In dieser Arbeit werden juristische Hürden untersucht, die beim Einsatz von Smart Contracts auftreten können und Rahmenbedingungen formuliert, innerhalb derer eine Nutzung nach dem gültigen Recht möglich ist.
Im Bereich Legal Tech sind Smart Contracts heutzutage immer häufiger als Schlagwort vorzufinden. Sie dienen der Schließung, Automatisierung und Rechtsdurchsetzung klassischer Verträge und wollen auf diesem Weg Rechtsstreitigkeiten auf ein Minimum reduzieren. Auch wenn sie von einigen bereits als unausweichliche Technologie angepriesen werden, ist ihre regulatorische Zulässigkeit noch nicht abschließend geklärt.
Selten waren die Meinungen über eine Technologie so zwiegespalten, wie es bei der Blockchain der Fall ist. Befürworter sehen in ihrer dezentralen Natur die Lösung für eine Vielzahl an Problemen des digitalen Zeitalters. Als disruptive Technologie wird ihr nachgesagt, die Digitalisierung in verschiedenen Bereichen wesentlich voranzutreiben und die Wirtschaft grundlegend auf den Kopf zu stellen.
Gleichzeitig steht das Konzept vor dem Hintergrund der Klimadebatte massiv unter Kritik, da es teils enorme Rechenleistung und somit Ressourcen erfordert. Entgegen der häufig vorzufindenden Gleichstellung der Blockchain mit Kryptowährungen gehen ihre Anwendungsfelder aber weit über diese hinaus. Blockchain-basierte Smart Contracts sollen zukünftig zur Obsoleszenz zentraler Institutionen über alle Branchen hinweg beitragen und die traditionelle Kautelarpraxis grundlegend revolutionieren.
Verträge werden sodann direkt zwischen Parteien geschlossen und die Rechtsdurchsetzung mittels selbstausführender Software automatisiert. Der damit einhergehende Verzicht auf zentrale Intermediäre hat Zeit- und Kosteneinsparungen zur Folge und stößt damit vor allem im Finanzsektor auf Begeisterung. Dennoch werden von Gegnern sinnvolle Einsatzzwecke der Smart Contracts angezweifelt, während andere dem bestehenden Rechtssystem bereits seine Daseinsberechtigung entziehen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Technologische Grundlagen
2.1 Peer-to-Peer Netzwerke und Distributed-Ledger
2.2 Blockchain
2.2.1 Funktionsweise
2.2.2 Klassifikation
2.2.3 Problematik und Weiterentwicklung
2.3 Blockchain 2.0
3 Smart Contracts
3.1 Definition
3.2 Funktionsweise
3.3 Evaluation und Anwendungsgebiete
4 Juristische Betrachtung von Smart Contracts
4.1 Vorvertragliche Herausforderungen
4.1.1 Zurechnung von Willenserklärungen
4.1.2 Software als Vertragssprache
4.1.3 Smart Contracts und das AGB-Gesetz
4.1.4 Gefahr der unerlaubten Rechtsdienstleistung
4.2 Vertragsschluss
4.2.1 Angebot und Annahme mittels Smart Contract
4.2.2 Kryptowährung als schuldrechtliche Gegenleistung
4.3 Störungen im Vertragsverhältnis
4.3.1 Wirksamkeitshindernisse
4.3.2 Rechtsvernichtende Einwendungen
4.3.3 Leistungsstörungen
4.3.4 Digitale Konfliktlösung und Rückabwicklung
4.3.5 Automatisierte Selbstjustiz
4.4 Vereinbarkeit von Transparenz und Datenschutz
5 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die juristischen Rahmenbedingungen von Smart Contracts in Deutschland, um zu klären, unter welchen Bedingungen diese automatisierten Verträge de lege lata rechtssicher eingesetzt werden können. Der Fokus liegt dabei auf der Klassifizierung als Vertrag im Rechtssinn sowie der Identifizierung regulatorischer Hürden im Zivil-, Finanz- und Datenschutzrecht.
- Grundlagen der Blockchain-Technologie und Funktionsweise von Smart Contracts
- Juristische Einordnung von automatisierten Willenserklärungen und Vertragsschlüssen
- Anwendbarkeit des AGB-Rechts und des Rechtsdienstleistungsgesetzes (RDG)
- Umgang mit Leistungsstörungen, Rechtsbehelfen und digitaler Konfliktlösung
- Spannungsfeld zwischen Transparenz der Blockchain und Anforderungen der DS-GVO
Auszug aus dem Buch
4.1.1 Zurechnung von Willenserklärungen
Gemäß herrschender Meinung (h. M.) handelt es sich bei der Rechtsfähigkeit um die Eigenschaft, Träger von Rechten und Pflichten zu sein. Hiervon abzugrenzen ist die Geschäftsfähigkeit als Fähigkeit, wirksame Willenserklärungen abzugeben und sich somit selbstständig im Rahmen von Rechtsgeschäften zu verpflichten. Da eine Verpflichtung konsequenterweise nur möglich ist, wenn jemand auch Träger von Pflichten sein kann, setzt die Geschäftsfähigkeit eine Rechtsfähigkeit voraus. Abgesehen von natürlichen Personen mit vollendeter Geburt nach § 1 BGB sind juristische Personen gleichermaßen rechtsfähig. Eine unbeschränkte Geschäftsfähigkeit hingegen liegt nicht schon bei Geburt, sondern i. S. d. §§ 2, 104, 106 BGB erst bei Erreichen des 18. Lebensjahres vor.
Dient ein Smart Contract gemäß Fall 1 nur der Umsetzung von Vereinbarungen eines analogen Vertrags, ergeben sich aus der Nutzung keine Besonderheiten, da Angebot und Annahme des Vertrags unabhängig vom Smart Contract erfolgen. Hierbei agiert der Programmcode lediglich als technisches Hilfsmittel zum Leistungsaustausch eines off-chain zustande gekommenen Vertrags und bedarf keiner weiteren zivilrechtlichen Beurteilung. Anders sieht die Lage jedoch aus, wenn in Fall 2 mindestens eine Partei ihre Willenserklärung über den Smart Contract automatisiert. Eine solche automatisierte Willenserklärung gilt nach Auslegung anhand der §§ 133, 157 BGB von der Person (natürlich oder juristisch) als abgegeben, die den Smart Contract samt essentialia negotii, also den notwendigen Vertragsbestandteilen, in die Blockchain integriert.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung stellt die technologische Relevanz von Blockchain und Smart Contracts vor und definiert die Forschungsfrage bezüglich ihrer juristischen Einordnung in Deutschland.
2 Technologische Grundlagen: Dieses Kapitel erläutert die Funktionsweise von Netzwerken, Blockchain-Systemen und Konsensmechanismen als technische Basis für Smart Contracts.
3 Smart Contracts: Hier wird der Begriff definiert, die Funktionsweise beschrieben und das Potenzial der Technologie für verschiedene Anwendungsgebiete evaluiert.
4 Juristische Betrachtung von Smart Contracts: Dieses Kernkapitel untersucht die rechtlichen Herausforderungen bei Vertragsschluss, AGB-Einbeziehung, Leistungsstörungen und Datenschutz.
5 Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und kommt zu dem Schluss, dass Smart Contracts eine nützliche Software darstellen, jedoch an Zivilrechts- und Datenschutzgrenzen stoßen.
Schlüsselwörter
Blockchain, Smart Contracts, Zivilrecht, Datenschutzrecht, AGB-Recht, Rechtsdienstleistungsgesetz, Willenserklärung, Vertragsschluss, Leistungsstörungen, DS-GVO, Konsensmechanismus, Legal Tech, Vertragssprache, Automatisierung, Rechtsfähigkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die juristische Einordnung und die regulatorischen Rahmenbedingungen für den Einsatz von Smart Contracts auf Basis der Blockchain-Technologie in Deutschland.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themenfelder umfassen die technologischen Grundlagen, die vertragsrechtliche Beurteilung, die Vereinbarkeit mit dem AGB-Recht, das Rechtsdienstleistungsgesetz sowie datenschutzrechtliche Aspekte.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist die Beantwortung der Frage, inwieweit ein Smart Contract als Vertrag im Rechtssinn klassifiziert werden kann und unter welchen Bedingungen sein Einsatz nach deutschem Recht möglich ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird auf einschlägige Fachliteratur und Rechtsprechung zurückgegriffen, ergänzt durch eine selbstständige Subsumtion von Sachverhalten unter die Tatbestände des geltenden Rechts.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden sowohl vorvertragliche Aspekte wie die Zurechnung von Willenserklärungen als auch die Durchführung von Verträgen, der Umgang mit Störungen und die Vereinbarkeit mit der DS-GVO behandelt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte sind Blockchain, Smart Contracts, Zivilrecht, Datenschutzrecht, Vertragsschluss und Rechtsdienstleistungsgesetz.
Wie bewertet der Autor das Konzept "Code is Law"?
Der Autor lehnt die Interpretation ab, dass der Programmcode losgelöst vom Gesetz das einzige gültige Recht sei; er vertritt stattdessen die Ansicht "Code has to obey the Law".
Warum stellt die Blockchain den Datenschutz vor Probleme?
Die Unveränderlichkeit der Blockchain widerspricht den Anforderungen der DS-GVO, insbesondere den Betroffenenrechten auf Löschung oder Berichtigung von Daten.
- Arbeit zitieren
- Jens Baudy (Autor:in), 2022, Smart Contracts und die juristischen Rahmenbedingungen in Deutschland. Zum Einsatz Digitaler Verträge auf Blockchain-Basis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1176386