Im deutschen Volksmund geht man von einer „Person, die an einer körperlichen oder seelischen Beeinträchtigung leidet“ (Büntig 1996, 152) aus, womit medizinische oder gesellschaftliche Normen nicht erfüllt werden können. Medizinische Normen meinen körperliche oder seelische Gegebenheiten, die ein Mensch im Vergleich zu anderen zu wenig oder zu viel hat. Daraus ergibt sich oft die Tatsache, dass man nicht wie alle anderen am alltäglichen Geschehen teilhaben kann.
Jedoch werden bestimmte Formen von Behinderung dazu benutzt, „andere Personen zu kritisieren oder herabzusetzen“ (Metzler, H. / Wacker, E. 2005, 118). Blindheit wird äquivalent mit Blödheit gesehen, genauso Taubheit. Auch lässt sich der Trend beobachten, andere Menschen als behindert zu bezeichnen, wenn sie nicht so reagieren, wie man selbst es gern gehabt hätte.
Folglich kann schon nach kurzer Erläuterung behauptet werden, dass Behinderung kein einheitlich und klar definierter Begriff ist, sondern viele Fachrichtungen oder Personengruppen ihn sich mit einem jeweils völlig anderen Sinn eigen machen. Im Kontext zur Thematik ist der Bezug auf den medizinischen Aspekt von Behinderung gerichtet.
Inhaltsverzeichnis
Kapitel 1: Einleitung
1.1 Definition von Behinderung
1.2 Mittelalter
Kapitel 2: Einrichtungen dieser Zeit
2.1 Historische Begrifflichkeit von Behinderung
2.2 Einrichtungen
Kapitel 3: Religiöser Fanatismus – Die Strafe Gottes trifft auf „caritas“
3.1 Die“ Strafe“ Gottes
3.2 „caritas“ – Das Almosenwesen
3.3 Religiöser Widerspruch
Kapitel 4: Status in Gesellschaft und Familie
4.1 Familie
4.2 Gesellschaft
4.3 Status in der Welt des Mittelalters
Kapitel 5: Fazit und Schlussfolgerungen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die gesellschaftliche Stellung behinderter Menschen im europäischen Mittelalter und analysiert, wie religiöse Deutungsmuster, das herrschende Ständesystem und mangelnde medizinische Kenntnisse den Status dieser Personengruppe prägten.
- Historische Wahrnehmung und Definition von Behinderung im Mittelalter
- Die Rolle der christlichen Kirche und das Prinzip der „caritas“
- Strukturen der Armen- und Krankenfürsorge in mittelalterlichen Einrichtungen
- Einfluss der Familienstruktur und des Feudalsystems auf das Leben behinderter Menschen
- Kriegsinvalide als Sonderfall innerhalb der mittelalterlichen Gesellschaft
Auszug aus dem Buch
3.1 Die“ Strafe“ Gottes
Stellung und Status einer Bevölkerungsgruppe innerhalb einer Gesellschaft beruht immer auf dem jeweils vorherrschenden Menschenbild. Im Mittelalter setzte man auf ein religiöses Bild, bei welchem alles Positive von Gott kam und das Negative sich auf den Teufel oder auch Satan berief. Man setzte „Menschen mit Behinderungen Teufeln und Dämonen gleich. Behinderung wurde als Strafe Gottes angesehen“ (Theunissen/Ziemen 1996, 176ff).
Es herrschte die theodizide These vor, „Gott lässt uns leiden, um uns zu prüfen, damit wir uns im Glauben bewähren und reifen“ (Reiter 1996, 611). Die Thesen, dass Behinderung einerseits eine Prüfung und andererseits ein Dasein als Satan bedeuten, lassen folgern, dass Menschen nach getanem Lebenswerk im christlichen Glauben entweder an der Himmelspforte angelangen oder im Höllenschlund. Hat Gott dann die Hoffnung, dass dieser eine Mensch es dennoch nicht verdient hat, dort anzugelangen, kann er ihm eine zweite Chance ermöglichen. Bewährt er sich in dieser, ist er nicht auf Ewigkeiten verdammt.
Krankheit hat jedoch nach Reiter schon im Alten Testament den Anruch die Strafe Gottes für Sünden zu sein (1996, 612). Man wird aus der Gesellschaft und jeweiligen Kultur ausgesondert und ausgeschlossen. Jedoch wird im Neuen Testament der Zusammenhang von Sünde und Strafe ausgeschlossen, „Leid als Strafe für die Sünde“ (Reiter 2001, 612) ist daher keine allgemein anerkannte Erläuterung.
Nichts desto trotz wurde diese Erklärung im Mittelalter als Richtig akzeptiert und als Drohung der Kirchenmänner ausgesprochen, ihre Schäflein sollten nicht auf Abwege geraten und wurden daher eingeschüchtert, um sie vor schlimmerem zu bewahren. Behinderung wurde daher sehr wohl als Prüfung Gottes bzw. auch als Strafe für zuvorige Sünden angesehen, als einfacher Arbeiter war man nicht des Lesens der in Latein verfassten christlichen Werke mächtig und suchte daher auch keinen Widerstand. Man nahm solche Lehren hin.
Zusammenfassung der Kapitel
Kapitel 1: Einleitung: Dieses Kapitel definiert den Begriff der Behinderung aus heutiger Sicht und grenzt den zeitlichen Rahmen des Mittelalters anhand historischer Ereignisse ein.
Kapitel 2: Einrichtungen dieser Zeit: Es wird die historische Begrifflichkeit von Behinderung im Mittelalter beleuchtet und die Entstehung von Fürsorgeeinrichtungen wie Hospitälern und Armenhäusern dargelegt.
Kapitel 3: Religiöser Fanatismus – Die Strafe Gottes trifft auf „caritas“: Das Kapitel analysiert den religiösen Widerspruch, in dem Behinderte einerseits als Strafe Gottes oder Dämonen angesehen, andererseits als notwendiges Objekt für die christliche Nächstenliebe benötigt wurden.
Kapitel 4: Status in Gesellschaft und Familie: Dieser Abschnitt untersucht den Einfluss finanzieller Mittel auf die Pflege innerhalb der Familie sowie die Ausgrenzung behinderter Menschen aus dem öffentlichen Leben des Feudalsystems.
Kapitel 5: Fazit und Schlussfolgerungen: Die Arbeit fasst zusammen, dass behinderte Menschen im Mittelalter am untersten Rand der Gesellschaft standen und ihre Stellung maßgeblich von einer Mischung aus religiöser Verpflichtung und gesellschaftlicher Ablehnung bestimmt war.
Schlüsselwörter
Mittelalter, Behinderung, Caritas, Almosenwesen, Religion, Feudalsystem, Fürsorge, Nächstenliebe, Armenhäuser, Ständegesellschaft, Ausgrenzung, Historische Anthropologie, Medizin, Kirche, Kriegsinvalide
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit untersucht die Lebensbedingungen und den sozialen Status von Menschen mit Behinderung während des Mittelalters in Europa.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Im Zentrum stehen die religiöse Deutung von körperlicher und geistiger Beeinträchtigung, die Rolle der Kirche bei der Fürsorge sowie die strukturelle Ausgrenzung innerhalb der damaligen Gesellschaft.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die historisch-christliche Stellung von Behinderten im Mittelalter aufzuarbeiten und die widersprüchliche Wahrnehmung zwischen Ablehnung und barmherziger Nächstenliebe zu analysieren.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Arbeit?
Es handelt sich um eine historische Literaturanalyse, die Fachliteratur zu Sozialgeschichte, Theologie und der Geschichte des Behindertenwesens auswertet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil beleuchtet die Definition von Behinderung, das mittelalterliche Fürsorgewesen, die religiöse Stigmatisierung („Strafe Gottes“) und die sozioökonomischen Bedingungen innerhalb der Familie und des Ständesystems.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Mittelalter, Caritas, Almosenwesen, Feudalsystem, Ausgrenzung und christliche Nächstenliebe.
Wie unterschieden sich die Rollen innerhalb der Gesellschaft je nach Behinderungsart?
Während geistig behinderte Menschen oft massiv stigmatisiert wurden, genossen Kriegsinvalide eine Sonderstellung, da sie als „Dienstleister“ der Gesellschaft respektiert und eher versorgt wurden.
Inwiefern beeinflusste die christliche Lehre die Wahrnehmung Behinderter?
Die Lehre war zwiespältig: Behinderung wurde einerseits als göttliche Strafe oder dämonisches Zeichen interpretiert, andererseits bot sie den Gläubigen eine Gelegenheit zur „caritas“, um durch Almosen ihr eigenes Seelenheil zu sichern.
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- Lena Kölblin (Author), 2008, Die Stellung behinderter Menschen im mittelalterlichen Europa, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/117673