differenziertheit und ihrer materiellen Genauigkeit weit darüber hinaus und birgt genügend Potenz für die Ausbau zu einer Dissertation.
Schlagworte
Semantik, Diminutive, Schriftsprache, Deutschen
Arbeit zitieren
David Willem Borgdorff (Autor), 2008, Zur Semantik der Diminutive in der gegenwärtigen Schriftsprache des Deutschen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/117443

Kommentare

  • Gast am 1.10.2017

    Sehr gute Arbeit! Leicht zugänglich und durch die exzellente Recherche ein hervorragender Ausgangspunkt für weitere Auseiandersetzungen mit dem Thema.

Im eBook lesen
Titel: Zur Semantik der Diminutive in der gegenwärtigen Schriftsprache des Deutschen



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden