In der vorliegenden Arbeit soll deskriptiv aufgezeigt werden, wie sich die Umbenennung der Kyjiwer Hauptstraße Moskowski Prospekt in Stepan-Bandera-Prospekt in das Verhältnis Staat – Ideologie – Alltag einordnen lässt. Anhand dessen soll beschrieben werden, wie sich der ukrainische Staatsbildungsprozess im öffentlichen Raum ideologisch manifestiert und welche Rolle die historische Figur Stepan Banderas dabei spielt. Es soll folgender Frage nachgegangen werden: Inwiefern stellt die Straßenumbenennung eine ideologische Neugestaltung der Gesellschaft innerhalb des ukrainischen Staatsbildungsprozesses dar?
Durch den Zerfall der Sowjetunion entstanden über 20 neue Staaten, die mit den ökonomischen, politischen und sozialen Folgen des systemischen Zusammenbruchs kämpften. Die Umstrukturierung von Plan- zu Marktwirtschaft, die ideologische Aushöhlung sozialistischer Ideen, wachsende Armut und Perspektivlosigkeit bestimmen bis heute gesellschaftliche Transformationsprozesse im postsowjetischen Raum. Die Besonderheit dieser Phänomene gründet sich nicht bloß auf dem gemeinsamen geographischen Raum, sondern auf dem geteilten politischen Erfahrungshorizont und den materiellen sowie ideologischen Bedingungen für postkommunistische Staats- und Nationenbildung.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theoretischer Hintergrund
3. Forschungsgegenstand
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht deskriptiv, wie sich die Umbenennung des Moskowski Prospekts in Stepan-Bandera-Prospekt in Kyjiw in das Verhältnis von Staat, Ideologie und Alltag einordnen lässt. Ziel ist es, zu analysieren, wie sich der ukrainische Staatsbildungsprozess im öffentlichen Raum manifestiert und welche Rolle dabei die historische Figur Stepan Banderas sowie erinnerungspolitische Maßnahmen einnehmen.
- Staatsbildungsprozesse im postsowjetischen Raum
- Die Rolle von Geschichtspolitik und kollektivem Gedächtnis
- Sozial-konstruktivistische Perspektive auf staatliche Institutionen
- Dekommunisierungskampagnen in der Ukraine
- Die Bedeutung der Umbenennung von Straßennamen für den Alltag
Auszug aus dem Buch
3. Forschungsgegenstand
Durch die Gründung unabhängiger Staaten befassen sich postsowjetische Gesellschaften seit dem Ende der Sowjetunion mit neu aufgeworfenen Identifikationsfragen. Nationale Kategorien und die ideologische Abgrenzung zum kommunistischen System spielen im gesellschaftlichen Aushandlungsprozess eine zunehmende Rolle. Anhand dessen, wie über nationales Gedenken gesprochen und Erinnerung konstruiert wird, kann beobachtet werden, welche Bedeutung Ideologie für den alltäglichen Staatsbildungsprozess hat.
Dieser Umstand lässt sich an dem lokalen Beispiel der Dekommunisierungskampagne der ukrainischen Regierung schematisch rekonstruieren. Das ukrainische Parlament (Werchowna Rada) verabschiedete im April 2015 ein Gesetzespaket mit umfassenden Regelungen. Die neuen Gesetze betreffen staatliche Erinnerungspolitik und historische Archivarbeit, insbesondere die Neubewertung ukrainischer Truppen wie die Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) und die Ukrainische Aufständische Armee (UPA), die im Zweiten Weltkrieg kämpften. Des Weiteren sind kommunistische (und nationalsozialistische) Symboliken und Parteien sowie die Verbreitung sowjetischer Ideologie verboten. Um dieses Verbot auch im öffentlichen Raum geltend zu machen, werden Maßnahmen zur Entfernung kommunistischer Symbole ergriffen: Städte, Straßen und Plätze werden umbenannt, Denkmäler abgerissen. Grzegorz Rossolinski beschreibt diesen sozio-kulturellen Vorgang als „Nationalisierung der Stadtlandschaft“ (Rossolinski 2008) oder als „Neukodierung der Stadt“ (ebd.).
Ausgangspunkt dieser Reformen war die Protestbewegung auf dem Maijdan in der ukrainischen Hauptstadt Kyjiw von Dezember 2013 bis Februar 2014. Der Abbau eines Lenindenkmals durch Aktivist:innen in Kyjiw am 8. Dezember 2013 läutete die endgültige „Entsowjetisierung“ (vgl. Kasjanow 2016) der Ukraine ein. Auch die von Russland annektierte Halbinsel Krim (2014) und der separatistische Krieg im östlichen Donbas (2014) befeuern die nationale Neugestaltung des ukrainischen Staates. Diese Ereignisse stehen im Zusammenhang mit Transformationsprozessen, die Patriotismus und Nationalismus als politische Antworten auf gesellschaftliche Umbrüche in der Ukraine normalisieren.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung verortet die Arbeit im postsowjetischen Transformationskontext und führt die Forschungsfrage zur ideologischen Neugestaltung der Gesellschaft durch Straßenumbenennungen ein.
2. Theoretischer Hintergrund: Dieses Kapitel verknüpft Charles Tillys materielle Staatsbildungstheorie mit sozial-konstruktivistischen Ansätzen, um den Staat als kulturellen und performativen Prozess zu begreifen.
3. Forschungsgegenstand: Der Hauptteil analysiert die ukrainische Dekommunisierungspolitik am Beispiel der Straßenumbenennung in Kyjiw und die Instrumentalisierung historischer Narrative zur Identitätsbildung.
4. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Staatsbildung ein ideologischer Prozess ist, der im städtischen Alltag durch Symbole und Straßennamen performativ reproduziert wird.
Schlüsselwörter
Staatsbildung, Ukraine, Dekommunisierung, Stepan Bandera, Erinnerungspolitik, Transformationsprozess, Nationalismus, Kyjiw, Geschichtspolitik, postsowjetisch, Identitätsbildung, Stadtlandschaft, Erinnerungskultur, Alltag, Performative Reproduktion
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, wie der ukrainische Staat nach dem Zerfall der Sowjetunion versucht, durch Erinnerungspolitik und die Umbenennung von Straßennamen seine Identität im öffentlichen Raum neu zu konstruieren.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind Staats- und Nationenbildung, Dekommunisierung, die Bedeutung von historischer Symbolik im öffentlichen Raum und die sozial-konstruktivistische Analyse von Staatlichkeit.
Was ist die Forschungsfrage?
Die zentrale Frage lautet: Inwiefern stellt die Straßenumbenennung in Kyjiw eine ideologische Neugestaltung der Gesellschaft innerhalb des ukrainischen Staatsbildungsprozesses dar?
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird ein deskriptiver und sozial-konstruktivistischer Ansatz gewählt, der theoretische Konzepte (wie die von Charles Tilly oder Krupa/Nugent) mit einer Fallstudie verbindet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Rolle des Instituts für Nationale Erinnerung, die Debatte um Stepan Bandera und die Auswirkungen der Umbenennung des Moskowski Prospekts auf den städtischen Alltag.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen gehören Dekommunisierung, nationale Identität, Staatsbildung, Geschichtspolitik und die Neukodierung des öffentlichen Raums.
Wie reagierte die Bevölkerung auf die Umbenennung des Moskowski Prospekts?
Es gab Widerstand aus der städtischen Bevölkerung, der sich in der Klage eines Bürgervereins äußerte und im Februar 2021 zur vorläufigen Annullierung der Umbenennung durch die Bezirksverwaltung führte.
Warum wird Stepan Bandera als Symbol für den heutigen ukrainischen Staat genutzt?
Bandera wird von nationalistischen Kreisen als Symbol gegen Korruption und russische Dominanz instrumentalisiert, um eine historische Kontinuität des ukrainischen Befreiungskampfes zu konstruieren.
- Arbeit zitieren
- Antonia Skiba (Autor:in), 2021, Der Stepan-Bandera-Prospekt in Kyjiw und seine Bedeutung für die ukrainische Staats- und Nationenbildung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1176198