Laut einem Bericht der Berliner Zeitung vom 19 November 2007 ist die Armut in Lateinamerika deutlich gesunken. Dies bedeutet jedoch nur, dass die Zahl der Menschen, die in Armut leben, heute erstmals seit 1990 unter 200 Millionen gesunken ist.
Als arm gilt hier, wer mit weniger als einem Dollar am Tag auskommen muss.
Sieht man solche Zahlen ist es nur schwer verständlich, dass die Armen Lateinamerikas immer noch als Minderheit dargestellt werden und politisch kaum bis gar kein Mitspracherecht haben.
Jedoch ist in den letzen 50 Jahren ein deutlicher Trend erkennbar: Die Armen werden sich ihrer Situation bewusst und werden von der Öffentlichkeit zusehends wahrgenommen.
Zwar hatte die Globalisierung für die Armen Lateinamerikas schwerwiegende Folgen dahingehend, dass sie zunehmend ausgenutzt und unterdrückt wurden, allerdings hat sie auch eine entscheidende positive Veränderung bewirkt: Die Armen wurden sich der Ungerechtigkeit ihrer Situation bewusst und es wuchs der Wunsch, die Wurzeln dieser Situation aufzudecken und zu bekämpfen.
Genau hier setzt die Befreiungstheologie an.
Im dem folgenden Text möchte ich einige Grundzüge der Befreiungstheologie näher erläutern, aufgrund der gebotenen Kürze werde ich mich speziell mit der geschichtlichen Entwicklung der Befreiungstheologie ab dem Zweiten Vatikanischen Konzil im Jahre 1962 sowie der vorrangigen Option für die Armen beschäftigen.
Da die Befreiungstheologie keine einheitliche Theologie darstellt und verschiedene Theologen die Art sowie den Sinn der Befreiungstheologie unterschiedlich auslegen, werde ich mich in dem folgenden Text vor allem nach den Ausführungen Gustavo Gutiérrez richten.
Die Theologie war und ist viel Kritik ausgesetzt. Konstruktive Kritik hat im Laufe der Jahre dazu geführt, die anfänglichen Thesen zu überarbeiten und zu verbessern.
Jedoch gibt es auch viele Kritiker, die der Theologie der Befreiung absprechen, eine echte Theologie zu sein, statt dessen handle es sich bei ihr um reine Soziologie oder sogar Politikwissenschaft.
Laut G. Gutiérrez liegt aber gerade in dieser Vielschichtigkeit das Wesen der Befreiungstheologie.
Er bezeichnet sie als neue Art Theologie zu betreiben, indem sie den ganzen Menschen und seine sozialen und politischen Bedingungen in den Theologieprozess aufnimmt. In all seinen Büchern betont er immer wieder, dass die Hineinnahme des Weltlichen in die Theologie keinesfalls den Ausschluss des Theologischen und des Spirituellen bedeutet.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Gustavo Gutiérrez
3. Geschichtliche Entwicklung
3.1. Zweites Vatikanisches Konzil
3.2. Medéllin
3.2.1. Sehen-Urteilen-Handeln
3.3. Puebla
4. Befreiungstheologie nach Gutiérrez
5. Option für die Armen
5.1. Materielle und geistige Armut
5.2. Armut als Sünde
6. Schlussbemerkung
7. Quellen
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit befasst sich mit der Entstehung und den zentralen Grundzügen der Befreiungstheologie in Lateinamerika unter besonderer Berücksichtigung der theologischen Ansätze von Gustavo Gutiérrez. Das primäre Ziel ist es, den historischen Kontext ab dem Zweiten Vatikanischen Konzil aufzuzeigen und die christliche Pflicht zur „Option für die Armen“ als einen ganzheitlichen Befreiungsprozess zu erläutern.
- Historische Entwicklung der Befreiungstheologie ab 1962
- Die methodische Herangehensweise des „Sehen-Urteilen-Handeln“
- Die theologische Interpretation von Armut und Sünde
- Die Rolle der „vorrangigen Option für die Armen“
- Kritische Auseinandersetzung und aktuelle Konfliktfelder mit dem Vatikan
Auszug aus dem Buch
3.1. Zweites Vatikanisches Konzil
Das Zweite Vatikanische Konzil fand von 1962 bis 1965 statt. Erstmalig nahmen an diesem Konzil einheimische Bischöfe aller Kontinente, nicht wie bisher üblich nur der westlichen Länder, teil.
Unter anderem stellte man die Kirche in diesem Konzil als Weltkirche heraus, würdigte jedoch auch die rechtmäßigen Verschiedenheiten der einzelnen Teilkirchen und akzeptierte diese. Bei der Lektüre der Texte des Konzils stellt man fest, dass vor allem die dogmatische Konstitution über die Kirche „Lumen Gentium“ viele Passagen enthält, welche die Notwendigkeit einer Öffnung der bisher ausschließlich westlich geprägten Kirche zur Sprache bringt.
Deutlich wird diese Prinzip beispielsweise in dem Art. 23 „...In ihnen (den Teilkirchen) und aus ihnen besteht die eine und einzige katholische Kirche“ und wird im Art. 26 noch verstärkt, indem es heißt: „Diese Kirche Christ ist wahrhaft in allen rechtmäßigen Ortsgemeinschaften der Gläubigen anwesend, die in der Verbundenheit mit ihren Hirten im Neuen Testament auch selbst Kirchen heißen“.
„Es ist (...) Aufgabe des ganzen Gottesvolkes, vor allem auch der Seelsorger und Theologen, unter dem Beistand des Heiligen Geistes auf die verschiedenen Sprachen unserer Zeit zu hören, sie zu unterscheiden, zu deuten und im Licht des Gotteswortes zu beurteilen, damit die geoffenbarte Wahrheit immer tiefer erfasst, besser verstanden und passender verkündet werden kann.“
Dieser Hinweis auf die Wichtigkeit der „Zeichen der Zeit“, wie G. Gutiérrez sie vielfach bezeichnet, bereitet den ersten Schritt auf dem Weg zur Befreiungstheologie, einer Theologie, die ganz auf der aktuellen Situation und dem geschichtlichen Hintergrund des lateinamerikanischen Volkes beruht.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die soziale Situation in Lateinamerika und stellt die Befreiungstheologie als Antwort auf die dortige Ungerechtigkeit vor, wobei der Fokus auf Gustavo Gutiérrez gelegt wird.
2. Gustavo Gutiérrez: Dieses Kapitel skizziert den Lebensweg und die akademische Prägung von Gustavo Gutiérrez als zentralem Wegbereiter der Befreiungstheologie.
3. Geschichtliche Entwicklung: Das Kapitel zeichnet den Weg von den Impulsen des Zweiten Vatikanischen Konzils über die Konferenzen in Medellín bis hin zu Puebla nach, die den Grundstein für die Befreiungstheologie legten.
4. Befreiungstheologie nach Gutiérrez: Hier werden die theologischen Kerngedanken von Gutiérrez erläutert, insbesondere die Verbindung von Glaube und Leben sowie die Erlösung als irdischen Befreiungsprozess.
5. Option für die Armen: Dieses Kapitel analysiert das theozentrische Verständnis der Armen-Option und differenziert zwischen materieller und geistiger Armut sowie Armut als Sünde.
6. Schlussbemerkung: Die Schlussbemerkung reflektiert den Status quo der Befreiungstheologie und diskutiert die zunehmende Spannung zwischen den Befreiungstheologen und dem Vatikan.
7. Quellen: Auflistung der verwendeten Literatur und Internetquellen.
Schlüsselwörter
Befreiungstheologie, Gustavo Gutiérrez, Lateinamerika, Option für die Armen, Zweites Vatikanisches Konzil, Medellín, Puebla, Sehen-Urteilen-Handeln, Armut, Sünde, Weltkirche, Kirchenkritik, Soziale Gerechtigkeit, Evangelisierung, Befreiung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Ursprünge und theologischen Kernpunkte der Befreiungstheologie in Lateinamerika, basierend auf den Schriften von Gustavo Gutiérrez.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Zentrum stehen die historische Entwicklung innerhalb der katholischen Kirche, die methodische Analyse der Lebenswirklichkeit und die ethische Option für die Armen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die Befreiungstheologie als eine legitime, auf die „Zeichen der Zeit“ reagierende Theologie darzustellen und den ganzheitlichen Befreiungsansatz zu erläutern.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär verwendet?
Die Arbeit nutzt eine theologische Literaturanalyse, wobei insbesondere der von Gutiérrez geprägte Dreischritt „Sehen-Urteilen-Handeln“ angewandt wird.
Was wird im inhaltlichen Hauptteil detailliert behandelt?
Der Hauptteil behandelt die Konzilsdokumente, die Entwicklung in Medellín und Puebla sowie die Definition von Armut als gesellschaftlicher Skandal und Sünde.
Welche Schlagworte charakterisieren diese Publikation?
Besonders prägend sind die Begriffe Befreiungstheologie, soziale Gerechtigkeit, Option für die Armen und der interaktive Prozess von Glauben und gesellschaftlicher Praxis.
Warum wird die materielle Armut als „Skandal“ bezeichnet?
Nach Gutiérrez ist Armut ein Skandal, da sie die menschliche Würde zerstört und somit in direktem Widerspruch zum Willen Gottes steht.
Wie positioniert sich der Autor gegenüber dem Konflikt mit dem Vatikan?
Der Autor zeigt sich besorgt über die Repression durch den Vatikan und plädiert dafür, die Befreiungstheologie wieder stärker in die öffentliche Debatte zu rücken.
- Quote paper
- Sofie Ellingsen (Author), 2008, Befreiungstheologie in Lateinamerika, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/117633