Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, zu untersuchen, welche Funktionen entlegene Orte für die Figuren haben. Dabei werden verschiedenen Figuren des Romans besondere Orte zugeschrieben, die bei den Figuren und ihrer jeweiligen Geschichte besonders zentral sind. Hier soll der Begriff des Ereignisses verwendet werden, um zu zeigen, wie oder ob das Erlebnis von einem besonderen Raum auch als entscheidendes Ereignis bezeichnet werden kann.
Ausgehend von der Theorie von Jurij Lotman soll in dieser Arbeit auch untersucht werden, ob Lotmans Begriff des Sujets auch in einer solchen Untersuchung etwas Wertvolles bringen könnte, obwohl es keine traditionelle Handlung gibt, sondern eine Vielzahl von Figuren und Geschichten dargestellt werden. In dieser Arbeit soll auch gezeigt werden, wie diese peripheren Orte semantisch aufgeladen und gewichtet werden können, d.h. zu zeigen, welche Bedeutung der jeweilige Ort hat. Weiter soll die Frage beantwortet werden, ob die Erlebnisse von entlegenen Orten oder räumlichen Gegebenheiten das Verhältnis von Zentrum und Peripherie beeinflussen und beispielsweise verstärken oder aufheben. Die Theorie von Jurij M. Lotman zur Semantisierung des Raumes soll zusammen mit Otto Bollnows Beitrag zum erlebten Raum den theoretischen Zugang bieten.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Ziel der Arbeit und Fragestellungen
3. Methode
4. Zum Stand der Forschung
5. Theoretischer Zugang
5.1 Raum
5.2 Semantisierung des Raumes und Grenzüberschreitungen
5.2.1 Räumliche Oppositionen und Werte
5.2.2 Ereignis, Sujet und Geschichte
5.3 Der erlebte Raum
6. Textanalyse
6.1 Melzer und Bosnien
6.1.1 Am Wiener Bahnhof
6.1.2 Treskavica
6.1.3 Heimkehr nach Wien
6.1.4 Melzer im Krieg
6.2 Grete Siebenschein, Norwegen, das Mittelmeer und die Atlantikküste
6.2.1 Oslo und das Sporthotel
6.2.2 Heimkehr nach Wien
6.2.3 Mittelmeer und Atlantik
6.3 Mimi Scarlez und die Flucht nach Buenos Aires
6.3.1 München – Flucht in die Ferne
6.3.2 Buenos Aires – Leben in der Fremde
6.3.3 Wien – Heimkehr und Bodenlose Heimat
6.4 Etelka Stangeler in Budapest und Konstantinopel
6.4.1 Konstantinopel
6.4.2 Wien
6.4.3 Niederösterreich
6.4.4 Budapest
6.5 René Stangeler im Wald
7. Zusammenführung
8. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die funktionale und semantische Bedeutung peripherer Räume in Heimito von Doderers Roman Die Strudlhofstiege oder Melzer und die Tiefe der Jahre. Dabei wird analysiert, wie diese entlegenen Orte die Entwicklung und Lebensgeschichten von fünf ausgewählten Charakteren beeinflussen und ob ihr Erleben als entscheidendes Ereignis bzw. Sujet gewertet werden kann.
- Analyse der Funktion peripherer Räume im Verhältnis zum Zentrum Wien.
- Anwendung narratologischer Theorien von Jurij Lotman zur Semantisierung von Räumen.
- Integration von Otto Friedrich Bollnows Konzept des „erlebten Raums“.
- Untersuchung der Grenzüberschreitungen und psychologischen Entwicklung der Charaktere.
Auszug aus dem Buch
6.1.1 Am Wiener Bahnhof
Der junge Leutnant Melzer wird im Jahr 1910 wegen Unruhen in Bosnien zurückberufen und steigt deshalb in Ischl in einen Zug nach Wien, wo er umsteigen muss. Als er am Bahnhof wieder auf dem Bahnsteig steht, empfindet er etwas, dass ihn in dem Moment zurückhält. Er sieht plötzlich in der Abgangshalle vor sich, wie seine Wiener Freunde morgens vom gleichen Bahnhof aus auf das Land fahren werden, diesmal ohne ihn:
Da stand er nun, den Kram im Arm, und schaute nach vorwärts aus der Halle. Von hier wird morgen nachmittags die ganze Bande abfahren, Grauermann und Marchetti, Semski und Grabmayr und der Edouard von Langl, Meister leichter Klaviermusik. Es roch sanft nach Eisenbahnrauch, genau so wie damals, und in Payerbach wird die frische Gebirgsluft beim Aussteigen zu spüren sein. (Doderer 2013:76)
Melzer wird einen Augenblick lang im bekannten Großstadtraum aufgehalten. Als kurz danach im Zugabteil eine Erinnerung an Mary auftaucht, empfindet Melzer einen Schmerz. Das Gefühl « preßte ihm die Brust und war wie ein Druck an seiner Kehle fühlbar. » (2013:77) Die Wiener Freunde und Mary, die er gerade verlassen hat, scheinen zwischen ihm und dem Reiseziel Bosnien wie eine Barriere zu stehen. Doch diese Verbindung zwischen Erinnerung und empfundenem Schmerz vor dem Abreisen wird von Major Laska sofort gebrochen, als dieser von seiner neuen Position als Jagdreferent für Bosnien erzählt: « das heißt also: Dein Bär ist gesichert. Ich nehm’ dich mit auf die Treskavica. » (2013:77) Die Aussicht auf eine Bärenjagd tief im bosnischen Wald wirkt äußerst erleichternd auf Melzer, der « Ein plötzliches Wohlgefühl » spürt und sich sogar über seinen eigenen Stimmungsumschwung wundert. (2013:77)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in den Roman und die Zielsetzung, die Peripherie als literarischen Raum zu untersuchen.
2. Ziel der Arbeit und Fragestellungen: Darstellung der Intention, Funktionen entlegener Orte auf Figuren zu untersuchen.
3. Methode: Erläuterung des Close-Reading-Ansatzes unter Einbeziehung raumtheoretischer Konzepte.
4. Zum Stand der Forschung: Überblick über bisherige Doderer-Forschung mit Fokus auf Raumkonzepte.
5. Theoretischer Zugang: theoretische Herleitung durch Raumkonzepte von Hallet/Neumann, Lotman und Bollnow.
6. Textanalyse: Detaillierte Untersuchung der fünf ausgewählten Charaktere und ihrer peripheren Erlebnisse.
7. Zusammenführung: Synthese der Einzelergebnisse und Diskussion der Rolle des Raumes für die Identitätsbildung.
8. Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Ergebnisse hinsichtlich der Bedeutung dynamischer Zentrums-Peripherie-Verhältnisse.
Schlüsselwörter
Heimito von Doderer, Die Strudlhofstiege, Raumtheorie, Peripherie, Zentrum, Spatial Turn, Jurij Lotman, Otto Friedrich Bollnow, erlebter Raum, Semantisierung, Erzählstruktur, Sujet, Narratologie, Literaturwissenschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Funktion und semantische Bedeutung von peripheren Räumen (Orten außerhalb Wiens) im Roman „Die Strudlhofstiege“ von Heimito von Doderer und deren Einfluss auf die Romanfiguren.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind Raumwahrnehmung in der Literatur, die Dichotomie von Zentrum und Peripherie, Grenzüberschreitungen sowie die psychologische Entwicklung fiktiver Charaktere.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Es soll untersucht werden, ob und wie entlegene Orte als entscheidende Ereignisse für die Lebensgeschichten der Figuren fungieren und wie sich der Begriff des Sujets auf diese Geschichten anwenden lässt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse basierend auf dem „Close-Reading“ sowie theoretische Werkzeuge von Jurij Lotman (Semantisierung, Sujet) und Otto Friedrich Bollnow (erlebter Raum).
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden fünf zentrale Figuren (Melzer, Grete Siebenschein, Mimi Scarlez, Etelka Stangeler und René Stangeler) hinsichtlich ihrer Erfahrungen an peripheren Orten wie Bosnien, Norwegen oder Südamerika analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Doderer, Peripherie, Zentrum, erlebter Raum, Semantisierung, Ereignis, Sujet und Narratologie.
Wie unterscheidet sich René Stangeler von den anderen untersuchten Figuren?
Im Gegensatz zu den anderen Charakteren, die aktiv oder aus Notwendigkeit in die Ferne aufbrechen, gerät René eher zufällig in den Wald, der für ihn eher ein Raum der introspektiven Selbstfindung als der Flucht ist.
Welche Bedeutung hat das „Bärenfell“ in Melzers Geschichte?
Das Bärenfell fungiert als „Anker“ für Melzers Erinnerungen an seine Erlebnisse in Bosnien und dient als Rückzugsort, der ihm hilft, sein Leben und seine geistige Entwicklung in Wien zu ordnen.
Warum wird Etelka Stangelers Geschichte als besonders tragisch eingeordnet?
Etelka scheitert an der Spannung zwischen ihrer Sehnsucht nach Freiheit in der Peripherie und ihrer bürgerlichen Existenz in Wien, was schließlich in einem Suizid als Konsequenz ihres inneren Konflikts endet.
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- Johan Gunn (Author), 2022, Ereignisse am Rand. Funktionen und Semantik des peripheren Raums in Heimito von Doderers "Die Strudlhofstiege oder Melzer und die Tiefe der Jahre", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1176175