Steigende Spendenbereitschaft nach Katastrophen

Versuch einer Erklärung anhand der Handlungstypen nach Max Weber


Seminararbeit, 2007

19 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

1. Inhaltsverzeichnis

1. INHALTSVERZEICHNIS

2. EINLEITUNG

3.1 WEBERS VERSTÄNDNIS VON SOZIOLOGIE
3.2 WEBERS IDEALTYPEN SOZIALEN HANDELNS

4. DAS SPENDENWESEN
4.1 HISTORIE DES SPENDENS
4.2 SPENDENSITUATION IN DEUTSCHLAND
4.3.1 SPENDENEINNAHMEN NACH KATASTROPHEN
4.3.2 SPENDENEINNAHMEN AM BEISPIEL DES TSUNAMI 2004

5. DAS AFFEKTUELLE HANDELN ALS BESCHREIBUNG FÜR DIE SPENDENBEREITSCHAFT NACH KATASTROPHEN

6. ZUSAMMENFASSUNG

7. LITERATUR

2. Einleitung

Man kann beobachten, dass nach einer Katastrophe die Bereitschaft zu spenden enorm steigt. Mit welchem Handlungstypus von MAX WEBER kann man diesen Anstieg beschreiben?

Hitzewelle in Mitteleuropa im Juli/August 2003, Hurrikan Katrina in der Küstenregion im Golf von Mexiko im August 2004, Seebeben im Indischen Ozean im Dezember 2004, Erdbeben in Indien und Pakistan im Oktober 2005 – dies sind nur einige Naturkatastrophen der letzten Jahre, während denen Tausende von Menschen in Not gerieten und materielle und finanzielle Hilfe benötigten. Diese Hilfe kommt bei den Menschen oft durch diverse Hilfsorganisationen wie zum Beispiel dem DRK, der Kindernothilfe oder der Diakonie an. Damit diese Organisationen, nicht nur nach Naturkatastrophen sondern auch in Krisenregionen etc., helfen können, sind sie auf Spenden angewiesen.

Laut IBRAHIM ist das Spendenwesen in Deutschland nur sehr begrenzt erfasst.1 Zur Bearbeitung des Themas gehört aber auch der Nachweis der Aussage, dass die Spendenbereitschaft gerade nach Katastrophen ansteigt. Dazu genügt oft der Vergleich von Jahresberichten der Hilfsorganisationen aus Jahren mit großen (medienwirksamen) Notlagen und den vorhergehenden bzw. folgenden Jahren. Angesichts der Tatsache, dass es nahezu jährlich zu verheerenden humanitären Katastrophen kommt, spielt nicht nur die Motivation der Spender in den Statistiken dazu bei, dass das Spendenvolumen steigt. Das Spendenvolumen ist auch von der medialen Berichterstattung abhängig. Ein großer Teil aller Katastrophen zählt zu den vergessenen (vgl. RADTKE 2007a: 29).

Die Aspekte des Spendenverhaltens lege ich in Kapitel 4 dar. Zuvor gebe ich in Kapitel 3 einen kurzen Überblick über die Soziologie WEBER s. Ausgehend von seiner Definition von Soziologie und seiner Idee der verstehenden Soziologie, über seine Auslegung zum (sozialen) Handeln, beschreibe ich die von ihm entwickelten vier Idealtypen des Handelns, von denen im 5. Kapitel der Schluss von einem Idealtypus zum Spendenaufkommen gezogen wird. Abschließend biete ich eine kurze Zusammenfassung.

3.1 Webers Verständnis von Soziologie

MAX WEBER (1864-1920) lebte in einer Zeit, zu der „Soziologie als nationalökonomische Hilfswissenschaft angesehen wurde. Er gehört (aber) zweifellos zu jenen Nationalökonomen, die sich in besonderem Maße für diese Hilfswissenschaft interessiert haben (…)“ (BROCK et al. 2002: 163). Heute gilt WEBER als einer der Gründungsväter der Soziologie aufgrund verschiedener bedeutender Beiträge wie etwa seiner Protestantismus-These, die Deutung des Kapitalismus als okzidentaler Rationalismus und seiner Wirtschaftsethik der Weltreligionen. Für die Bearbeitung unserer Fragestellung von besonderer Bedeutung ist aber sein Konzept der „verstehenden Soziologie“2 (vgl. a.a.O.: 161), welches im Folgenden näher erläutert werden soll. Dazu werde ich zunächst WEBER s Definition von Soziologie und anschließend seine Aussagen zum Handeln bzw. sozialen Handeln betrachten und komme abschließend zu seiner Entwicklung von Idealtypen, welche uns später einen Hinweis darauf geben sollen, warum nach Katastrophen die Spendenbereitschaft der Menschen zu steigen scheint.

Obwohl WEBER sein Konzept für eine als Erfahrungswissenschaft zu betreibende Soziologie etwa zeitgleich zu DURKHEIM entwickelte (vgl. a.a.O.: 165), wurde dieses erst 1922 nach seinem Tod von seiner Frau MARIANNE WEBER und seinem Schüler JOHANNES WINCKELMANN unter dem Titel „Wirtschaft und Gesellschaft“ herausgegeben. Das erste Kapitel „Soziologische Grundbegriffe“ umfasst siebzehn Paragraphen, in denen WEBER seine Auffassung von Soziologie darlegt (vgl. KORTE und SCHÄFERS 2000: 109). Während DURKHEIM, so BROCK, den Schwerpunkt seines Soziologiekonzeptes auf die Verbindlichkeit und Objektivität des gesellschaftlichen Zusammenlebens legt, setzt WEBER am sozialen Handeln von Individuen an. Das Handeln des Einzelnen sei aber nur dann von Belang, wenn es auf die Umwelt ausgerichtet und auf das Verhalten anderer Menschen bezogen sei (vgl. BROCK et al. 2002: 165).

Diese Aspekte formuliert WEBER in § 1 seiner Kategorienlehre:

„Soziologie (…) soll heißen: eine Wissenschaft, welche soziales Handeln deutend verstehen und dadurch in seinem Ablauf und seinen Wirkungen ursächlich erklären will. ‚Handelnsoll dabei ein menschliches Verhalten

(…) heißen, wenn und insofern als der oder die Handelnden mit ihm einen subjektiven Sinn verbinden. ‚SozialesHandeln aber soll ein solches Handeln heißen, welches seinem von dem oder den Handelnden gemeinten Sinn nach auf das Verhalten anderer bezogen wird und daran in seinem Ablauf orientiert ist“ ( WEBER 1976: 653; Hervorhebungen von WEBER ).

Demnach besteht der Gegenstandsbereich der Soziologie im sozialen Handeln, welches definiert wird als Handlung, die explizit auf das Verhalten anderer Menschen bezogen ist. Das Verstehen des subjektiven Sinns dieser Handlung ist das Spezifische, das Soziologie zu leisten hat (vgl. BROCK et al. 2002: 165; BAUER 1997: 21). BAUER führt weiter aus, dass der Sinn in subjektiven Zwecken, Werten etc. bestehe, die das Individuum mit seinen Handlungen verbinde und die dieses Handeln letztlich erkläre. Damit setzt WEBER aber nicht voraus, dass jedes Handeln „sinnhaft“ ist, „soweit Sinn aber vorhanden ist, ist damit einhergehendes Handeln von soziologischem Interesse“ (BAUER 1997: 21; vgl. KORTE und SCHÄFERS 2000: 109).

Laut BROCK sind zwei Formulierungen in § 1 besonders wichtig: „deutend verstehen“ und „ursächlich erklären“. Handlungen können nur verstanden werden, wenn wir uns der Motive des Handelnden bewusst sind und diese auch nachvollziehen können. Die Aufgabe des Soziologen besteht nun darin, auf dieser Grundlage Handlungsabläufe und ihre Folgen ursächlich zu erklären (vgl. BROCK et al. 2002: 166). Da aber lediglich Individuen Träger von sinnhaftorientierten Handlungen sein können, kann man die verschiedensten Gruppen nur dann verstehen, wenn man sie in die Handlungsmuster der einzelnen Menschen auflöst (vgl. BAUER 1997: 22).

3.2 Webers Idealtypen sozialen Handelns

Als Werkzeug für soziologische Analysen bildet WEBER „Idealtypen“, nicht nur für sinnhaftes Handeln, sondern auch für verschiedene Formen der Vergesellschaftung, der Legitimation politischer Herrschaft und unterschiedlicher gesellschaftlicher Klassen und Schichten. Diese Begriffsbildungen entsprechen der Vorstellung, „daß sich alle soziologisch wesentlichen Bereiche durch idealtypische Begriffskonstruktionen abdecken und mit Hilfe dieser Begriffe analysieren und erklären lassen“ (EBERLE und MAINDOK 1994: 94). Laut KORTE und SCHÄFERS vergleicht WEBER mit Idealtypen gedachte mit empirisch vorfindbaren Sinnzusammenhängen, um von einzelnen sozialen Handlungen auf allgemeine Regeln schließen zu können. Ohne die Bildung von Idealtypen wäre nur eine Ansammlung von einzelnen verstandenen Handlungen möglich, nicht aber ein universales Verstehen.3 Der eigentliche Sinn der idealtypischen Begriffsbildung liegt darin, bei dem Vergleich von ideal gedachten Situationen und realen sozialen Handlungen, ursächliche Entwicklungen zu bestimmen (vgl. KORTE und SCHÄFERS, 2000: 109f.).4

Idealtypen werden, so fasst KORTE WEBER zusammen, durch gedankliche Steigerung bestimmter Elemente der Wirklichkeit konstruiert (vgl. KORTE 2004: 62). Die Konstruktion ist dann „als gelungen anzusehen, wenn ein Höchstmaß an Sinnadäquanz und ein Mindestmaß an Kausaladäquanz erreicht werden kann“ (KORTE und SCHÄFERS, 2000: 110). KORTE definiert Sinnadäquanz als „ein optimales, möglichst hundertprozentiges Verstehen des Sinnzusammenhangs (Verhalten), den man untersucht“ (KORTE 2004: 63). Kausaladäquanz bedeutet „ein Mindestmaß an empirischer Wahrscheinlichkeit für das Auftreten von Handlungen“ (ebd.). Bei den Idealtypen handelt es sich um Begriffe mit hoher Kausal- und Sinnadäquanz (vgl. KORTE 2004: 64), die Klarheit über das soziale Geschehen durch den Schluss vom Einzelfall auf das sozial Typische erlangen will (vgl. BROCK et al. 2002: 167).

Nach der Beschreibung der Aufgabenstellung der Soziologie in § 1, stellt WEBER im folgenden Paragraphen vier Idealtypen des Handelns vor:

„Wie jedes Handeln kann auch das soziale Handeln bestimmt sein 1. zweckrational: durch Erwartungen des Verhaltens von Gegenständen der Außenwelt und von anderen Menschen und unter Benutzung dieser Erwartungen als ‚Bedingungenoder als ‚Mittelfür rational, als Erfolg, erstrebte und abgewogene eigne Zwecke, - 2. wertrational: durch bewußten Glauben an den – ethischen, ästhetischen, religiösen oder wie immer sonst zu deutenden – unbedingten Eigen wert eines bestimmten Sichverhaltens rein als solchen und unabhängig vom Erfolg, - 3. affektuell, insbesondere emotional: durch aktuelle Affekte und Gefühlslagen, - 4. traditional: durch eingelebte Gewohnheit“ ( WEBER 1976: 673; Hervorhebungen von WEBER ).

Nach WEBER gibt es also zweck- und wertrationales, affektuelles und traditionales Handeln.5

Das zweckrationale Handeln bezieht sich laut § 2 u.a. auf die Verhaltenserwartungen anderer Menschen. Ziele können so besonders rational verwirklicht werden, indem der Handelnde bestimmte Verhaltensweisen oder Reaktionen anderen Menschen unterstellt. Beim zweckrationalen Handeln geht es um individuellen Erfolg, um das eigene Wohlergehen (vgl. KORTE 2004: 61; BROCK et al. 2002: 168).

Wertrationales Handeln dagegen ist bestimmt von einem bewussten Glauben des Eigenwertes einer Sache, ganz unabhängig vom Erfolg (ebd.).6

Affektuelles Handeln hat nicht wie das zweckrationale einen Eigenwert und es lassen sich keine individuellen Ziele effizient verwirklichen. Vielmehr geht es um das Ausagieren von Emotionen – Gefühlslagen bestimmen das (spontane) Handeln (vgl. BROCK et al. 2002: 168).

Das traditionale Handeln liegt laut WEBER an der Grenze zum sinnhaften. Es geht um Bräuche, deren Art der Auslebung bereits festliegt. Man reagiert auf gewohnte Reize, ohne über den Sinn des Brauchtums nachzudenken (ebd.).

[...]


1 Persönliche Mitteilung von TANJA IBRAHIM, Mitarbeiterin des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen (DZI).

2 Laut WEBER setzt die Soziologie am sozialen Handeln an, dessen Beweggründe es zu verstehen gilt (vgl. BROCK 2002: 161).

3 „Die Soziologie bildet (…) Typen -Begriffe und sucht generelle Regeln des Geschehens“ (WEBER 1976: 667; Hervorhebungen von WEBER).

4 Ideal ist nicht mit der Steigerung von gut zu übersetzen (vgl. KORTE 2004: 61). Außerdem: Idealtypus ≠ Realtypus (vgl. MOMMSEN 1972: 248). „Die angesprochenen ‚Typen-Begriffe‛ sind (…) gedankliche Abstraktionen der Realität, deren Inhalt der generalisierte Sinn von Handlungen ist. (…) WEBER (…) weist ausdrücklich darauf hin, daß es sich dabei weder um die denkerische Abbildung eines tatsächlich empirisch gemeinten Sinns, noch um einen Durchschnitt mehrerer sinnhafter Handlungen handelt und es daher keine Übereinstimmung idealtypischer Begriffe mit der Realität gibt“ (BAUER 1997: 22f.).

5 „Sie (die vier Motive sozialen Handelns; Anm. des Autors) lassen sich auf jede Gesellschaft (…) anwenden. Das ist für den allgemeinen Anspruch einer Soziologie ganz besonders wichtig: Es handelt sich jetzt nicht mehr um national orientierte Soziologie (…), sondern es handelt sich hier ganz eindeutig um eine These, die immer und für alle Gesellschaften gelten soll“ (KORTE 2004: 61).

6 Als Beispiel nennt BROCK etwa einen christlichen Märtyrer, der um des Glaubens willen den Tod in Kauf nimmt (vgl. BROCK et al. 2002: 168).

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Steigende Spendenbereitschaft nach Katastrophen
Untertitel
Versuch einer Erklärung anhand der Handlungstypen nach Max Weber
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Veranstaltung
Vorlesung & Vertiefung
Note
1,7
Autor
Jahr
2007
Seiten
19
Katalognummer
V117526
ISBN (eBook)
9783640198818
ISBN (Buch)
9783640198993
Dateigröße
508 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Steigende, Spendenbereitschaft, Katastrophen, Vorlesung, Vertiefung
Arbeit zitieren
Judith Prange (Autor), 2007, Steigende Spendenbereitschaft nach Katastrophen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/117526

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