Das 19. Jahrhundert war nicht nur in Deutschland ein Jahrhundert der Denkmäler. Dazu beigetragen
hat ohne Zweifel König Ludwig I. von Bayern, einer der eifrigsten Erbauer und Auftraggeber von
Nationaldenkmälern im 19. Jahrhundert. Durch seine beiden wichtigsten Baumeister Leo von
Klenze und Friedrich von Gärtner entstanden während seiner Regierungszeit eine Vielzahl an
Denkmäler und Bauten, wurde die Stadt München zum kulturellen Zentrum ausgebaut. Die Kunst
hatte hierbei auch in gewisser Art und Weise die Funktion einer Kompensation für den Mangel an
politischer Macht. Wenn Preußen das politische Zentrum war, so sollte in Bayern die „teutsche“
Kunst und Kultur verwaltet werden. Bei seiner Kunstpolitik handelte es sich nicht nur um eine
Nebenbeschäftigung Ludwigs I., sondern sie bildete ein gleichwertiges Pendant zu seiner
Staatspolitik. Sein Denkmalskult wollte dabei Geschichte festhalten und der Allgemeinheit zum
Bewusstsein bringen.
In dieser Hausarbeit soll es um das vorletzte große Nationaldenkmal Ludwigs I. gehen: der
Ruhmeshalle mit der davorstehenden kolossalen Bavariastatue. Sie war die Schutzfigur der
Ruhmeshallengenossen sowie der gesamten Ruhmeshalle selbst, wurde aus dem Material eroberter
türkischer Kanonen gegossen und galt als erste neuzeitliche Kolossalplastik. Sie diente als
Hintergrundkulisse für Burschenschaftstreffen, für Wahlpropaganda der Nationalsozialisten, war
Motiv von Schaubuden und Briefmarken, ebenso wie das Münchner Wahrzeichen für die
Olympiade 1972 und ist noch heute ein Symbol des Münchner Oktoberfestes.1
Doch bei genauerer Betrachtung des Denkmals, der mit deutschen Attributen geschmückten Bavaria
und der im klassizistischen Stil errichteten Ruhmeshalle, wird deutlich, dass diese beiden
Denkmalselemente unterschiedlicher fast nicht sein können. Es grenzt nahezu an einen Stilbruch
und ist das Ergebnis zweier sehr verschiedener Künstler: dem Klassizisten Leo von Klenze und dem
Romantiker Ludwig von Schwanthaler. In dieser Hausarbeit soll demnach der Frage nachgegangen
werden, wie es zur Germanisierung der Bavaria kam, war sie doch ursprünglich als griechische
Amazone in Anlehnung an die antike Ruhmeshalle gedacht. Dabei sollen auch die
Entstehungsgeschichte der Ruhmeshalle und die verschiedenen Entwürfe der Bavaria beleuchtet
werden, um anhand dieser Rückschlüsse auf die Entwicklung des Denkmals zu ziehen.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung:
1 Vorgeschichte
2 Der Weg zur Ruhmeshalle
2.1 1833 - Der Wettbewerb
2.2 Der Architektenstreit
3 Die Bavaria
3.1 Die Entwürfe Leo von Klenzes:
3.2 Schwanthalers Bavaria
3.3 Attribute der nationalen Allegorie
3.4 Die Fertigstellung und Einweihung der Bavaria
4 Schlussbetrachtung
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Entstehungsgeschichte der Ruhmeshalle und der Bavaria in München unter König Ludwig I. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, wie es durch den Einfluss verschiedener künstlerischer Strömungen und politischer Ereignisse, wie der Rheinkrise, zu einer Germanisierung der ursprünglich als antike Amazone konzipierten Bavariastatue kam.
- Kulturelle und politische Bedeutung von Nationaldenkmälern im 19. Jahrhundert
- Architektonische Auseinandersetzungen zwischen Klassizismus und Romantik
- Die ikonographische Entwicklung und Symbolik der Bavaria
- Einfluss der Persönlichkeit Ludwigs I. auf die bayerische Kunstpolitik
Auszug aus dem Buch
3 Die Bavaria
Der Ursprung von Klenzes Bavariastatue ist in den Amazonendarstellungen der Perikleischen Zeit zu finden. Direktes Vorbild stellte zudem Rauchs Bavaria am Max-Joseph Monument, die 1829 vollendet wurde, dar. Klenze übernahm von diesem Modell annähernd die Haltung, besonders aber die Gewandung der Statue als Amazone. Die Figur krönt mit ihrer rechten Hand eine mehrköpfige Herme, deren vier Gesichter die Herrscher- und Kriegstugenden, die Künste und die Wissenschaft symbolisieren sollen. Weiteres Beiwerk waren ein Löwe und der Siegeskranz, den die Bavaria mit ausgestrecktem linken Arm auf Hüfthöhe hält und symbolisch den in der Ruhmeshalle geehrten Persönlichkeiten spendet. Schon in dieser frühen Phase tritt das Darreichen des Kranzes als Hauptmotiv auf, später sollte es bei Schwanthaler eine entscheidende Rolle spielen. Die im Hintergrund erscheinende klassizistische Architektur der Ruhmeshalle fügte sich stilistisch in harmonischer Art und Weise der antikisierenden Statue an.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in das Thema der Nationaldenkmäler unter Ludwig I. und die Fragestellung zur stilistischen Entwicklung der Bavaria.
1 Vorgeschichte: Beschreibung der kunstpolitischen Ambitionen Ludwigs I. und der Entwicklung Münchens zur Residenzstadt.
2 Der Weg zur Ruhmeshalle: Erläuterung der Planungsphase, des Architektenwettbewerbs und des Konflikts zwischen klassizistischen und romantischen Vorstellungen.
3 Die Bavaria: Detaillierte Analyse der Entwürfe, der künstlerischen Ausarbeitung durch Schwanthaler und der symbolischen Bedeutung der Attribute.
4 Schlussbetrachtung: Fazit zur Bedeutung der Bavaria als national-deutsches Staatssymbol und Reflexion über die Persönlichkeit Ludwigs I. im Kontext der damaligen Zeit.
Schlüsselwörter
Ruhmeshalle, Bavaria, König Ludwig I., Klassizismus, Romantik, Leo von Klenze, Ludwig von Schwanthaler, Nationaldenkmal, Germanisierung, Rheinkrise, Architektur, Skulptur, Patriotismus, Bayern, Denkmalskult
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Entstehung des monumentalen Denkmalkomplexes der Ruhmeshalle mit der Bavaria in München im 19. Jahrhundert.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind die bayerische Kunstpolitik unter Ludwig I., der architektonische Diskurs zwischen Klassizismus und Romantik sowie die Ikonographie nationaler Symbole.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, den Wandlungsprozess der Bavaria von einer ursprünglich griechisch inspirierten Amazone hin zu einem romantisch-deutschen Staatssymbol nachzuvollziehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Es handelt sich um eine historische Analyse, die sich auf Kunstgeschichte, zeitgenössische Quellen und die Entwurfsgeschichte stützt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit primär behandelt?
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit dem Wettbewerb zur Ruhmeshalle, den Entwürfen von Klenze und Schwanthaler sowie der symbolischen Bedeutung der verschiedenen Attribute der Bavaria.
Welche Schlüsselbegriffe prägen die Arbeit?
Prägende Begriffe sind unter anderem Nationaldenkmal, Klassizismus, Romantik, Bavaria, Ruhmeshalle und die Germanisierung von Kunstmotiven.
Welchen Einfluss hatte die „Rheinkrise“ auf die Gestaltung der Bavaria?
Die Arbeit führt aus, dass die verstärkte Germanisierung der Statue parallel zur Rheinkrise verlief und vermutlich dazu beitrug, die Statue wehrhafter und stärker national-deutsch auszurichten.
Warum wird die Bavaria heute als das eigentliche Denkmal wahrgenommen?
Die Autorin stellt fest, dass die Bavaria durch ihre monumentale Präsenz und die Verschiebung ihres Standorts in der Wahrnehmung der Betrachter das eigentliche Zentrum bildet, während die Ruhmeshalle architektonisch eher als Hintergrund fungiert.
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- Kathleen Oehmichen (Author), 2007, Die Verwirklichung einer kolossalen Idee - Bavaria und Ruhmeshalle, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/117648