Konstruktion und Ironisierung des ‚Deutschen’ am Beispiel der RTL-Sitcom "Die Camper" (1. Staffel)


Hausarbeit, 2003

10 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zur Verwendung ‚typisch deutscher’ Motive in deutschen Sitcoms

3. Entstehen und Funktionen von Typisierungen

4. Die Serie ‚Die Camper’ als Abbild ‚typisch deutscher’ Lebenswirklichkeit
Warum ein Campingplatz?
Folgenanalyse unter Betrachtung von drei beispielhaft
ausgewählten Klischees vom Deutschen
Ordnung und Militär
Raum und Enge
Trinken und Gemütlichkeit

5. Fazit

1. Einleitung

Die Mitglieder einer Karnevalsgesellschaft träumen davon, endlich einmal am Kölner Rosenmon-tagszug teilzunehmen.[1] Ein Kioskbesitzer in Essen-Kray stellt sich den alltäglichen Problemen in seinem Viertel.[2] Der Büroleiter eines Bauamts im Rheinland macht Angestellten und Antragstellern das Leben schwer.[3] Zwei Familien verbringen jedes Sommerwochenende auf dem Campingplatz.[4]

Dies sind die Plots von vier deutschen Sitcoms[5] der letzten Jahre. Das Attribut ‚deutsch’ ist da-bei im doppelten Sinne zu verstehen: Zum einen wurden alle drei Stoffe eigens für das deutsche Fernsehen entwickelt, zudem beschäftigen sich die Serien mit ‚typisch deutschen’ Inhalten. Doch was ist, genauer gesagt, was gilt eigentlich als ‚typisch deutsch’? Und wie wird das ‚Deutsche’ in einer Sitcom zum Ausdruck gebracht? Diese Fragen soll meine Arbeit beantworten.

2. Zur Verwendung ‚typisch deutscher’ Motive in deutschen Sitcoms

Zu Beginn der 90er Jahre beginnen die deutschen Fernsehsender, ermutigt durch den Erfolg vieler US-Sitcoms hier zu Lande, eigene Serien dieses Genres zu produzieren.[6] Karstens / Schütte stellen fest, dass deutsche Produktionen für das Publikum zugänglicher sind als ausländische, da Themen und Schauplätze auf die spezifischen Sehgewohnheiten der Zuschauer abgestimmt werden können.[7] Zunächst allerdings beschränkt man sich bei der Sitcom-Produktion auf die Adaptation, die Anleh-nung der eigenen Serie an im Ausland bereits erfolgreich etablierte Ideen.[8] Doch die Drehbücher der daraus neu entstehenden deutschen Serien orientieren sich in vielen Fällen zu nah am auslän-dischen Original-Script. Holzer führt an, dass es sich um deutsche Abbildungen der Originale han-delt, in denen die Situationen und Verhältnisse nur geringfügig an das hiesige Alltagsgeschehen an-gepasst[9] und als simple Imitate an die Vorgaben ihrer amerikanischen Vorbilder gekettet wurden.[10] Bawol empfiehlt zwar, die Vorgehensweise der Amerikaner zu beobachten und zu verstehen, warnt aber gleichzeitig davor, sie sklavisch zu kopieren.[11] Der französische Philosoph Henri Bergson schließlich bemerkt bereits im Jahre 1900, „dass viele Witze in andere Sprachen unübertragbar sind, weil sie sich eng auf Sitten und Gebräuche einer ganz bestimmten Gesellschaft beziehen“.[12] Das ge-ringe Zuschauerinteresse an vielen Serien in der Frühphase der Sitcom-Produktion in Deutschland führt zu einem Umdenken bei den Verantwortlichen, das Fernsehproduzent John Barber so erklärt:

Wir versuchen natürlich nicht, eine amerikanische Serie zu übersetzen, um sie dann auf den deutschen Markt zu werfen. Wir fragen uns vielmehr, was die Besonderheiten der hiesigen Gesellschaft sind und was für Personen sie hervorbringt. Wenn man dabei genügend Aufrichtigkeit, Realismus und Fingerspitzengefühl mitbringt, kreiert man […] ein Produkt, das für den deutschen Markt einzigartig ist.[13]

Der Vorteil deutscher Sitcoms ergibt sich nach Holzer aus der Vertrautheit mit der Kultur und den spezifischen Verhältnissen im eigenen Land.[14] Als Beleg für diese These dient die Serie ‚Ein Herz und eine Seele’[15], deren Protagonist das Paradebeispiel des ‚hässlichen Deutschen’ ist, der in den Hass-Tiraden gegenüber seiner Umwelt stets auf aktuelle Themen der deutschen Lebenswirklichkeit eingeht. Der Hauptfigur der Serie ‚Familie Heinz Becker’[16], einem saarländischen Kleingeist, attes-tiert Holzer weiter: „Das aufgreifend, was wir nur zu gut kennen, gibt er uns die Gelegenheit, uns über wohlbekannte deutsche Befindlichkeiten zu amüsieren und uns aus der Distanz des Zuschauers an vertrauten Denkmustern unseres Landes und seiner Bürger zu ergötzen.“[17]

Aus der positiven Zuschauerresonanz kann abgeleitet werden, dass es in Deutschland ein großes Interesse an der humoristischen Auseinandersetzung mit Alltäglichkeiten gibt und das deutsche We-sen Eigentümlichkeiten und Skurrilitäten in sich birgt, die es auf humoristische Weise sichtbar zu machen gilt.[18] So erklärt Claus Vincon, Drehbuchautor ‚Die Camper’: „Wir haben […] hervorra-genden Humor von Karl Valentin bis Loriot und kein Amerikaner würde wissen, was am ‚Trabbi’, ‚Ballermann 6’ und an Ostfriesland komisch ist.“[19]

3. Entstehen und Funktionen von Typisierungen

Warum gilt das Oktoberfest als ‚typisch deutsch’? Oder ein zügelloses Temperament als ‚typisch italienisch’? Warum wird Engländern eine schlechte Küche nachgesagt? Bausinger stellt fest, dass Pauschalurteile über andere oft Kontrastbilder zum eigenen Erfahrungshintergrund sind.[20] Was man aus seiner eigenen Kultur nicht kennt, wird oft als ‚nationale Eigenart’ typisiert, die Abweichung von der eigenen Norm erregt die Aufmerksamkeit. So werden Unterstellungen zu Steuerungsele-menten der Wahrnehmung, die den Blick auf eine unbekannte Kultur bestimmen. Dabei wird zu schnell, zu weitgehend und zu unkontrolliert verallgemeinert – vom einzelnen oder von wenigen wird oft auf alle anderen geschlossen. Dies gilt besonders bei negativen Feststellungen.[21]

[...]


[1] ‚Einmal Prinz zu sein’, WDR, 2001

[2] ‚Alles Atze’, RTL, seit 2000

[3] ‚Das Amt’, RTL, 1997-2003

[4] ‚Die Camper’, RTL, seit 1997

[5] Sitcom […]. Komödiantisches Fernsehformat mit episodischer, also am Ende jeder knapp halbstündigen Folge abschließender Seriendramaturgie […] (Stefanie Weinsheimer: Sitcom. In: Reclams Sachlexikon des Films. Hrsg. v. Thomas Koebner. Stuttgart 2002, S. 555.)

[6] Vgl. Uwe Boll: Die Gattung Serie und ihre Genres. Aachen 1994, S. 63.

[7] Vgl. Eric Karstens / Jörg Schütte: Firma Fernsehen. Wie TV-Sender arbeiten. Alles über Politik, Recht, Organisation, Markt, Werbung, Programm und Produktion. Reinbek b. Hamburg 1999, S. 234f.

[8] Vgl. Daniela Holzer: Die deutsche Sitcom – Format, Konzeption, Drehbuch, Umsetzung. Bergisch-Gladbach

1999, S. 101.

[9] Vgl. ebd., S. 103.

[10] Vgl. ebd., S. 152.

[11] Vgl. Steven Bawol: Television in America Vs. Television in Europe: The Future. In: Writing Long Running Television Series. Hrsg. v. Julian Friedmann. Shoreham-by-Sea (UK) 1996, S. 23.

[12] Henri Bergson: Das Lachen. Jena 1921, S. 8f.

[13] Jürgen Wolff / L.P. Ferrante: Sitcom. Ein Handbuch für Autoren. Köln 1997, S. 203.

[14] Vgl. Holzer: Die deutsche Sitcom, S. 99.

[15] WDR, 1973-1976

[16] SR/WDR, 1992-2001

[17] Holzer: Die deutsche Sitcom, S. 215.

[18] Vgl. ebd., S. 216f.

[19] RTL-Pressemappe ‚Die Camper’ (1. Staffel). Köln 1997, S. 12.

[20] Vgl. Hermann Bausinger: Typisch deutsch. Wie deutsch sind die Deutschen? (2.Auflage). München 2000, S. 13.

[21] Vgl. ebd., S. 15-18.

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Konstruktion und Ironisierung des ‚Deutschen’ am Beispiel der RTL-Sitcom "Die Camper" (1. Staffel)
Hochschule
Universität zu Köln  (Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft)
Veranstaltung
Proseminar II Fernsehen
Note
1,7
Autor
Jahr
2003
Seiten
10
Katalognummer
V117492
ISBN (eBook)
9783640197682
Dateigröße
461 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Konstruktion, Ironisierung, Beispiel, RTL-Sitcom, Camper, Staffel), Proseminar, Fernsehen
Arbeit zitieren
Florian Steinacker (Autor), 2003, Konstruktion und Ironisierung des ‚Deutschen’ am Beispiel der RTL-Sitcom "Die Camper" (1. Staffel) , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/117492

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