Wasserfrauen weckten seit jeher das Interesse der Dichter und Schriftsteller. Der Mythos um Melusine und Undine wurde sowohl im Mittelalter als auch in der Romantik in zahlreichen Werken der Literatur, Kunst und Musik bearbeitet.
Die vorliegende Arbeit versucht der Frage nachzugehen, ob Fontane in Effi Briest eine Wasserfrau schuf. Zuvor jedoch muss die Gestalt der Wasserfrau anhand der mittelalterlichen Sagen Egenolfs von Staufenberg und Thürings von Ringoltingen sowie der romantischen Wasserfrau-Erzählungen Friedrich de la Motte Fouqués und Hans Christian Andersens herausgearbeitet werden. Im Anschluss daran sollen die Ergebnisse auf Fontanes Effi Briest angewendet und im Hinblick auf das Rollenverständnis von Mann und Frau untersucht werden. Dabei sind die Werke von Anna Maria Stuby, Hubert Ohl und Matthias Vogel maßgeblich. Für die Bedeutung des Wassers sei verwiesen auf den Aufsatz von Christine Hehle über die Rolle der Ostsee in Effi Briest.
In seinen späteren Romanen schuf Fontane zahlreiche Frauengestalten, die Züge eines Elementarwesens aufweisen. Zu nennen wäre an dieser Stelle Melusine von Barby im Stechlin, die ihrem Namen alle Ehre macht und als verführerische Frau erscheint, deren Lockungen kein Mann widerstehen kann. In Ellernklipp ist es die Gestalt der Hilde, in Unwiederbringlich die Figur der Ebba von Rosenberg sowie Cécile aus dem gleichnamigen Roman, die eine Verbundenheit mit den Elementen aufweisen. Weitere Wasserfrauen schuf Fontane in Oceane von Perceval und Melusine von Cadoudal.
All diesen Frauengestalten ist die Verbundenheit mit dem Element Wasser gemein. Daher soll im Folgenden kurz geklärt werden, wie Wasser in der Literatur dargestellt wird und welchen Symbolgehalt es haben kann.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung: Die Wasserfrau in der Literatur
1.1 Zur Symbolik des Wassers
2 Untersuchungsteil
2.1 Von Melusinen, Undinen und Wasserfrauen
2.1.1 Wasserwesen bei Egenolf von Staufenberg, Thüring von Ringoltingen und Paracelsus
2.1.2 Friedrich de la Motte Fouqués Undine
2.1.3 Hans-Christian Andersens Kleine Meerjungfrau
2.2 „Was Dir so verlockend erscheint [...] das bezahlt man in der Regel mit seinem Glück.“ - Zur Gestalt der Wasserfrau
2.3 Das Wasserfrauenmotiv bei Effi Briest
2.3.1 Das Motiv der Tochter der Luft
2.3.2 Das Motiv des Versinkens
2.3.3 Das Wasser-Motiv
2.3.4 Effi –das Abbild einer Nymphe
2.4 Natur vs. Kultur. Zur Gender-Konzeption in Effi Briest
3 Auswertung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwiefern die Titelfigur in Theodor Fontanes Roman "Effi Briest" als Wasserfrau konzipiert ist. Ziel ist es, die Motive der Wasserfrau aus der mittelalterlichen und romantischen Literatur auf Fontanes Werk anzuwenden und das Rollenverständnis von Mann und Frau im Kontext der Natur-Kultur-Dichotomie zu analysieren.
- Literarische Tradition der Wasserfrau (Melusine, Undine, Kleine Meerjungfrau)
- Elementare Verbundenheit der Effi Briest mit Wasser und Luft
- Symbolik von Versinken und Grenzübertritt
- Spannungsfeld zwischen Naturkind und gesellschaftlicher Norm
- Gender-Konzeption und Rollenkonflikte im Roman
Auszug aus dem Buch
2.3.1 Das Motiv der Tochter der Luft
Wie bereits angemerkt schuf Fontane vielfach Frauengestalten, die einem bestimmten Element nahe standen. Durch die Bezeichnung Effis als „Tochter der Luft“ (GBA 15, S. 7) ordnet er sie dem der Erde entgegengesetzten Element zu und stellt einen Bezug zu Andersens Kleiner Meerjungfrau her. Die Erde als das Element der Menschen kann einer Tochter der Luft kein Zuhause bieten. „Es gehört ja auch zu der Konzeption dieser melusinenhaft dem Menschlichen fernstehenden und ihm doch zugewandten Gestalten, dass die Erde nicht zu den Elementen gehört, denen sie sich verwandt fühlen.“
Bei Andersen wird die kleine Meerjungfrau am Ende der Erzählung zu einer Tochter der Luft erhoben. Als solche kann sie sich nach dreihundert Jahren voll guter Taten selbst eine unsterbliche Seele erschaffen. Was sich für die kleine Meerjungfrau weder im Wasser noch auf der Erde finden ließ, wird ihr nun in der Luft zuteil. „Das Dasein einer Tochter der Luft kennzeichnet [...] ein Stadium auf dem Weg oder der Wanderung zum Freudenreich Gottes als dem glücklichen Aufenthalt der unsterblichen Seelen.“
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Wasserfrau in der Literatur: Einführung in die Thematik der Wasserfrau-Mythen und die forschungsleitende Frage nach der Einordnung von Effi Briest in diesen literarischen Kontext.
2 Untersuchungsteil: Umfassende Analyse aquatischer Frauengestalten in Sagen und Literatur von der Antike bis zur Romantik sowie deren Übertragung auf die Charakteristik von Effi Briest.
3 Auswertung: Synthese der Ergebnisse, in der die Figur der Effi Briest als zwischen Natur und Kultur zerrissenes Wesen charakterisiert und ihr Scheitern an gesellschaftlichen Konventionen resümiert wird.
Schlüsselwörter
Effi Briest, Theodor Fontane, Wasserfrau, Melusine, Undine, Kleine Meerjungfrau, Natur, Kultur, Gender, Rollenverständnis, Symbolik, Literaturgeschichte, Romantik, Mythos, Elementarwesen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der literarischen Figur der Wasserfrau und untersucht deren Präsenz und Bedeutung im Roman "Effi Briest" von Theodor Fontane.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Symbolik der Elemente Wasser und Luft, der Mythenbegriff der Wasserfrau sowie das Verhältnis von Natur und Kultur im Kontext der Geschlechterrollen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu belegen, dass Effi Briest in die Tradition der "Wasserfrauen" gestellt werden kann und wie ihre Verbundenheit zu diesen Elementen ihr Handeln und ihr tragisches Ende beeinflusst.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die Motive und Stoffe historisch herleitet und auf Fontanes Roman anwendet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung klassischer Wasserfrauenfiguren (Melusine, Undine, Meerjungfrau) und die detaillierte Analyse der Motive "Tochter der Luft", "Versinken" und "Nymphen-Abbild" in Bezug auf Effi Briest.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Neben dem Romantitel und dem Autor sind dies insbesondere Wasserfrau, Melusine, Natur, Kultur, Mythos und Gender.
Welche Bedeutung kommt dem "Schloon" im Roman zu?
Der Schloon dient als symbolischer Ausdruck für Effis innere seelische Verfassung und als Vorbote für ihren Ehebruch, indem er ein Versinken im Verborgenen andeutet.
Warum wird Effi als "Naturkind" bezeichnet?
Der Begriff markiert den Gegensatz zu ihrem Ehemann Innstetten, der als Repräsentant der zivilisatorischen Ordnung und Kultur fungiert und versucht, Effi in gesellschaftliche Rollen zu pressen.
Inwiefern ist das Ende des Romans symbolisch aufgeladen?
Effis Tod durch die vom Teich aufsteigende Nachtluft und Nebel symbolisiert die tödliche Verbindung der ihr eigenen Elemente Wasser und Luft, die ihr in der Menschenwelt keinen Raum ließen.
- Arbeit zitieren
- Astrid Ahl (Autor:in), 2006, "Immer am Trapez, immer Tochter der Luft" - Zur Bedeutung des Wasserfrauenmotivs in Fontanes "Effi Briest", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/117551