Hauptanliegen dieser Hauptseminararbeit ist es aufzudecken wie, wann und warum "Die linkshändige Frau" filmisch erzählt wird und dass das zugrunde liegende Prinzip weit über eine cineastische Darstellungsweise zum Selbstzweck hinausgeht - unterschiedlichste Aspekte werden in Peter Handkes Text als Teile einer neuen Weltanschauung aufeinander bezogen. In einem ersten Teil der Analyse werden daher Handkes filmische und literarische Mittel und Textstrukturprinzipien aufgezeigt, während ein zweiter Teil diese als integrative Übersetzungsprozesse darstellt (und damit dem ersten gegenüber). Ein dritter und abschließender Teil behandelt, dass mittels der bis dahin aufgezeigten Aspekte Metaebenen in "Die linkshändige Frau" eingewebt werden und zeigt auf, wie sie den Gedanken des integrativen Prozesses zu einer Weltanschauung erweitern.
Inhaltsverzeichnis
I. Im Lauf der Zeit – von den Anfängen bis 1976
II. Das filmisch antiliterarische Strukturprinzip
II.1 Filmisches Erzählen
II.2 Literarische Verweigerung
III. Die Filmliteratur als integrativer Übersetzungsprozess –
IV. Metaebenen gegen die Verdummung
IV.1 Motivanalyse – Sehen
IV.2 Motivanalyse – Übersetzen
V. Schlussbetrachtungen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Peter Handkes Erzählung "Die linkshändige Frau" hinsichtlich ihrer filmischen Erzählweise und der Verknüpfung von Wahrnehmung und Selbstfindung. Dabei wird analysiert, wie Handke durch eine bewusste Distanzierung und die "Übersetzung" alltäglicher Lebenssituationen neue Metaebenen erschafft, um eine Weltanschauung zu etablieren, die den Leser zur aktiven Auseinandersetzung zwingt.
- Filmische Strukturprinzipien in der Prosa
- Literarische Verweigerung als Stilmittel
- Die Funktion des "Sehens" als Erkenntnisprozess
- Übersetzungsprozesse als Mittel der Selbstfindung
- Die Erschaffung einer neuen Weltanschauung bei Handke
Auszug aus dem Buch
II.1 Filmisches Erzählen
Zunächst einmal ist ein Film kein Buch und ein Buch kein Film. So banal und offensichtlich das klingt und vielleicht auch ist, so wird diese Aussage dennoch die Grundlage sein, auf der ich mich hier Handkes Text nähern möchte. Warum wir den Gegensatz Buch-Film so einfach bejahen können, ist zu allererst der unterschiedlichen Rezeptionsweise geschuldet – sehen und hören versus lesen. Wie kommt man also überhaupt dazu, Handkes Erzählweise als filmisch zu bezeichnen? Ich möchte dafür den Blick direkt auf einen Textabschnitt werfen:
An einem Winterspätnachmittag saß sie [die Frau] in dem gelben Licht, das von außen kam, am Fenster des ausgedehnten Wohnraums an einer elektrischen Nähmaschine, daneben ihr [...] Sohn, der einen Schulaufsatz schrieb. Die eine Längsseite des Raums war eine einzige Glasfront vor einer grasbewachsenen Terrasse mit einem weggeworfenen Christbaum und der fensterlosen Mauer des Nachbarhauses. Das Kind saß an einem braungebeizten Tisch über das Schulheft gebeugt und schrieb mit der Füllfeder, wobei seine Zunge zwischen den Lippen hervorleckte. Manchmal hielt es inne, schaute zur Fensterfront hinaus und schrieb dann eifrig weiter; oder es blickte zur Mutter hin, die, obwohl abgewendet, es merkte und zurückblickte.
Streng aus distanzierter Perspektive beschreibt der Erzähler wie ein Protokollant die Situation. Gut vorstellbar ist die Szene als Filmsequenz, da die bedeutenden, bildimmanenten Elemente der Filmtechnik deutlich hervorgehoben sind:
- die Kamera (sie ist lokalisierbar und ihre perspektivische Sicht verdeutlicht: von der dem Fenster gegenüberliegenden Wand aus sehen wir in den Raum und in diesem die beiden Akteure sitzen, hinter denen wir durch das Fenster die Umgebung erblicken),
- das Licht (es wird nicht nur im Farbwert: gelb, sondern auch die Lichtführung beschrieben: „von außen kommend“),
- der Ton (die Szene wirkt leise, ruhig, wenn nicht sogar geräuschlos, da in ihr stark auditive Elemente vorkommen – leicht vorstellbare und typisierte Geräusche wie das Rattern einer Nähmaschine und das Kratzen eines Füllfederhalters –, deren Wertigkeit und Klang jedoch nicht definiert werden; wir wissen nicht einmal, ob die Frau nur vor der Nähmaschine sitzt, oder sie auch betätigt),
- der Schnitt (filmähnliche Schnitte sind an anderen Stellen des Buches besser erkennbar, s.u.).
Zusammenfassung der Kapitel
I. Im Lauf der Zeit – von den Anfängen bis 1976: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über Handkes künstlerische Entwicklung als Autor und Drehbuchautor bis zur Veröffentlichung von "Die linkshändige Frau".
II. Das filmisch antiliterarische Strukturprinzip: Hier wird analysiert, wie Handke filmische Techniken und eine demonstrative literarische Verweigerung nutzt, um den Leser auf Distanz zu halten.
III. Die Filmliteratur als integrativer Übersetzungsprozess –: Dieses Kapitel erläutert, wie Handke die Grenze zwischen literarischer Beschreibung und filmischer Wahrnehmung überschreitet, um eine integrative Wirkung zu erzielen.
IV. Metaebenen gegen die Verdummung: In diesem Abschnitt werden das "Sehen" und das "Übersetzen" als zentrale Motive identifiziert, die den Entwicklungsprozess der Protagonistin zur Selbstfindung vorantreiben.
V. Schlussbetrachtungen: Die Arbeit resümiert, dass Handke keine einfachen Lösungen anbietet, sondern eine Weltanschauung entwirft, die als fortlaufender, vom Leser zu vollziehender Übersetzungsprozess verstanden werden muss.
Schlüsselwörter
Peter Handke, Die linkshändige Frau, filmisches Erzählen, literarische Verweigerung, Motiv Sehen, Übersetzungsprozess, Selbstfindung, Sprachskepsis, Metaebenen, Weltanschauung, Neue deutsche Film, Ästhetik der Distanz, Bildsprache, Wahrnehmung, Literatur und Film.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Erzähltechnik in Peter Handkes Werk "Die linkshändige Frau" und analysiert, wie das Werk filmische Elemente und literarische Mittel verschränkt, um einen besonderen Wahrnehmungsprozess beim Leser auszulösen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Schwerpunkte liegen auf der Schnittstelle zwischen Literatur und Film, der Analyse von Wahrnehmungsmustern (Sehen) sowie der Bedeutung von "Übersetzung" im Sinne einer persönlichen Entwicklung und Selbstfindung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie Handke durch die Verwendung distanzierender Erzählweisen und der Transformation von Wahrnehmung in "Übersetzungen" eine neue Weltanschauung erarbeitet, die den Leser zur Eigenaktivität auffordert.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Die Autorin verwendet eine textnahe Analyse und Motivanalyse, ergänzt durch einen komparativen Blick auf das Verhältnis von Literatur und filmischer Darstellungsweise.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des filmischen Strukturprinzips, die literarische Verweigerung sowie eine detaillierte Metaebenen-Analyse zu den Motiven des Sehens und des Übersetzens.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Handke, Filmisches Erzählen, Wahrnehmung, Übersetzung, Selbstfindung und Distanzierung.
Wie spielt das "Sehen" eine Rolle für die Protagonistin?
Das Sehen fungiert als Indikator für den Bewusstseinszustand der Frau; es entwickelt sich von einer passiven, unreflektierten Aufnahme hin zu einem erkenntnisreichen, aktiv gestaltenden Vorgang, der mit der Selbstfindung korreliert.
Warum wird das "Übersetzen" nicht nur auf Sprachen bezogen?
In der Arbeit wird "Übersetzen" als ein übergeordneter Prozess interpretiert, der auch Lebenssituationen, das Verhältnis von Innen- und Außenwelt und die eigene Identität umfasst, die vom Individuum jeweils neu erschlossen werden müssen.
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- Carolina Franzen (Author), 2008, Peter Handkes "Die linkshändige Frau" - Über filmisches Erzählen und die Erfindung einer Weltanschauung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/117652