Darfur – der vergessene Konflikt?

Die Krise im Westen des Sudan und das zögerliche Engagement der Weltgemeinschaft


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

27 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hintergründe des Konfliktes
2.1. Geographie, Bevölkerung und Geschichte Darfurs
2.2. Konfliktursachen

3. Konfliktverlauf
3.1. Ausbruch des Konfliktes (2003 - 2004)
3.2. Internationale Reaktionen und Friedensverhandlungen (2004 - 2006)
3.3. Erneute Eskalation und Einsatz der UNAMID (2006 - 2008)
4. Gründe für das zögerliche internationale Engagement
4.1. Fokussierung auf den Nord-Süd-Friedensprozess
4.2. Partikulare Interessen der Sicherheitsratsmitglieder
4.3. Wachsende Skepsis gegenüber Humanitären Interventionen
4.4. „Afrikanische Lösungen für afrikanische Probleme“

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

7. Anhang

1. Einleitung

Der Konflikt in der sudanesischen Provinz Darfur begann im Jahr 2003 und damit zu einer Zeit, als der jahrzehntelange Bürgerkrieg zwischen der Regierung des Sudan und den Rebellen der Sudan People’s Liberation Army/Movement (SPLA/M) im Süden des Landes kurz vor seiner Befriedung stand. Anfang dieses Jahres wurde schließlich eine gemeinsame Friedenstruppe der Vereinten Nationen (United Nations, UN) und der Afrikanischen Union (AU)[1] nach Darfur entsandt, um den Konflikt zu beenden. Dazwischen liegen fast fünf Jahre und eine von den Vereinten Nationen geschätzte Zahl von rund 300.000 Todesopfern und bis zu 2,8 Millionen Flüchtlingen (vgl. Auswärtiges Amt 2008).

Zwangsläufig kommt an dieser Stelle die Frage auf, warum die Internationale Gemeinschaft trotz der offensichtlichen Dringlichkeit eines schnellen Handelns so lange gezögert hat, den Menschenrechtsverletzungen in Darfur Einhalt zu gebieten. Schließlich hatte man doch nach dem Genozid in Ruanda das Gelöbnis „Nie wieder!“ abgegeben und derartige Gräuel künftig zu verhindern versprochen. In den Medien wurde daher in den letzten Jahren vermehrt der Vorwurf laut, die Weltgemeinschaft unternähme nichts, um die Grausamkeiten in Darfur zu beenden. Doch ist dem wirklich so? Handelt es sich bei der Krise in Darfur, wie es der Titel dieser Arbeit impliziert, um einen „vergessenen Konflikt“? Wenn nicht, warum hat sich die Internationale Gemeinschaft dann derart zögerlich in Bezug auf die Krise verhalten, anstatt schon sehr viel früher angemessene Maßnahmen zu ihrer Beendigung zu ergreifen?

Vor dem Hintergrund dieser Fragen ist es die Intention dieser Arbeit, zu untersuchen, wie die Weltgemeinschaft auf den Konflikt in Darfur reagiert hat und zudem die Gründe aufzuzeigen, die für das zögerliche Engagement ausschlaggebend waren.

In einem ersten Schritt sollen, zum besseren Verständnis des Konfliktes, seine Hintergründe und Ursachen betrachtet werden. Dazu zählen, neben den grundlegenden Informationen über die Region und ihre Bewohner an sich, vor allem die überaus komplexen Beziehungen zwischen den einzelnen Volksgruppen Darfurs untereinander sowie zwischen Darfur und dem Rest des Landes, die letztendlich zum Ausbruch des heutigen Konfliktes geführt haben. Im Anschluss daran wird der Verlauf des eigentlichen Konfliktes von seinem Ausbruch im Jahr 2003 bis zum heutigen Tag untersucht, wobei besonderes Augenmerk darauf gelegt werden, wie die Internationale Gemeinschaft auf die Krise reagiert hat. Zur besseren Übersicht wird der Konflikt dabei in drei Phasen unterteilt.

Zuletzt sollen die wesentlichen Gründe aufgezeigt werden, die dafür ausschlaggebend waren, dass sich die Internationale Gemeinschaft so zögerlich in Bezug auf die Krise verhalten hat und es erst Anfang 2008 zur Entsendung einer UN -Friedenstruppe kam.

2. Hintergründe des Konfliktes

2.1. Geographie, Bevölkerung und Geschichte Darfurs

Die Provinz Darfur[2] befindet sich im Westen des Sudan, des größten Landes auf dem afrikanischen Kontinent. Sie grenzt an Libyen, den Tschad und die Zentralafrikanische Republik und bildet die Grenze zwischen der arabischen Welt und Schwarzafrika. Darfur wird unterteilt in die Bundesstaaten Nord-Darfur (Schamal Darfur), West-Darfur (Gharb Darfur) und Süd-Darfur (Dschanub Darfur) (vgl. Strube-Edelmann 2006: 9). Insgesamt umfasst die Provinz ein Gebiet, das mit rund 500.000km² in etwa der Größe Frankreichs entspricht und ungefähr sechs bis sieben Millionen Einwohner beheimatet (vgl. Köndgen 2004: 8). Die Bevölkerung dieser Provinz ist als komplexes Gefüge verschiedener arabisch- und afrikanischstämmiger Volksgruppen zu verstehen, die sich im Wesentlichen in drei Hauptgruppen subsumieren lassen (vgl. Khalafalla 2005: 42):

1) Sesshafte, afrikanische Stämme, die von der Subsistenz-Landwirtschaft leben und vorwiegend im Westen Darfurs beheimatet sind. Hierzu zählen vor allem die Fur, die der Provinz ihren Namen geben, aber auch die Masalit, die Daju, die Qimr sowie die Tunjur, die die traditionell erste herrschende Elite Darfurs darstellen.
2) Nomadische, beziehungsweise halbnomadische afrikanische Stämme, wie etwa die Zaghawa, die Badayat und die Meidob. Diese leben in der Mehrheit im Norden Darfurs.
3) Arabische Stämme, die hauptsächlich Süd-Darfur bewohnen, wie die Messiriya (sesshafte Ackerbauern), die Zaiydiya (nomadische Kamelhirten) oder die Baggara[3] (nomadische Rinderhirten).

Die Volksgruppen, die in ihrem äußeren Erscheinungsbild für Außenstehende kaum voneinander zu unterscheiden sind, bewahren sich einerseits eine ausgeprägte Identität, etwa indem sie unterschiedliche Sprachen sprechen.[4] Auch gibt es traditionelle Stammesterritorien, so genannte dars, in denen sich die einzelnen Stämme zu einem gewissen Grad voneinander abgrenzen (vgl. Khalafalla 2005: 42). Andererseits sind Mischehen zwischen Angehörigen der verschiedenen Stämme in Darfur nicht ungewöhnlich und die ethnischen Identitäten oft fließend, sodass beispielsweise ein sesshafter Fur-Bauer mit einer entsprechenden Anzahl an Vieh zu einem Baggara werden und sich über wenige Generationen hinweg einen arabischen Stammbaum zulegen kann (vgl. Köndgen 2004: 8). Ein religiöser Unterschied zwischen den einzelnen Volksgruppen besteht hingegen nicht: Alle Einwohner Darfurs sind Muslime, seit die Region im 16. Jahrhundert vollständig islamisiert wurde[5] (vgl. Hinsch/Janssen 2006: 202). Bis 1916 war Darfur ein unabhängiges Sultanat und wurde, nachdem der letzte Sultan Ali Dinar von den Briten gewaltsam abgesetzt worden war, als Provinz in den Sudan eingegliedert, der von 1899 bis zu seiner Entlassung in die Unabhängigkeit 1956 ein anglo-ägyptisches Kondominium war. Im Jahre 1994 wurde Darfur schließlich im Rahmen einer Verwaltungsreform in die oben erwähnten drei Bundesstaaten eingeteilt (vgl. Prunier 2007a: 13).

2.2. Konfliktursachen

Der Konflikt in Darfur ist nicht auf eine einzelne Ursache zurückzuführen, sondern es überlagern sich vielmehr mehrere Konfliktdimensionen, die eng miteinander verknüpft sind. Ein wesentlicher Faktor, der für die Entstehung der Krise von Bedeutung ist, besteht in einem grundlegenden Zentrum-Peripherie-Konflikt zwischen Darfur und dem Zentralsudan.[6] Dieser geht zurück auf die Zeit der britischen Kolonialherrschaft im Sudan, als die Briten, deren Interesse an den Randprovinzen dieses riesigen Landes eher gering war, den überwiegenden Teil der staatlichen Investitionen auf die Nilregion um die Hauptstadt Khartum konzentrierten. Zudem wurde im Rahmen des von den Briten favorisierten Prinzips der „indirekten Herrschaft“ die Verwaltung des Landes einer Elite übertragen, die sich auf wenige arabische Stämme stützte (vgl. Hinsch/Janssen 2006: 204). Nach der Entlassung in die Unabhängigkeit bauten diese „Fluss-Anrainer“ aus der Nilregion, wo sich bereits zur Zeit der britischen Herrschaft nahezu sämtliche Bildungseinrichtungen konzentriert hatten, ihre dominierende Position im Land weiter aus. Die Folge war eine zunehmende wirtschaftliche und politische Marginalisierung Darfurs und seiner Bewohner.[7] Die Einnahmen aus den sudanesischen Erdölreserven wurden vorwiegend für die Finanzierung des Bürgerkrieges im Süden des Landes verwendet oder in die Region um die Hauptstadt Khartum investiert. Die Entwicklung in Darfur wurde hingegen vernachlässigt.[8] So erhielten die Bewohner der Provinz, verglichen mit den anderen sudanesischen Regionen, die niedrigsten Mittel für Erziehungswesen, Gesundheitsversorgung oder Entwicklungsprojekte und nahezu keine Möglichkeiten der Partizipation an der Zentralregierung (vgl. De Waal 2004b). Als ein Resultat besitzen heute nicht einmal die wichtigsten Städte Darfurs eine vernünftige Verkehrsanbindung zum Rest des Landes.[9] (vgl. Khalafalla 2004: 43f).

Eine weitere zentrale Konfliktursache ist in den Spannungen zwischen den Volksgruppen innerhalb Darfurs selbst zu sehen. Diese Konflikte waren allerdings zunächst nicht in erster Linie ethnischer, sondern vielmehr ökonomischer Natur. So kommt es hier bereits seit Jahrhunderten zu Auseinandersetzungen zwischen sesshaften Bauern und nomadischen Viehhirten um Weiderechte, Landbesitz und Zugang zu Wasser. Diese Landnutzungskonflikte lassen sich bis in die Zeit zurückverfolgen, als Darfur noch ein Sultanat war.[10] Traditionell wurden derartige Auseinandersetzungen im Rahmen von Friedenskonferenzen (so genannten mutamarat as-sulh) gelöst (vgl. Köndgen 2004: 10). Dabei nahmen die Stammesführer (shaikhs) die Rolle von Mediatoren (ajawid) ein und die Regierung in Khartum unterstützte die Konferenzen. Die lokalen Regierungsbehörden fungierten dabei als Garanten für die Einhaltung der getroffenen Abmachungen (vgl. Khalafalla 2005: 43). Im Laufe der letzten Jahrzehnte stieg jedoch der Wettbewerb um lebenswichtige Ressourcen wie Wasser und fruchtbares Land rapide an und die Auseinandersetzungen wurden zudem immer gewalttätiger. Die Gründe hierfür sind in erster Linie im Bevölkerungswachstum[11] und der eng damit zusammenhängenden fortschreitenden Desertifikation durch Überweidung und Überkultivierung zu sehen. Zudem wird die Region infolge des Klimawandels seit Mitte der achtziger Jahre von einer anhaltenden Dürreperiode geplagt (vgl. Köndgen 2004: 9). Die Situation verschärfte sich, als in den achtziger Jahren unter dem damaligen Premierminister Sadiq al-Mahdi Milizen durch die Bewaffnung arabisch-stämmiger Nomaden gebildet wurden, um in den Provinzen südlich von Darfur gegen die Rebellen der SPLA/M zu kämpfen. Diese setzten ihre Waffen jedoch in der Folge vor allem auch dafür ein, die Ressourcenkonflikte mit den sesshaften Ackerbauern für sich zu entscheiden (vgl. Köndgen 2004: 10). Hinzu kam die Tatsache, dass 1987 ein Krieg zwischen den Nachbarländern Tschad und Libyen um den Aouzou-Streifen ausbrach und Darfur mit modernen, automatischen Waffen regelrecht „überflutet“ wurde, sodass sich nun alle Volksgruppen leicht bewaffnen konnten (vgl. Prunier 2007a: 81ff). 1989 kam es zu einem ersten großen Konflikt zwischen dem Volk der Fur und einem Zusammenschluss von 27 arabischen Stämmen. Dieser konnte zwar noch durch eine traditionelle Friedenskonferenz beigelegt werden, jedoch fehlten letztendlich finanzielle Mittel und politischer Wille, die Beschlüsse umzusetzen (vgl. De Waal 2004b). Als der heutige Staatschef Umar Hasan Ahmad al-Baschir, der 1989 durch einen Militärputsch an die Macht kam, kurz darauf die arabischen Milizen in einem Gesetz zur Volksverteidigung (Popular Defense Act) legalisierte, war die Regierung schließlich selbst unmittelbar in den Ressourcenkonflikt involviert und konnte folglich keine neutrale Vermittlerrolle mehr einnehmen, sodass die tradierten Konfliktlösungsmechanismen vollends zusammenbrachen (vgl. Khalafalla 2005: 42).[12]

Die einseitige Unterstützung im Sinne der gezielten Bewaffnung von „Friendly Forces“, also der arabischen Bevölkerung Darfurs, durch das Regime in Khartum macht deutlich, dass der Konflikt um Ressourcen mittlerweile von einer ethnischen Konfliktdimension – afrikanisch/sesshaft gegen arabisch/nomadisch – überlagert wird (vgl. Radeke/Paes 2006: 2). Die arabischen Eliten des Niltals, die den Sudan seit seiner Unabhängigkeit regierten, waren stets islamistisch und arabozentrisch geprägt und stützten ihre Herrschaft auf die Mobilisierung der arabisch-islamischen Solidarität in den Randgebieten. Vor allem aber in den letzten zwanzig Jahren unter dem Regime al-Baschirs wurden die Ressourcenkonflikte mehr und mehr für die eigenen Zwecke instrumentalisiert dabei eine rassistische Rhetorik verwendet, die durch Begriffe wie Zurq (Schwarzer) oder Abid (Sklave) geprägt ist und der das Gedankengut einer arabischen Überlegenheit zugrunde liegt[13] (vgl. Hinsch/Janssen 2006; 215; Köndgen 2004: 13).

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen gründeten sich im Jahr 2003 zwei Widerstandsbewegungen in Darfur, die SLA/M (Sudan Liberation Army/Movement)[14] und die JEM (Justice and Equality Movement), die sich hauptsächlich aus Mitgliedern nicht- arabischer Stämme (vor allem den Fur, den Massalit und den Zaghawa) zusammensetzen (Köndgen 2004: 12). Obwohl zwischen den beiden Gruppen ideologische Unterschiede bestehen, ist ihnen gemein, dass sie, ähnlich wie die SPLA/M im Südsudan, für eine gerechtere Verteilung der politischen Macht im Land und für eine Beteiligung an den Erlösen, die durch Verkauf der Ressourcen erzielt werden, eintreten. Dabei spielen vor allem die Erdölvorkommen in Darfur, deren Kontrolle vom Regime in Khartum angestrebt wird, eine Rolle[15] (vgl. Hinsch/Janssen 2006: 214).

3. Konfliktverlauf

3.1. Ausbruch des Konfliktes (2003 - 2004)

Der eigentliche Konfliktausbruch wird für den Beginn des Jahres 2003 verortet. Es ist kein Zufall, dass der Aufstand damit etwa zur gleichen Zeit begann als sich in den Friedensverhandlungen zwischen der sudanesischen Regierung und der SPLA/M im kenianischen Naivasha der Abschluss eines Friedensvertrages abzeichnete, der den Rebellen weitgehende Zugeständnisse machen sollte.[16] Die Botschaft, die dieses Ereignis den Darfuris vermittelte, war klar: Die einzige Möglichkeit, den eigenen Anspruch auf Beteiligung an Macht und Reichtum im Land zu verwirklichen, liegt im bewaffneten Kampf gegen die Regierung (vgl. Öhm 2005: 160).

Die SLA/M und die JEM starteten Anfang des Jahres 2003 ihre ersten Angriffe und fügten der Regierungsarmee von Beginn an erhebliche Verluste zu. Am 18. April nahmen Mitglieder der SLA/M den Militärflughafen in El Fasher ein, töteten etwa 100 Regierungssoldaten, zerstörten mehrere Militärflugzeuge und –Hubschrauber und nahmen zudem einen sudanesischen Luftwaffengeneral gefangen. Die Rebellen rechtfertigten diesen Angriff als Protest gegen die Vernachlässigung Darfurs durch das Regime in Khartum und die zunehmende arabische Militanz (vgl. Khalafalla 2005: 44). Die sudanesische Regierung, die zu diesem Zeitpunkt mit den Friedensverhandlungen von Naivasha beschäftigt war und der Widerstandsbewegung in Darfur bis dahin eher wenig Aufmerksamkeit geschenkt hatte, wurde dadurch regelrecht aufgeschreckt und sah sich zu einer militärischen Gegenreaktion gezwungen.

Aufgrund der Tatsache, dass ein Großteil der Soldaten in der Regierungsarmee aus Darfur stammte und somit Zweifel an ihrer Loyalität bestanden und um die kurz zuvor verbesserten Beziehungen zur westlichen Welt nicht zu gefährden, entschloss sich das Regime jedoch dazu, zur Niederschlagung des Aufstandes die reguläre Armee nur begrenzt einzusetzen, und stattdessen das ohnehin gespannte Verhältnis der Bevölkerungsgruppen Darfurs auszunutzen um diese gegeneinander auszuspielen (vgl. Hinsch/Janssen 2006: 208). Dazu griff die Regierung auf ein ebenso simples wie perfides Mittel, welches sie bereits bei der Bekämpfung der SPLA/M im Süden angewandt hatte, zurück: Eine „Strategie der verbrannten Erde“, die sich hauptsächlich gegen die Zivilbevölkerung, die als Unterstützer und Rekrutierungsbasis der Rebellen angesehen wurde, richten sollte[17] (vgl. De Waal 2004b).

Dabei setzte sie vor allem auf die Janjaweed[18], lokale arabische Reitermilizen, die umfassend bewaffnet und in die regulären Streitkräfte eingegliedert wurden. Die Tatsache, dass es sich bei der Mehrheit der Rebellen um Angehörige afrikanischer Stämme handelte, diente der sudanesischen Regierung dabei dazu, den arabisch-stämmigen Darfuri erfolgreich einzureden, dass es sich bei dem Aufstand um einen Krieg der Afrikaner gegen die Araber handelte (vgl. Hinsch/Janssen 2006: 208f). Damit sollte auch verhindert werden, dass sich die arabischen Stämme, die von der Marginalisierung der Region ebenso betroffen sind wie die afrikanischen Volksgruppen, der Rebellion anschließen (vgl. Prunier 2007b). Die Regierung in Khartum hat jedoch nicht nur immer wieder bestritten, mit den Milizen zusammenzuarbeiten, beziehungsweise sie zu unterstützen, sondern anfangs sogar dementiert, dass die Janjaweed überhaupt existieren (vgl. Köndgen 2004: 13).

Tatsache ist, dass die Janjaweed seit Juli 2003 dafür eingesetzt wurden, in enger Abstimmung mit der sudanesischen Luftwaffe systematisch hunderte afrikanische Dörfer zu zerstören und deren Bewohner zu ermorden beziehungsweise zu vertreiben.[19] Dabei bedienten sich die Milizen auch Massenvergewaltigungen und anderen Formen sexualisierter Gewalt, um die Frauen zu entwürdigen und damit im Endeffekt das soziale Gefüge der gesamten Gemeinschaft zu zerstören (vgl. Amnesty International 2004b).

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International schätzt, dass von Beginn der Krise bis Ende 2003 bereits etwa 600.000 Menschen auf der Flucht waren und sich in Lagern in Darfur und im benachbarten Tschad sammelten (vgl. Amnesty International 2004a). Dort waren sie jedoch auch nicht sicher, da die Janjaweed regelmäßig Männer ermordeten und Frauen vergewaltigten, die die Lager zum Wasser- oder Holzholen verließen (vgl. Hinsch/Janssen 2006: 209). Zudem blockierte die Regierung in Khartum den Zugang für Humanitäre Hilfsorganisationen zu den Lagern auf sudanesischem Staatsgebiet (vgl. Auswärtiges Amt 2008).

[...]


[1] Die Afrikanische Union ging 2002 aus der Organisation für Afrikanische Einheit (OAU) hervor.

[2] Von arabischرادروف = Land der Fur.

[3] von denen wiederum vier Hauptgruppen in Darfur leben: die Rizaiqat, die Habbaniya, die Ta'aisha und die Beni Halba.

[4] Zwar ist das Arabische die Verkehrssprache in der Region und wird von den meisten Volksgruppen gesprochen, jedoch haben sich die großen afrikanisch-stämmigen Gruppen auch ihre nilo-saharische Sprache bewahrt.

[5] Zuvor existierten in Darfur seit dem Jahr 900 n.Chr. christliche Königreiche.

[6] Selbiges gilt im Übrigen auch für die anderen peripher gelegenen Provinzen im Süden oder Osten des Landes.

[7] Besonders deutlich wurde die Vernachlässigung Darfurs beispielsweise im Jahr 1984, als die sudanesische Regierung die akute Gefahr einer Hungersnot in der Provinz ignorierte, sodass in der Folge schätzungsweise 95.000 Menschen verhungerten. Einzig dem Einsatz westlicher Hilfsorganisationen war es zu verdanken, dass diese Zahl nicht noch höher ausfiel (vgl. Prunier 2007a: 67ff).

[8] Diese Marginalisierung betrifft wohlgemerkt alle Volksgruppen Darfurs in gleichem Maße.

[9] So erhielt die Hauptstadt Süd-Darfurs, Nyala, zwar im Jahr 1959 einen Eisenbahnbahnanschluss, der Betrieb auf der Strecke ist jedoch nach wie vor äußerst unregelmäßig. El-Fascher, die Hauptstadt Nord-Darfurs, verfügt bis heute über gar keinen Eisenbahnanschluss, sondern ist nur über unbefestigte Straßen zu erreichen (vgl. Köndgen 2004: 9). Ein größeres Entwicklungsprojekt, die „Salvation Western Road“, welche Darfur mit Zentral-Sudan und Khartum verbinden sollte, wurde wegen Korruptionsvorwürfen eingestellt (vgl. Khalafalla 2005: 44).

[10] Damals dominierten die nicht-arabischen Ethnien, hauptsächlich die Fur, das Sultanat. Da sie sich durch die Nomaden in ihrem Lebensraum bedroht sahen, unterhielten sie eine schlagkräftige Kavallerie, und konnten so das Gleichgewicht zwischen Nomaden und Ackerbauern einige Zeit erhalten. Dieses brach allerdings zusammen, als ein arabischer Sklavenhändler die Macht an sich riss und den Baggara-Nomaden die Weidegründe der Fur zugänglich machte (vgl. Köndgen 2004: 8).

[11] Innerhalb der letzten 60 Jahre verfünffachte sich die Bevölkerung Darfurs von ungefähr 1,3 Millionen auf heute 6-7 Millionen.

[12] In der Folge fanden in den neunziger Jahren in Darfur mehrere Regionalkriege statt, die in ihrer Konstellation – arabische nomadische gegen afrikanische sesshafte Stämme – dem heutigen Konflikt durchaus ähnlich waren (vgl. Köndgen 2004: 10).

[13] Die Grundlage für diese Entwicklung wurde bereits im Krieg zwischen Libyen und Tschad geschaffen, als die libysche Propaganda die arabischen Stämme Darfurs auf die eigene Seite zu ziehen versuchte, indem sie an die kulturelle Überlegenheit der arabischen gegenüber den afrikanischen Völkern appellierte (vgl. Hinsch/Janssen 2006: 205).

[14] Die SLA/M wurde zuvor zunächst unter dem Namen Darfur Liberation Front (DLF) gegründet, nannte sich jedoch später um, um zu verdeutlichen, dass ihr Ziel nicht nur in der Vertretung regionaler, sondern auch nationaler Interessen bestand (vgl. Prunier 2007b).

[15] In Süd-Darfur und der angrenzenden Provinz West-Kordofan befinden sich Erdölvorkommen, deren Größenordnung auf etwa 900 Millionen Barrel geschätzt wird und die einem Gegenwert von 30 Milliarden Dollar entsprechen sollen. Damit könnte Khartum seine Erdölproduktion von 300.000 auf 500.000 Barrel pro Tag steigern. Weitere Vorkommen werden in West- und Nord-Darfur vermutet (vgl. Köndgen 2004: 14).

[16] So wurde unter anderem vereinbart, dass die Volksgruppen im Südsudan künftig an den Erlösen aus den südsudanesischen Erölreserven sowie an der Macht im Land beteiligt werden sollten. Zudem wurde dem Süden das Recht zugestanden, im Jahr 2011 ein Referendum über die Unabhängigkeit der Region abzuhalten (vgl. Öhm 2005: 154ff).

[17] Gérard Prunier weist an dieser Stelle zu Recht darauf hin, dass diese Art der Aufstandsbekämpfung, der die Logik zugrunde liegt, den Teich trocken zu legen, wenn man den Fisch nicht fangen kann, keineswegs neu ist und in der Vergangenheit beispielsweise bereits von den Franzosen in Algerien, den USA in Vietnam oder den Sowjets in Afghanistan angewandt worden war (vgl. Prunier 2007a: 136ff).

[18] Der Ausdruck Janjaweed (arabisch: [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]) setzt sich zusammen aus den Begriffen jan („Geist“) und jaweed, einer Abwandlung von jawad („Pferd“) (vgl. Khalafalla 2005: 41). Diese Milizen sollen bereits seit Ende der achtziger Jahre bestanden haben (vgl. Prunier 2007a: 129). Ihre Herkunft ist jedoch nicht vollständig geklärt und es gibt diesbezüglich mehrere Erklärungen. So wird von einigen Autoren vermutet, dass sie sich aus Gruppen kamelzüchtender Nomaden, den Abala, rekrutieren, die in den siebziger Jahren aus dem Tschad und Westafrika in den Sudan einwanderten, sowie aus den Angehörigen der nomadischen Baggara in Darfur. Andere sehen die Ursprünge dieser Milizen im Tschad, wo 1991 der heutige Präsident Idriss Déby, ein Angehöriger der Zaghawa, an die Macht kam und in der Folge die tschadischen Zaghawa ihre Vorrangstellung nutzten, um arabische Stämme zu überfallen und ihnen das Vieh zu stehlen. Diese flüchteten daraufhin in den Sudan, bildeten dort die Janjaweed und begannen nun damit, sich an den Angehörigen der Zaghawa in Darfur zu rächen (vgl. Köndgen 2004: 11f).

[19] Dabei wurde in der Regel nach einem einheitlichen Muster vorgegangen: Zunächst wurde das jeweilige Dorf von der sudanesischen Luftwaffe ausgekundschaftet und bombardiert. Anschließend umstellten die Janjaweed den Ort, ermordeten die Jungen und Männer und vergewaltigten die Frauen und Mädchen. Zuletzt wurde das Dorf völlig geplündert und in Schutt und Asche gelegt und die nicht getöteten Bewohner vertrieben. Um deren eventuelle Rückkehr unmöglich zu machen wurden zudem die fruchttragenden Bäume abgeholzt und die Brunnen vergiftet (vgl. Prunier 2007a: 209ff).

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Details

Titel
Darfur – der vergessene Konflikt?
Untertitel
Die Krise im Westen des Sudan und das zögerliche Engagement der Weltgemeinschaft
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Krisenprävention, Konfliktlösung, Friedenskonsolidierung - Konzepte und Praxis am Beispiel aktueller Konflikte
Note
1,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
27
Katalognummer
V117481
ISBN (eBook)
9783640197040
ISBN (Buch)
9783640197101
Dateigröße
1058 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Darfur, Konflikt, Krisenprävention, Konfliktlösung, Friedenskonsolidierung, Konzepte, Praxis, Beispiel, Konflikte
Arbeit zitieren
Christopher Schwarzkopf (Autor), 2008, Darfur – der vergessene Konflikt?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/117481

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